Ein Interview mit Dmitri Glukhovsky

„Ich will den Olymp der russischen Literatur erstürmen!“

Wir sprachen mit dem russischen Shootingstar über seinen Roman „Metro 2033“ und die im November 2009 erscheinende Fortsetzung „Metro 2034“, über die Fantasy-Szene in Russland, von der er sich fernhält und moralische Ideale, die ihm nah stehen.

Phantastik-Couch.de: „Metro 2033“, Dein erster Roman wurde schnell zum Bestseller in Russland. In der Zwischenzeit hat er in vielen Ländern, auch in Deutschland, die Buchläden erobert. Was ist für Dich seit der Veröffentlichung anders geworden?

Dmitri Glukhovsky: Eins ist sicher, mein ganzes Leben hat sich in den letzten zwei Jahren stark verändert. Damals habe ich als Fernsehreporter gearbeitet und Bücher waren nur ein Hobby für mich. Mit dem Erfolg von „Metro 2033“, meinem zweiten Buch „Twilight“ und jetzt „Metro 2034“, von dem 100.000 Stück schon in der ersten Woche über den Ladentisch gingen, habe ich mich entschieden, nur noch zu schreiben. Und ein anderer meiner Träume ist wahr geworden: Ich kann mir drei Monate lang Ferien leisten! Die letzten vier Jahre hatte ich sehr wenige freie Wochenenden und kaum Urlaub und ich habe mich wie ein Kind nach Ferien am Meer gesehnt. Jetzt kann ich die machen. Und ich habe den Luxus, nicht täglich ins Büro zu müssen, ein „Autor“ zu sein, der reisen kann, wann immer er will und so viel lesen darf, wie er mag und sich so weiterbildet! All diese Dinge, für die man einfach zu faul ist, wenn man arbeitet. Ich bin mein eigener Herr im Moment. Mir dämmert es, dass ich Dinge erfinden kann, die Leute beeindrucken. Ehrlich gesagt, es ist ein großartiges Gefühl. Eine Sache hat sich allerdings nicht verändert. Ich nehme immer noch recht oft die Moskauer U-Bahn :)

Phantastik-Couch.de: Du hast als Journalist gearbeitet, denkst Du, das half Dir, einen Roman schreiben zu können?

Dmitri Glukhovsky: Eher nicht. Es half mir eher, den Roman zu vermarkten. Als ich anfing, an dem Buch zu arbeiten, war ich 19 Jahr alt und hatte keinerlei journalistische Erfahrung. Ich nutzte einige Dinge, die ich an der Uni lernte (ich studierte internationale Beziehungen) das stimmt schon. Meine Arbeit als Fernsehreporter brachte es mit sich, dass ich ein paar mal an gefährliche Orte reiste, zum Beispiel an die Grenze zwischen Israel und dem Libanon, als der Krieg zwischen Tel Aviv und der Hisbolla tobte. Da sah ich Dinge, die ich in „Metro 2034“ aufgriff. Und einige meiner Reisen nach Mittelamerika inspirierten mich wohl für die „Twilight Novel“. Teile der Geschichte spielen in dem Land der Maya während der spanischen Inquisition. Aber auf jeden Fall half mir mein Wissen um die internationale Politik, wenn ich Journalisten gegenüber über die neue Gefahr eines nuklearen Kriegs sprach, als ich „Metro 2033“ und „Metro 2034“ vorstellte.

Phantastik-Couch.de: Wie lang schriebst Du an dem Roman und wie hast Du einen Verleger dafür gefunden?

Dmitri Glukhovsky: Es war ein langer und schwieriger Weg. „Metro 2033“ war bereits 2002 das erste Mal fertig. Ich schickte das Manuskript an fünf, sechs Verlage. Die meisten lasen es nicht einmal. Alle lehnten das Buch ab. Man erklärte, dass das Buch nicht ins Programm passt. Die Hauptfigur starb im ersten Entwurf von „Metro 2033“ einen plötzlichen Tod, ohne ihre Mission zu erfüllen. Damals dachte ich, das wäre eine schlaue Idee. Dann entschloss ich mich, das Buch selbst zu veröffentlichen. Also stellte ich 2002 eine selbstgebastelte Website ins Netz, die Seite ist immer noch unter http://m-e-t-r-o.boom.ru online. Ich habe ein paar Links zur Website in Foren von SF-Fans gepostet, so ging es los. In den nächsten zwei Jahren hatte die Seite tausende Besucher – und Leser. Dann bat man mich, die Hauptfigur Artyon auferstehen zu lassen und das Buch weiterzuspinnen. Habe ich gemacht. Aber es reichte nicht, nur das Ende zu ändern. Ich musste acht Kapitel hinzufügen. Da ich fand, es wäre eine gute Idee, den aktualisierten Roman interaktiv zu machen, habe ich eine weitere Website ins Netz gestellt: http://www.m-e-t-r-o.ru, auf der ich jedes neue Kapitel veröffentlichte, eins nach dem anderen und das Buch so in eine Serie fürs Internet verwandelte. Leser kommentierten und konnten online Kritik loswerden. Das Buch wurde also wirklich interaktiv. Im Mai 2005, als die neue Version von „Metro 2033“ fertig war, hatte ich tausende Leser, und drei Verleger wollten das Buch kaufen. 2007 kam es als Buch raus und wurde sofort in Russland ein Bestseller. Um es kurz zu machen: ich schrieb fünf Jahre dran und kämpfte dann fünf Jahre darum.

Phantastik-Couch.de: Die Moskauer U-Bahn spielt eine wichtige Rolle in Deinem Buch. Wie kamst Du auf die Idee und warum gerade eine solche Untergrund-Welt?

Dmitri Glukhovsky: Ich bin ein Kind der U-Bahn. Von meinem Zuhause zur Schule war es eine Stunde Fahrt und seitdem ich zehn Jahre alt war, fuhr ich jeden Tag eine Stunde U-Bahn hin und wieder zurück. Ich habe es ausgerechnet: in meiner Schulzeit brachte ich es auf 2500 Stunden in der U-Bahn. Das reicht dicke, um die Phantasie anzukurbeln. Und eines Tages entdeckte ich, dass die Moskauer U-Bahn das weltgrößte nukleare Schutz-System ist, das mehr als 200 Atombunker der Regierung und des Militärs verbindet. Jede zweite U-Bahnstation ist selbst ein Bunker. Die Haltestellen sind mit hermetischen Toren ausgestattet, viele liegen tiefer als 50 Meter unter der Erde und würden Bombenangriffe überstehen. An diesem Tag wurde mir klar, dass die Moskauer Metro die perfekte Neuauflage der Arche Noah ist. Und dann, wenn der Atomwaffenangriff kommt, wird sie all die retten, die an Bord sind. Dann entschied ich, diese Arche mit all den Menschengruppen zu füllen, die mir über den Weg liefen: Kommunisten und Nazis, religiöse Fanatiker und Banditen und ethnische Minderheiten …So entstand die Welt von Metro.

Phantastik-Couch.de: Die Hauptfigur Artjom trifft auf Menschen, die wie Prototypen der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Ideen agieren. Die Vorstellung dieser unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle erschien mir als Hauptthema des Buches. Ist das so?

Dmitri Glukhovsky: Das Buch ist sicherlich ein kleines Denkmal seiner Zeit. Damals wurde Russland gerade politisch pluralistisch. Das Volk war arm und wütend, aber jeder konnte zum ersten Mal seine Ideen und Überzeugungen wählen. Dementsprechend zerfiel die Gesellschaft, die unter dem sowjetischen Regime gleichförmig wirkte, in ganz unterschiedliche Gruppen und Gruppierungen, die um die Macht kämpften. Und einer der wichtigsten Handlungsfäden der Geschichte ist die eines jungen Mannes, der herausfinden möchte, woran er glaubt. Er trifft Kommunisten, Nazis, Kapitalisten, Demokraten, die Zeugen Jehovas und einfache Kriminelle. Jeder denkt, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen, ihre Antworten auf die Lebensfragen der Hauptfigur widersprechen sich aber. Das Buch will sagen: vertraue niemanden, es gibt nicht die eine, allgemein gültige Wahrheit. Jetzt ist Russland längst nicht mehr so. Dieser Geist fehlt also auch in „Metro 2034“, die Debatte ist einfach nicht länger relevant.

Phantastik-Couch.de: Denkst Du, Literatur soll vor allem unterhalten oder willst Du den Leser auch etwas mitteilen über die Menschheit, Leben und Moral?

Dmitri Glukhovsky: Ein Buch, das die Menschen nicht zum Nachdenken bringt, ist es nicht wert geschrieben zu werden. Wir haben das Fernsehen und das Kino zur Unterhaltung. Bücher sind für Leute, die ihr Gehirn anschalten wollen. Ich denke nicht, dass alle Bücher einen etwas lehren müssen und ich gebe nicht vor, jemand etwas beibringen zu wollen, dazu bin ich noch zu jung. Aber jedes Buch, das ich schreibe hat mehrere Ebenen. Die Figuren werden durch meine Ideen geführt, nicht nur durch Zufälle. Jedes Detail der Geschichte soll moralische Fragen illustrieren oder eine philosophische Annahme aufzeigen. Ich bin nicht sicher, dass diese Philosophie die Stärke meiner Bücher ist. Aber wenn man die letzte Seite liest und nichts hat, worüber man mit seinen Freunden diskutieren kann, finde ich, war es Zeitverschwendung.

Phantastik-Couch.de: Gibt es eine „neue“ Gruppe russischer Fantasy-Autoren, steht Ihr in Kontakt?

Dmitri Glukhovsky: Auf jeden Fall sind die russischen Fantasy-Autoren eine kleine, starke Gemeinschaft. Das ist wie eine ganz eigene Welt in einem Schließfach, so wie bei „Men in Black“. Ich versuche mich so weit es geht, von ihnen fern zu halten. Ich glaube nicht daran, dass sie mich irgendwie weiterbringen können. Ich wollte nie ein reiner SF-Autor sein. Ich will meinen eigenen Weg gehen und die Genres vermischen und die Regeln brechen. Ich will den Olymp der russischen Literatur erstürmen, statt mein halbes Leben lang langsam raufzuklettern. Wahrscheinlich bin ich nur zu jung und verwegen. Aber hey, das Leben ist kurz und ich will es nicht verplempern, indem ich langsam in einer Hierarchie der SF-Gesellschaft weiterkomme, statt meine eigenen Bücher zu schreiben.

Phantastik-Couch.de: Glaubst Du, es gibt Unterschiede zwischen neuer russischer fantastischer Literatur und der in Deutschland, USA oder Großbrittanien?

Dmitri Glukhovsky: Sowjetische Science-Fiction war so glänzend und optimistisch wie die frühen Star-Trek-Fogen. Die neue russische Literatur ist ganz klar negativ beeinflusst von Hollywood: Apokalypsen und Gegenutopien sind sehr in Mode. Und die Globalisierung erreicht Russland: Dutzende russische Autoren beschreiten all diese Elfen-Zwerge-Drachen-Welten, völlig untyptisch für russische fantastische Literatur, auch die SF ist weit aggressiver und blutrünstiger geworden. Und eine neue Welle beschreibt blutige Kriege zwischen Russland und der USA in der nahen Zukunft oder Märchen über das neue tapfere Russland, das die Welt und das Universum beherrscht. Der Versailler-Vertrag-Komplex, schätze ich …

Phantastik-Couch.de: Was für weitere Projekte hast Du geplant?

Dmitri Glukhovsky: Ist ein Geheimnis. Aber diesen Herbst werde ich ankündigen, was als nächstes kommt.

Das Interview mit Dmitri Glukhovsky führte Verena Wolf