Interview mit Andreas Eschbach

„Eigentlich habe ich selten das Gefühl, dass ich es bin, der eine Geschichte entwickelt, sondern es kommt mir oft vor, als entwickele sie sich von selber.“

Zu den wichtigsten und bekanntesten Science-Fiction Autoren aus Deutschland zählt ganz sicher Andreas Eschbach. Denn seit Jahren bereichert er die Science-Fiction und Mystery-Thriller Landschaft mit Büchern wie „Herr aller Dinge“ oder „Ausgebrannt“, Werken voller visionärer Kraft. Sieht er sich selber so, als ein „Visionär“? Und warum behandelt er auch ökologische Themen, wie die fortwährende Vergiftung unserer Welt durch Chemikalien? Diese und andere Fragen beantwortete uns Andreas Eschbach im Interview mit Phantastik-Couch.

Phantastik-Couch.de: Herr Eschbach, welchen Beruf hätten Sie, wenn Sie nicht Schriftsteller wären? Wären Sie gern Erfinder?

Andreas Eschbach: Nein, zum Erfinder würde ich nicht taugen. Würde ich keine Romane schreiben, würde ich Software schreiben, wie ich es früher getan habe.

Phantastik-Couch.de: Futuristische Ideen prägen ihre Bücher und scheinen Sie zu faszinieren. Sehen Sie sich selbst als ein Visionär oder Utopist? Wie viel von Hiroshi aus „Herr aller Dinge“ steckt in Ihnen?

Andreas Eschbach: Mit dem Begriff „Futurismus“ identifiziere ich mich nicht, mein Interesse gilt der Zukunft der Menschen, was etwas anderes ist. Ein Visionär ...? Nein – leider, muß man sagen, denn nichts fehlt uns heutzutage so sehr wie die Vision einer besseren Zukunft. Wobei ich die Hoffnung nicht aufgebe, daß mir vielleicht doch eines Tages eine solche Vision zufällt.

Phantastik-Couch.de: Wann kam Ihnen zum ersten mal der Gedanke, dass die Idee, die Armut abzuschaffen, ein ergiebiges Thema für einen Roman sein könnte?

Andreas Eschbach: Das war nicht die Ausgangsidee von „Herr aller Dinge“, sondern ein Aspekt, der sich erst im Lauf der Entwicklung des Stoffes ergeben hat. Ausgangspunkt war die Idee für die Maschine, die Hiroshi im Verlauf der Geschichte baut, und diese Idee kam mir im Juni 1996. Sie sehen, meine Ideen müssen oft lange reifen, ehe ein Buch daraus werden kann.

Phantastik-Couch.de: Die wesentlichen „Elemente“, die „Herr aller Dinge“ prägen, sind: ein genialer Erfinder, die Roboter- und Nanotechnologie und die Idee der Überwindung der Armut. Wie haben Sie die Geschichte entwickelt?

Andreas Eschbach: Eigentlich habe ich selten das Gefühl, dass ich es bin, der eine Geschichte entwickelt, sondern es kommt mir oft vor, als entwickele sie sich von selber. Im Fall von „Herr aller Dinge“ war es in ganz besonderem Maße so. Im Grunde mußte ich nur abwarten, bis mir alle wesentlichen Elemente der Handlung eingefallen waren, dann konnte ich loslegen. Natürlich muß man dann immer noch ein wenig recherchieren und das eine oder andere Problem der Handlungslogik lösen, aber das war in diesem Fall vergleichsweise einfach.

Andreas Eschbach

Phantastik-Couch.de: Bevor der Roman „Herr aller Dinge“ dazu kommt, das „Wie“ dieser verrückten Idee zu enthüllen, widmet er sich ausgiebig den Hauptprotagonisten Hiroshi und Charlotte, ihrer Kindheit, ihrer Studienzeit, ihrer Freundschaft und aufkeimenden Liebe zueinander. War es Ihnen ein besonderes Anliegen, die beiden Figuren dem Leser nah zu bringen?

Andreas Eschbach: Ja. Ich hatte zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten vor dem inneren Auge, die schicksalhaft miteinander verbunden sind, obwohl sie in fast jeder Hinsicht das Gegenteil voneinander sind. Hiroshis überragendem technischen Verständnis steht Charlottes ungeheuerliche Sprachbegabung gegenüber, seine unerhörte Zielstrebigkeit kontrastiert mit ihrer genauso unerhörten Richtungslosigkeit, seine Obsession mit Reichtum und Besitzfragen wird durch ihre diesbezügliche Gleichgültigkeit gespiegelt, und so weiter. Das war es alles wert, so geschildert zu werden, daß man die Figuren tiefer kennenlernt als nur als Handlungsträger.

Phantastik-Couch.de: Als ehemaliger Student der Raumfahrttechnologie haben Sie natürlich ein Verständnis für Technik. Trotzdem, wie viel Recherchearbeit mussten sie investieren, um die Roboter- und Nanotechnologie erläutern zu können? Nutzen Sie hauptsächlich das Internet dafür, oder klappern Sie auch Forschungsinstitute ab?

Andreas Eschbach: Das hängt immer von der Frage ab, die man hat. Für manche Dinge ist das Internet besser, für andere muß man in eine Bibliothek gehen. Meistens nutze ich das Internet, um herauszufinden, was für Bücher ich lesen muß, und die lese ich dann. Und nur falls ich dann noch ganz spezielle Fragen habe, wende ich mich an Fachleute. Man muß seine Hausaufgaben machen, ehe man das tut, denn sonst kann man schon mal gar nicht die richtigen Fragen stellen!

Phantastik-Couch.de: Der Roman „Herr aller Dinge“ beginnt wie ein Jugendbuch mit einer ausführlich beschriebenen Kindheit und der Studienzeit der Hauptfiguren Hiroshi und Charlotte. Zudem möchte man das Buch aufgrund seiner Vision, die Armut überwinden zu wollen, als Utopie betrachten. Nun ist aber die Jugendbuch-Dystopie gerade der Trend im phantastischen Buchmarkt. Wollten Sie dem etwas entgegen setzen?

Andreas Eschbach: Nein, darum ging es mir überhaupt nicht. Dystopien sind nun weiß Gott nichts Neues, neu ist lediglich, daß sie im Jugendbuch gerade trendy sind. Und dass „Herr aller Dinge“ ein paar Seiten lang von der Kindheit seiner Hauptfiguren erzählt, macht es ja auch nicht zum Jugendbuch. Abgesehen davon möchte ich meinen, dass im Finale von „Herr aller Dinge“ eine Dystopie aufblitzt, gegen die alle anderen, die Sie je gelesen haben, Pillepalle sind.

Phantastik-Couch.de: Was verbindet Sie mit Japan? Warum beginnt die Geschichte des Romans „Herr aller Dinge“ in Tokio?

Andreas Eschbach: Mit Japan verbindet mich nichts Besonderes, auch wenn es in meinen Romanen schon öfter Thema war (in „Solarstation“ zum Beispiel) ­- das Land und seine Kultur ist eben ein Teil unserer Welt, und ein interessanter dazu: Das genügt mir schon. Im Fall von „Herr aller Dinge“ war es so, dass schon relativ früh feststand, daß die Hauptfigur der Sohn eines Amerikaners und einer Japanerin sein mußte. Aber fragen Sie mich nicht, wieso! Manche Dinge tauchen so „fertig“ in meinem Kopf auf, dass ich sie mir anders nicht mehr vorstellen kann, und Hiroshi war so jemand. Dann muß man als Autor einfach damit umgehen. In diesem Fall mußte ich eben wieder ziemlich viel über Japan recherchieren.

Phantastik-Couch.de: Wann ist Ihnen die Idee gekommen, die Vergiftung der Menschen durch Quecksilber an der Südküste Japans als ein handlungstreibendes Motiv zu verwenden? Als Leser denkt man hier natürlich auch an mögliche Folgen der Atomkatastrophe in Fukushima im März 2011. Welche Lehren sollten Ihrer Meinung nach aus derartigen Katastrophen gezogen werden?

Andreas Eschbach: Dass wir uns durch die unbedachte massenhafte Freisetzung chemischer Substanzen aller Art in vielerlei Hinsicht zunehmend vergiften ­- und das irreparabel und, wenn man nicht die Möglichkeiten zur Verfügung hat, wie sie Hiroshi besitzt, auch unumkehrbar -, ist etwas, das mich schon lange beschäftigt. Die Katastrophe von Minamata ist dafür nur eines von vielen Beispielen, die von Fukushima ein anderes. Die Lehre, die wir ziehen sollten – aber nicht ziehen – ist meines Erachtens die, dass wir der Natur mit mehr Ehrfurcht begegnen sollten, anstatt zu denken, dass die ganze Welt Verfügungsmasse unserer Wünsche ist. Banal, oder? Es nicht schwierig, das einzusehen. Aber unsere Wünsche sind offensichtlich stärker als unsere Einsichtskraft.

Phantastik-Couch.de: Ein interessantes Kapitel auf Ihrer Homepage ist „Über das Schreiben“. Sie räumen dort gründlich mit dem Mythos auf, dass Schreiben reich und berühmt macht. Warum schreiben Sie also?

Andreas Eschbach: Weil es mir mehr Freude bereitet als jede andere Tätigkeit.

Phantastik-Couch.de: Eines ihrer Bücher nämlich „Das Jesus Video“ ist ja verfilmt worden. Kann man mit als Autor mit einer Verfilmung überhaupt zufrieden sein, oder wird nicht immer etwas Wichtiges fehlen?

Andreas Eschbach: Oh, da gibt es schon enorme Unterschiede. Ich glaube, dass J.R.R. Tolkien mit der Verfilmung seines „Herrn der Ringe“ zufriedener gewesen wäre, als ich es mit der Verfilmung meines „Jesus Video“ war.

Phantastik-Couch.de: Würde sich das TV- oder Leinwandformat nicht auch für den Roman „Herr aller Dinge“ anbieten?

Andreas Eschbach: Das zu beurteilen ist nicht meine Sache, sondern die eines Produzenten. Ich denke mir aber, dass eine Verfilmung optisch tatsächlich sehr reizvoll sein könnte, insbesondere hinsichtlich der erforderlichen Spezialeffekte.

Phantastik-Couch.de: Schreiben Sie zur Zeit wieder an einem Roman? Können Sie uns schon ein paar Stichworte zum Thema verraten?

Andreas Eschbach: Ja. Immer. Ich schreibe gerade am dritten Band meiner *OUT-Trilogie, es geht natürlich wieder um Christopher und Serenity und die Kohärenz und darum, ob diese nun die Weltherrschaft an sich reisst oder nicht. Das Buch wird den Titel TIME*OUT tragen und vermutlich im Spätsommer erscheinen.

Phantastik-Couch.de: Wir bedanken uns herzlich, dass Sie sich Zeit für ein Interview mit uns genommen haben

Das Interview führte Eva Bergschneider im Februar 2012