New York 1999 / Soylent Green von Harry Harrison

Buchvorstellungund Rezension

New York 1999 / Soylent Green von Harry Harrison

Originalausgabe erschienen 1966unter dem Titel „Make Room! Make Room!“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 300 Seiten.ISBN nicht vorhanden.Übersetzung ins Deutsche von Verena Hacker u. Michael K. Iwoleit.

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In Kürze:

Im New York des Jahres 1999 leben 35 Millionen Menschen zusammengepfercht unter Bedingungen, bei denen Tierschützer auf die Barrika- den gehen würden. Der Kriminalbeamte Andy Rusch lernt bei den Ermittlungen zu einem Mordfall die wunderschöne, verwöhnte Shirl kennen. Gerührt von seiner aufrichtigen Liebe verläßt sie die Welt der Superreichen und zieht zu ihm in seine winzige Wohnung, die er sich mit einem alten, kauzigen Mann teilt. Doch ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, als sich die Krise zuspitzt. Gleichzeitig erleben wir, wie der Chinesenjunge Billy um sein nacktes Überleben kämpft. Die Sojaburger, die er in einer der Unruhen erbeutet hat, bringen ihm viel Geld auf dem Schwarzmarkt und erkaufen ihm eine Stelle als Laufjunge. Sein erster Auftrag führt ihn direkt in die Enklave der Reichen und zu einem Mord.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Woher nehmen, wenn nichts mehr da ist?“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Kurz vor dem Millennium ist die Menschheit am Ende. Über Jahrhunderte hat man die Erde hemmungslos ausgebeutet und vergiftet und ihre Ressourcen verschleudert, während die Bevölkerung immer weiter zunahm. Nun ist das Maß mehr als voll. Weltweit herrschen Hunger und Hoffnungslosigkeit. Allein in New York City hausen 35 Mio. Menschen auf engstem Raum. Die Mehrheit ist von den kärglichen Nahrungs- und Wasserrationen abhängig, die ihnen zugeteilt werden. Arbeit und Lohn sind knapp.

Nur die Reichen und Mächtigen haben wie immer ihr Scherflein ins Trockene gebracht. Zu ihnen gehörte Michael O’Brien, ein Politiker und „Geschäftsmann“ mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Er fällt dem Einbrecher Billy Chung zum Opfer, als er ihn in seiner Wohnung ertappt – ein unglücklicher Zufall, doch O’Briens Spießgesellen werden unruhig: Will ein Konkurrent einen Revierkrieg anzetteln?

Man sorgt dafür, dass die überforderte Polizei sich diesem Fall mit Nachdruck widmet. Die Ermittlungen werden Andrew Rusch übertragen, der sich ihnen mit Nachdruck aber ohne Tempo widmet, nachdem sich die junge Shirl Greene, O’Briens ausgehaltene Geliebte, in ihn verliebt hat. Das Paar verbringt angenehme Tage in O’Briens Wohnung, bis diese geräumt werden muss. Shirl zieht zu Rusch, der wiederum sein Zimmer mit dem Überlebenskünstler Solomon Kahn teilt.

Billy Chung gelingt die Flucht in die Tiefen von New York. Normalerweise würde dies das Ende der Fahndung bedeuten, zumal aktuelle Versorgungsprobleme immer neue Unruhen ausbrechen lassen. Doch Rusch bleibt am Ball, obwohl auch er unter den Schwierigkeiten leidet. Während seine Arbeitszeiten ständig zunehmen, schrumpfen die Nahrungs- und Wasserrationen. Die Stimmung in der Stadt wird immer aggressiver und droht jederzeit umzukippen. Kurz vor dem Silvestertag droht Rusch das Wenige zu verlieren, was ihn vom besitz- und rechtlosen Straßenpöbel trennt …

Am Ende einer überstrapazierten Fahnenstange

Zu Beginn war der Mensch ein Jäger und Sammler. Obwohl er später die Landwirtschaft entdeckte, ist er immer jemand geblieben, der sich von „seinem“ Planeten bedient hat, dessen Ressourcen unerschöpflich schienen. Im Gegenzug hinterließ er verbrannte bzw. verschmutzte, verseuchte und ausgepowerte Erde; wen kümmerte es, solange es um die Ecke ein frisches Stück Land gab, das sich ausbeuten ließ?

In den 1950er und 60er Jahren wurden die Stimmen derer, die vor einer Fortsetzung dieses Raubbaus warnten, nicht nur lauter: Sie wurden gehört, nachdem man die Mahner lange verlacht und als Störenfriede einer rücksichtsfrei auf Ertrag und Gewinn ausgerichteten Ökonomie verfemt hatte. Die Kopfstärke der Erdbevölkerung erreichte die Milliardengrenze, ließ sie hinter sich und stieß in immer neue Höhen vor. Wenn man so weitermachte wie bisher, würde die Erde bald zu klein für die Menschheit.

1968 tat sich der Industrielle Aurelio Peccei (1908-1984) mit Alexander King (1909-2007), Direktor für Wissenschaft, Technologie und Erziehung bei der Pariser Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammen. Sie gründeten den „Club of Rome“, dessen Mitglieder sich mit der Frage beschäftigten, wieviel Zeit der Menschheit noch blieb. Dies war keineswegs die erste oder einzige Einrichtung dieser Art, doch der „Club“ nahm eine Vorreiterstellung ein, als er 1972 seinen Bericht unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ vorlegte. Die düstere Bestandsaufnahme und Prognose wurde ein Bestseller, dessen verstörte Leser sich mit unangenehmen Wahrheiten konfrontiert sahen. Die Zukunft sah ohne einen generellen Wandel tradierter Gewohnheiten düster aus.

Was könnte dies konkret bedeuten?

Zu denen, die solche Warnungen aufmerksam zur Kenntnis nahmen, gehörte Harry Harrison. Er wurde inspiriert – nicht nur durch die Dramatik einer Entwicklung, die gerade einen Science-Fiction-Autoren wie ihn beschäftigte, sondern auch als Schriftsteller, der eine dokumentarische und damit nüchtern-trockene Darstellung in eine unterhaltsame Geschichte umgießen konnte. Mit Speck fängt man bekanntlich Mäuse: Unerfreuliche Wahrheiten lassen sich besser vermitteln, wenn sie fiktiv aufbereitet und „entschärft“ werden.

In einem Prolog und in einem Nachwort äußert sich Harrison Jahrzehnte später über sein Werk. Er gibt zu, dass die Spezialisten ein wenig zu pessimistisch über die Zukunft geunkt hatten, macht aber deutlich, dass die grundsätzliche Gefahr erkannt wurde und keineswegs überwunden ist. Nach Harrisons Ansicht wird die Talfahrt einer weiterhin gleichgültigen Menschheit nur länger als einst gedacht dauern. Das traurige Ergebnis – der ökologische Kollaps – steht weiterhin als Menetekel an der Wand.

Unter dieser Voraussetzung lassen sich die Anachronismen von Soylent Green erschreckend leicht relativieren: 1999 ist ohne die von Harrison prognostizierten Schrecken verstrichen, doch nur Dummköpfe würden triumphieren, weil der Zusammenbruch vielleicht erst 2099 erfolgen wird. Harrison bemüht sich um ein möglichst klares Bild, das stets im Dienst der Botschaft steht. Dabei konzentrierte er sich auf den Schauplatz New York, lässt aber immer wieder einfließen, dass die gesamte Erde bzw. die Menschheit in einer existenziellen Krise steckt. Offensichtlich „frisierte“ Nachrichten, Mundpropaganda, Latrinengerüchte: Andrew Rusch ist beinahe froh, dass ihn die Wahrheit nur fragmentarisch erreicht. Er repräsentiert den „normalen Bürger“ und ist in gewisser Weise die Identifikationsfigur des Lesers – ein hart arbeitender Mann, der sich an die Regeln hält und feststellen muss, dass dies keine Lösung bietet, sondern die Agonie nur verlängert.

Grundfesten alltäglicher Ungerechtigkeiten

Ohne sich in plumper Sozialkritik zu verzetteln, stellt Harrison heraus, dass geistige Unbeweglichkeit die Katastrophe nicht nur ausgelöst hat, sondern sie weiter verschärft. Jede Generation hat die zeit- und kostenintensive Behebung der ökologischen Probleme auf ein „Später“ verschoben, das irgendwann gekommen ist und trotzdem ignoriert wurde. Harrison findet die Schuldigen nicht nur dort, wo Entscheidungen getroffen werden. Das „Volk“ trägt selbst zu seinem Untergang bei, indem es die Krise bejammert und sich in ihre Folgen fügt, statt die Probleme anzugehen.

Nicht nur für Harrison galt 1966 die Bevölkerungsexplosion als Primärauslöser eines zukünftigen Kollapses. Konsequente globale Bevölkerungskontrolle wurde gleichermaßen propagiert wie angefeindet; zu den prominenten Gegnern kontrollierter Verhütung gehörte u. a. Papst Paul VI. (1897-1978), was ihm den Spottnamen „Pillen-Paul“ bescherte. In dieser Hinsicht irrten die Fachleute, und Harrison schoss mit ihnen über das Ziel hinaus: New York ist nicht zur eindrucksvoll beschriebenen, überbevölkerten aber menschenfeindlichen Megalopolis verkommen. Andererseits gibt es in Südamerika oder Indien Städte, die Harrisons Horrorvision deutlich näherkommen.

Zu regelrechten Verteilungskämpfen verschärfen werden sich nach Harrison die wirtschaftlichen und sozialen Konflikte einer überforderten Gesellschaft. In besonders intensiven Passagen beschreibt der Autor eine Obrigkeit, die es sich in gesicherten und bewachten Oasen der Behaglichkeit weiterhin gut auf Kosten derer gehen lässt, die sich streng kontrolliert solche Freiheiten nicht gestatten können. Ein typisches Produkt solcher Verhältnisse ist Billy Chung: kein raffinierter, kaltblütiger Mörder, sondern ein verwilderter, vernachlässigter, überflüssiger ‚Mann’ ohne Chance, dem nicht verschuldeten Elend zu entrinnen.

Die Liebe als Illusion

Shirl Greene trägt ihre Haut buchstäblich zu Markte und fährt gut damit, solange sie jung und hübsch ist. Sie hat die Not als Kind ertragen und kann eine Rückkehr nicht ertragen. Die große und durchaus echte Liebe zum Polizisten Andrew Rusch hält dem nicht stand: Selbst ein Leben als ausgehaltene Geliebte erträgt Shirl letztlich besser als den zermürbenden Kampf um ein Leben, das eher ein Überlebenskampf ist. Rusch ist ein Kämpfer, der wir auf der letzten Buchseite verlassen, während er weiterhin seine Polizistenpflicht erfüllt und ein freudloses Privatdasein fristet. Man wird nicht schlau aus diesem Mann und fragt sich, ob er entweder nicht begreift, dass der Kollaps bevorsteht, oder es verdrängt und in den Alltag flüchtet, da es ohnehin keine Alternative gibt. Die Zeichen sind faktisch so deutlich, dass Rusch im Bilde sein müsste.

Harrison stellt den Dienst als Kampf gegen Windmühlenflügel und Endlosspirale ins Aus dar. Kurzfristige Notlösungen haben längst fundamentale Gegenmaßnahmen ersetzt. Als „Vermittler“ zwischen dem verschwenderischen Gestern und der trostlosen Gegenwart dient Solomon Kahn, der mit kleinen Gesten gegen die Hoffnungslosigkeit kämpft und ihr doch unterliegt.

Am Ende verlieren wir Rusch im Gewimmel der ausgelaugten Stadt aus den Augen. Diese Szene ist nachhaltiger als jedes Action-Finale, denn es passt zu einer Dystopie, die nicht in einem Befreiungsschlag ihr Ende findet und einen Neubeginn ermöglicht. Es ändert sich nichts, und gerade damit stellt Harrison den Bezug zwischen Fiktion und Realität her. Auf dieser Ebene hat sein Roman keineswegs an Relevanz verloren. Dass er trotzdem eher zurückhaltend und manchmal altmodisch i. S. von sattsam bekannt wirkt, liegt in erster Linie daran, dass Harrison mit Soylent Green unter den ersten war, die in klar verständlichen Worten Stellung bezogen. Vieles von dem, was er ansprach, haben andere Buch-, Film- und TV-Autoren aufgegriffen, es verschärft und dabei zum Klischee gerinnen lassen. Soylent Green, das Original, verdient es dagegen, neu übersetzt und schön gestaltet auf den deutschen Buchmarkt zurückzukehren.

„Soylent Green“ – der Film

Harrisons Roman wurde auch in Hollywood gelesen. Er passte in eine Phase, als die Traumfabrik sich auf politische und soziale Relevanz besann; dies nicht in Anbetracht einer konfliktreichen Gegenwart, sondern weil es nun ein (junges) kritisches Publikum gab, das für entsprechende Filme Eintritt zahlte.

Natürlich wurde die Handlung von Drehbuchautor Stanley R. Greenberg (1927-2002) beschleunigt und mit drastischen Effekten versehen. Harrison hatte es sich 1966 verkniffen, die ultimative „Lösung“ für die Nahrungsmittelkrise anzusprechen: Die Menschen müssen sich schließlich selbst fressen. „Soylent Green ist Menschenfleisch“, schreit es Charlton Heston als Detective Robert Thorn (statt Andrew Rusch) im Finale des 1973 unter der Regie von Richard Fleischer (1916-2006) entstandenen Films – der in Deutschland den seltsamen, sperrigen Titel „ …Jahr 2022 …die überleben wollen“ trägt – heraus.

Nicht grundlos übernimmt die Buch-Neuausgabe von 2013 den US-Titel: Der Film von 1973 bietet großes Kino und ist selbst zum Klassiker geworden. Ohne die Qualität des Romans zu verraten, sorgen die Überspitzungen für eine zusätzliche Intensität. Dazu kommen ausgezeichnete Schauspielerleistungen von Heston und Edward G. Robinson (als Solomon Roth) in seiner letzten Rolle. Harrison selbst gefiel der Kannibalismus-Aspekt übrigens nicht; er empfand ihn als sensationslüsternes Detail, das die Gesamtaussage der Geschichte schwächte.

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