Interview mit Akram El-Bahay

„Jeder meiner Charaktere besitzt einen eigenen Kopf.“

Im August letzten Jahres erschien Akram El-Bahays Debütroman Flammenwüste, in diesem Jahr folgt die Fortsetzung. Im Interview erzählt El-Bahay über seine Inspiration, Vorbilder und glückliche Zufälle.

Phantastik-Couch.de: Hallo Akram. Könntest Du uns zu Beginn ein wenig von Dir erzählen? Was machst Du, wenn Du nicht vor der Tastatur Platz nimmst, um Dir für Deine Leser Geschichten einfallen zu lassen?

Akram El-Bahay: Gerne. Ich bin 38 Jahre alt und wohne im Rheinland. Meinen orientalischen Namen habe ich von meinem ägyptischen Vater erhalten. Schreiben war und ist meine Leidenschaft, aber für einige Hobbies habe ich natürlich auch noch Zeit. Genauer gesagt sind es drei. Ich koche sehr gerne (besonders Mittelmeerküche – spanisch, italienisch, griechisch und natürlich arabisch). Im Grunde ist kochen wie schreiben. Man mischt verschiedene Zutaten miteinander. Wenn man das gut macht, kommt dabei etwas heraus, das andere genießen können. Und je mutiger man bei der Auswahl der Zutaten ist, desto einzigartiger kann das Ergebnis sein. Außerdem laufe ich gerne, was sich gewichtstechnisch sehr gut mit dem Kochen ergänzt. Daneben gehe ich regelmäßig zum Fußball(gucken).

Phantasthik-Couch.de: Wie kamst Du zum Schreiben?

Akram El-Bahay: Geschichten habe ich mir schon seit der Grundschule ausgedacht und der Wunsch, einen Roman zu schreiben, bestand schon seit Langem. Richtig ernst wurde es erst, als meine Frau einmal meinte, dass ich es einfach versuchen sollte. Und das habe ich dann getan. Die Idee zu Flammenwüste, meinem Debütroman, basiert auf meinen arabischen Wurzeln. Eine Drachen-Fantasy-Geschichte, die in einer Welt mit Motiven aus „Tausendundeine Nacht“ spielt.

Phantastik-Couch.de: Was mich gleich zur nächsten Frage bringt – Dein Erstling wurde bei Bastei Lübbe publiziert. Wie kamst Du zu einem Vertrag mit einem Großverlag – heutzutage ja wieder eher eine Ausnahme als die Regel?

Akram El-Bahay: Dass es mit Bastei Lübbe geklappt hat, war für mich ebenso unerwartet wie erfreulich. Als meine Agentin Anja Koeseling (Scriptzz) hörte, dass Bastei Lübbe nach einer Drachengeschichte sucht, hat sie alles Nötige in die Wege geleitet und Flammenwüste ins Spiel gebracht. Einen Verlag dieser Größe zu finden war natürlich ein Glücksgriff. Und dazu kommt er noch aus dem Rheinland, gewissermaßen aus der Nachbarschaft.

Akram El-Bahay

Phantastik-Couch.de: Kann man aus Deiner Sicht Flammenwüste als Der kleine Hobbit mit Drachen in der farbenprächtigen Kulisse aus Tausendundeine Nacht beschreiben, oder tut man dem Roman damit unrecht?

Akram El-Bahay: Nun, das ist natürlich ein ziemlich schmeichelhafter Vergleich, denn Der kleine Hobbit ist ein wirklich großartiges Buch. Aber im Grunde stimmt es. Die Idee zu Flammenwüste geht tatsächlich auf Der kleine Hobbit zurück. Die Vorstellung von Drachen in einer orientalischen Wüstenwelt hatte ich schon lange im Kopf. Und zwar seit ich das erste Mal im Hobbit von Bilbo Beutlins voreiligem Versprechen gelesen habe, er werde „mit den Lindwürmern in der letzten Wüste kämpfen“. Das Bild hat mir gut gefallen und in Flammenwüste wollte ich herausfinden, wie sich Drachen in eine orientalische Märchenwelt einfügen und wie sie auf die traditionellen arabischen Sagengestalten aus Tausendundeine Nacht reagieren würden.

Phantastik-Couch.de: Du hast sehr viel orientalisches Flair in die Handlung hineinverwoben. Wie kamst Du hier auf die Ideen, wo hast Du recherchiert und was entsprang dabei Deiner Imagination, was hast Du an tatsächliche Überlieferungen angelehnt?

Akram El-Bahay: Dass Flammenwüste in einer orientalischen Wüstenwelt spielt, hat viel mit meinem familiären Hintergrund zu tun. Denn als Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter bin ich mit Märchen aus verschiedenen Welten aufgewachsen. Daher war für mich von Anfang an klar, dass mein Roman Einflüsse beider Welten widerspiegeln sollte. Ein wichtiger Teil der Recherche bestand dann darin, sich intensiv mit den echten Erzählungen aus Tausendundeine Nacht auseinanderzusetzen. Mit Sindbad und Aladin haben sie tatsächlich nichts gemeinsam. Zu den Wesen, die den Weg aus Tausendundeine Nacht in die Welt von Flammenwüste gefunden haben, zählen Ghoulas, Ifriten und Dschinnen. Die Schattengestalten, die aus der Angst der Menschen heraus entstandenen sind, und die Sammler, in deren Besitz sich die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher befindet, entspringen hingegen meiner eigenen Vorstellung.

Phantastik-Couch.de: Nun gibt es gerade Fantasy mit asiatischem oder arabischem Einschlag, zumindest auf dem deutschen Markt, recht wenig. Kai Meyer hat hier ein wenig die Tür aufgestoßen, scheiterte letztlich aber am Phlegma der teutonischen Leserschaft, sich auf unbekannte und neue Kulturen einzulassen. Ist das für Dich eher ein Manko, oder eine Herausforderung?

Akram El-Bahay: Ich sehe da ehrlich gesagt kein Phlegma. Vermutlich liegt die relativ niedrige Zahl an Fantasy-Romanen mit orientalischem Hintergrund mehr an den Autoren, die lieber den klassischen Ansatz im europäischen Mittelalter wählen. Grundsätzlich muss die Welt in einem High-Fantasy-Buch so gestaltet sein, dass der Leser sie gerne betritt und den Helden folgen will. Ich würde gerne selbst durch die Städte spazieren, die an die Tiefe Wüste grenzen und hoffe, dass man das dem Roman auch anmerkt. Die Welt in Flammenwüste ist keine Kulisse, sondern eine lebendige Umgebung. Ich bin überzeugt davon, dass orientalische Welten noch vielen Geschichten als Rahmen dienen können. Um noch mal auf das Kochen zu kommen: Die Mischung muss stimmen.

Phantastik-Couch.de: Wie erlebst Du die Reaktionen auf Deinen Roman und das orientalische Flair?

Akram El-Bahay: Den Lesern scheint das orientalische Flair zu gefallen. Zumindest hat sich bisher noch niemand darüber beklagt, dass ihm oder ihr die Welt in Flammenwüste zu fremd sei. Ich glaube, gerade die Mischung aus bekannten Elementen wie den Drachen und dem ungewöhnlichen Rahmen der Geschichte hat ihren ganz eigenen Reiz.

Phantastik-Couch.de: Das bringt mich zu der Frage, welche Autoren Du bewunderst, wer Dich inspiriert hat?

Akram El-Bahay: Hauptinspirationsquelle für Flammenwüste waren definitiv die Erzählungen aus Tausendundeine Nacht. Und natürlich Tolkiens Der kleine Hobbit, über den wir ja schon gesprochen haben. Auch Der Herr der Ringe muss ich hier erwähnen. Das ist sicher nicht überraschend, aber Tolkien hat mit ihm einfach den Maßstab für moderne Märchen gesetzt. Daneben haben mich Michael Ende und Cornelia Funke geprägt.

Phantastik-Couch.de: An was arbeitest Du gerade? Ich hörte etwas von einer Fortsetzung zur Flammenwüste munkeln, zumal das Schicksal so einiger Figuren ja beileibe noch nicht abschließend erzählt ist.

Akram El-Bahay: Ja, Flammenwüste geht definitiv weiter. Ohne an dieser Stelle zu weit vorgreifen zu wollen, dreht sich der zweite Band natürlich wieder um den jungen Geschichtenerzähler Anûr ed-Din. Er muss nun den Ursprung aller Magie vor einem dunklen Magier schützen. Anûrs Entwicklung rückt dabei stärker in den Fokus. Im zweiten Band taucht der Leser gemeinsam mit ihm tiefer in die Welt von Flammenwüste ein. Anûrs Weg hin zu dem Helden, der er immer schon sein wollte, steht dabei ebenso im Mittelpunkt wie seine Beziehung zu den Drachen. Die Reise führt ihn und seine Freunde an bislang unbekannte Orte, die der orientalischen Wüstenwelt aus dem ersten Band neue Facetten geben. Anûr muss sich in einem heraufziehenden Konflikt beweisen und darf dabei seine Aufgabe nicht vernachlässigen. Sie besteht natürlich in nichts Geringerem, als die Welt zu retten. Vor dem ersten aller Worte. Was sonst könnte in einer Wüstenwelt voller Stille gefährlicher sein?

Phantastik-Couch.de: Hast Du noch andere Ideen und Manuskripte in der Schublade – und wirst Du dem Bereich der orientalisch angehauchten Fantasy verpflichtet bleiben?

Akram El-Bahay: Ideen habe ich natürlich so einige. Manche haben einen stärkeren Orientbezug, andere einen schwächeren. In einer Geschichte geht es um Träume, in einer anderen um ein eisernes Herz. Völlig ohne Orientbezug kommen die meisten Ideen nicht aus. Irgendwie gehört das bei mir dazu, auch wenn die angesprochenen Geschichten nicht in der Wüste spielen.

Phantastik-Couch.de: Es fällt auf, dass Dein Werk auch eine humorvolle Note auszeichnet. Lachst Du gerne, ist Humor in Deinem Leben wichtig?

Akram El-Bahay: Sehr wichtig sogar. Außerdem mag ich es, wenn die manchmal sehr ernste und heroische Stimmung in Fantasy-Geschichten durch Humor gebrochen wird. Ein Beispiel ist der fliegende Teppich in Flammenwüste: Er ist keineswegs das erhabene wundersame Artefakt, als das er in dem Film „Der Dieb von Bagdad“ dargestellt wird. In Flammenwüste ist er vielmehr die magische Version eines ziemlich störrischen Kamels.

Phantastik-Couch.de: Wie viel von Dir selbst steckt in Anûr?

Akram El-Bahay: Wahrscheinlich ziemlich viel. Auch wenn der Roman nicht in der Ich-Form geschrieben ist, erlebt der Leser den größten Teil der Geschichte durch Anûrs Augen. Und für mich als Autor bedeutet das, dass ich die Geschichte aus seiner Sicht schreibe. Da nimmt Anûr unweigerlich viel von mir an. Außerdem finde ich sein Alter ziemlich spannend. Er ist an der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Ein wenig zu jung, um schon auf eigenen Beinen zu stehen, aber alt genug, um sich auf ein Abenteuer einzulassen, dessen Ausmaß er nicht abschätzen kann.

Phantastik-Couch.de: Benutzt Du reale Personen als Vorbilder für Deine Figuren?

Akram El-Bahay: Echte Personen haben in einigen Fällen Pate für Charaktere aus Flammenwüste gestanden (Natürlich werde ich nicht verraten, wer wem als Vorlage diente). Einige sind Schauspieler, andere sind Bekannte oder Verwandte. Allerdings sind es meist nur einzelne Wesenszüge, die ich verwende. Ich finde es sehr wichtig, dass Anûr, Meno und all die anderen Menschen und Geschöpfe eine eigene Identität haben. Oft entwickeln sie sich beim Schreiben. Jeder von ihnen besitzt einen eigenen Kopf.

Phantastik-Couch.de: Wann und wo schreibst Du? Zu Hause oder hast Du ein ruhiges Plätzchen wo Du Dich ganz auf Deine Muse konzentrieren kannst?

Akram El-Bahay: Auch wenn ich eigentlich gerne lange schlafe, ist die beste Zeit zum Schreiben früh morgens am Wochenende, noch bevor die Sonne aufgegangen ist. Es muss auf jeden Fall absolut still sein zum Schreiben.

Phantastik-Couch.de: Wie lang dauert es von den ersten Notizen bis ein Buch fertig ist?

Akram El-Bahay: Zwischen dem Exposé und dem fertigen Manuskript liegen einige Monate. Bei Flammenwüste waren es natürlich einige mehr als nun bei dem zweiten Band. Beim ersten Roman musste ich ja noch lernen, wie man überhaupt einen Roman schreibt.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir für die Zukunft alles Gute!

Akram El-Bahay: Vielen Dank, dass ich hier etwas über Flammenwüste erzählen durfte.

Das Interview führte Carsten Kuhr im Februar 2015.