Die Nadelsuche von Hal Clement

Buchvorstellungund Rezension

Die Nadelsuche von Hal Clement

Originalausgabe erschienen 1950unter dem Titel „Needle“,deutsche Ausgabe erstmals 1960, 270 Seiten.ISBN 3-453-30929-4.Übersetzung ins Deutsche von Hans Maeter.

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In Kürze:

In Kürze: Die Verfolgungsjagd zweier Aliens durch den Weltraum endet auf der Erde. Ihre Raumschiffe stürzen vor der Küste einer Pazifikinsel ins Meer. Die beiden Piloten können sich retten. Doch die anpassung an völlig unbekannte Lebensbedingungen wirft gewaltige Probleme auf. Schließlich handelt es sich bei den Aliens um vier Pfund schwere Gallertkumpen aus einer äußerst feinstrukturierten Substanz, die in jede andere Materie eindringen kann. Auf den ihnen bekannten Welten existieren diese Kreaturen meist in Symbiose mit anderen Lebewesen. Bei dieser Symbiose gilt als oberstes Gebot, dem „Gastgeber“ nicht zu schaden. Und genau dieses Gebot hat der verfolgte Alien übertreten; deshalb muss er ausgeschaltet werden. Sein Jäger geht mit dem 15jährigen Bob eine Symbiose ein und lernt durch Bobs Augen und Ohren die Erde kennen. Er braucht jedoch Bobs Hilfe, um seinen Auftrag ausführen zu können, und gibt dem Jungen seine Anwesenheit zu erkennen. Nach dem ersten Schock ist Bob bereit, mit dem Jäger zusammenzuarbeiten. Wie aber sollen sie den Verbrecher finden, der jede beliebige Gestalt annehmen kann? Es ist wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Spannende Geschichte einer bemerkenswerten Freundschaft“95

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Durch die halbe Galaxis ist der außerirdische Jäger seinem kriminellen Artgenossen gefolgt. Als er ihn endlich stellt, wird er ausgetrickst. Beide Raumschiffe müssen auf einem kleinen blauen Planeten notlanden, der zu zwei Dritteln aus Wasser besteht. Die Fremden überleben unbeschadet, denn sie sind Meister der Anpassung: vier Pfund intelligente, gallegrüne Gallerte. Doch so sieht man sie selten, denn die Angehörigen dieser seltsamen Spezies sind Symbionten. Sie suchen sich Wirtskörper, denen sie die Gastfreundschaft mit der Abwehr fast sämtlicher Krankheitserreger und einer fast unheimlichen Zunahme der Heilungskraft danken. Außerdem teilen sie ihr auf vielen Welten erworbenes Wissen mit dem Wirt, denn dies ist ihr oberstes Gebot: „Tue nichts, was deinem Gastgeber Schaden zufügen könnte!“

Der Verbrecher ist mehr Parasit als Symbiont, und dafür sollte er büßen. Stattdessen ist er jetzt buchstäblich untergetaucht. Wie soll ihn der Jäger auf diesem dicht bevölkerten Planeten finden, den seine warmblütigen Bewohner, die „Menschen“, als „Erde“ bezeichnen? Aber er ist Polizist mit Leib und Seele. Unverdrossen macht er sich daran, die neue Welt zu erkunden und sucht sich einen Verbündeten. Der 14-jährige Robert Kinnaird macht seine unglaubliche Bekanntschaft. Auf der kleinen Südseeinsel Ell hat sich der Jäger zunächst unbemerkt in seinem Körper eingenistet. Die Kontaktaufnahme zieht sich über Monate hin. Als Bob seinen Schrecken überwunden und seinen ´Gast´ akzeptiert hat, ist die Spur des Verbrechers längst kalt.

Detektivischer Scharfsinn und Erfahrung lassen den Jäger zu dem Schluss kommen, dass sich auch der Verfolgte auf Ell verstecken muss. Doch hier leben über 160 Personen, die als Wirtskörper in Frage kommen. Welcher verbirgt den Verbrecher, das ist hier die Frage, in die sich die Sorge mischt, wie dieser seinen Vorsprung genutzt hat, sich auf den Jäger vorzubereiten. Welche Abwehrmaßnahmen der Schurke getroffen hat, müssen Bob und sein neuer Freund bald feststellen …

Lernen und Jagen

„Needle“, 1949 zunächst in Magazin-Fortsetzungen und ein Jahr später als Buch erschienen, ist einer der ganz großen und wohl ewigen Klassiker der Science Fiction. Dieser Status ist bekanntlich ein wandelbarer, d. h. so mancher einst hoch gerühmte Genre-Titel sorgt heute eher für ratloses Kopfschütteln und Langeweile. „Die Nadelsuche“ nicht, denn dieser Roman ist ungeachtet seines Alters so lebendig, so spannend, so glänzend geplottet und umgesetzt, dass er auch das nächste Jahrhundert unbeschadet überstehen wird.

Die einfachen Ideen sind in der Regel die besten. Dabei fällt kaum auf, dass sich Autor Clement diverser Tricks bedient, um sich für seinen Romanerstling nicht gar zu weit aus dem Fenster lehnen zu müssen. So spielt die Handlung (bis auf eine kurze Episode) an einem einzigen Ort: der kleinen Insel Ell (die ihren Namen übrigens erst in der Fortsetzung dieser Geschichte erhält), wo die Möglichkeiten der An- und Abreise beschränkt sind, die Kulisse überschaubar bleibt und damit auch von einem Schriftsteller-Novizen kontrolliert werden kann.

Schreiben und Bleiben

Der erfahrene Leser wird sicherlich sofort eines der kardinalen Probleme erkennen, das sich Clement selbst eingebrockt hat: Wieso sollte der ET-Finsterling eigentlich auf dieser Insel warten, bis ihn der Jäger dort wieder aufspürt? Nichts hält ihn hier. Aber würde der Verbrecher irgendwo auf unserem Globus untertauchen, wäre die Geschichte natürlich zu Ende, bevor sie eigentlich begonnen hätte. Also muss Clement den Verbrecher als Feigling brandmarken, der sich nicht traut, wirklich weit zu fliehen; irgendwie will das nicht so recht passen zu der liebevollen Mühe, die der Verfasser sich sonst gibt, der Handlung einen wissenschaftlichen und auch sonst logischen Unterbau zu zimmern.

Andererseits ist der Verbrecher – man lese und staune – in diesem Roman ohnehin von untergeordneter Bedeutung. Er tritt nur im Finale persönlich auf und wirkt dabei nicht gerade überzeugend. Im Vordergrund steht die Geschichte vom Jäger und Bob, die beide lange Zeit ohnehin nicht daran denken können, auf Schurkenjagd zu gehen. Der Jäger muss sich auf dem Planeten zurechtfinden, den er ohne jedes Hilfsmittel betreten hat, und der Mensch ist zunächst überfordert mit seiner Aufgabe als Wirtskörper eines außerirdischen Polizisten.

Verstehen und Akzeptieren

Aber das ungleiche Paar rauft sich zusammen. Wie es das schafft – und manchmal auch nicht -, liest sich spannender als jede konventionelle Verfolgungsjagd durchs All samt Blaster-Geballer. Der Jäger und Bob Kinnaird sind Figuren mit echten Persönlichkeiten. Clements Leistung beschränkt sich keineswegs darauf, einen überzeugenden ET ins Leben zu rufen! Schon das wäre respektabel, aber die „Nadelsuche“ bietet viel mehr: Bob Kinnaird ist als zweite Hauptperson und Träger der Handlung so unverzichtbar wie der Jäger; könnte er seine Rolle nicht spielen, wäre der Zauber dahin.

Clement gelingt das Kunststück, bei dem sein Schriftsteller-Kollege Robert A. Heinlein in seinen berühmten SF-Jugendromanen regelmäßig versagte: Bob ist kein profilloser Papierklon, auf den aus durchsichtigen pädagogischen Gründen Fleiß, Mut, Teamgeist oder andere angeblich Tugenden der Erwachsenenwelt projiziert werden, die dann nur Streber, Untertanen und Fachidioten hervorbringen. Bob ist ein Mensch – ein 14-jähriger Mensch, der das in seinem Denken und Handeln auch jederzeit bleibt.

Daraus ergeben sich ganz natürlich nicht nur gewisse Schwierigkeiten für den Jäger, der auf seinen oft sprunghaften und leicht abzulenkenden Wirt angewiesen ist, sondern auch neue Impulse für die Handlung, die unverhofft neue Richtungen einschlägt. Der Jäger ist nicht der überlegene, allwissende Besucher aus dem Kosmos; er irrt sich, aber er lässt sich gern eines Besseren belehren, und seinem Wirt ist er ein echter, das heißt gleichberechtigter Partner und bald Freund: auch das kein selbstverständliches Konzept der Science Fiction.

Studieren und probieren

Bis zu seinem Ruhestand arbeitete Hal Clement vierzig Jahre als Highschool-Lehrer. Dadurch kann er anders als Heinlein und die meisten anderen SF-Autoren auf echte Erfahrungen im Umgang mit jungen Menschen zurückgreifen, was sich sichtlich positiv niederschlägt. Als Naturwissenschaftler investierte Clement darüber hinaus viel Mühe in Recherche und Planungsaufwand. Die Ergebnisse ließ er in seine Werke einfließen. Selbst ferne Welten sind bei ihm wissenschaftlich ´korrekt´; sie fußen auf existierenden Naturgesetzen.

Diese Zugehörigkeit zur „harten“ SF scheint auch und vor allem in den ersten Kapiteln der „Nadelsuche“ durch. Selten gelang es einem SF-Schriftsteller, so überzeugend durch die Augen eines Außerirdischen zu blicken. Der Spaß ist für die Leser ein doppelter (und er dürfte den Verfasser die vierfache Mühe gekostet haben): Wir wissen, was der Jäger (im übertragenen Sinne) stirnrunzelnd betrachtet, und verfolgen gespannt seine nicht selten durch kuriose Fehlschlüsse gekrönten Bemühungen, es mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen in Einklang zu bringen.

Meisterhaft gelingt Clement auch den schwierigen Prozess der Kontaktaufnahme zwischen Jäger und Wirt. Dies geschieht keineswegs wie so ärgerlich oft SF-typisch im Verlauf weniger Stunden und unter Benutzung einer obskuren ´Lernmaschine´, sondern zieht sich glaubhaft über Monate hin und wird ebenfalls von vielen Missverständnissen begleitet. Clement, der Schullehrer, weiß über das Wesen des Lernens sehr genau Bescheid. Wie bereitet man Wissen auf, um es vermitteln zu können? Dies ist unabhängig davon, ob man es nun mit Kindern oder mit Außerirdischen zu tun bekommt, keine leichte Aufgabe.

Vollenden und fortsetzen

Den unglaublich dichten ersten Kapiteln folgt ein zunächst ziellos wirkender Mittelteil, der allzu sehr dem idyllischen Kinderalltag auf einer tropischen Insel zu frönen scheint, bevor es zum spannenden Finale mit dem endlich gestellten Verbrecher kommt. Aber „Die Nadelsuche“ ist auch ein Kriminalroman: Clement will davon ablenken, dass er zahllose Hinweis auf den Verbleib des Schurken im Text versteckt. Liest man aufmerksam, weiß man ebenso früh wie der Jäger, wo dieser abgeblieben sein muss.

„Die Nadelsuche“ bietet rundum gelungenen Lektürespaß, der es längst verdient hätte, neu aufgelegt zu werden. Zudem geht die Geschichte weiter. Zwar ist das Ende ohnehin offen – der Jäger muss auf der Erde bleiben -, aber auf eine Fortsetzung angelegt hatte es Clement sicherlich nicht; er hätte sich sonst mit „Through the Eye of a Needle“ (dt. „Das Nadelöhr“) kaum dreißig Jahre Zeit gelassen! Der zweite Teil leidet erwartungsgemäß ein wenig darunter, dass die eigentliche Geschichte bereits erzählt ist und nun leicht variiert wieder aufgewärmt wird. Trotzdem hat sich Clement Mühe gegeben, sodass die Lektüre mehr bringt als die Freude darüber, dem nun erwachsenen Bob Kinnaird und seinem liebenswerten Gast noch einmal zu begegnen.

Ihre Meinung zu »Hal Clement: Die Nadelsuche«

candyman zu »Hal Clement: Die Nadelsuche«25.01.2011
Eine ausserirdische Lebensform stürzt mit ihrem Raumschiff auf die Erde, dicht gefolgt von einem zweiten Individuum. Es sind Kreaturen, die mit Vorliebe in enger Symbiose mit anderen Lebensformen existieren, und doch unterscheiden sich die beiden Aliens wesentlich voneinander. Der erste ist ein skrupelloser Verbrecher, der sich seine Wirte untertan macht und der zweite ist sein Jäger, der das Gesetz und die Moral auf seiner Seite hat.
Beide Raumschiffe stürzen im Umfeld einer Insel ins niedrige Wasser vor dem Riff. Ohne Technik und fremde Hilfe muss nun der Jäger die Suche nach seinem kriminellen Artgenossen aufnehmen, doch es gelingt ihm an Land zu gelangen und dort in den Körper des jungen Bob einzudringen. Es beginnt die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen, denn der Verbrecher könnte sich derweil in jeder anderen Lebensform auf der Insel oder im Meer befinden. Und da ist noch das Problem, wie sich der Jäger seinem minderjährigen Wirt zu erkennen geben soll. Wird dieser das Spiel des Jägers mitspielen und diesem auf seiner Suche nach dem Verbrecher behilflich sein?
Dieser abgesehen von den Beschreibungen der ausserirdischen Spezies absolut realistische Roman hat mich von der ersten Seite an sehr fasziniert. Man merkt, dass der Autor von Biologie und allgemein von Naturwissenschaft eine Ahnung hatte. Dieser Umstand fliesst ganz natürlich in den Text ein, so dass man sie nie belehrt fühlt und dennoch immer wieder staunt über die absolut natürliche "Symbiose" zwischen einem Alien (Fiktion) und einem Menschenjungen (Biologie). Die Handlung ist an sich eher spannunngsarm, da aber die Protagonisten sehr detailreich gezeichnet sind, ist nur schon die Inselwelt und ihre Bewohner spannend genug, um den Leser durch den Roman zu ziehen. In gewissen Teilen merkt man aber schon, dass die Geschichte in den Vierzigern entstanden war, beispielsweise ist das Gesellschaftsbild auf der Inseln klar aufgeteilt in "arbeitende" Männer und "haushaltende" Frauen. Und das, obwohl die Handlung in einer nicht so genau festgelegten Zukunft spielt.
Dennoch ist die Nadelsuche ein absolut eigensinniges Werk, das man nicht verpassen sollte. Etwas vom besten, das ich in letzter Zeit in der SF gelesen habe.
[Bewertung=90]
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