Interview mit Gesa Schwartz

„Es ist mir sehr wichtig, die Welt so zu zeigen, wie meine Figuren sie erleben, und eben nicht nur das Phantastische in die Realität einbrechen zu lassen, sondern auch zu zeigen, dass es sich längst in ihr befindet und mit denselben Dingen umgeht wie wir Menschen.“

Im Oktober 2011 ist Gesa Schwartz’ neuer Roman „Nephilim. Die Chroniken der Schattenwelt, Band 1“ erschienen. Für die Dezemberausgabe der Phantastik-Couch haben wir mit der Autorin ein E-Mail-Interview geführt. Da das Interview sich sehr konkret mit dem Roman beschäftigt, setzen manche Inhalte seine Kenntnis voraus.

Phantastik-Couch: Liebe Gesa, schön, dass du dir Zeit für ein Interview nimmst. Worin bestand der Grund, die Grim-Trilogie nach zwei Bänden zu unterbrechen und mit einer neuen Reihe zu beginnen?

Gesa Schwartz: Ich hatte ein Bild im Kopf, von dem ich sofort wusste, dass es nicht in Grims Welt gehört, ein Bild, das mächtig genug war, um sich sehr schnell auszubreiten und weitere Bilder zu produzieren – und mit ihnen das Bedürfnis, die Geschichte kennenzulernen, die dahinter steckt. Welches Bild das war, werde ich erst einmal nicht verraten, um nichts vorwegzunehmen, aber ich freue mich sehr, dass eines der weiteren Bilder das Motiv auf dem Cover des Buches ist. LYX hat mich sowohl bei „Grim“ als auch bei den Nephilim stark in den Entstehungsprozess eingebunden, so konnte ich dazu beitragen, dass Cover und Text eine Einheit bilden, und es ist schön, dass eines der ersten Bilder, die ich zu der Geschichte im Kopf hatte, nun auch für den Leser mit das erste sein wird, was er von der Geschichte sieht.

Phantastik-Couch: Kann man sagen, dass „Nephilim“ nicht völlig unabhängig ist, sondern aus „Grim – Das Siegel des Feuers“ heraus entstanden? Es gibt thematische, sprachliche und inhaltliche Ähnlichkeiten, die dies vermuten lassen. Hat sich „Nephilim“ bei der Arbeit am dritten Grim-Band dazwischen geschoben?

Gesa Schwartz: Nein, „Nephilim“ ist eine vollkommen eigenständige und unabhängige Geschichte und auch nicht aus dem ersten Teil von Grim entstanden, den ich ja schon lange vor „Nephilim“ geschrieben habe und dessen Welt sich nicht mit der Geschichte Nandos vereinbaren lässt. Allerdings gibt es in meinen Texten eine Leitmotivik, ebenso wie bestimmte Bezüge zwischen den Erzählungen, die ich sehr bewusst einsetze, um dem Leser auch über den einzelnen Text hinaus die Möglichkeit zu geben, in den Kosmos meiner Geschichten einzutauchen. Daher freut es mich immer ganz besonders, wenn Leser diesen Fährten folgen und durch die Einordnung eines Textes in den Gesamtzusammenhang viel mehr erfahren, als wenn sie die jeweilige Geschichte lediglich für sich genommen betrachten.

Phantastik-Couch: Vergleicht man den Einstieg in „Grim – Das Siegel des Feuers“ mit dem in deinen neuen Roman, dann gibt es einige Übereinstimmungen: Paris bei Nacht im Regen vs. Rom bei Nacht im Regen; Grim hasst das feuchte Klima, den Regen, in Paris. Und auch „Nephilim“ beginnt mit einem Hassgesang auf das feuchte Wetter, hier in Rom. Was ist für dich so besonders an dieser Exposition, dass man sie sehr ähnlich in beiden Romanen findet?

Gesa Schwartz: Zunächst habe ich wiederholt erfahren, dass ein Ort, ganz besonders eine Stadt ihr wahres Gesicht zeigt, wenn es regnet. Dies ist sicher ein Grund dafür, dass beide Geschichten beschlossen haben, im Regen zu beginnen, denn sowohl Paris als auch Rom sind keinesfalls willkürlich gewählte Orte. In gewisser Weise sind diese Städte auch Figuren in den Geschichten, die ihren Raum brauchen, um sich dem Leser zu zeigen, und hierfür eignet der Regen sich besonders gut. Gleichzeitig ist die gefühlte Ähnlichkeit, die ich beispielsweise auch durch analoge Wortwahl und Beschreibungen im Kampf gesteigert habe, nur scheinbar vorhanden: Sie ist brüchig wie alle Bilder, die ich in „Nephilim“ darstelle. Das fängt schon damit an, dass Rom im Regen etwas vollkommen anderes bedeutet als ein ähnliches Wetter in Paris. Wenn es in Rom wirklich regnet, dann hat das nichts Alltägliches mehr, es ist etwas sehr Zerstörerisches, Vernichtendes, das aber im nächsten Augenblick mit der größten Gleichgültigkeit und Willkür wieder verschwinden kann (ohne dass beispielsweise die Italiener darüber sonderlich verwundert sind). Als Grim hingegen im ersten Kapitel des ersten Bandes in Paris im Regen sitzt, ist es nicht nur das Wetter, das ihm (scheinbar übrigens auch hier) missfällt. Insbesondere schimpft er auf die Gewöhnlichkeit, in der er sich gefangen sieht – etwas, das Enzo fremd ist. Er verdeutlicht das selbst mit seinen Gedanken an das Licht, das unter anderem für eben jene Gewöhnlichkeit im Thomas Mannschen Sinn steht, und wenn er denkt, dass er den Regen hasst, dann hat das eine ganz andere Dimension als dieselbe Aussage bei Grim. Bei beiden jedoch ist die zunächst gezeigte Abscheu im weiteren Handlunsgverlauf von seltsamer Uneindeutigkeit – bei Grim dauert es jedoch einige hundert Seiten, bis er dies selbst äußert, bei Enzo vollzieht sich dieser Fall der Maske schneller. – Es würde zu weit führen, an dieser Stelle noch genauer auf die Expositionen einzugehen, aber durch die Scheinbarkeit der Schattenwelt deutet sich bereits an, dass den Leser in Nandos Geschichte etwas anderes erwartet als in Grim, wenn er bereit ist, sich auf sie einzulassen und mehr in ihr zu erleben als das Abenteuer an sich.

Phantastik-Couch: Die Durchdringung der beiden Welten zeigst du eher beiläufig schon in kleinen Verknüpfungen – ein Nachtclubschild in „Nephilim“, ein Toilettenschild in „Grim“. In beiden Büchern wird die Exposition einer Welt, in der das Übernatürliche sich aufhält oder zuhause ist, durch Profanitäten gebrochen. Liegt der Reiz dabei für dich im Aufeinandertreffen von Erhabenheit und in diesem Kontext eher kurios anmutenden Alltäglichkeiten?

Gesa Schwartz: Es ist mir sehr wichtig, die Welt so zu zeigen, wie meine Figuren sie erleben, und eben nicht nur das Phantastische in die Realität einbrechen zu lassen, sondern auch zu zeigen, dass es sich längst in ihr befindet und mit denselben Dingen umgeht wie wir Menschen. Gerade hierfür sind Feinheiten wie vermeintliche Nebensächlichkeiten unerlässlich. Außerdem mag ich es, mit Gegensätzen zu spielen, die möglicherweise gar keine sind, das scheinbar Erhabene zu brechen und das Wunder im Detail zu offenbaren – und nicht selten stellt sich dabei heraus, dass beides ein und dasselbe ist.

Phantastik-Couch: Die Nephilim sind riesige mythische Halbwesen, Kinder von Göttern oder Engeln und Menschenfrauen. Die Apokryphen beschreiben sie als bösartig. Luther und die katholische Bibel bezeichnen sie als Helden der Vorzeit. Die moderne Fantasy hat sie in vielfältiger Weise verändert. Was fasziniert dich an diesen Wesen?

Gesa Schwartz

Gesa Schwartz: Besonders das Zwielichtige, das gerade in den Apokryphen deutlich wird, hat mich interessiert. Allerdings stellte sich recht schnell heraus, dass es keinen Gott in meiner Geschichte gibt – jedenfalls nicht so, dass er den Engeln, Menschen, Nephilim oder Dämonen bewusst wäre. Aus diesem Umstand ergab sich die Notwendigkeit, einen eigenen Mythos um diese Wesen und damit auch um Engel und Dämonen zu entwickeln, dem ich Anleihen aus den verschiedenen bereits existenten Mythen beigab. So sind Engel in meiner Geschichte beispielsweise keine Boten Gottes wie im Judentum, im Islam oder im Christentum. Luzifer hingegen ist in der Schattenwelt existent, und viele Dämonen vertreten seine Interessen. Desweiteren bin ich der Lehre des Augustinus insoweit gefolgt, als dass Dämonen auch in meiner Geschichte gefallene Engel sind. Aber auch meine „Engel“ sind gefallen. Sie haben nur nach ihrem Sturz eine andere Entscheidung getroffen als die Dämonen und sich so anders als diese entwickelt, doch bis heute haben beide Völker einen gemeinsamen Kern. Was das ist, werde ich nicht verraten, denn es würde zu viel vorwegnehmen, das der Leser selbst erfahren muss.

Phantastik-Couch: Hast du andere Romane mit Nephilim gelesen, um zu sehen, wo dem Thema etwas Neues abzugewinnen wäre, oder hat dich der Markt nicht weiter interessiert?

Gesa Schwartz: Während der Arbeit an einem Roman lese ich keine Texte aus demselben Genre, um nicht beeinflusst zu werden. Darüber hinaus entwickeln sich meine Geschichten aus sich selbst heraus. Das bedeutet, dass ich sie weder nach den Anforderungen des Marktes schreibe noch mit dem Drang, möglichst originell zu sein. Alles, was für mich zählt, ist die Geschichte an sich, und dass ich sie so erzählen kann, wie sie es verdient. Hierfür höre ich ihr genau zu, denn wenn sie in Form einer ersten Idee bei mir anklopft, dann gibt es sie schon – es ist nur noch meine Aufgabe, sie für mich zum Leben zu erwecken und sie aus dem Dunkel ins Licht zu heben.

Phantastik-Couch: Du stellst nicht nur mythologische Bezüge her, sondern arbeitest auch mit popkulturellen Verweisen. Z.B.
verwendest du in „Nephilim“ ein Bild, das Amerikas Jazzpapst Leonard Feather für Ella Fitzgerald geprägt hat („Dieses Licht hatte eine Stimme“), oder du beziehst dich mehrfach auf „World of Warcraft“ (so auf der ersten Seite: „Zorn des Lichts“, „Faust des Lichts“; der Name Enzo und Nephilim kommen darin auch vor). Zeugt dies versteckt davon, dass du Fantasy-Rollenspiele magst, oder haben dir einfach nur die Sprachbilder gefallen?

Gesa Schwartz: Das Bild des Lichts bezieht sich in erster Linie auf die Leitmotivik Thomas Manns, der mich sehr geprägt hat und dessen Thema des Gegensatzes von Geist und Natur auch ein Grundgedanke meiner eigenen Texte ist. Hinweise auf das Dionysische und das Apollinische im Sinne Nietzsches oder auf Manns Ästhetizismus, der sein gesamtes Werk durchzieht, finden sich daher wiederholt in meinen Geschichten. Hinsichtlich des ersten Kapitels von „Nephilim“ sind mit Blick auf die Mannsche Bürger-Künstler-Problematik, die ich hier aufgreife, natürlich besonders „Tonio Kröger“ und „Die Hungernden“ zu erwähnen, und aus dem Grundkonflikt Enzos heraus ist dann in Anlehnung an diese Texte der Begriff Zorn bzw. Faust des Lichts entstanden sowie mein Entschluss, das Licht zu personifizieren. „World of Warcraft“ kenne ich nur dem Namen nach, ein Umstand, für den ich dankbar bin, da ich sonst vermutlich sehr viel weniger Zeit in meinen eigenen Geschichten verbringen würde.

Phantastik-Couch: Deine Hauptfigur Nando ist der Sohn des Teufels. Gleichzeitig wird er häufig, die Bezeichnung „Teufelssohn“ spiegelnd, als „Menschensohn“ angesprochen, biblisch also mit dem Messias identifiziert. Im Matthäus-Evangelium zeigt der Teufel dem Menschensohn die Reiche der Welt und versucht ihn mit der Aussicht auf große Macht. Hat dies deine ambivalente Konstruktion Nandos inspiriert?

Gesa Schwartz: Nando ist aus sich selbst heraus zu dem geworden, der er ist, ich habe ihn nicht konstruiert. Umso erstaunter war ich, als sich im Verlauf der Geschichte diese beiden Titel für ihn festigten, denn sie zeigen auf fast schon plakative Weise einen Teil der Zerrissenheit, unter der Nando leidet bzw. wachsen kann. Besonders die Bibelstelle, in der Luzifer versucht, Jesus zu verführen, hat mich schon immer fasziniert, und natürlich habe ich mir sehr viele Gedanken um die Darstellung des Teufels in der Bibel gemacht. Es ist mir jedoch wichtig, mich nicht allein auf das Christentum zu beziehen, sondern meinem eigenen Mythos folgend auch einen eigenen Luzifer zum Leben zu erwecken. Ohne Frage gibt es zahlreiche Bezüge zur Bibel und ich hatte große Freude an versteckten Wortspielereien, aber der Begriff des Menschensohns reicht dennoch über den christlichen Zusammenhang hinaus, ein Umstand, auf den ich an dieser Stelle gern weiter eingehen würde, es aber unterlasse, um nichts von den noch folgenden Geschichten vorwegzunehmen.

Phantastik-Couch: Was für ein Charakter ist Nando? Er wirkt bereits dadurch eher ungewöhnlich, dass er seine diabolische Bestimmung zu einem inneren Konflikt umgestaltet. Warum glaubst du, hat der Sohn des Teufels die Möglichkeit, sich seinem Vater entgegenzustellen?

Gesa Schwartz: Nando selbst gestaltet seine Bestimmung nicht zu einem inneren Konflikt um, im Gegenteil: Dieser innere Konflikt ist es, der seine Bestimmung formen will, und alles, was dem entgegen steht, ist Nandos Wille und Entscheidung. Nando hat die Möglichkeit, sich seinem Vater entgegenzustellen, weil er dieselbe Kraft in sich trägt – und mehr als das. Er verfügt über etwas, das der Teufel niemals hatte und das in engem Zusammenhang steht mit dem Spott in Luzifers Stimme, wenn er Nando zu Beginn der Geschichte als Mensch bezeichnet. In diesem Hohn klingt mehr mit, es ist nicht nur Arroganz darin und Zorn. Luzifer ist ein Engel, er ist ein Dämon – aber er war nie ein Mensch. Ob und inwiefern das ein Konflikt ist und worin die Problematik dieses Menschseins nicht nur für Nando besteht, wird sich auch in den Folgebänden weiter zeigen.

Phantastik-Couch: Ist in dieser Konstellation ein archetypischer Vater-Sohn-Konflikt versteckt? Der abwesende Vater beispielsweise, der sich um seinen Sohn nie kümmert, für ihn aber einen klaren Lebensentwurf ohne persönlichen Spielraum vorgesehen hat?

Gesa Schwartz: Der Vater-Sohn-Konflikt ist ein Grundsatzthema vieler meiner Geschichten, er hat mich beispielsweise bereits in „Grim“ fasziniert, wenngleich er dort auf ganz andere Weise behandelt wurde. In Nandos Fall ist die Konstellation natürlich durch die Figur Luzifers als Vater besonders interessant, vor allem auch deswegen, weil mein Teufel anders ist als jedes Bild, das bisher von diesem sogenannten Inbegriff des Bösen existiert. In gewisser Weise scheint Luzifer bis zum Beginn der Geschichte tatsächlich in Nandos Leben nicht vorgekommen zu sein. Im weiteren Verlauf jedoch stellt sich heraus, dass er Nando allein durch sein Erbe in eine Position gebracht hat, die dieser sich nie erklären konnte. Daher ist Luzifer in Wahrheit alles andere als abwesend, sondern prägt Nandos Leben im Gegenteil durch doppelte Anwesenheit: zum einen durch die Personifizierung seiner Gestalt mit dem Beginn der Träume, zum anderen bereits weit früher durch die Kraft, die Nando trägt und die Luzifer sehr lange noch als seine eigene Macht und Stärke bezeichnet. Gerade dadurch gerät Nando aber in der Tat unter massiven Druck und es ist sehr schwer für ihn, sich selbst und seinen eigenen Weg zu finden und seine Stärken auszubilden, ganz besonders, da er sich seinem scheinbar übermächtigen Vater gegenübersieht. Andererseits ist Luzifer in dieser Rolle auch eine Offenbarung. Er hat die Lüge nicht nötig, er zeigt Wege auf, die niemand sonst bieten kann, und gleichzeitig verschließt er sie auch, er zieht Nando zu sich und stößt ihn wieder fort – und trotz allem ist er immer da, insbesondere dann, wenn Nando sich vollkommen einsam fühlt. Diese unabänderliche Präsenz des Vaters (oder alternativ auch der Mutter) ist ein tiefer archetypischer Grundkonflikt, ebenso wie die Unmöglichkeit, sich vollständig von ihm zu lösen. Dass nicht nur literarische Figuren wie Nando, sondern auch wir selbst es dennoch immer wieder versuchen, ist ein tragisches Motiv, das sehr spannend für mich ist.

Phantastik-Couch: Obwohl der Roman in der Gegenwart spielt, scheint diese auf seltsame Weise entrückt. Es gibt keine der Hochtechnologien, die heute aus der Literatur kaum noch wegzudenken sind, wie Laptops oder GPS. Durch die Weglassung stellen sich ja bestimmte Fragen gar nicht erst, wie der Einsatz moderner Technologien zur Ortung Bantoryns. War dies ein notwendiger Kunstgriff, damit bestimmte Aspekte der Erzählung funktionieren? Oder hatte dies ästhetische Gründe?

Gesa Schwartz: Zunächst spielt beinahe der gesamte Roman nicht in der Realität, wie wir sie kennen, sondern in einer phantastischen Welt hauptsächlich unterhalb Roms, die technische Errungenschaften im Sinne der Menschen schlichtweg nicht nötig hat. Keine Technologie unserer Zeit wäre auch nur ansatzweise dazu in der Lage, einen Ort wie Bantoryn aufzuspüren, sie würde angesichts der Fähigkeiten der Anderwesen schlicht lächerlich wirken und hätte keinen Platz in der Welt meiner Geschichte gehabt. Umso wichtiger war es mir daher, eine andere Technik zu kreieren, die von einer vollkommen neuartigen Energie angetrieben wird. Hier liegt für mich ein großer Reiz phantastischer Geschichten: dass eben nicht einfach Dinge übernommen, sondern weitergedacht werden können, und es war sehr interessant, das auch hinsichtlich der Technik zu tun und eine Technologie zu entwickeln, die im Einklang mit der Welt existiert und sozusagen von ihr selbst genährt wird – eine Technologie also, die dem Verständnis unserer Zeit von diesem Begriff etwas entgegensetzt. Laskantin ist eine große Macht, deren Bedeutung ich hier nicht näher erklären möchte, weil sie eine so große Rolle im ersten Band einnimmt und auch in den folgenden Abenteuern spielen wird, aber es war für mich eine sehr spannende Angelegenheit, mit ihrer Hilfe technische Gerätschaften zum Leben zu erwecken und mir Gedanken darüber zu machen, wie Geschöpfe wie Engel, Dämonen und Nephilim wohl in und unter einer Stadt wie Rom leben könnten und inwiefern sich ihr alltägliches Leben von dem der Menschen unterscheiden würde, in dem diese Kraft eine so große Rolle spielt.

Phantastik-Couch: Bücher wie „Nephilim“ kann man sehen als Gegengewicht zu unserer oft als durchrationalisert bezeichneten Welt. Obwohl die verbreitete Annahme der von Rationalität durchsetzten Welt, die das Spirituelle verdrängt hat, als recht kühn angenommen werden kann. Die Welt scheint mehr mit Dummheit als Rationalität durchsetzt, ohne dass hieraus ein Gegensatzpaar gemacht werden soll. Glaubst du, der Welt täte ein wenig mehr Rationalität ebenso gut wie Phantasie?

Gesa Schwartz: Rationalismus im ursprünglichen Sinn hat natürlich durchaus positive Aspekte, die Ideale Kants, die ja weit über seinen Imperativ hinausgehen, sind dafür nur ein Beispiel. Doch wenn man die Grundgedanken der Aufklärung falsch versteht, wenn man sie ins Extrem treibt und dieses als Absolutum annimmt – und genau das haben wir in den vergangenen 200 Jahren getan -, dann landen wir genau da, wo wir jetzt sind: In einer abgehäuteten, übertechnisierten Welt, in der wirtschaftliche Interessen nicht nur die Natur, sondern auch uns selbst dominieren, in der wir nach Fortschritt schreien, ohne wirklich zu wissen, wohin selbiger uns führen soll, und in dem schon Kinder Depressionen und Burn-Out-Symptome haben, weil sich irgendetwas in ihnen dagegen wehrt, nicht mehr zu sein als ein ökonomisch leistungsfähiges Rädchen im Getriebe. Daher stimme ich dir völlig zu, der Rationalismus heutzutage ist in meinen Augen in der Tat allzu oft nichts anderes mehr als Dummheit und steht daher der Poesie, der Phantasie und dem Leben selbst gegenüber. Insofern denke ich, dass wir eine neue Art von Rationalismus brauchen, der uns zu einem tieferen Verständnis der Welt führt, einem Verständnis, das uns wieder mit ihr vereint, anstatt uns von ihr zu trennen. Ebenso brauchen wir eine neue Art von Wissenschaft, die – wie Michael Ende sagt – „die Zivilisationswüste wieder fruchtbar macht“ und die uns helfen wird, die Phantasie nicht länger zu belächeln, sondern sie als das zu erkennen, was sie ist: der Kern und die unauflösbare Grundvoraussetzung allen Lebens. Und vielleicht finden wir dann eines Tages heraus, dass unser Rationalismus, wie wir ihn dann leben werden, nichts anderes ist als wirkliche Poesie und auch nie etwas anderes war.

Phantastik-Couch: In welcher Umgebung schreibst du phantastische Romane? Muss sie stimulierend sein, wird sie gar nicht wahrgenommen? Oder anders: entrückst du dich der Welt beim Schreiben?

Gesa Schwartz: Nein, im Gegenteil, ich versuche, sie mir fühlbar zu machen – aber nicht die Welt, wie sie scheint, sondern die Welt, wie sie wirklich ist. Daher ist auch die Frage, was die Wirklichkeit überhaupt bedeutet und sein kann, eine sehr wichtige für mich. Natürlich versuche ich, beim Schreiben bestimmte Störfaktoren zu vermeiden wie zum Beispiel Lärm oder zu viele Menschen um mich herum, aber meine Geschichten entspringen aus der Welt, in der wir leben, sie sind ein Teil davon, so wie es die alten Geschichten waren, die sich die Menschen vor sehr langer Zeit an ihren Feuern erzählten. Jede Geschichte, die erzählt werden will, atmet in einem ganz eigenen Rhythmus, und um ihn zu hören, dränge ich äußere Faktoren ebenso wie manche Gedanken so weit es geht zurück, die mich von dieser Wirklichkeit abhalten – aber nicht die Wirklichkeit selbst.

Phantastik-Couch: Vielen Dank für das ausführliche und interessante Interview.

Gesa Schwartz: Ich bedanke mich für die spannenden Fragen.

Das Interview mit Gesa Schwartz führte Almut Oetjen im November 2011
Das Foto von Yvonne Schöneck zeigt Gesa Schwartz mit Markus Heitz auf der Verleihung des Deutschen Phantastik Preises 2011 auf der BucmesseCon in Dreieich