Drachensaat von Holly Lisle

Buchvorstellungund Rezension

Drachensaat von Holly Lisle

Originalausgabe erschienen 2002unter dem Titel „Vincalis the Agitator“,deutsche Ausgabe erstmals 2006, 472 Seiten.ISBN 3-442-24297-5.Übersetzung ins Deutsche von Michaela Link.

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In Kürze:

Seit Jahrhunderten erblüht das Reich der Zauberer in unermesslichem Wohlstand. Doch die Pracht gründet sich auf einer Lüge, denn die Kräfte der Drachenmagier speisen sich aus dem Schmerz von gemordeten Sklaven. Wraith, ein Junge aus den Sklavenvierteln, und Solander, der Sohn eines Zauberers, wollen das grausame Spiel beenden und planen eine Rebellion gegen die herrschende Magiergilde …

Das meint phantstik-couch.de: „Dystopia im Fantasy-Gewand“77

Fantasy-Rezension von Eva Bergschneider

„Drachensaat“, als deutscher Titel von Holly Lisles Fantasy-Roman „Vincalis the Agitator“, ist etwas verwirrend, denn in diesem Epos geht es nicht einmal ansatzweise um Drachen, wie man sie sich als Fantasy-Leser vorstellt. Der Begriff  beschreibt hier die regierende Gilde der obersten Magier, ein nahezu allmächtiger Rat, der die Wohlstandswelt der Zauberer Hars Ticlarim mit sehr zweifelhaften Mitteln beherrscht. Der Roman erzählt die Vorgeschichte zu Holly Lisles Fantasy -Trilogie „Der magische Spiegel“.

Wraith der Unsichtbare

Die Kavernen sind der Bereich der Zauberer-Welt, in dem über die Nahrung sedierte Menschen vor sich hin vegetieren. Alle außer Wraith – er ist ein Junge, der verzweifelt versucht, seine Mitmenschen aus diesem Dämmerzustand zu befreien, indem er sie mit gestohlenen Lebensmitteln aus dem reichen Zaubererviertel versorgt. Hars Ticlarim erfreut sich blühender Schönheit und unermesslichen Wohlstandes. Vor störenden Eindringlingen wird es durch magische Alarmsysteme geschützt, doch auf Wraith reagieren diese nicht. Dennoch wäre er fast erwischt worden, wenn nicht der ehrgeizige, junge Zauberer Solander Wraiths einzigartige Gabe bemerkt und ihn gerettet hätte. Solander schleust Wraith als entfernten Verwandten in seinen Familien-Clan ein. Solanders Ziel ist es, Wraith’ Geheimnis zu erforschen und ein berühmter Zauberer der Magier-Gilde zu werden, Wraith träumt davon, eines Tages allen Kavernenbewohnern die Freiheit zu geben. Seine Nachforschungen decken die ungeheuerliche Lüge über die Lebensgrundlage des Reiches auf, die Massenvernichtung der Kavernenbewohner bildet die Energiequelle für die allgegenwärtige Magie, die das Luxus-Leben der privilegierten Zauberer ermöglicht.

Wraith der Unruhestifter

Nach den Enthüllungen seines Freundes erforscht Solander schließlich alternative Formen der Energienutzung. Wraith schreibt aufrührerische Theaterstücke, die das Bewusstsein der Menschen verändern und einen Aufstand gegen die herrschende Magiergilde entfachen sollen. Der junge Zauberer glaubt an eine Veränderung des Systems innerhalb des Reiches und macht eine revolutionäre Entdeckung. Währenddessen baut Wraith heimlich mit einer Gemeinschaft, die außerhalb des Reiches lebt, eine Untergrund-Organisation auf. Beide bemerken zu spät. dass die Geheimpolizei des Reiches kurz davor steht, allen Aufrührern ein grausames und endgültiges Ende zu bereiten.

Revoluzzer und Realist

Wraith, der Revoluzzer ist Held und Sympathieträger dieses Fantasy-Romans. Gerade weil er ohne Zauberer-Fähigkeiten auskommen muss, ist Wraith eine glaubwürdige Figur, mit der man sich, trotz der wirklichkeitsfremden Welt identifizieren kann. Aus dem entflohenen Sklaven wird ein weiser Demagoge und selbstkritischer Revolutionär.

Der Realist Solander ist der ehrgeizige Sohn des Oberhauptes der Magier, sein Vater kämpft hartnäckig um den Erhalt des Systems. Es erscheint etwas zweifelhaft, dass sich Solander, trotz seiner Herkunft und der massiven Manipulation der öffentlichen Meinung, schnell von Wraith überzeugen lässt und eine humane Reformation der Magie anstrebt.

Insgesamt sind die Charaktere etwas stereotyp dargestellt. Man ahnt zumindest bei jeder Person, ob sie Gutes oder Böses im Schilde führt, Überraschungen bieten nur einige beiläufig eingeführte Akteure.

Düster und spannend

Der Fantasy-Roman „Drachensaat“ erzeugt durch Gräuel und kontinuierliche Bedrohung eine  düstere Grundstimmung. Holly Lisle spielt mit Hilfe der langsam aber stetig anwachsenden Gefahr mit der Psyche des Lesers. Eine raffinierte Mischung aus unerträglicher Spannung und Angst erschwert und motiviert zugleich, Seite um Seite weiter zu lesen, die Handlung hält immer wieder subtile Schrecken bereit.

Jedoch machen nicht alle Handlungsstränge wirklich Sinn. Bestimmte Ereignisse bringen die Story nicht weiter und sollen lediglich die Boshaftigkeit einer Person unterstreichen. Zuweilen wirkt die Erzählung zu pathetisch und büßt dabei an Logik und Plausibilität ein.

Gesellschaftskritische Utopie

„Drachensaat“ ist eine reine High-Fantasy Erzählung ohne realitätsbezogene Handlung. Dennoch liest sich dieser Roman wie eine utopische, gesellschaftskritische Parabel über die Aufrechterhaltung der  Wohlstandsgesellschaft.

Ähnliche Aussagen wie:

„Gleichheit ist ein Mythos. Eine Fantasie von Träumern und Revolutionären. Wir tun das Beste, was wir können. Alles hat einen Preis, es gibt immer Kosten“

oder

„Und solange, wie Vincalis der Agitator auf freiem Fuß ist und Probleme macht, haben wir genau die Bedrohung, die wir brauchen. Die Drachen können den Menschen ungestraft einen Teil ihrer Bürgerrechte aberkennen.“

wären auch als wirtschaftspolitisches Statement oder in Diskussionen über fragwürdige Maßnahmen zur inneren Sicherheit vorstellbar, vor allem seit der angeblichen wachsenden Terrorbedrohung durch die „Achse des Bösen“.
Zentrales Thema dieses Romans ist die Energiegewinnung. Angesichts des realen Kampfes um die knapper werdenden Energieressourcen, drängt sich die Frage auf, was man langfristig für die Erhaltung der Lebensqualität der westlichen Welt auf Kosten ärmerer Länder zu tun bereit ist.

Unterm Strich ist Holly Lisle mit „Drachensaat“ nicht nur ein überaus spannender, sondern ein mutiger, kritischer und innovativer Fantasy-Roman gelungen, der trotz kleiner Abstriche uneingeschränkt empfohlen werden kann.

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