Das Nadelöhr von Hal Clement

Buchvorstellungund Rezension

Das Nadelöhr von Hal Clement

Originalausgabe erschienen 1978unter dem Titel „Through the Eye of a Needle“,deutsche Ausgabe erstmals 1978, 236 Seiten.ISBN 3-453-30930-8.Übersetzung ins Deutsche von Hans Maeter.

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In Kürze:

Er ist ein Alien, und er ist ein Jäger. Sein Körper besteht aus einem vier Pfund schweren Gallertklumpen aus einer äußerst feinstrukturierten Substanz, die in jede andere Materie eindringen und mit dieser eine Symbiose eingehen kann. Seit über sieben Jahren lebt der Jäger auf der Erde im Körper des 22jährigen Bob. Die ganze Zeit über hat er seinen »Gastgeber« vor Infektionen bewahrt und seine Verletzungen geheilt. Trotzdem wird Bobs Körper von Tag zu Tag schwächer; der Jäger ist machtlos. Er weiß nur einen Ausweg: Spezialisten seiner Spezies müssen Bob behandeln. Nach der College-Ausbildung in den USA kehren Bob und der Jäger auf Bobs Heimatinsel im Pazifik zurück. Sie beginnen nach dem gesunkenen Raumschiff des Verbrechers zu suchen, auf dessen Spur der Jäger einst auf die Erde gekommen war. Vielleicht könnte der Jäger über das Wrack Kontakt mit seinen Leuten aufnehmen. Doch Bob und seinen Freunden passieren die merkwürdigsten Unfälle. Befindet sich ein Forschungsteam der Jäger-Spezies schon auf der Erde? Oder hat der Verbrecher überlebt und treibt weiter sein Unwesen?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Zwei ungleiche Freunde auf neuer Inseljagd“80

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

1948 bekam der halbwüchsige Robert Kinnaird überraschenden Besuch. Der „Jäger“, ein außerirdischer Polizist, verfolgte einen Verbrecher aus seinem Volk. Beide mussten sie auf der Erde und nahe der kleinen Tahiti-Insel Ell notlanden. Der Jäger, ein vier Pfund leichter, giftgrüner, hochintelligenter Gallert-Klumpen, schlüpfte in Roberts Körper. Er wurde ein Freund und schützte seinen Wirt vor Krankheiten und Verletzungen. Gemeinsam verfolgte das ungleiche Duo den Verbrecher, der nach langer Jagd gestellt und ausgeschaltet werden konnte. Dafür zahlte der Jäger einen hohen Preis: Weil sein Raumschiff durch die Notlandung irreparabel beschädigt wurde, blieb er ein Gestrandeter.

1956 kehrt Bob auf die Insel Ell zurück. Weiterhin bewohnt der Jäger seinen Körper. Seit einiger Zeit leidet Bob unter ernsten körperlichen Ausfallerscheinungen, die der Jäger nicht unter Kontrolle bringen kann. Hat er seinen Wirt womöglich unwissentlich mit einer Krankheit aus dem All infiziert? Nur ein Arzt aus dem Volk des Jägers könnte es wissen. Eigentlich müssten seine Polizei-Kollegen längst nach ihm fahnden. Sie halten sich womöglich schon auf der Erde auf und haben das zertrümmerte Schiff des Jägers geortet. Alternativ könnte man nach dem havarierten Schiff des Verbrechers forschen, das vielleicht noch einen funktionstüchtigen Sender beherbergt.

Geplant, getan: Die ungleichen Freunde machen sich auf die Suche. Verbündete gibt es auch: Bobs Familie hat den Jäger längst kennengelernt. Der freundliche Inseldoktor ist ebenfalls im Bilde, und seine Tochter Jenny weiß auch bald Bescheid und hilft Bob, dessen Zustand sich rasant verschlechtert. Darüber hinaus stoßen ihm und seinen Gefährten merkwürdige ´Unfälle´ zu, die den Verdacht aufkommen lassen, dass der Verbrecher seinen Tod nur vorgetäuscht hat und immer noch aktiv ist …

Wie setzt man einen Klassiker fort?

Wiedersehen macht Freude? Eine Selbstverständlichkeit ist das beileibe nicht, und gerade in der Science Fiction hat der (kritische) Leser es längst satt, von allzu ökonomisch arbeitenden (oder schlicht faulen) Autoren endlos ausgewalzte Fortsetzungen vorgesetzt zu bekommen. „Das Nadelöhr“ ist indes eine angenehme Ausnahme und Abwechslung. Hal Clement ließ sich fast drei Jahrzehnte Zeit, bevor er an seinen genialen Erstling „Needle“ (dt. „Die Nadelsuche“) von 1949/50 anknüpfte. So kann man davon ausgehen, dass ihn nicht nur Geschäftstüchtigkeit, sondern eine richtige Idee erneut an den Schreibtisch bzw. auf die Insel Ell führte.

Obwohl, jedoch, allerdings …Dem puristischen Kritiker muss zugestanden werden, dass „Nadelöhr“ eher als Remake denn als Fortsetzung der „Nadelsuche“ gewertet werden kann. Im ersten Teil spürt der Jäger einem Verbrecher nach, in der Fortsetzung sucht er seine Retter. Ansonsten ist alles beim alten geblieben. Dem tropischen Klima angemessen, mäandert die Geschichte gemächlich über die kleine Insel und ihre von der Natur und der Weltwirtschaft verwöhnte Bevölkerung.

Altmodisch weil modern?

Auf Ell hat ein gütiger Großkonzern eine Art Paradies auf Erden errichtet, das seinen Bewohnern Vollbeschäftigung, Gratisbildung und Lebenshilfe garantiert. Ihnen bleibt daher viel Zeit, einen schiffbrüchigen ET zurück nach Hause zu befördern. Vielleicht hat die Realität die Fiktion in diesem Punkt inzwischen allzu gründlich überholt und ad absurdum geführt: „Nadelöhr“ wirkt jedenfalls dort besonders blass, wo Clement meint, den Insel-Alltag in die Handlung integrieren zu müssen.

Ell wirkt wie eine Kulisse, d. h. ist sehr künstlich als kapitalistisches Utopia, das dem Leser, der es heute gewöhnt ist, dass der Staat Krieg gegen die eigenen, zum lästigen Kostenfaktor degradierten Bürger führt, womöglich allzu fremd erscheint. Außerdem irritiert, dass es keinen echten Grund gibt, diese Geschichte unbedingt 1956 spielen zu lassen. Historische Ereignisse wie der Koreakrieg werden hier und da erwähnt, aber sie spielen nie wirklich eine Rolle. „Das Nadelöhr“ könnte auch 1978 oder in der echten Gegenwart spielen. Clement hatte anscheinend nur im Hinterkopf, einen nicht gar zu alt gewordenen Bob ein neues Abenteuer erleben zu lassen, aber er erschuf dabei gleichzeitig eine Welt, die von der Zeit vergessen worden zu sein scheint.

Die Jagd beginnt – mit Hindernissen

Der eigentliche Spaß kommt auf, sobald der Jäger mit seinen menschlichen Gefährten interagiert. Clement hat der Versuchung widerstanden, seine Geschichte auf „Star- Wars“-Niveau herunter zu brechen, was angesichts des Entstehungsjahres durchaus nahe gelegen hätte. Auf Ell gibt es keine Verfolgungsjagden mit Lasergeballer. Kontakt-Versuche mit Köpfchen, viele Rückschläge und Irrtümer bestimmen stattdessen angenehm die Szene.

Klischees vermeidet Clement sorgfältig. Selbst das eigentlich obligatorische Techtelmechtel zwischen Jung-Bob und des Doktors hübschem Töchterlein bleibt aus. So ist es auch besser, da dem Verfasser die Schöpfung fremder Wesen besser gelingt als die glaubhafte Schilderung zwischenmenschlicher Beziehungen. Aus der Not weiß Clement aber eine Tugend zu machen; der Jäger kann als Alien durch die sachliche, leicht distanzierte Charakterisierung glaubwürdig Gestalt annehmen.

Weniger gut gelingt Clement dagegen die Figur des neugierigen Insulaners André, dessen Versuche, den außerirdischen Besucher aus der Reserve zu locken, gelinde gesagt kriminell ausfallen und im Widerspruch zum friedlichen Grundtenor der Handlung stehen – ein Widerspruch, den der Verfasser nie auflösen kann, wie denn Andrés Übeltaten ganz offensichtlich nur dazu dienen, den Leser auf eine falsche Fährte zu locken: Auch „Das Nadelöhr“ wird als „Science Fiction-Kriminalgeschichte“ vermarktet, was bei objektiver Betrachtung ziemlicher Blödsinn ist.

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen bzw. der Versuch, durch ihr Öhr zu den sehnlich erwarteten Artgenossen des Jägers zu gelangen, ist spannend genug, wie Clement sie schildert: als bis ins Detail ausgefeilte, schon 1978 liebenswert anachronistische, aber dieses Mal im positiven Sinne zeitlose Geschichte einer Rettung. Vom Jäger, von Bob und ihren alten und neuen Freunden würde man gern wieder Neues hören. Mit dem wohl bewusst offen gehaltenen Ende des „Nadelöhrs“ behielt sich Clement diese Option vor. Selbst hat er sie bis zu seinem Tod im Jahre 2003 allerdings nicht mehr eingelöst.

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