Interview mit Bernhard Hennen

Einer von uns

Bernhard Hennen gilt als der derzeit erfolgreichste Fantasy-Autor Deutschlands. Leser setzen ihn auf eine Stufe mit Tolkien. Kritiker loben seine Werke als bildgewaltig und fesselnd. Was macht die Welt seiner Bücher aus, dass sie Hunderttausende begeistern? Zum Gespräch trafen wir uns mit ihm in einer ungemütlichen leeren Messehalle am Rande der Spiel 09 in Essen. Obwohl der offizielle Erstverkaufstag von „Elfenkönigin“ erst am 1. November war, konnten sich dort Ungeduldige schon ihr Exemplar signieren lassen und einen Blick in den Digitalprint von „Elfenwelten“ werfen, ein Artbook, das am 1. Dezember im Zauberfeder-Verlag erscheint.

Phantastik-Couch.de: Die „Elfenkönigin“ ist gedruckt, sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Bernhard Hennen: Das ist der Fluch des Autors, dass er immer an der ein oder anderen Stelle denkt, ach hätte ich doch dafür nur eine halbe Stunde mehr Zeit gehabt, dann wäre es noch besser geworden. Glücklicherweise sehen das meine Leser nicht so. Allerdings bin ich mit dem Ende des Buches sehr zufrieden. Daran habe selbst ich nichts auszusetzen.

Phantastik-Couch.de: Als Sie die „Elfen“ vor über fünf Jahren begonnen haben, dachten Sie schon daran, dass daraus eine Saga mit über 5000 Seiten entstehen kann?

Bernhard Hennen: Natürlich hoffte ich, dass dem ersten Band noch ein oder zwei weitere folgen könnten. Es gab am Anfang schon die Idee, bei entsprechendem Erfolg die Zeitlücken mit eigenen Geschichten auszufüllen. Aber ob dieser Erfolg eintreten würde, war ungewiss. Deshalb habe ich versucht, die Leerstellen so anzulegen, dass sie den Leser dazu anregen, sich eigene Geschichten auszudenken und nach der Lektüre noch weiter über der Geschichte zu brüten. Das dann noch sieben weitere Bücher folgen würden und ich jetzt schon am achten arbeite, übertrifft meine kühnsten Hoffnungen bei weitem.

Phantastik-Couch.de: Mittlerweile gibt es nicht nur Elfenfans, sondern auch Hennen-Fans, die vorhergegangene Romane wie „Drei Nächte in Fasar“ (neu erschienen unter dem Titel „Rabensturm“) oder „Das Gesicht am Fenster“ (ein DSA-Roman, neu erschienen als „Rabengott“) ebenso lieben. Warum schreiben Sie jetzt an der Elfen-Saga weiter – geplant sind drei Bände über die Drachenelfen aus der Frühzeit der Albenmark – und greifen nicht zwischendurch ein anderes Thema wieder auf oder schreiben etwas gänzlich anderes?

Bernhard Hennen: Natürlich würde es mich reizen, z.B. einen aktuellen Action-Thriller oder einen historischen Roman zu schreiben. Ich habe sie auch schon fertig in meinem Kopf, aber der Welt der Elfen gehört mein Herzblut. Ich habe noch viele gute neue Ideen und viel Elan. Die ersten 150 Seiten des neuen Elfenromans habe ich schon geschrieben.

Phantastik-Couch.de: Wer oder was unterstützt Sie, damit ein Buch ein Erfolg werden kann?

Bernhard Hennen: Das sind viele Dinge. Zum einen ist es aktuell meine Frau, die aus China kommt. Durch dieses Eintauchen in einen völlig anderen Kulturkreis und meine Begegnungen in China habe ich viel Unterstützung und neue unerwartete Inspirationen bekommen. Dann habe ich meine vielen fleißigen Testleser, die mich darauf hinweisen, wenn etwas nicht schlüssig erscheint oder ich aus alten Romanen etwas verwechselt habe. Im Heyne-Verlag habe ich ein fittes Lektorenteam, das mir freie Hand lässt zu schreiben, was und wie ich will, mich aber bremst, wenn ich mich in etwas verrenne. An der Stelle ein Wort an die Besucher meiner Homepage, die ins Gästebuch schreiben oder im Forum diskutieren. Ich kann Euch nicht allen antworten, doch ich lese aufmerksam, was ihr mir zu sagen habt. Eure Beiträge geben mir Kraft und Mut, wenn es mit der Arbeit einmal nicht so gut läuft, und sie haben durchaus Einfluss auf die Konzeption neuer Bücher. Danke.

Phantastik-Couch.de: Inwieweit beeinflusst Ihr Schreiben, dass Sie über 15 Jahre Spielleiter des Rollenspiels „Das Schwarze Auge“ waren?

Bernhard Hennen

Bernhard Hennen: Im Rollenspiel war ich immer wieder mit den absurdesten Situationen konfrontiert, und aus denen mussten Spielleiter und Spieler wieder heraus kommen. Ich habe daraus viel über die Entwicklung von Geschichten gelernt und über ungelebte Sehsüchte. Und noch etwas anderes hat mein Schreiben sehr geprägt: Ich bin als Schaukämpfer jahrelang mit einer festen Truppe über Mittelaltermärkte gezogen. Die Abende am Lagerfeuer, das Erwachen in nassen Zelten, die Kameradschaft und auch die kleinlichen Intrigen, all dies fließt noch heute in meine Bücher ein. Und ein wenig Wehmut darüber, dass diese Zeiten vorüber sind. All diese Erfahrungen spiegeln sich in meinem Umgang mit meinen Lesern, z.B. bei Lesungen. Ich bin Autor und doch zugleich auch einer von ihnen.

Phantastik-Couch.de: Weit über 5000 Seiten gedruckter Text, über 300 handelnde Figuren, an die 40 Hauptcharaktere, wie blicken Sie noch durch, wer wer war und wann etwas getan hat? Haben Sie Ihre Figuren und deren Handlungen alle im Kopf?

Bernhard Hennen: Nein. Ich habe mir ein stetig wachsendes, ausführliches Glossar mit über 200 Seiten angelegt, das ich zu Rate ziehe. Doch selbst das reicht nicht, um alle Fragen zu beantworten und dann hilft nur noch langes Blättern.

Phantastik-Couch.de: In Ihren Büchern gibt es äußerst brutale Schlachten und Gewalt, die einen gruseln lässt. In der Hinsicht besonders in Erinnerung: die Schlacht auf der Ordensburg, um Gishild zu befreien. Auch in „Elfenkönigin“ erwarten uns grausige Gemetzel um die Burg der Steppenschiffe, die der Trollkönig Gilmarak erdacht hat, um eine Straße gen Norden zu bauen. Warum so blutrünstig?

Bernhard Hennen: Krieg ist die ultimativ zerstörende Kraft, und es scheint uns Menschen nicht gegeben zu sein, diese Geißel zu überwinden. Man kann kaum einmal die Nachrichten ansehen, ohne daran erinnert zu werden. Dennoch gibt es in der Literatur unzählige kühne Helden, die ohne nennenswerten Schaden von Schlacht zu Schlacht ziehen. Dagegen schreibe ich an. Meine Helden sterben entglorifizierend banale Tode. Und selbst wer lebend dem Schrecken der Schlachtfelder entrinnt, bleibt seelisch gezeichnet. Ich versuche hier realistisch zu sein und mich nicht in Klischees aus Heldensagen zu verrennen. Deshalb die Grausamkeit.

Phantastik-Couch.de: Andere Autoren haben sich, von Tolkiens Welt inspiriert, der Orks, Zwerge und Trolle angenommen. Wie finden Sie deren Bücher?

Bernhard Hennen: Ich habe sie nicht gelesen. Wir schöpfen aus demselben Fantasy-Fundus. Da besteht die Gefahr, unbeabsichtigt durch die Geschichten der anderen beeinflusst zu werden. Allerdings weiß ich aus Gesprächen mit ihnen so ungefähr, worum es in ihren Büchern geht.

Phantastik-Couch.de: Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Bernhard Hennen: Im Fantasybereich ist es George R.R. Martin mit seinem Romanzyklus „Das Lied von Eis und Feuer“. Bücher, die überraschen und polarisieren. Fantasy, an der sich die Geister scheiden. Einfach wundervoll! Sehr gerne lese ich auch David A. Gemmell. Seine Geschichten berühren mich. Er schafft es einfach, wundervolle Protagonisten aufzubauen. Ein weiterer Autor, den ich gerne lese, ist Bernard Cornwell, der ganz ausgezeichnete historische Romane schreibt.

Phantastik-Couch.de: Ich konnte einen kurzen Blick in die „Elfenwelten“ werfen. Es sind einige Zeichnungen darin, die ich wahrhaft gelungen finde. Bitte erzählen Sie kurz, wie es zu diesem Artbook kam, und was es für Sie bedeutet.

Bernhard Hennen: Angefangen hat die Geschichte dieses Bildbandes vor einigen Jahren auf dem FeenCon in Bonn, einer der großen Fantasy-Conventions in Deutschland. Dort ist die Fotografin Marja Kettner an mich herangetreten und hat mir Fantasyfans vorgestellt, die Kostüme zu meinen Romanfiguren geschneidert hatten. Ich war sehr beeindruckt und so kam es zu ersten Fotoshootings, womit eine Reise begann, die bis nach Irland und Island führen sollte, denn Marja wollte es so perfekt wie möglich machen und hat nach irdischen Schauplätzen gesucht, die zu denen meiner Romane passten. Natürlich gab es auch Bilder, die nur umzusetzen gewesen wären, wenn man die special effect-Firmen einer Hollywoodgroßproduktion zur Unterstützung gehabt hätte. An dieser Stelle haben wir dann Künstler mit ins Boot genommen, die all das malten, was sich mit einer Kamera nicht einfangen ließ. Über drei Jahre hat das Projekt gedauert. Damit ist es das Buch, an dem ich am längsten mitgearbeitet habe. Aber das Resultat kann sich sehen lassen! Es ist eines der Bücher geworden, auf die ich besonders stolz bin.

Phantastik-Couch.de: Recht herzlichen Dank für das Gespräch, und ich wünsche Ihnen Ruhe und Inspiration für die Drachenelfen, damit wir Leser nicht mehr so lange warten müssen.

Das Gespräch führte Amandara M. Schulzke