Interview mit Andreas Saumweber

„Eine Figur ist mir praktisch unter den Händen weggestorben.“

Die Fantasy-Trilogie „Druidenchronik“ war eine der positiven Überraschungen der letzten Jahre. Andreas Saumweber erschuf zwei parallel existierende Welten, eine unserer modernen Welt ähnlich, die andere altertümlich, der keltischen Zivilisation nachempfunden. In beiden Welten bekriegen sich Schattenlords und Rattenmenschen, Druiden und die Inquisition auf äußerst brutale Weise. Wir haben den Arzt und Autor gefragt, wie diese komplexe Geschichte entstanden ist und ob es ihm schwer gefallen ist, so viele seiner Figuren zu opfern.

Phantastik-Couch.de: Andreas, magst du Dich unseren Lesern zuerst ein wenig vorstellen? Wo und wie lebst Du? Wie verdienst Du Deinen Lebensunterhalt und wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Andreas Saumweber: Ja, sehr gerne. Ich bin vor kurzem nach Augsburg gezogen und wohne dort in einer Vierer-WG. Im wahren Leben arbeite ich im Krankenhaus als Anästhesist und demnächst wohl auch als Notarzt. Zum Schreiben bin ich über das Rollenspiel gekommen, wo ich bemerkt habe, dass ich wohl ganz passabel Geschichten erzählen kann.

Phantastik-Couch.de: Für den Anfang Deiner Autorenlaufbahn hast Du Dir gleich eine Trilogie mit fast 2500 Seiten vorgenommen. Wie bist Du auf die Idee gekommen, eine Fantasy-Geschichte mit keltischer Mythologie zu verknüpfen und gleichzeitig in einer altertümlichen und einer modernen Welt anzusiedeln?

Andreas Saumweber: Das Grundgerüst – keltische Mythologie, eine Parallelwelt – habe ich aus einem englischsprachigen Rollenspiel entnommen, für die ich die Geschichte eigentlich schreiben wollte. Nachdem aber klar war, dass ich dort als Nicht-Muttersprachler als Autor keine Chance hatte, habe ich beschlossen, meine eigene Wege zu gehen und den Hintergrund noch einmal gründlich überarbeitet.

Phantastik-Couch.de: Wie lange hast Du insgesamt an den drei Bänden der Druidenchronik geschrieben? Wie einfach lässt sich ein solch umfangreiches Projekt mit einem Medizinstudium und der Arbeit als Arzt vereinbaren?

Andreas Saumweber: Puh, eine schwierige Frage, da ich an Schattenkrieg nicht durchgehend gearbeitet habe und lange Pausen zwischen den Schreibphasen lagen. Ich schätze, die Entstehung von Schattenkrieg alleine hat sich über ungefähr fünf Jahre hingezogen. Schattensturm entstand sehr schnell innerhalb eines Jahres. Für Schattenfluch brauchte ich dann zwei Jahre, was auch daran lag, dass mein Studium zu Ende war und der Job einiges an Zeit gefressen hat.

Andreas Saumweber

Phantastik-Couch.de: Wie hast Du das Schreiben organisiert? Wie intensiv hast Du Schauplätze und Handlungen vorab geplottet? Stand schon zu Anfang Deiner Schreibarbeit an der „Druidenchronik“ das Grundgerüst der Story?

Andreas Saumweber: Sehr unterschiedlich. Für Schattenkrieg habe ich einfach darauf losgeschrieben. Ich hatte zwar ungefähr vor Augen, wo ich hinwollte, aber das war mehr eine vage Ahnung als ein detaillierter Plan. Es ist letzten Endes auch ganz anders gekommen als anfangs angedacht. Die beiden Nachfolgebände waren deutlich durchdachter, was natürlich auch daran lag, dass mit der Veröffentlichung von Schattenkrieg ein Fixpunkt gesetzt war, den ich nachträglich nicht mehr verändern konnte.

Phantastik-Couch.de: Du hast eine Unzahl von Charakteren erschaffen und ungewöhnlich viele sehr detailliert, überwiegend ambivalent gezeichnet. Wie bist Du dabei vorgegangen? Wie vermeidet man dass viele von ihnen sich irgendwie ähnlich sind? War es Dir ein Anliegen, dass auch die „Guten“ charakterliche „Schatten“ in sich tragen?

Andreas Saumweber: Auf alle Fälle. Ich finde, zu einer guten Story gehören realistische Personen, und es ist auch im reellen Leben leider so, dass es nur sehr wenige Menschen schaffen, sich immer nur gut zu verhalten. Ein spezielles Vorgehen hatte ich dafür allerdings nicht. Nur, wenn mir eine Figur zu „glatt“ vorkam, habe ich mir tatsächlich gezielt darüber Gedanken gemacht.

Phantastik-Couch.de: Gab es eigentlich Charaktere, die Dir besonders am Herzen gelegen haben?

Andreas Saumweber: Eigentlich mag ich die meisten meiner Figuren, aber wenn ich Spitzenreiter nennen müsste, wären es wohl Veronika und Mickey.

Phantastik-Couch.de: Du bist nicht gerade schonend mit Deinen Charakteren umgegangen. Viele haben Unsägliches durchlitten, einige hast Du geopfert. Wie fühlt sich das beim Schreiben an, wenn man seine Figuren foltert oder sterben lässt?

Andreas Saumweber: Naja. Üblicherweise wollte ich ja, dass es so kommt, insofern fand ich das nie unangenehm. Allerdings ist mir auch eine Figur praktisch unter den Händen weggestorben – ihr Tod war nicht geplant, hat sich aber plötzlich ergeben, was ein deutlich stärkeres Kapitel ergeben hat als wenn sie überlebt hätte. Da habe ich lange mit mir gehadert und war tatsächlich auch ein wenig traurig, als es soweit war.

Phantastik-Couch.de: Überhaupt spielt das Thema Gewalt in der Druidenchronik eine maßgebliche Rolle. Inwieweit war das beabsichtigt? Einmal von George R. R. Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ abgesehen, habe ich selten so viel Blut, Folter, Schmerz und Tod in einem Fantasy-Roman vorgefunden. All-Age Romane wolltest Du offensichtlich nicht schreiben, oder?

Andreas Saumweber: Tatsache ist, dass mich Martin sehr stark beeinflusst hat. Klar, dass er mir auch die Scheu davor genommen hat, über Gewalt zu schreiben. Und ja, es war beabsichtigt. Letzten Endes dreht sich die Chronik um einen Krieg, den Krieg zwischen den Stämmen und den Schatten. Und ich war schon immer dagegen, Krieg zu verharmlosen. In diesem Zusammenhang möchte ich übrigens Joe Abercrombie mit seiner First Law-Trilogie erwähnen, eine wahnsinnig gute (und tatsächlich äußerst lustige!) Geschichte, in der mit Gewalt noch einmal ganz anders umgegangen wird.

Phantastik-Couch.de: Die Ähnlichkeit zu „Das Lied von Eis und Feuer“ fällt auch in Bezug auf die Erzählperspektiven auf. Die Kapitel werden überwiegend aus der personalen Sicht eines Charakters erzählt. Manchmal erläutert ein anderer Charakter eine dem Leser bereits bekannt Szene aus seiner Perspektive. Ergab sich das zufällig, oder hast Du Dich bewusst für diese von Martin nicht erfundene, aber populär gemachte Erzählweise entschieden?

Andreas Saumweber: Das habe ich ganz klar von ihm.

Phantastik-Couch.de: Ich habe, obwohl ich auch den ersten Band „Schattenkrieg“ schon wirklich gut fand, eine qualitative Aufwärtsentwicklung zwischen Band 1 und Band 2 festgestellt. In „Schattenkrieg“ gab es doch einige logische Patzer, wie z.B. spontane Jahreszeitenwechsel. Was war da los? Standen Autor und Lektoren unter besonderem Zeitdruck?

Andreas Saumweber: Schattenkrieg war eigentlich der einzige Band ohne Zeitdruck. Das Problem lag eher darin, dass der erste Band zu unstrukturiert entstanden ist. Die Schreibpausen waren teilweise Monate lang, und durch meine anfängliche Planlosigkeit musste ich oft Kapitel hin- und herschieben. Dass dabei der ein- oder andere Fehler entstanden ist (und nicht gefunden wurde), ist natürlich sehr schade.

Phantastik-Couch.de: In „Schattenkrieg“ und „Schattensturm“ beschränken sich die phantastischen Elemente auf die Welten, die Magie und Dämonen, im finalen Band kommen „Tolkien’sche Klassiker“ wie agierende Bäume und Wölfe hinzu. Wie kam es dazu?

Andreas Saumweber: Manifeste Geister gab es auch schon vorher – ich erinnere an die Schlange im ersten und die Hunde im zweiten Band (die beide Derrien begegnen) -, insofern wäre es mir persönlich nicht aufgefallen, dass der dritte Band hier aus dem Rahmen fällt. Zugegeben, die Bäume im dritten fand ich ebenfalls sehr tolkienesk, deshalb habe ich auch beschlossen, sie nur in Berichten zu erwähnen, anstatt sie direkt in Erscheinung treten zu lassen. Eine bewusste Zunahme des Übernatürlichen war jedenfalls nicht von mir beabsichtigt.

Phantastik-Couch.de: Es fällt auf, dass die Story, trotz ihres Umfangs von fast 2500 Seiten, keinerlei Längen aufweist, was man wirklich selten in derartigen Werken findet. Hast Du bewusst auf z.B. über Seiten die Landschaft beschreibende Passagen verzichtet und dafür gesorgt, dass schnell wieder ´Action´ in die Handlung kam?

Andreas Saumweber: Das ist natürlich schön, das zu hören. Ja, das war mir schon ein Anliegen, auch wenn ich gelegentlich dann doch über die Stränge geschlagen habe – ich denke da vor allem an Veronikas Reise zurück nach Norwegen im zweiten Band, das praktisch ein ganzes Kapitel Landschaftsbeschreibung darstellt. Aber zu viel Landschaftsbeschreibung will keiner lesen – die häufigste Kritik, die ich zum Beispiel zum Herrn der Ringe höre, ist, dass Tolkien viel zu viel Landschaft beschreibt.

Phantastik-Couch.de: Viele Deiner Leser möchten gern, dass Du einen vierten Band der „Druidenchronik“ schreibst, weil das Ende zum Teil offen geblieben ist. Wie stehst Du dazu? Wird es einen vierten Band geben?

Andreas Saumweber: Die Storyline der Druidenchronik ist zu komplex, um sie komplett abzuschließen und dabei realistisch zu bleiben. Abgesehen davon gibt es im Wahren LebenTM auch keinen Zeitpunkt, an dem plötzlich alle Stränge zusammenlaufen. Insofern fand ich meinen Endpunkt gar nicht so schlecht gewählt, aber ich verstehe jeden, der ein klärenderes Ende lieber gehabt hätte. Ob es einen vierten Band der Chronik geben wird, kann ich allerdings noch nicht sagen.

Phantastik-Couch.de: Wird man bald wieder etwas von Andreas Saumweber lesen? Schreibst Du bereits an neuen Projekten?

Andreas Saumweber: Ich arbeite derzeitig an einem neuen Projekt, ja, dieses Mal allerdings ohne Zeitdruck und Auflagen. Die Geschichte ist im losen Umfeld der Druidenchronik angesiedelt, aber ohne sich in den Hauptstrang der Chronik einzumischen. Viel mehr will ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten – außer vielleicht dass es dieses Mal wohl etwas zivilisierter zugehen wird.

Phantastik-Couch.de: Andreas, wir danken Dir herzlich für das informative Gespräch und wünschen Dir alles Gute.

Das Interview führte Eva Bergschneider im Dezember 2012