Förchtbar Maschien von Iain M. Banks

Buchvorstellungund Rezension

Förchtbar Maschien von Iain M. Banks

Originalausgabe erschienen 1994unter dem Titel „Feersum Endjinn“,deutsche Ausgabe erstmals 2000, 398 Seiten.ISBN 3-453-15660-9.Übersetzung ins Deutsche von Horst Pukallus & Michael K. Iwoleit.

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In Kürze:

Die meisten Menschen haben die Erde verlassen, als sie erkannten, dass das Sonnensystem eine Dunkelwolke durchqueren und die Erde von der aufgeblähten Sonne verschlungen werden würde.
Geblieben sind einige Menschenabkömmlinge, einige in virtueller, andere in biologischer Form. Schließlich wird auch ihnen klar, dass sie die Katastrophe nicht überdauern können. Nun suchen sie ratlos in den uralten Resten einstiger Größe nach einer rettenden Möglichkeit: nach der „Förchtbar Maschien“.
Aber die technische Zivilisation ist längst zu Staub zerfallen, und die Funktionen ihrer seltsamen Relikte ist nur schwer zu begreifen.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Welt am Ende vor einem neuen Anfang“85

Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

Die Erde einer fernen Zukunft ist eine verlassene, wüste Welt; dem Untergang geweiht, weil das Sonnensystem eine kosmische Dunkelwolke durchqueren wird. Nur wenige Menschen stolpern durch die Trümmer untergegangener High-Tech-Zivilisationen, deren Relikte sie nicht mehr verstehen. Stattdessen führen untereinander verfeindete Clans, Gilden und Königreiche sinnlose Kriege gegeneinander.

Erzählt wird von vier Menschen, deren Schicksale auf seltsame Weise miteinander verwoben sind:

 – Baskül Zerwühl, ein junger Mann, wagt sich auf der Suche nach seiner Freundin, der sprechenden Ameise Agatha, in die unterirdische „krüpta“. Hier führt eine künstliche Intelligenz ein bizarres Eigenleben. Die Oberwelt ist eingebunden in eine Datensphäre, die der Realität eine virtuelle Zivilisation gegenüberstellt, deren virtuelle Bewohner wie selbstverständlich ins reale Tagesgeschehen eingreifen. Obwohl die Grenzen fließend sind, gibt es Bereiche, in denen die virtuellen Wesen unter sich bleiben. Dorthin dringt Baskül vor.

 – Hortis Gadfium, Chefwissenschaftlerin der Interorga-Gilde für Gratifikations- und Finanzkompensation, erhält von der mysteriösen „Ebene der Wandernden Steine“ die Botschaft einer fremden Macht. Sie verheißt Rettung für die Erde. Doch der König, Gadfiums Herr, bespitzelt seine Untertanen zwanghaft mit Hilfe eines lückenlosen Überwachungsnetzes. So wendet sich Gadfium zum Wohle der Welt gegen ihren Herrscher und nimmt auf eigene Faust Kontakt auf.

 – Graf Alandre Sessine VII., Oberkommandierender des II. Expeditionskorps, fällt während einer Routine-Streife einem Anschlag zum Opfer, um anschließend zum wiederholten Male wiederbelebt zu werden. Der sinnlose Kreislauf von Kampf und Tod wird durchbrochen, als der Graf seine wahre Bestimmung erkennt.

 – Asura, das Mädchen ohne Gedächtnis, hält unwissentlich den Schlüssel zur Rettung der Erde in ihren Händen.

Im Festenturm, einem 25 Kilometer hohen Bauwerk, dessen Spitze noch niemals betreten wurde, trifft das Quartett nach zahllosen Abenteuern aufeinander. Hier stellt sich heraus, dass sie Figuren eines Planes sind, der es ermöglichen soll, wenigstens einem Teil der Erdbevölkerung die Flucht von ihrem sterbenden Planeten zu ermöglichen.

´Anders´ um jeden Preis

Man kann wahrlich nicht behaupten, der britische Schriftsteller Iain Banks habe es seinen Lesern jemals leicht gemacht. Dies galt bereits für seinen Debütroman „The Wasp Factory“ („Die Wespenfabrik“, 1984), trifft aber auf das hier vorgestellte Werk erst recht zu; der hilflose Versuch einer ´Inhaltsangabe´ mag Beweis genug sein.

In einer Welt stromlinienförmiger Serien-SF ist Banks ein erfreulich kantiges Element. Er gehört zu denen, die den Leser daran erinnern, dass die Science Fiction einst für sich beanspruchte, Tore in Welten aufzustoßen, die nicht nur durch technischen Fortschritt geprägt wurden. Nachweislich bemühten sich Autoren wie Olaf Stapledon, Alfred Bester oder Philip K. Dick (um nur einige Namen wahllos herauszugreifen) redlich, die ausgetretenen Pfade kosmischer Wild-West- und Kriegsgeschichten zu verlassen. Banks ist einer ihrer modernen Nachfolger, und man ist dankbar für seinen schöpferischen Eigensinn.

Aufwand und Endergebnis

Das bedeutet allerdings nicht, dass alles gutzuheißen ist, was dem fleißigen Schotten, der regelmäßig ein dickes Buch pro Jahr auf den Markt bringt, aus der Feder rinnt. Spürbar bemüht, um jeden Preis originell zu sein, kann Banks sich durchaus verrennen.

In „Förchtbar Maschien“ lässt er beispielsweise eine seiner Figuren (Bascül) in einem seltsamen, den Gesetzen der Grammatik und Rechtschreibung nur willkürlich unterworfenen, stark phonetischen Kauderwelsch von seinen Abenteuern berichten. Banks hat hart gearbeitet, Horst Pukallus und Michael K. Iwoleit, die auch sonst als Übersetzer manche harte Nuss zu knacken hatten, folgen ihm wacker in dem Bemühen, für Bascül, der selbst in seiner pittoresker Welt ein Außenseiter ist, eine eigene Sprache zu schaffen.

Doch ist das Ergebnis die Mühe wirklich wert? Als Leser hat man sich an Bascüls Sprachkunst nach einiger Zeit gewöhnt, aber hinter dem Wortgeklingel steckt letztlich doch nur das „Post-Doomsday“-übliche Scharren im Schutt einer vergessenen Vergangenheit. Wesentlich interessanter wirkt vor allem in der Rückschau Banks Konzept einer Realität, die mehr oder weniger deutlich mit dem Virtuellen verbunden ist; der Verfasser hat dies in weiteren Romane vertieft sowie auf die Spitze getrieben.

Ausschnitts-Vergrößerungen einer verlorenen Welt

Gibt es einen Plot, einen roten Faden, der durch die seltsame Welt der „Förchtbar Maschien“ führt? Die Antwort ist ein „Ja“, denn obwohl die einzelnen Erzählstränge nur lose umeinander mäandern, werden sie zu guter Letzt zusammengeführt. Leider wird Banks dabei seiner bisher konsequent wider den Strich erzählten Geschichte untreu; als des Rätsels Lösung entpuppt sich das gute, alte Wurmloch, das in der Science Fiction schon manchem Raum- und Zeitreisenden (oder Autoren) aus der Zwickmühle geholfen hat.

Interessanter bleibt „Förchtbar Maschien“ daher als Momentaufnahme einer fremdartigen, aus den Fugen geratenen, auf bizarre Weise aber durchaus funktionierenden, kafkaesken, ´gotischen´ Welt, die man betrachten aber wohl nicht wirklich verstehen kann; selbst ihre Bewohner scheinen dies schon lange aufgegeben zu haben.

„Förchtbar Maschien“ zeigt seinen Autor auf der Höhe seiner Fähigkeiten und seines Talents. Von der Komplexität des Buches sollte man sich deshalb nicht abschrecken lassen. Wer es lieber langsamer angehen möchte, beginne lieber mit einem der konventionelleren Banks-Romane. Der Autor vermag seine Fabulierkunst durchaus einer stringenten Erzählweise unterordnen. in seinem „Culture“-Zyklus greift er die bekannten und beliebten Motive der klassischen Space Opera auf, um sie behutsam bis radikal zu modernisieren. Doch Vorsicht: Auch der ´gezähmte´ Banks schlachtet gern manche heilige Genre-Kuh.

P. S.: Der Originaltitel bildet ein hübsches Wortspiel, das in der Übersetzung verloren geht: Die seltsame Welt des Iain Banks wirkt tatsächlich bevölkert von Dschinns, geisterhaften Wesen, die ihren Flaschen entflohen sind.

(Dr. Michael Drewniok, April 2013)

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