Interview mit Frank Festa

„Was ich beruflich mache, halten viele Menschen wohl kaum für Arbeit.“

Der Herausgeber Frank Festa sah sich gezwungen, sein Unternehmen gesund zu schrumpfen und beschränkt sich jetzt wieder ausschließlich auf Horror-Literatur.

Phantastik-Couch.de: Lieber Herr Festa. Der Tenor Ihrer letzten Info zum Programm des Festa Verlages lautet: ›Das Haus der Fantastik‹ muss sich gesundschrumpfen und konzentriert sich aus diesem Grund wieder ausschließlich auf Horrorliteratur. Keine SF, keine Dark Fantasy, keine romantischen Vampire mehr. Wie schwer fiel Ihnen diese Entscheidung?

Frank Festa: Gar nicht schwer. Irgendwie hatte ich mich – wie ich heute erkenne – verzettelt. Ich wollte auf zu vielen Hochzeiten tanzen, hatte zu viel über Diversifizierung und Marktanteile gelesen. Das ist alles Blödsinn für einen kleinen Verlag.

Phantastik-Couch.de: Bezieht sich »gesundschrumpfen« nur auf das Programm oder auch auf Mitarbeiter?

Frank Festa: Auch auf Mitarbeiter. Meine Frau und ich bilden ja den Verlag. Wir hatten zwei Mitarbeiter, denen wir die Festanstellung kündigen mussten.

Phantastik-Couch.de: Wie hat es Ihr vergleichsweise kleines Verlagshaus geschafft, seit immerhin neun Jahren der Konkurrenz der großen Häuser und ›Global Player‹ zu trotzen?

Frank Festa: Es gibt ja tausende Limonadenanbieter, trotz Coca Cola und Pepsi. Die Welt ist groß und jeder wird satt. Oder haben Sie schon einmal einen verhungerten Vogel gesehen? Doch ich will ehrlich sein und muss zugeben, dass es oft sehr schwer war. 2009 kam dann das echte Jahr des Horrors, denn wir gerieten in die Insolvenz. Hinterher hatten wir aber noch großes Glück und konnten den Verlag nach einer Umstrukturierung retten. Jetzt läuft es aber wieder gut. Ich danke den Göttern dafür!

Phantastik-Couch.de: Wie viele Stunden am Tag müssen Sie für den Erfolg arbeiten?

Frank Festa: Eigentlich arbeite ich nicht wirklich, bin aber circa 15 Stunden pro Tag mit dem Verlag beschäftigt. Mein Hobby ist einfach mein Beruf. Um das zu illustrieren, erzähle ich oft die Geschichte, als ich vor Jahren am Nachmittag auf dem Bett lag und in einem Buch las. Meine beiden Kinder kamen ins Zimmer und wollten spielen, und ich sagte: »Lasst den Papa mal in Ruhe, ich arbeite.« Irgendwie klang das merkwürdig, ich sah auf, die Kinder schauten mich verdutzt an – und dann bekamen wir alle drei einen Lachanfall. Aber es war ja die Wahrheit. Klingt zwar seltsam, ist aber so.

Phantastik-Couch.de: Wie sieht denn der Arbeitsalltag eines Verlegers aus?

Frank Festa: Was ich beruflich mache, halten viele Menschen wohl kaum für Arbeit: Etwa mit Autoren Essen gehen und dabei Projekte besprechen, durch Buchläden schlendern, mit Künstlern schwatzen u.s.w. Heute Nacht bin ich um 3:15 Uhr aufgestanden, weil plötzlich die Frage, wann ein bestimmter Roman auf Deutsch erschienen ist und ob der Titel noch lieferbar ist, in meine Träume purzelte. Ich bin ins Internet und habe nachgeforscht, dann die zuständige Agentur in London herausgesucht und angemailt, danach drei Stunden an der Kostenplanung der nächsten 10-15 Monate gesessen, dann gefrühstückt, ging zwei Stunden spazieren, weil ich mal ein wenig Abstand brauchte, setzte mich wieder an den PC, hatte bereits die Antwort der Agentur – übrigens positiv! Danach arbeitete ich an der Überarbeitung einer Übersetzung, habe die Post durchgesehen, habe telefonisch eine Werbeanzeige in einer Zeitung gebucht, dabei hart beim Preis verhandelt. Ich bin mit meiner Frau einkaufen gegangen, habe einen Text eines amerikanischen Autors per E-Mail bekommen, diesen an einen Übersetzer weitergesandt und per Telefon einen Gesamtpreis dafür ausgehandelt, dabei über die Welt gelästert. Danach einen neuen englischsprachigen Roman quergelesen, der mit der Post eingetroffen war, mich gegen eine Veröffentlichung entschieden, ging Abendessen, schrieb danach einige E-Mails …Bekommen Sie einen Eindruck?

Zur Erklärung muss ich noch erwähnen, dass ich ja nicht alleine bin. Meine Frau Inge macht den Buchsatz, die komplette Druckvorstufe, leitet das Korrektorat und kümmert sich um viele Aufgaben des Marketings. Wie gesagt, das alles ist für mich keine echte Arbeit, das ist mein Dasein, Beruf und Freizeit fließen ineinander. Früher habe ich in Fabriken im Schichtdienst geschuftet, bis mir schwarz vor Augen wurde, und das ist kein Witz – ich bin wirklich glücklich über meinen heutigen Beruf und den treuen Kunden, die mir das ermöglichen, besonders dankbar.

Phantastik-Couch.de: Mit Kim Paffenroth, Greg F. Gifune, Brett McBean und Carlton Mellick III haben Sie neue Autoren im Programm, die in Deutschland noch unbekannt sind. Was ist von diesen Autoren zu erwarten? Auf was kann sich der Leser einstellen bei Büchern mit den Titeln „Ultra Fuckers“ oder „Der Baby-Jesus-Anal-Plug“?

Frank Festa: Da zitiere ich Dieter Bohlen: Auf »hammergeile Unterhaltung«. Das sind junge, talentierte Schriftsteller, die noch Geschichten erzählen können. Carlton Mellick III ist einzigartig. Er schreibt Bizarro Fiction, ein Genre, das er quasi selbst erfunden hat. Eine Weiterentwicklung des Horrors, Modern Dark Fiction, würde ich sagen. Hier verbinden sich Schrecken und Lachen und Einflüsse, die eigentlich als unvereinbar gelten, etwa Splatter und Lyrik, Asia-Kino und Gesellschaftskritik, Romanze und Horror, Philosophie und Porno. Auch Elemente der Science Fiction findet man. Ich glaube, Gifune ist mein allergrößter Liebling. So wollte ich selbst immer schreiben. Man knabbert vor Spannung an den Fingernägeln und weint gleichzeitig um die Figuren. „Sag Onkel“ gehört sicher zu den drei besten Büchern, die ich bisher verlegt habe.

Phantastik-Couch.de: Greg F. Gifune wird in den USA in einem Kleinverlag mit Miniauflagen veröffentlicht. Wie werden Sie auf solche Autoren aufmerksam? Beobachten Sie den US-Buchmarkt?

Frank Festa: Aber natürlich. Das ist mein Job und wie gesagt, auch mein Hobby. Und im Zeitalter des WWW nicht wirklich schwierig.

Phantastik-Couch.de: Halten Sie die Augen noch nach jungen deutschen Talenten auf? Immerhin haben Sie sich mit deutscher Phantastik in der EDITION METZENGERSTEIN ihr erstes Standbein geschaffen.

Frank Festa: Nein, neue deutsche Autoren interessieren mich gar nicht mehr.

Phantastik-Couch.de: Mit „Nightworld“, das im 4. Quartal 2010 erscheinen soll, ist F. Paul Wilsons ›Adversary-Zyklus‹ mit 6 Büchern abgeschlossen und liegt damit komplett bei Festa vor, nachdem die ersten Bände, die zuerst bei Goldmann erschienen sind, nur noch zu Sammlerpreisen zu haben waren. Haben Sie ein weiteres Projekt dieser Art in Aussicht?

Frank Festa: Ja, mehrere. Eines ist auch wieder von F. Paul Wilson. Das ist ein ganz großer Schriftsteller, schön, dass ich ihn veröffentlichen darf und er sich auch gut verkauft. Wir arbeiten daran, seine Handyman-Jack-Reihe unter einem Logo zusammenzufassen und die 16 Bände komplett zu veröffentlichen.

Phantastik-Couch.de: Ich persönlich hatte gehofft, dass es mit Nancy A. Collins Sonja-Blue-Romanen weitergeht, nachdem „Der Todeskuss der Sonja Blue“ bei Festa wieder veröffentlicht wurde, doch sie scheinen den Vampiren abgeschworen zu haben. Eine mutige Entscheidung, wo gerade die Buchhandelsregale von Blutsaugern überquellen.

Frank Festa: Genau das ist ja der Grund, die Finger davon zu lassen – von wegen mutig, das ist eher feige. Wenn etwas Mode ist, ist es nichts für einen kleinen Verlag, sonst hechelt man dem Markt hinterher. Immerhin, ich glaube, ich war in Deutschland der erste, der mit NOSFERATU eine Reihe mit Vampirromanen herausgab. Zu Nancy A. Collins habe ich das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.

Phantastik-Couch.de: Es fällt auf, dass viele Titel bei Festa mehrfach verwertet werden (zuerst Hardcover, danach Taschenbücher oder sogar umgekehrt). Bei Brian Lumleys Necroscope-Reihe besteht aktuell sogar eine Kooperation mit Heyne. Die Hardcover erscheinen bei Festa, die Taschenbuchausgaben bei Heyne. Ist so etwas notwendig, um als Kleinverlag zu überleben?

Frank Festa: Zusammenarbeiten mit großen Verlagen können sehr wichtig für Kleinverlage sein. Nach 4 Bänden wird Heyne „Necroscope“ übrigens nicht weiter fortsetzen – sie »konnten den Markt nicht weiter öffnen«, hat man mir erklärt. Nun, dann hatten wir ja schon einiges richtig gemacht. Von den 24 Paperbacks sind über 200.000 Exemplare verkauft worden. Unser allergrößter Erfolg!

Phantastik-Couch.de: Rechnen sich die exklusiven Hardcover auch in Zukunft, oder werden nun, in den Zeiten der Wirtschaftskrise, nicht doch vermehrt die Taschenbücher gekauft?

Frank Festa: Natürlich verkaufen sich günstige Ausgaben besser. Wir mussten jedoch die Preise erhöhen, damit sich die kleinen Auflagen rechnen, was mir für unsere Kunden sehr leid tat, aber anders ging es nicht. Immerhin gibt es schon recht hohe Sammlerpreise für vergriffene Festa-Titel.

Phantastik-Couch.de: Warum sind die Festa-Bücher oder einzelne Reihen nicht im Buchladen um die Ecke im Sortiment? Rechnen Sie nicht mit Gelegenheitskäufern?

Frank Festa: Gibt es bei Ihnen um die Ecke wirklich noch einen Buchladen? Ich rede jetzt nicht von großen Ladenketten. Drei, vier Bücher in solchen Buchläden zu platzieren, kostet viel Geld – Vertreter, Prospekte, Porto, Verpackung, Rabatte, gutes Zureden, Nerven. Und hinterher werden viele Exemplare wieder abgegriffen zurückgesandt. Das lohnt für kleine Verlage nicht, wegwerfen wäre dienlicher. Leider. Die großen wie Thalia, Mayersche oder Hugendubel bieten unsere Bücher aber durchaus an, die nehmen dann ganz andere Mengen ab, das lohnt – Noch, sollte ich hinzufügen.

Phantastik-Couch.de: Von Richard Laymon wird momentan bei Heyne ein Buch nach dem anderen erfolgreich auf den Markt geworfen, nachdem Sie diesen Autor quasi wiederentdeckt hatten. Ärgert Sie so etwas oder hatten Sie gar keine Chance, weitere Laymon-Rechte zu bekommen?

Frank Festa: Natürlich ärgert das einen, aber die Welt gehört ja nicht mir, und das ist auch gut so. Ich habe zu lange gezögert und hatte das nötige Geld nicht. Und mal ehrlich: Ich hätte Laymon wohl nie so populär machen können wie es Heyne geschafft hat. Eine tolle Leistung! Zumindest konnten wir jetzt die Rechte an seinen Romanen „Parasit“ und „Vampirjäger“ verlängern.

Phantastik-Couch.de: Einer der Blockbuster bei Festa ist die Reihe H. P. LOVECRAFTS BIBLIOTHEK DES SCHRECKENS, die nun bereits länger als 10 Jahre besteht. Nach Romanen und Anthologien, die Lovecrafts Schöpfungen aufgreifen und weiterführen, wurde eine sechsbändige Werkausgabe von Lovecraft selbst eingeschoben, und nun folgen Werkausgaben seiner Zeitgenossen Clark Ashton Smith und Robert E. Howard. Wird es hier auch wieder einmal moderne Texte geben?

Frank Festa: Oh ja. Jeffrey Thomas „Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ sind ja schon angekündigt, weitere moderne Autoren werden folgen.

Phantastik-Couch.de: Haben Sie noch die Muse, sich auf ein Buch einzulassen, ohne dass der Talentsucher und Ideen zur potentiellen Vermarktung die Oberhand gewinnen?

Frank Festa: Das ist eine einfühlsame Frage. Nein, der Verleger liest immer mit. Ich weiß nicht, ob dies der Grund ist, aber privat lese ich kaum noch Prosa, fast nur Sachbücher und Biografien.

Phantastik-Couch.de: Herzlichen Dank für das Interview.

Frank Festa: Gerne, hat mir Spaß gemacht.

Das Interview führte Elmar Huber