Quantum von Hannu Rajaniemi

Buchvorstellung

Quantum von Hannu Rajaniemi

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The Quantum Thief“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 448 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Irene Holicki.

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In Kürze:

Seine Verbrechen sind im ganzen Sonnensystem bekannt – der Meisterdieb Jean le Flambeur kann sich jedoch an keine seiner Taten erinnern. Was ist mit seinem Gedächtnis geschehen? In wessen Körper steckt er? Und warum rettet ihn die ätherische Kriegerin Mieli aus seiner erbarmungslosen Gefangenschaft? Ausgerechnet in der Stadt des Vergessens soll Jean Antworten finden. Dort wird menschliche Lebenszeit als Währung gehandelt, und Erinnerungen sind der kostbarste Besitz jedes Einwohners. Und weil auf keinem Planeten Verbrechen härter bestraft werden, muss der Meisterdieb ohne Gedächtnis auf dem Mars den brillantesten Coup aller Zeiten durchziehen …

Ihre Meinung zu »Hannu Rajaniemi: Quantum«

Falkenherz zu »Hannu Rajaniemi: Quantum«12.03.2015
Das ist eines der Bücher, die ich in einer namenlosen Bücherei greife, mäßig interessiert anblättere und dann sofort kaufe. Die wenigen gelesenen Zeilen zeigten es schon: Eindeutig ein "echter" SF, der die richtige Erzählweise hat, um ein so langweiliges Thema wie die Geschichte um einen Meisterdieb und dem alten-neuen Modethema, Quantentechnologie, spannend erzählen zu können, und ein eigenes, stimmiges Universum und halbwegs interessante Charaktere zu bieten hat. Ich gehe im Folgenden von meinen allgemeineren Eindrücken zu spezielleren, etwas willkürlich, denn das Buch bietet meiner Ansicht nach viele gleichwertig faszinierende Facetten.

Die Sprache ist "crazy techno babble" und reizt den Rätselinstinkt, nebenher die Funktion und Auswirkungen einer bestimmten Technologie zu erkunden, und das, obwohl der "techno babble" nur Nebensache ist und richtigerweise auf dessen Adaption durch die (noch-)menschliche Gesellschaft verweist. Ich weiss zum Beispiel zwar jetzt, was ein Gevulot macht, aber immer noch nicht, was ein Gevulot genau ist. An Rajaniemis Technologie fasziniert mich vor allem, dass ihre Möglichkeiten durch den Leser so wenig einschätzbar sind, sie die Grenze zur Surrealität streift, und dass wir eigentlich auch von Magie ausgehen könnten. Das sage ich als Lob, denn dies zeigt, dass er die Grenzen auslotet, für die das Genre geschaffen ist.

Nachdem ich es gelesen hatte, rechergierte ich die vornehmlich englischen Reviews. Die wenigen eher negativ geprägten betrachteten sich überwiegend durch "technobabble" zu angestrengt und hielten (was sich dann als logische Kehrseite präsentiert) Handlung und Charaktere für zu flach. Man muss in der Tat offen für rätselhafte Technologie sein. - Ein Review verglich mit Ursula K. Le Guin. Das ist in dieser Facette der Tat vergleichbar, denn auch sie lies den Leser vornehmlich durch die Handlung die fantastische Welt und deren Paradigmen erkunden. Mich haben beide Werke auf diese Weise hervorragend angesprochen. Und so wie das eine "echte" Fantasy ist, kann man Quantum als "echten" SF bezeichnen, der allerdings noch etwas das Laufen lernt:
Noch benutzt das Werk einen Krückstock, indem es verschiedene Themen anderer Werke adaptiert und kombiniert. Meine letzte Lektüre war Peter F. Hamiltons "Void"-Zyklus, was mich mich schnell auch in Quantum heimisch fühlen ließ. Quantum schlägt aber thematisch eine ganz andere Richtung ein, benutzt die Werkzeuge anders, intensiver und gesellschaftskritischer, so dass ich tatsächlich einen vollblütigeren SF hierin sehe, als in den näher an der Tradition der Space Opera stehenden Werke Hamiltons. Rajaniemi bringt - gern auch humorvoll - viele weitere Ideen älterer Werke ein und stellt sie in q-spannendem neuen Kontext dar; auch ein sehr interessanter Bestandteil dieses Buchs.

"Action" und Zwischenmenschliches stehen gleichwohl im Zentrum der Geschichte. Bei letzterem sind einige Stolperer zu verzeichnen (die Sexszene mit der Pellegrini war für mich z.B. völlig deplaziert, ein mißlungener Kontext zu dem Verhältnis eines Schwerenöters und einer Lesbe), aber auch spannende Ansätze zu sehen, die hauptsächlich aus einer angedeuteten reichen Vergangenheit schöpfen. Aber auch Nebenschauplätze hinterlassen tiefen Eindruck, denn stets deuten sie beiläufig und leicht eine tiefgehende Geschichte in der Geschichte an. Ich denke dabei zum Beispiel an den "Schweigervater" des Detektivs, der durch Formen von Skulpturen auf herzergreifende Weise spricht, oder an die Frau, die täglich eine Statue anlächelt, um den Gogols Hoffnung zu geben. Dies gibt dem Werk einen Tiefgang und großartigen Gesamtzusammenhang, der einen gern über manche Unverständlichkeiten der Primärhandlung hinweglesen lässt.

Was die Primärhandlung angeht, so empfinde ich für mich es als einen leichten strukturellen Widerspruch, wenn ein SF-Roman am Ende doch noch den ein oder anderen Überraschungskandidaten aus dem Hut zaubert und ebenso die fehlende Hälfte der Resolution auf den letzten 40 Seiten. Es sollte bei so sorgfältig angelegten Erzählsträngen alles eher wie von selber an seinen Platz fallen: Auch wenn man passend zum Meisterdieb auch einen Meisterdetektiv in die Handlung einbauen muss, diese in den meisten Krimis oder den diese Technik reanimierenden Harry Potter vorkommende Erzähltechnik wirkte für mich für einen "echten" SF dann doch leicht deplaziert. Letzteres ist aber nicht allzu übertrieben umgesetzt und daher wirklich eine Nebensache vor dem Hintergrund aller großartiger Ideen.

Alles im allem halte ich "Quantum" für äußerst lesenswert! Und so erwarte ich gern die folgenden Bände und wage die Hoffnung, neben all den spannenden Haupt und Nebenhandlungen auch die Andeutungen zu Fragen wie "was ist der Mensch?", "was ist Realität", "wie könnte diese imaginäre Technologie das Paradies auf Erden verwirklichen?" (wie das mit der Hölle geht, erfahren wir schon auf den ersten Seiten) vertieft zu sehen.
Daniela Hanisch zu »Hannu Rajaniemi: Quantum«16.07.2014
"Quantum" ist eindeutig ein Science-Fiction-Roman, der sich von der großen Masse der auf dem Markt erhältlichen Geschichten deutlich abhebt. Seine Welt hat Hannu Rajaniemi wohl durchdacht. Sie gab es schon bevor die Ereignisse einsetzen, besitzt eine Vergangenheit, die Auswirkungen hat, und eine Zukunft, die noch in den Sternen steht. Was die Technik anbelangt, sind hier Dinge möglich, die man sich vorstellen aber keineswegs nachvollziehen kann. Und in dieses Universum wird der Leser komplett unvorbereitet gestoßen, wird mit Begrifflichkeiten konfrontiert, die er nicht kennt, es werden Umstände angesprochen, von denen er nichts weiß, und er lernt, gemeinsam mit dem Meisterdieb, die Spielregeln des Mars kennen.

Wer auf leichte Lektüre oder eine verschrobene Diebesgeschichte hofft, die lediglich ein paar Jahrhunderte in der Zukunft spielt, wird enttäuscht sein. Diese Geschichte stellt Ansprüche an ihre Leser und stößt damit die Masse derjenigen, die kurzweilige Unterhaltung wünschen, vor den Kopf. Wer jedoch gewillt ist, sich von dem Buch gefangen zu nehmen und tief in die Geschichte eintaucht, profitiert von dieser bis ins kleinste Detail erschaffenen und durchdachten Welt. Es ist eine Abenteuergeschichte, eine Diebeserzählung, ein Roman über Politik, Pläne und die Möglichkeit, dass alles ganz anders enden kann. Es fällt schwer, einzelne Elemente zu fassen, da die zahlreichen Ereignisse fest miteinander verwoben sind und nur einige wenige daraus zu Ende erzählt werden.

Es ist ein mutiger Schritt des Autors, ohne Erklärung, Glossar oder ähnliches seine Welt zu präsentieren, doch dadurch erhält er die Möglichkeit, seine Geschichte ganz nach eigenen Regeln zu erzählen. Hier spürt der Leser wirklich einmal den Hauch einer neuen, weit entfernten, sehr zukünftigen Geschichte, die so vielleicht irgendwann möglich ist oder auch nicht. Ein Roman mit Anspruch an den Leser, doch es lohnt sich.
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