Schloss Otranto von Horace Walpole

Buchvorstellungund Rezension

Schloss Otranto von Horace Walpole

Originalausgabe erschienen 1764unter dem Titel „The Castle of Otranto“,deutsche Ausgabe erstmals 1810, 158 Seiten.ISBN 3717540068.Übersetzung ins Deutsche von Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer / Helmut Findeisen.

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In Kürze:

Schauplatz des Romans ist die Burg Otranto im mittelalterlichen Italien. Sie wird von dem machtbesessenen Usurpator Manfred beherrscht, der sein Handeln in den Dienst einer alten Prophezeiung stellt. Die besagt, dass seine Familie das Schloss und den Adelstitel verliert, sobald der rechtmässige Eigentümer für das Schloss >zu gross< geworden ist. Als solcher stellt sich später der ermordete Kreuzritter Alfonso heraus, dessen Statue in der Klosterkirche steht. Nachdem Manfreds einziger Sohn Conrad am Tag seiner Hochzeit von Alofonsos überdimensionalem Helm erschlagen wurde, will Manfred in der Sorge um männliche Nachkommenschaft die hübsche Isabella heiraten und sagt sich von seiner Frau Hippolita los. Isabella flieht vor Manfred durch unterirdische Gänge in die benachbarte Kirche und begibt sich in die Obhut des gütigen Paters Jerome. Jener stellt sich später als Vater des vermeintlichen Bauernjungen Theodore heraus. Nun erscheint Frederic, der Maquis von Vicenza, mit einem riesigen Schwert und Gefolge, um seine Tochter Isabella zurückzufordern. Auf der Suche nach Isabella, die in den Wald geflohen ist, wird Frederic verletzt und zur Genesung auf die Burg gebracht. Der Plan Manfreds, Frederic mit seiner Tochter Matilda zu verheiraten und Isabella zu ehelichen scheitert, da Frederic von einem Geist gewarnt wird. Als Manfred seine Tochter - im Glauben es sei Isabella - in der Klosterkirche ermordet, brechen die Mauern des Schlosses unter der riesenhaft angewachsenen Statue des Alfonso, sodass sich die Prophezeiung bewahrheitet. Manfred dankt reumütig ab, Theodore stellt sich als der Erbe Otrantos heraus und heiratet Isabella.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Der Keim allen Grusels“70

Horror-Rezension von Stefan Heidsiek

Geschichte wiederholt sich. Das ist eine altbekannte Tatsache. Und wer immer sich gegen diesen Ausspruch wehrt, braucht bloß einen Blick in die Buchhandlungen zu werfen, in denen sich seit Stephenie Meyers erfolgreicher Bis(s)-Reihe die Vampir-Liebesgeschichten nur so stapeln, um generationsübergreifend die vor allem weibliche Leserschaft zu beglücken. Grusel, Mystery und Horror in Verbund mit Romantik sind wieder richtig angesagt, wobei die Betonung hier auf dem wieder liegen muss, denn wirklich neu ist diese Literaturgattung, trotz Genre-Neologismen wie „Chick-Lit“ oder „Romantasy“, eigentlich nicht. Vielmehr finden sich in diesen modernen Werken verschiedene Motive des klassischen Schauerromans (engl. „Gothic Novel“) und der Schwarzen Romantik wieder, welche Ende des 18. Jahrhunderts den Grundstein für die heutige Horrorliteratur legten. Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Bram Stoker oder Edgar Allan Poe sind immer noch, und sei es nur aufgrund einer Bearbeitung in der Schule, ein Begriff. Der Begründer des Genres, der englische Schriftsteller Horace Walpole, ist jedoch vollends in Vergessenheit geraten, was schade, wie der weitere Verlauf dieser Rezension allerdings zeigen soll, auch streckenweise nachvollziehbar ist.

Horace Walpole wurde im Jahr 1717 als dritter Sohn des ersten Premierministers von Großbritannien, Sir Robert Walpole, und dessen Frau Catherine in London geboren. Trotz der kriselnden Ehe seiner Eltern (Sir Robert war ein notorischer Fremdgänger) verbrachte Walpole, nicht zuletzt wegen dem beruhigenden Wohlstand der Familie, eine äußerst behütete und unaufgeregte Jugend. Später genoss er wie ein Großteil der britischen Oberklasse eine hervorragende Ausbildung am Eton College, wo er unter anderem mit den Dichtern Thomas Gray und Richard West Freundschaft schloss. Zeit seines Lebens hielt der Vater die schützende Hand über ihn und verschaffte seinem Sohn unter anderem eine Reihe von Wahlbezirken. Von 1741 bis 1768 war Horace Walpole Mitglied des englischen Parlaments, 1791 erbte er nach dem Tod seines Neffen den Titel eines Earl of Oxford. Walpole heiratete nie (Gerüchte lassen eine Homosexualität vermuten) und leistete sich als betuchter Junggeselle jeglichen Luxus. Dazu gehörte auch ein Schloss in Twickenham an der Themse, das er für sich erbauen und auf den Namen „Strawberry Hill“ taufen ließ. Es sind wohl jene feudalen Gemäuer im gotischen Stil, welche ihm als Vorbild und Inspiration für die Burg Otranto dienten. Der Handlungsort seines gleichnamigen, im Jahre 1764 zuerst anonym erschienenen Erstlingswerks „The Castle of Otranto“ (dt. „Schloss Otranto“ oder „Die Burg von Otranto“).

Dunkle Wolken über Burg Otranto

Apulien, Italien, Mitte des 12. Jahrhunderts. Während junge Ritter und Edelmänner aus ganz Europa am Kreuzzug teilnehmen, sind über der Burg Otranto dunkle Wolken aufgezogen. Schlossherr Manfred plagen Ängste. Auf den Gemäuern, welche einst sein Großvater unrechtmäßig dem wahren Besitzer Alphonso dem Guten abnahm, lastet eine alte Prophezeiung, laut der seine Familie die Herrschaft über Otranto verlieren wird, sobald der rechtmäßige Eigentümer „über die Burg hinausgewachsen“ ist. Lediglich ein männlicher Erbe kann dies verhindern. Doch der Sohn Manfreds, der kränkliche Conrad, gibt nicht nur wenig Anlass zur Hoffnung, sondern findet auch am Tag seiner Hochzeit den Tod unter einem herabstürzenden überdimensionalen Eisenhelm. Für die Trauer findet der Vater keine Zeit. Stattdessen nimmt der cholerische Tyrann kurzerhand den Platz des eigenen Sohnes ein, um an seiner statt die schöne Isabella zu heiraten. Diese kann dank der Mithilfe eines mysteriösen Bauernjungen durch ein unterirdisches Labyrinth aus dem Schloss fliehen und findet Zuflucht im örtlichen Kloster bei dem frommen Pater Jerome.

Manfred lässt nun nichts mehr unversucht, Isabella habhaft zu werden, während sich überall die schlechten Vorzeichen mehren: Eine riesige scheppernde Rüstung wandelt durch die Gänge, eine Statue blutet aus der Nase und das Porträt von Manfreds Großvater rutscht stöhnend aus dem Rahmen. Und als dann noch ein geheimnisvoller Ritter samt Gefolge auf der Zugbrücke erscheint, überschlagen sich schließlich die Ereignisse …

Historische und zeitgenössische Themen vor schauriger Kulisse

Nein, ein wirklicher Horrorroman ist „Schloss Otranto“ beileibe nicht. Das wird bereits nach dieser kurzen Zusammenfassung deutlich. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um einen klassischen Ritterroman, der, angereichert und überhäuft mit übernatürlichen und unheimlichen Geschehnissen, streckenweise voll unbeabsichtigter Komik steckt. Selbst zu damaliger Zeit ging die eigentlich erwünschte Wirkung des Romans oft fehl. Statt des gewollten Grusels blieb zumeist nur ein lauthalsiges Lachen, weshalb Walpoles Werk, was den literarischen Wert anging, trotz seiner Popularität innerhalb der Gesellschaft und der Lobeshymnen von so berühmten Romanciers wie Sir Walter Scott, stets eher gering geschätzt wurde. Tatsache aber bleibt, dass „Schloß Otranto“ einen ungeheuren Einfluss ausübte, da er nicht nur alle elementaren Zutaten des Gothic Novel einführte, sondern auch die Regeln dieser literarischen Gattung für die kommenden Jahrzehnte festlegte und somit als Inititalzündung anzusehen ist.

Walpole nimmt in „Schloß Otranto“ Abstand von der üblichen realistischen Erzählweise seiner Zeitgenossen und versucht stattdessen historische und zeitgenössische Themen vor schauriger Kulisse zu vereinen. Dabei ist auffällig, dass sich Walpole aber immer noch den Gesetzen der Aufklärung verpflichtet fühlt. Vernunft und Moral sind wichtige Elemente in dieser Geschichte, welche aus heutiger Sicht mit äußerst klischeebeladenen Figuren besetzt worden ist. Vom düsteren Schlossherrn, über die Jungfrau in Nöten bis hin zum frommen, blaublütigen Helden bietet er ein Mosaik, das man von Kindesbeinen an aus den Märchen kennt und auch im Aufbau diesen doch verblüffend ähnelt. Handlungsort ist (wie auch in vielen späteren Schauerromanen) ein altes, dunkles Gemäuer, welches mit schattigen Ecken, verwinkelten Fluren, Verliesen und Geheimgängen im Verlauf des Buches ein unheimliches Eigenleben entwickelt und die Fantasie des Lesers anregen soll. In gewissem Sinne verkörpert der Schauplatz die zentrale Person der Handlung, von der diese erst ihre Spannung und den Grusel bezieht. Wie in manchem Theaterstück lebt das Buch mehr von der Kulisse, als von den Akteuren. Eine Technik, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten viele Nachahmer fand. So auch in den Kriminalromanen von John Dickson Carr, der seine Mordfälle oft in Burgruinen und verwunschenen Schlössern platzierte.

Das die versuchte Erzeugung einer schaurigen Atmosphäre in Schloss Otranto heutzutage seine Wirkung verfehlt, liegt letztlich dann nicht nur an der unfreiwilligen Komik, sondern auch an der bereits oben erwähnten stereotypen Charakterisierung der Figuren. Hinzu kommt die Tatsache, dass Walpole das in seiner Gänze doch sehr kurze Werk („Schloß Otranto“ hat nur fünf Kapitel) mit allzu vielen Handlungssträngen und Ideen überfrachtet, die locker für ein doppelt so langes Buch gereicht hätten. Und auch diese unheimliche Ruhe und gespannte Atmosphäre, welche den Nährboden für den feinen Grusel darstellt, fehlt in „Schloß Otranto“. Stattdessen hetzt man von einem Ereignis zum nächsten, während auf dem Weg der Effekt der so wohlplatzierten Schauerelemente wirkungslos verpufft.

Insgesamt tut das der wegweisenden Bedeutung dieses allererstes Schauerromans jedoch keinen Abbruch. Wer die Ursprünge des Gothic Novel erkunden und bis hin zum ersten Keim verfolgen will, für den ist „Schloß Otranto“ auch heute noch ein heißer, wenngleich auch momentan vergriffener Tipp.

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