Interview mit Alisha Bionda

„Ich möchte den Lesern immer die bisher gewohnte Qualität, aber auch eine Steigerung oder ein Novum anbieten, eine Mischung aus namhaften Autoren und tollen Newcomern, aber vor allem eine Mixtur aus Text und Bild und auch interessante Themen oder Leitfäden.“

Alisha Bionda, Autorin, Herausgeberin, Journalistin, Preisträgerin und Teamworkerin hat mit DARK LADIES I und II www.fabylon-verlag.de/programm.php zwei neue Anthologien mit einem ungewöhnlichen Konzept auf den Markt gebracht. Ausgewählte AutorInnen sollten Bilder der Künstlerin Gaby Hylla www.gabyhylla-3d.de vertexten. Bei den 3D-Grafiken handelt es sich um die fantasylastigen und düsteren „Dark Ladies“, die allesamt an Gaby Hyllas heimischem PC entstanden sind. Die Herausgeberin war bereit, uns etwas zur Entstehung der Dark Ladies-Bände und zu ihren kommenden Projekten zu verraten.

Phantastik-Couch.de: Du bist beim Internet-surfen auf die Webseite von Gaby Hylla gestoßen. Ähnlich geartete Webseiten gibt es ja zuhauf. Was hat Dich gerade an Gaby Hyllas Bildern gefangen genommen?

Alisha Bionda: Die Tatsache, dass ich eigentlich keine 3D-Grafiken mag, mir Gaby Hyllas aber gefallen, war für mich das Ausschlaggebende. Mir sind ihre Grafiken schon früher aufgefallen und ich besuche ihre Seite seither regelmäßig. Mir gefielen etliche ihrer düsteren Damen, da war schnell die Idee zu den DARK LADIES geboren.

Im Herbst gibt es in meiner beim Sieben Verlag herausgegebenen ARS LITTERAE-Reihe ein ähnliches Projekt.
Gaby Hylla hatte gerade ihre neuen SAD ROSES-Grafiken online gestellt, als ich sie entdeckte und mir sofort „sicherte“. Die Grafiken schrien für mich wieder förmlich danach vertextet zu werden. Und bis auf eine Story liegen mir auch schon alle vor. Ich denke, auch das wird wieder eine interessante Mischung werden. Zumal auch der ein oder andere Autor vertreten sein wird, der in den DARK LADIES nicht mitgewirkt hat. z.B. Katja Brandis, die durch ihre Fantasyromane bei Ueberreuter bekannt wurde. Aber auch Ascan von Bargen, dessen Stil mir ausgezeichnet gefällt. Ebenso ist Erik Hauser das erste Mal in einer meiner Anthologien vertreten.

Phantastik-Couch.de: Wie hat Gaby Hylla reagiert, als Du ihr deine Idee vorgetragen hast, Bilder von ihr quasi vertexten zu lassen?

Alisha Bionda: Sie hat sofort zugesagt, was mich sehr gefreut hat. Und ich verrate sicher nicht zu viel, dass ich bereits schon wieder eifrig neue DARK LADIES sammle – (hehe). Doch nun müssen erst die Bände I & II ordentlich durch die Lande ziehen. Wir arbeiten an geeigneten Präsentationen auf Cons, Messen und sonstigen Locations, sodass die Leser auch die Autoren live erleben und sich ihre Exemplare signieren lassen können.

Phantastik-Couch.de: Du selbst hast die Grafiken den jeweiligen AutorInnen zugeordnet. Kannst Du sagen, was dabei für Dich den Ausschlag gab, gerade diese Dame eben jenem/r AutorIn anzuvertrauen?

Alisha Bionda: Da habe ich rein intuitiv gewählt. Bei manchen Grafiken hatte ich direkt beim Aussuchen schon einen Autor im Kopf, bei anderen habe ich erst eine Auswahl getroffen, nachdem die Autoren zugesagt hatten. Mit den meisten Autoren, die ich in die DARK LADIES aufgenommen habe, habe ich schon mehrfach zusammengearbeitet und sie werden auch in einigen Folgeprojekten vertreten sein. Von daher kenne ich ihre Stile sehr gut, aber auch die Richtungen, die sie gerne einschlagen. Aber gerade bei diesem Projekt muss ich sagen, hat mich so mancher sehr erstaunt – im positiven Sinne.

Phantastik-Couch.de: Für mich haben beide Dark Ladies-Bände ein ungewöhnlich rundes Bild ergeben. Hattest Du eine bestimmtes Rezept, was Anordnung und Mischung der Geschichten in den einzelnen Bänden angeht?

Alisha Bionda: Erst einmal vielen Dank. Das freut mich und war auch mein Wunsch. Ich wollte eine möglichst große Bandbreite anbieten. Ich habe die Texte mehrfach gelesen, die Zeit investiere ich in jede Anthologie. Ich lasse die Texte mehr als einmal auf mich wirken, lasse sie immer wieder sacken und nehme – wie jetzt in den beiden Bänden – eine möglichst große Palette auf. Sei es von Stilen und Plots, aber auch der Länge der Texte.
Aber auch das ist je nach Projekt unterschiedlich. Es wird auch Anthologien geben, in denen die Beiträge die gleiche Länge haben. Und auch immer mal wieder Bände, in denen es recht unterschiedlich ist. In den DARK LADIES hat mich das besonders gereizt, z.B. die längere Story von Corina Bormann und dann wieder die eher textlich kurzen Momentaufnahmen von Barbara Büchner, die dennoch sehr „dicht“ sind – und bisher auch sehr gut ankommen. Sie sind wie die Prise Safran, die den Kuchen gelb macht. Da sind wir wieder bei der Gemeinschaft, die eine solch gelungene Mischung bedingt.

Phantastik-Couch.de: Mir hat sehr gefallen, dass schon rein äußerlich die Idee im Vordergrund steht und die Dark Ladies nicht mit bekannten Namen in Großschrift auf Leserfang gehen. Vornehmes Understatement also. War das Deine Entscheidung?

Alisha Bionda: Dass die Idee im Vordergrund steht, freut mich bei diesem Projekt sehr, da ich in der Vergangenheit hin und wieder damit zu kämpfen hatte. Plakative Namen waren noch nie „mein Fall“ und ich lehne das mittlerweile rigoros ab. Aus mehreren Gründen: Erstens muss das Projekt im Gesamtbild überzeugen. Zweitens beleidigt es die Intelligenz der Leser, wenn man so tut, als ob man sie mit bestimmten Namen ködern könnte (ich glaube aber schon von je her, dass man damit eher das Gegenteil bewirkt) und drittens – was für mich viel schlimmer ist – beleidigt man auch öffentlich damit die anderen Autoren. Ich lehne eine solche Klassifizierung ab. Für mich zählen alle Autoren eines Projektes gleich. Sie alle machen das Buch in seiner Gesamtheit aus und tragen dazu bei, wenn es gut ankommt. Im Falle der DARK LADIES I & II bedurfte es dankenswerterweise dahingehend keiner Entscheidung, da Uschi Zietsch (Anmerkung E.H.: die Fabylon-Chefin) eben solches wohl auch ablehnt, denn es wurde gar nicht erst Thema. Wir schwingen da fast hundertprozentig auf einer Wellenlänge, was solche wichtigen Parameter angeht. Da bedarf es keiner Worte.

Phantastik-Couch.de: Du hast bereits zweimal den „Deutschen Phantastik Preis“ für Deine Anthologien erhalten („Der ewig dunkle Traum“ und „Der dünne Mann“) und auch die DARK LADIES sind wieder heiße Anwärterinnen auf den diesjährigen Titel. Was ist das Geheimnis Deines Erfolges als Herausgeberin?

Alisha Bionda: Ob die beiden Bände Anwärter dafür sind, bleibt erst einmal abzuwarten, was sonst in dieser Kategorie im Lauf des Jahres herauskommt und wie viele Leser schlussendlich ihre Stimmen dafür abgeben. Wenn sie es für die DARK LADIES täten, würde mich das natürlich freuen, weil wir alle dann den Lesern zwei sehr schöne Bücher und gute Unterhaltung und ansprechende Optik (dann auch die sollte für Nominierungen entscheidend sein) geboten haben und die Leser das dann honorierten.
Ein Geheimnis gibt es im Grunde nicht. Ich versuche bei jedem neuen Anthologieprojekt einen Spagat hinzulegen. Ich möchte den Lesern immer die bisher gewohnte Qualität, aber auch eine Steigerung oder ein Novum anbieten, eine Mischung aus namhaften Autoren und tollen Newcomern, aber vor allem eine Mixtur aus Text und Bild und auch interessante Themen oder Leitfäden. Ich glaube, dass man den Anthologien, die ich herausgebe, anmerkt, dass sie einem guten Teamgeist entspringen. Ein Projekt überzeugt umso mehr, wenn man die Seele aller, die ihr Bestes gegeben haben, darin verspürt. Ich glaube das Geheimnis, (das somit keines mehr ist) liegt darin, dass ich solche Projekte nicht als meine ansehe, sondern als die aller daran Beteiligten.

Phantastik-Couch.de: Wenn man sich die Vorschau auf Deiner Website ansieht, warten da nicht weniger als zehn gemischte Anthologien in den nächsten zwei Jahren auf die Leser, obwohl solche Sammlungen erfahrungsgemäß einen schweren Stand im Buchhandel haben. Bist Du als Leserin ein Anthologienfan?

Alisha Bionda: Bis mich Wolfgang Hohlbein einlud, eine Story zu seiner ersten „Fantasy Selection“ zu schreiben, habe ich um Anthologien einen großen Bogen gemacht – ich mochte sie schlichtweg nicht. Ich habe sie weder gelesen, noch konnte ich mir vorstellen, dafür zu schreiben. Ja älter ich wurde, desto wertvoller wurden mir Kurzgeschichtensammlungen. Unter anderem ermöglichen sie mir, noch unbekannte Autoren „anzutesten“ und sie sind einfach abwechslungsreicher als manch langatmiger Roman. Ich denke, sie haben auch nur deswegen einen schweren Stand, weil in der Vergangenheit zu viele recht lieblose Sammlungen auf den Markt geknallt wurden. Oft überzeugten auch die Textauswahl und -zusammenstellung nicht. Ich glaube aber, dass Anthologien, wenn sie gut gemacht sind, sehr wohl ihre Leser finden. Und es gilt sowohl für Herausgeber, als auch für Verlage diese Literaturgattung wieder mehr zu stärken und ihr einen festen und respektablen Platz auf dem Markt einzuräumen.

Phantastik-Couch.de: Wie gelingt es Dir Autoren wie Christoph Marzi (Uralte Metropole, Malfuria, Fabula) und Christoph Hardebusch (Trolle, Sturmwelten), die in großen Verlagen erfolgreich sind, für eine Anthologie mit naturgemäß kleinerem Publikum zu gewinnen?

Alisha Bionda: Ich frage in der Regel höflich an, und wenn mir das Glück hold ist, der Autor Zeit hat und ihm das Projekt gefällt, erhalte ich eine Zustimmung (und tanze freudig auf dem Tisch). Aber leider gibt es auch eine Handvoll Autoren, von denen ich immer wieder Körbe erhalte. Aber ich gebe auch da niemals auf, frage immer wieder bei geeigneten Projekten nach und nehme Absagen nicht persönlich. Mal klappt es halt und mal nicht. Die meisten Autoren – so wie ich – haben ja ihre festen Planungen und können nicht allen Anfragen nachkommen – auch wenn sie es gerne wollen. Ich glaube aber, es hat sich langsam herumgesprochen, dass ich die Anthologien auch gut betreue, von der Entstehung bis hin zur Vermarktung (wenn die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Verlag stimmt, vorausgesetzt). Von daher wissen die Autoren, die schon an mehreren meiner Projekte mitgewirkt haben, was sie von der Zusammenarbeit zu erwarten haben und auch können. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum einige dann doch beinahe regelmäßig zustimmen, worüber ich mich sehr freue.

Phantastik-Couch.de: Mich persönlich hat die Idee des antiken Dr. Moreau aus „Stadttiere“ sehr fasziniert, der seine Tier-/Mensch-Hybriden mit mythologischer Hilfe erschaffen möchte. Hattest Du beim Sichten der Beiträge ein ähnliches „Wow“-Erlebnis? Darfst Du als Herausgeberin Favoriten haben?

Alisha Bionda: Ich habe beim Lesen jeder Story, die ich dann schlussendlich aufnehme, ein solches. Natürlich unterschiedlicher Natur und sicher habe ich auch Favoriten, die ich aber niemals verraten würde. Ich denke, es ist verständlich aus welchem Grund. Aber jeder Beitrag berührt mich auf seine Weise. Der Duktus muss stimmen. Natürlich gibt es immer wieder Stories, die mir noch tagelang im Kopf herumtappern, weil sie mich besonders erreicht haben.

Phantastik-Couch.de: Sieht man sich deine geplanten Arbeiten an, fällt auf, dass Du ungewöhnlich viel Wert auf die Kombination Story/Grafik legst. Fast schon ein Markenzeichen, das Deine Veröffentlichungen auszeichnet. Hast Du bereits schon von Anfang an Ideen, welche Autoren und Grafiker gut harmonieren?

Alisha Bionda: Erst einmal vielen Dank, dass Du das ansprichst, denn das trifft es auf den Punkt. Ich finde in der Masse der jährlichen Neuerscheinungen kann der Leser neben einem guten Text auch eine sehr gute Optik erwarten. Und dazu zählen in meinen Augen auch Innengrafiken. Darüber hinaus leben wir in einem visuellen Zeitalter. Wie zu jeder CD schon lange der passende Videoclip gehört, so gehört m.E. eine gute Bebilderung zu jedem guten Text. Bei den Anthologien, in denen ich die Grafiken erst anhand der Texte fertigen lasse, schicke ich dem jeweiligen Künstler meinen Grafikwunsch, und oute mich gleich als „schwierig“. Ich bin Perfektionistin und habe da schon oftmals meine Änderungswünsche, was die Grafiken angeht, da ich da präzise Vorstellung über das jeweilige Motiv habe. Mit Künstlern, mit denen ich schon länger zusammenarbeite, wie z.b. Mark Freier und Crossvalley Smith ist das aber kein Problem, das geht sehr konstruktiv zu und sie kennen auch mittlerweile was ich mag und was nicht, und treffen meinen Grafiknerv dann schon zu 90% recht zielsicher. Über den Rest wird dann diskutiert. Aber ich liebe auch diesen Teil der „Arbeit“ – denn ich habe das große Glück da mit Leuten zu wirken, wo die Chemie, trotz manchmal kontroverser Diskussionen, stimmt. Die Chemie und vor allem der gegenseitige Respekt. Letzterer ist wichtig und unerlässlich in langjährigen Zusammenarbeiten.

Phantastik-Couch.de: Obwohl Du in verschiedenen Disziplinen aktiv bist, überwiegt Dein phantastisches Oeuvre. Bist du selbst eine „Dark Lady“?

Alisha Bionda: Eine sehr schwierige Frage, die man nicht mit einen Ja oder Nein beantworten kann. Rein optisch bin ich es auf jeden Fall, da ich fast ausschließlich schwarz trage, beinahe mein ganzes Leben lang. Das ist die Farbe, in der ich mich immer wohlgefühlt habe. Aber ich gehöre keiner Gruppierung an. Bin also nicht Gothic oder so, sondern einfach ein Mensch, der sich mit Dunklem wohler fühlt. Mich sprechen auch eben jene Menschen mehr an. Ich mag die stillen, dunklen, in sich ruhenden Menschen. Schrille, laute Pausenclowns sind nicht mein Ding. Vielleicht passt die Bezeichnung „dunkel-romantische Einsiedlerin mit einem kleinen, feinen Menschenkreis um sich“ es am ehesten. Ich habe eine sanfte Spröde in mir. Nicht jeder kann damit umgehen. Weil sich die meisten Menschen nicht die Mühe machen hinter das Spröde zu blicken. Diese würden mich sicher als „rein dark“ bezeichnen.

Phantastik-Couch.de: Danke Dir für das Interview.

Alisha Bionda: Nichts zu danken, immer wieder gerne!

Dieses Interview führte Elmar Huber.