Interview mit Charlie Huston

„Ich mag eigentlich alle meine Figuren und schreibe über sie mit Empathie, ob sie es verdienen oder nicht.“

Der Amerikaner Charlie Huston ist einer, der nicht zu denen gehört, die nie etwas anderes gemacht haben als Schreiben. Im Interview erzählte er uns ganz offen, wie er über Schauspiel und Alkohol zum Schreiben kam, wie er aus dem Phänomen der Schalflosigkeit das Endzeitszenario in „Die Plage“ erschuf und warum er sich als Schriftsteller oft selbst enttäuscht und dennoch immer besser wird.

Phantastik-Couch.de: Charlie, Du gehörst nicht zu den Autoren, die nie etwas anderes gemacht haben als zu schreiben. Erzählst Du uns kurz, wie Du zum Schreiben gekommen bist und was Du zuvor gemacht hast?

Charlie Huston: Ich war früher Barkeeper in Manhattan und Brooklyn, ein erfolgloser Schauspieler, der zu viel trank und versuchte, sich selbst zu beschäftigen, um nicht noch mehr zu trinken. Ich habe immer gern geschrieben und irgendeine Story hatte ich immer im Kopf und manche haben es sogar aufs Papier geschafft. Ich habe mir schließlich einen Schreibplan gemacht, weil ich vor hatte, eine oder zwei Kurzgeschichten zu schreiben, während ich mir darüber klar werden wollte, was ich mit meinem Leben überhaupt anstellen sollte. Aber meine erste Geschichte wuchs und wuchs, bis sie sich zu meinem ersten Roman gemausert hatte: „Der Prügelknabe“. Ich hatte in den nächsten Jahren noch andere Jobs, aber so ging das los, dass ich ein professioneller Autor wurde.

Phantastik-Couch.de: Gerade ist in Deutschland Dein Roman „Die Plage“ erschienen. Nach zwei Reihen, die um Hank Thompson und die mit dem Vampirdetektiv Joe Pitt sowie zwei abgeschlossenen Noir-Thrillern, kommt nun eine Dystopie. Wie bist Du darauf gekommen, dass ausgerechnet Prionen das Ende unserer Welt einläuten?

Charlie Huston: Ich hatte was über Letale familiäre Insomnie (FFI) gelesen und FFI erschien mir – wie den meisten Leuten wohl – als besonders Entsetzen erregende Krankheit. Die Vorstellung, wegen Schlafmangel zu sterben, kann jeder leicht nachvollziehen, der einmal chronische Schlafstörungen hatte. Weil ich über Geschichten gern in für das Genre typischen Bildern nachdenke, war es für mich kein großer Schritt, mir eine Welt vorzustellen, in der eine Abart von FFI zur Epidemie wird und Millionen Menschen durch Schlaflosigkeit sterben.

Phantastik-Couch.de: In „Die Plage“ arbeitest Du von Anfang an mit drei Erzählperspektiven: Park als Erzähler in der dritten und ersten Person, Jasper als Ich-Erzähler. Das mag manchen Leser zunächst verwirren, weil diese Perspektivenwechsel sehr spontan passieren. Warum hast Du diese ungewöhnliche Erzählform gewählt?

Charlie Huston: Es ist schwer, so was im Nachhinein auseinander zu klamüsern. Mir wurde irgendwann klar, dass ich eine der Hauptfiguren die Geschichte erzählen lassen wollte. Aber trotzdem wollte ich zwei Charakteren eine Stimme geben. Am Buchende gibt es eine kleine Auflösung, wenn der Leser herausfindet wer die Geschichte erzählt hat und wie er oder sie die Stücke und Puzzleteile zusammengesetzt hat. Es war mir gar nicht bewusst, dass diese Form verwirrend sein könnte. Eher habe ich gedacht, dass es dem Leser ein wenig Zeit und Geduld abverlangt, heraus zu bekommen, was überhaupt vor sich geht. Ich mag Geschichten, die dich erst ein wenig im Dunklen tappen lassen und in denen man sich erst nach und nach zurecht findet.

Phantastik-Couch.de: In „Die Plage“ agieren drei Hauptfiguren, der Cop Park, der Killer Jasper und – wenn man ihn dazu zählen möchte – der zwielichtige Pharma-Erbe Cager. Mir kam es so vor, das Du Deine Figuren bewusst wertungsfrei beschreibst. Ist das so?

Charlie Huston

Charlie Huston: Ich glaube, das trifft es ganz gut. Ich mag eigentlich alle meine Figuren und schreibe über sie mit Empathie, ob sie es verdienen oder nicht. Cager ist bestimmt der unsympathischste, aber für mich ist er vor allem ein Produkt seiner Zeit und Lebensumstände. Er ist egozentrisch, übermäßig ironisch und materialistisch. Er glaubt, dass alles, was ihm wichtig ist die ganze Welt beschäftigt. Er ist zu simpel gestrickt, um wirklich ein Schurke zu sein, aber eindeutig unsympathisch. Jasper wiederum ist ein echter Soziopath und Mörder, aber seine Eloquenz und sein Sinn für Humor untergraben seine brutale Art. Mit Park kann man sich leicht identifizieren aufgrund seiner Situation und seines Wunsches, die Welt zu verbessern, aber er ist unfähig über den Tellerrand hinaus zu blicken, hinter seine idealisierte Welt zu schauen, in der seine Tochter behütet aufwachsen kann. .

Phantastik-Couch.de: Wie hast du dich diesen Figuren genähert?

Charlie Huston: Genauso wie ich Figuren entwickle – ich kann es nicht wirklich sagen. Ich verstehe den Prozess selbst eigentlich nicht und ich bin nie fähig gewesen zu beschreiben wie vage Ideen, wie eine Figur sein könnte, zu etwas Handfesterem werden.

Phantastik-Couch.de: Was ist Dir bei der Zeichnung deiner Charaktere generell wichtig? Wie sympathisch sind Dir Deine Figuren, insbesondere die Übeltäter?

Charlie Huston: Wie schon gesagt, ich mag all meine Figuren. Es ist wahrscheinlich nicht sehr originell das zu sagen, aber ich glaube wenn man nichts für seine Figuren übrig hat, kann man sie nicht überzeugend schreiben.

Phantastik-Couch.de: Würdest du dich immer noch als Pulp Noir Schreiber (Pulp = „Schundliteratur / Groschenroman“ Anmerkung des Übersetzers„) beschreiben, wie Du es früher getan hast oder hat sich das mit “die Plage" geändert?

Charlie Huston: Ich glaube ich schreibe immer noch Geschichten, die sich um die Grundidee, die Themen und Figuren von den sogenannten Groschenromanen und des Noir-Genre drehen, aber dass ich nicht länger wirklich auf eine Art schreibe, die ich mit Pulp in Verbindung bringe. Das hat auch mit dem Termindruck zu tun. Richtiger Pulp wird schnell produziert. Man schreibt dann Groschenromane, weil man nur die so schnell hin kriegt. Kurze, bissige Geschichten, die zu einem gewissen Maß auf Klischees und die Konventionen des Genre basieren; das sind die Instrumente, die du hast, um den Zeitmangel auszugleichen. Jetzt habe ich schlichtweg ein bisschen mehr Zeit und kann dem Schreiben richtig frönen. Positiv daran ist, dass die Sprache jetzt ein wenig mehr meine eigene sein kann und der Inhalt auch möglicherweise interessanter. Auf der anderen Seite kann die Sprache dadurch natürlich auch unschön ausufern und der Inhalt zu kompliziert werden, ohne dass das eigentlich nötig wäre.

Phantastik-Couch.de: Schreibst Du eigentlich lieber Serien oder angeschlossene Romane? Was sind für Dich die jeweiligen Vor- und Nachteile? Wirkt sich die Tatsache, dass der Roman ein Ende haben wird, bzw. das nicht auf Deine Art, Geschichte und Charaktere zu entwickeln aus?

Charlie Huston: Es kommt immer auf die Geschichte und die Figuren an. Manche eignen sich zu Serien, manche nicht. „Die Plage“ war ganz klar eine ein-Buch-Geschichte, während es genau so klar war, dass Joe Pitt ein Seriencharakter wird. Warum, ist schwer zu sagen. Ich war mir aber irgendwie von Anfang an sicher. Es gibt paar technische Sachen, mit denen man anders jonglieren muss, je nachdem, an was für einem Projekt man gerade arbeitet, aber das Wesentliche bei der Herangehensweise an die Handlung und Figuren bleibt gleich, egal ob Serie oder Roman.

Phantastik-Couch.de: Durch die Themen und die Sprache in Deinen Romanen, auch in Deinem Blog kommst du ein bisschen als harter Kerl rüber. Leute, die dich persönlich treffen, behaupten allerdings immer, du wärst so ein bescheidener und netter Typ. Schlüpfst Du gern, da du ja auch Schauspieler bist, in die Rolle des harten Burschen?

Charlie Huston: Ich finde eigentlich gar nicht, dass ich versuche, wie ein harter Kerl rüberzukommen. Meine Figuren sind oft harte Typen, aber das hat nicht das Geringste mit mir zu tun. Und ich fand nie, dass ich in meinem Blog besonders tough rüber kam, ich habe nur versucht ein bisschen witzig zu sein.

Phantastik-Couch.de: In einem Interview aus dem Jahr 2009 habe ich gelesen, dass Du über Dich selbst gesagt hast, es werde noch viel Zeit vergehen, bis Du ein „ziemlich guter“ Autor wärst. Siehst Du Dich heute als ein guter Schriftsteller?

Charlie Huston: Ich wüsste nicht, dass ich mich als guter Autor sehe. Ich mag viel, was ich geschrieben habe, aber ich bin von noch mehr enttäuscht. Ich glaube aber schon, dass ich ein besserer Schriftsteller bin als früher und dass ich weiterhin besser werde. Das finde ich ermutigend.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Pläne, einen Deiner Romane, oder eine Deiner Serien zu verfilmen? Könntest Du Dir bestimmte Schauspieler in der Rolle Deiner Figuren vorstellen?

Charlie Huston: Manche meiner Bücher wurden als Filmvorlage in Betracht gezogen. Aber nichts konkretes. Ehrlich gesagt, keine Ahnung, welche Schauspieler meine Figuren spielen könnten.

Phantastik-Couch.de: Im Herbst kommt das letzte Buch der Vampir-Serie um Joe Pitt heraus. Fiel es Dir schwer Dich von Joe Pitt zu verabschieden?

Charlie Huston: Ja! Es ist immer hart, an Figuren nicht mehr weiter zu schreiben, die du geschaffen hast. Es kann eine große Erleichterung sein, was zu Ende zu bringen, aber es ist auch immer hart.

Phantastik-Couch.de: Was denkst du über die Vampir-Hysterie durch die Biss-Bücher von Meyer, die zur selben Zeit erschienen wie deine Joe Pitt-Bücher? Half das oder ist es Dir auf die Nerven gegangen?

Charlie Huston: Wahrscheinlich hat es geholfen. Auf jeden Fall hat es nicht geschadet. Und ich bin nicht genervt durch die Vampir-Fans, ich kann nur nicht ihre Begeisterung teilen. Ich mag Genre-Bücher, aber ich interessiere mich nicht besonders für Vampire.

Phantastik-Couch.de: In Deutschland erscheint im Herbst das Finale der Joe Pitt-Reihe. Und dann? Worauf dürfen sich Deine Leser danach freuen?

Charlie Huston: Erst einmal gibt’s eine Pause. Es hat einige Zeit gekostet, fürs amerikanische Fernsehen zu arbeiten und dadurch konnte ich weniger schreiben. Mein nächster Roman wird „Skinner“heißen, aber der kommt in den USA erst 2012 raus. Also dauert es noch ein bisschen, bis was Neues raus kommt.

Das Gespräch mit Charlie Huston führten Verena Wolf und Eva Bergschneider
Übersetzung: Verena Wolf