Henry Jones jun.: Das Tagebuch von Indiana Jones von Henry Jones jun.

Buchvorstellungund Rezension

Henry Jones jun.: Das Tagebuch von Indiana Jones von Henry Jones jun.

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „The Lost Journal of Indiana Jones“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 160 Seiten.ISBN 3789184233.Übersetzung ins Deutsche von Christian Dreller.

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In Kürze:

Knapp fünfzig Jahre archäologischer Abenteuer in aller Welt hielt Indiana Jones in seinem Tagebuch fest, das ihm 1957 von den Sowjets gestohlen wurde. Hier wird es als schön (nach-) gemachter Reprint endlich veröffentlicht und liefert (bruchstückhafte) Hintergrundinfos zu den Ereignissen, die in einer TV-Serie, vier Kinofilmen und diversen PC-Games erzählt werden ... – Hübsches Bändchen im Retro-Look, das den „;Indy“-Mythos recycelt und primär Werbung für das Franchise ist.

Das meint phantastik-couch.de: „Fünfzig Jahre Abenteuer: ein privater Rückblick“75

Mystery-Rezension von Michael Drewniok

Im Jahre 1908 schenkte ihm sein Vater ein in Leder gebundenes Tagebuch, in das der junge Henry Jones, Spitzname „Indiana“ und zu diesem Zeitpunkt 9 Jahre alt, seine Erlebnisse aufzeichnen sollte. Obwohl selten einer Meinung mit dem Senior, einem bedeutenden Sprachwissenschaftler, beherzigte der spätere Archäologe dessen Rat und schuf das einmalige Dokument eines Lebens, das der Wissenschaft und dem Abenteuer gewidmet war.

Schon den jungen Indiana Jones zeichnete eine unbändige Reiselust aus, die er – zunächst noch als Begleiter seines ähnlich umtriebigen Vaters – ausgiebig ausleben durfte. Er lernte diverse Prominenz seiner Ära kennen, darunter 1908 Lawrence von Arabien und 1909 den ehemaligen US-Präsidenten Teddy Roosevelt, an deren Seiten er diverse gefährliche und geheime Erlebnisse meisterte.

1916 schloss sich Jones dem mexikanischen Revolutionsführer Pancho Villa an; eine Feuerprobe, die ihm eine Rückkehr in ein ´normales´ Leben endgültig unmöglich machte. Für den jungen Idealisten bot es sich förmlich an, in den I. Weltkrieg zu ziehen, den Jones mit viel Glück und wenigen Verletzungen aber desillusioniert überlebte. Weitere Reisen kreuz und quer durch die Welt schlossen sich an, bis Jones 1933 eine Professur an der Universität Princeton angeboten wurde, wo er als anerkannter und beliebter Archäologie lehrte und zwischenzeitlich immer wieder neue Schatzsuchen unternahm.

1935 geriet Jones zusammen mit der Nachtclub-Sängerin Wilhelmina „;Willie“ Scott und seinem chinesischen Mündel „;Shorty“ in eine magische Palastintrige, die den jungen Maharadscha des nordindischen Fürstentum Pankot in die Marionette eines dämonischen Hohepriesters verwandelte. Das Trio befreite den Herrscher und holte einen der magischen Shankara-Steine zurück.

In Ägypten geriet Jones 1936 erstmals ins Visier der Nazis, die dort im Auftrag Adolf Hitlers nach der Bundeslade suchten. Weil er sie ihnen vor der Nase wegschnappte, erinnerten sie sich seiner gut, als sich ihre Wege 1938 abermals kreuzten; dieses Mal jagten Jones jr. und sr. gemeinsam dem Heiligen Gral hinterher und obsiegten. Abermals das Nachsehen hatten die Nazis im Wettlauf mit dem jüngeren Jones um die Geheimnisse des versunkenen Kontinents Atlantis (1939).

1947 wurde Jones in den Kalten Krieg verstrickt. In den Ruinen des Turms zu Babel traf er auf ein Geheimkommando der Sowjets, das hier nach antiken Wunderwaffen fahndete und eine empfindliche Niederlage einstecken musste. Seitdem wurde Jones´ Wirken vom sowjetischen Geheimdienst genau verfolgt. 1957 kam es im südamerikanischen Kolumbien zu einer weiteren Auseinandersetzung um einen legendären Kristallschädel der Inkas, in dessen Verlauf Jones sein Tagebuch verlor, das in den Besitz der Sowjets überging.

Die Irrfahrt eines Tagebuchs

Dort wurde es sorgfältig ausgewertet, kommentiert und eingelagert, bis es nach der Auflösung der UdSSR (1991) irgendwann (und gerade rechtzeitig zur Kino-Premiere des vierten „;Indiana-Jones“-Films ...) wieder zum Vorschein kam. So geht jedenfalls die Mär, die um dieses „;Tagebuch des Indiana Jones“ gestrickt wurde. Mit dem erwähnten Film läuft die Merchandising-Maschinerie erneut auf Hochtouren. Allerlei meist überflüssige und überteuerte Mätzchen werden den Indy-Fans angeboten, die darauf wie der berühmte Pawlowsche Hund auf die Klingel zur Wurst reagieren.

Selbstverständlich gibt es einen ´richtigen´ Roman zum Film „;Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (2008), aber das ist selbstverständlich nicht genug des Franchises. Das „;Tagebuch“ ist ein halbwegs origineller Versuch, die immerhin 19-jährige Lücke zu schließen, die zum dritten Film der Serie („;Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, 1989) klafft. Zwar folgten diesem noch diverse Romane, eine TV-Serie sowie PC-Games, aber das Interesse der breiten Öffentlichkeit flaute dennoch ab.

Das „;Tagebuch ...“ bietet nun vor allem der jüngeren Generation die Möglichkeit, Indys Vorgeschichte zum „;Königreich“ zu rekapitulieren. Jones´ ´offizielle´ Biografie umspannt immerhin fünf Jahrzehnte, in denen unser Held nie untätig blieb. Tatsächlich ist der Stoff, aus dem seine Geschichte ist, so umfangreich, dass er den Rahmen eines nur 160 Seiten umfassenden Tagebuchs definitiv sprengt. Das „;Tagebuch“ ist deshalb ein Kompromiss, eine Sammlung von Höhepunkten, die Jones´ abenteuerliches Leben wenigstens skizzieren.

Die Quellen des Tagebuchs

Dabei versuchen die eigentlichen Autoren – nur schlichtgeistige Leser glauben an die tatsächliche Autorenschaft eines realen Indiana Jones – sämtliche Aspekte des Franchises unter einen Hut zu bringen. (Dieses Bild bietet sich an ...) Das erweitert noch die Faktenbasis und verhindert, dass vor allem die Jugendjahre sowie die Jahre zwischen 1938 und 1957 allzu fragmentarisch wirken.

Eingeflossen sind letztlich folgende Elemente der Jones-Chronik:

  • 1908-1934: „;Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“ (TV-Serie, 1992/93), „;Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ („;Indiana Jones and the Last Crusade“, Film, 1989)
  • 1935: „;Indiana Jones und die Legende der Kaisergruft“ („;Indiana Jones and the Emperor’s Tomb“, PC-Game, 2003)
  • 1935: „;Indiana Jones und der Tempel des Todes“ („;Indiana Jones and the Temple of Doom“, Film, 1984)
  • 1936: „;Jäger des verlorenen Schatzes“ („;Raiders of the Lost Ark“, Film, 1981)
  • 1938: „;Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ („;Indiana Jones and the Last Crusade“, Film, 1989)
  • 1939: „Indiana Jones and the Fate of Atlantis“ („Indiana Jones and the Fate of Atlantis“, PC-Game, 1992)
  • 1947: „Indiana Jones und der Turm zu Babel“ („Indiana Jones and the Infernal Machine“, PC-Game, 1999)
  • 1957: „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ („Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull“, Film 2008)

Wenigstens die Ereignisse der Filme sollte man im Hinterkopf haben, da sich die Rekonstruktion der verschlungenen Lebenspfade des Indiana Jones sonst mühsam bis unmöglich gestalten: Das „;Tagebuch“ dient eher der Auffrischung von Erinnerungen als der Information.

Ein feines Stück Buchhandwerk

Das Besondere am angeblichen „;Tagebuch von Indiana Jones“ ist seine scheinbare Authentizität. Jeder Leser soll und kann glauben, das Original aus den Gewölben des russischen Geheimdienstes in den Händen zu halten. Sorgfältig wurde das Werk gestaltet: als Mischung aus Arbeitskladde, in der Jones, der Archäologe, wissenschaftliche Gedanken festhält, Grundrisspläne verlorener Stätten zeichnet und mysteriöse Artefakte skizziert, und Tagebuch, in das der Privatmann Jones Einblick in sein Inneres, seine Gedanken, Ängste und Wünsche bietet sowie Fotos, Zeitungsausschnitte oder abgelaufene Tickets einklebt, die Erinnerungswert für ihn besitzen. (1953 heftete er z. B. den Prospekt für einen modernen Kühlschrank ein, der ihn sehr faszinierte; direkt darunter findet sich der Umschlag einer Einladung zur Amtseinführung von US-Präsident Eisenhower – eine Kombination, die bezüglich Indys Charakter Bände spricht!)

So ein Buch ist einerseits robust – das hat Henry Jones, der strenge Vater, selbstverständlich bedacht – und andererseits mitgenommen von weiten Reisen in engen Rücksäcken, ´verziert´ mit Wasser- und Stockflecken, verschmierten Fingerabdrücken und Rissen; im Mittelteil fehlen gar vier Seiten, die nur eine zackige Risskante zurückließen.

Alle genannten Schäden wurden im Replikat nachgeahmt. Schon der Tagebuchdeckel ist etwas Besonderes; er wurde wie der ´originale´ Ledereinband wattiert und an den Seiten vernäht. Ein oben und unten am hinteren Rücken fixiertes Gummiband dient als Lesezeichen oder hält die Seiten zusammen, die so nicht auffächern und verknicken können. Das Papier ist dick und gelb-bräunlich eingefärbt. Was Indiana Jones einklebte oder -heftete, ist anhand uralter Fotoecken und Tesafilm-Streifen erkennbar. Diese Einlagen sind nicht separat reproduziert, sondern eingedruckt: ein Zugeständnis an den Buchmarkt. Das „;Tagebuch“ liegt mit seinem Preis von 19,90 Euro im oberen Bereich dessen, was ein Indy-Fan für diesen Artikel ausgeben würde. Allzu teuer durfte es in der Herstellung also nicht werden.

Das macht sich manchmal unschön bemerkbar. Während die aus den Filmen entnommenen Fotos sowie die vom Autorentrio Anthony Magnoli, Kristen Wisehart und Joanna Price geschaffenen Zeichnungen, Skizzen und Dokumente gelungen sind und als zeitgenössische Quellen überzeugen können, trifft dies auf die extra für das „;Tagebuch“ angefertigten bzw. retuschierten Bilder nicht zu. Die in Fotos der Zeit projizierten Gesichter der Schauspieler sind jederzeit als solche erkennbar; ein und dasselbe Porträt des jungen Sean Connery diente sogar zweimal als Grundlage. (Nebenbei: Wenn auf zwei Steckbriefen der SS für Indiana Jones das Geburtsdatum 1899 angegeben wird, kann Vater Henry wohl kaum 1890 geboren sein!)

Das ´deutsche´ Tagebuch – ein besonderes Kapitel

Die deutsche Ausgabe des „;Tagebuchs“ benötigte mehr als eine Übersetzung. Weil dies persönliche Aufzeichnungen sind, die lange vor der Erfindung des Notebooks geführt wurden, schrieb Indiana Jones selbstverständlich mit der Hand. Diese Kunst ist heute im Aussterben begriffen; auch für das „;Tagebuch“ setzte sich niemand mit einem Füllhalter oder Bleistift hin: Im 21. Jahrhundert gibt es auch Handschriften als Schriftfonts. Nichtsdestotrotz wirkt das Ergebnis trotz der etwas zu klaren Schriftführung glaubhaft. Zudem musste berücksichtigt werden, dass viele Leser Handschriften womöglich gar nicht mehr entziffern können.

Im O-Ton belassen wurden die ´eingeklebten´ Buch- und Zeitungstexte, Speisekarten, Tickets u. a. Dokumente. Die deutsche Ausgabe enthält eine Tasche, in der sich eine separate Übersetzung findet. Damit bleiben wirklich keine Fragen offen. Weitere Hintergrundinformationen liefern eingefügte Zettel, auf denen russische Geheimdienst-Spezialisten diverse Einträge kommentieren; nicht jeder Leser weiß, wer Lawrence von Arabien oder Pancho Villa waren.

Lohnt unterm Strich die Anschaffung? Schlägt man das „;Tagebuch“ erst einmal auf, ist man durchaus gefesselt. Viele Bilder und Zeichnungen kennt man aus den „;Indy“-Filmen. Nun kann man sie in Ruhe betrachten. Nette Gags am Rande enthüllen sich vor allem dem Eingeweihten, wie überhaupt dieses Tagebuch nur Bekanntes aufwärmt. Für den „;Indy“-Fan und Sammler ist dieses Büchlein natürlich ein Muss – dies aber wohl nur für ihn oder sie. Auch als Geschenk für den Filmfreund eignet sich das „;Tagebuch“. Ansonsten kommt ein Gutteil des Erlöses für dieses Buch notleidenden Künstlern zugute: Steven Spielberg und George Lucas …

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