Interview mit Gesa Schwartz

„Geschichten waren für mich nie dafür da, um vor etwas zu fliehen, sondern im Gegenteil um mich selbst in ihrem Spiegel zu verändern und dann auf diese Art verändert auch die äußere Welt zu verwandeln.“

In unserem Autoreninterview stellt sich Ihnen heute Gesa Schwartz vor, die mit „Grim – Das Siegel des Feuers“ einen von der Kritik und den Lesern begeistert aufgenommenen Urban-Fantasy-Roman veröffentlicht hat. Die Autorin erzählte uns, wie ihre Geschichten entstehen, was ihr die phantastische Literatur bedeutet und wie sie zu Vorwürfen wie Eskapismus oder Infantilisierung steht.

Phantastik-Couch: Auf deiner sehr schönen Homepage kann man ein Video deiner Lesung zu „Grim – Das Siegel des Feuers“ auf der Buchmesse in Leipzig abrufen. Du hast dort eine ziemlich blutige und gruselige Szene, die mit dem Kartenmann im Kapitel 17 (S. 206) verlesen. Warum ausgerechnet diese Szene?

Gesa Schwartz: Ich habe mich für die Kartenmann-Szene entschieden, weil sie einen guten Einblick gibt in die Atmosphäre der Geschichte und darüber hinaus die Komplexität von „Grim“.

Phantastik-Couch: Du hast eine neue Fantasyfigur, die der Gargoyles oder Wasserspeier und ihre Anderswelt in die Fantasy eingeführt. Auch andere Figuren, wie der Kartenmann oder der Feenkrieger, sind neu oder anders konzipiert, als in anderen Fantasybüchern. Denkst du, das Fantasygenre braucht nun andere Protagonisten, als die gängigen und sollte neue Wege beschreiten?

Gesa Schwartz: Natürlich sollte man sich als Schriftsteller immer bemühen, den eigenen Weg zu gehen – aber die Jagd nach Originalität empfinde ich eher als kontraproduktiv. Ich erzähle eine Geschichte, weil ich es für notwendig erachte, ich erzähle sie so, wie sie es erfordert – und ich denke, dass eine auf diese Weise entstandene Geschichte zwangsläufig originell und außergewöhnlich ist. Für mich wird eine Figur nicht in erster Linie spannend durch ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, sondern sie muss mich im Ganzen fesseln und mir etwas bieten, das mich in ihren Bann zieht. Das kann ein Angehöriger eines relativ gängigen Volkes wie das der Zwerge oder Elben genauso bieten wie ein Gargoyle. Als Schriftstellerin empfinde ich es allerdings durchaus als spannend, ein bislang relativ unbeachtetes Volk genauer zu betrachten und auch in Bezug auf derartige Äußerlichkeiten Figuren zu erschaffen, die es noch nie gab.

Phantastik-Couch: Gerade diese oft recht morbiden Figuren, aber auch die Überschneidungen der Welten im urbanen Umfeld, lassen Vergleiche zu Gaimans „Sandman“-Serie oder „Neverwhere“ ziehen. Daher allgemein die Frage: Welche Autoren beeinflussen dich oder haben dich beeinflusst? Nicht nur auf deine eigene Schreibarbeit bezogen, sondern allgemein. Was würdest du, völlig Genre-unabhängig, als das für dich prägendste Buch bezeichnen? Und – was liest du jetzt gerade?

Gesa Schwartz

Gesa Schwartz: Neil Gaiman gehört natürlich zu den wirklich großen Namen und noch dazu zu den Autoren, die ich sehr schätze, daher ist ein Vergleich mit ihm für mich eine große Ehre. Ich kannte die „Sandman“-Reihe vor „Grim“ nur vom Hörensagen, wurde aber inzwischen mehrfach darauf angesprochen, dass meine Geschichte von einer ähnlichen Stimmung getragen würde, und auch die Punkte, die ihr ansprecht, wurden häufig genannt. Daher habe ich mir vorgenommen, mich in naher Zukunft in die Welt des „Sandman“ zu begeben, um dem nachzuspüren. „Niemalsland“ (dt „Neverwhere“) habe ich gelesen, ich mag die Geschichte sehr. Dort wird eine ähnliche Atmosphäre vermittelt, wie ich es in „Grim“ beabsichtigt habe, und auch die Schattenhaftigkeit der erschaffenen Welt und der grim&gritty-Charakter verschiedener Figuren ist mir aus meinen eigenen Geschichten vertraut. Daher freut es mich sehr, dass die Leser bei der Lektüre von „Grim“ ähnliche Empfindungen haben wie bei dem Lesen eines Textes von Neil Gaiman.

Zu den Autoren, die mich beeinflusst haben bzw. noch immer beeinflussen, gehören auf jeden Fall Goethe und Michael Ende, ebenso wie Tad Williams, Alan Moore und der oben genannte Neil Gaiman, aber auch einige Philosophen, und das in unterschiedlichster Hinsicht. Meine prägenden Leseerlebnisse sind zahlreich und ich könnte sie nicht auf ein Buch reduzieren. Gerade lese ich Das Buch ohne Namen von Anonymus und Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft von Rüdiger Safranski.

Phantastik-Couch: Dein erstes als Buch veröffentlichtes Werk umfasst 680 Seiten. Kannst du ungefähr sagen, wie viel Zeit vergangen ist zwischen der Idee zu dem Buch und dem Schreiben der letzten Zeile? War früh klar, dass ein richtig dicker Wälzer daraus werden wird oder hat sich das erst mit der Zeit ergeben?

Gesa Schwartz: Die Arbeit an Grim betrug etwa ein Jahr. Dass es ein ziemlich dickes Buch werden würde, war relativ schnell klar, da sich der Hintergrund der Welt, der Figuren und der verschiedenen Völker entfalten musste und ich Wert darauf gelegt habe, die Geschichte so zu gestalten, dass dem Leser in jeder Hinsicht ein vielfältiges und in sich stimmiges Bild vorgestellt wird.

Phantastik-Couch: In diesem Zusammenhang – wie entstehen deine Bücher überhaupt? Arbeitest du nach einem Plan, stehen die Geschichte und ihr Ziel bereits vor dem ersten Wort, oder entdeckst du den Inhalt der Erzählung erst während des Schreibens?

Gesa Schwartz: Das kommt ganz darauf an. Bevor ich mit dem eigentlichen Schreiben beginne, steht die Idee, aus der dann die Notwendigkeit erwächst, die Geschichte erzählen zu wollen. Dann gibt es Geschichten, in die muss man hineinspringen, die erlebt man selbst, während man sie erzählt, ohne auch nur das Geringste zu planen. Ähnlich wie bei der mittelalterlichen Âventiure gibt es kein festes Ziel, dafür aber jede Menge Irrwege und keinen wirklichen Zufall. Am Ende fügt sich alles zu einem Bild zusammen, in dem alles passt – auch wenn man das mitten im Abenteuer nicht für möglich gehalten hätte. Allerdings ist es nicht ganz leicht, eine Geschichte in Anbetracht von äußeren Faktoren wie Abgabeterminen auf diese Art zu erzählen. Daher entwerfe ich inzwischen immer zuerst ein Konzept, ehe ich mit dem Schreiben beginne. Wichtig ist mir hierbei, dass sich alles nicht von außen, sondern von innen heraus entwickelt – d.h. aus der Geschichte und den Figuren selbst. In den glücklichsten Fällen gelingt es mir, mich von der Geschichte aufsaugen zu lassen und das Abenteuer trotz aller Vorarbeiten mit meinen Figuren gemeinsam zu erleben. Dann bin ich doch wieder bei der Âventiure, werfe vorige Planungen über den Haufen – und stelle am Ende fest, dass die Geschichte aus sich selbst heraus genau so geworden ist, wie sie erzählt werden musste.

Phantastik-Couch: Wir dürfen natürlich hier natürlich nichts über das Ende des Buches verraten, nur soviel, dass dir eine überraschende und spektakuläre Auflösung eingefallen ist. Zu welchem Zeitpunkt der Romanentstehung wusstest du, wie er aus geht? Gab es alternative Enden?

Gesa Schwartz: Da ich die Hintergründe von Grim und Mia ebenso wie ihre inneren Konflikte in aller Tragweite teilweise erst während der Reise erfahren habe, konnte ich das Ende nicht bis ins Detail planen und musste mich letztlich davon überraschen lassen. Alternative Enden gab es nicht. Ich denke ohnehin, dass es für keine Geschichte Alternativen gibt – jede Geschichte hat genau eine Möglichkeit, erzählt zu werden, und es ist die Aufgabe des Schriftstellers, diese Möglichkeit unter den unzähligen anderen, nur scheinbar richtigen auszuwählen und zu gestalten.

Phantastik-Couch: Auf die Frage nach den Vorbildern zu deinen Figuren, sagst du immer, es gäbe keine, sie wüchsen aus deinen Geschichten. Ich war allerdings beim Lesen des Buches von der Tiefe der emotionalen Entwicklung der zweiten Hauptfigur Mia sehr berührt. Fließen hier nicht auch die Erfahrungen der heranwachsenden Gesa Schwartz mit ein?

Gesa Schwartz: Es ist mir wichtig, zwischen meinen Figuren und mir selbst eine klare Linie zu ziehen. Mias Geschichte gehört ihr – es sind ihre Gedanken und Gefühle, die ich schildere, und nicht meine, und dasselbe gilt für all meine Figuren. Das bedeutet nicht, dass ich meinen Charakteren in gewissen Bereichen nicht sehr ähnlich sein kann – welche das allerdings sind, werde ich nicht verraten. Darüber hinaus helfen mir natürlich bestimmte Erfahrungen, die ich in meinem Leben gesammelt habe, um mich in meine Figuren einfühlen zu können. Beispielsweise konnte ich Mia, die mit dem Verlust engster Angehöriger zurechtkommen muss, in ihrer Trauer und ihrem Umgang mit dem Tod ein besonderes Verständnis entgegenbringen aufgrund der Ereignisse, die mir passiert sind. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür gewesen, aus dem Mia sich mir anvertraut hat.

Phantastik-Couch: Geben wir die vorige Frage vielleicht einfach weiter: Wen würden Grim und Mia jeweils als ihre Vorbilder bezeichnen?

Gesa Schwartz: Wenn der Begriff des Vorbilds im Sinne der vorigen Frage gemeint ist, würden sowohl Grim als auch Mia vermutlich erwidern, dass sie kein Vorbild haben, und das empfinde ich auch als verständlich. Was würden wir antworten, wenn wir gefragt würden, ob es ein Vorbild gäbe, nach dem wir geschaffen worden seien? Wenn man die Frage losgelöst betrachtet und unter dem Begriff des Vorbildes ein Ideal versteht, dem es nachzueifern gilt, würde Grim vermutlich niemals zugeben, ein Vorbild zu haben, selbst wenn es so wäre. Aber ich denke tatsächlich, dass er keines hat, weil es keine Figur – sei es in der Realität, in der Anderswelt oder in Sagen und Legenden – gibt, der er mitsamt seiner inneren Konflikte nachstreben könnte. Eine wichtige Person in Grims Leben war aber sicherlich Moira, ebenso wie Monsieur Pité, denen er vermutlich nicht nacheifern würde, aber dennoch gewisse Eigenschaften von ihnen in sich selbst verankert sehen möchte. Bei Mia ist die Frage leichter zu beantworten: Ihr Vorbild in diesem Sinn ist ihr Bruder Jakob.

Phantastik-Couch: „Grim – Das Siegel des Feuers“ ist ja ein Urban-Fantasy Roman, spielt in Paris, Rom und eben der Anderswelt Ghrogonia. Das Buch ist ja auch während deiner einjährigen Europareise entstanden. Hast du dich für die Gestaltung Ghrogonias von europäischen Städten und ihrer Historie inspirieren lassen? Kannst du Beispiele nennen?

Gesa Schwartz: Ghrogonia ist als Hauptstadt der Anderwelt unterhalb von Paris in vielerlei Hinsicht ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Kreaturen und Kulturen und somit vermutlich die Kulmination verschiedenster urbaner Inspirationen, die ich während meiner Reise gefunden habe. Darüber hinaus ist die Einwirkung der Architektur von Paris auf das Stadtbild Ghrogonias an einigen Stellen ebenso beabsichtigt wie unverkennbar. Ein weiteres Beispiel für eine Inspirationsquelle zur Gestaltung Ghrogonias bzw. der Umgebung der Stadt sind die Katakomben von Paris, genauer die alten Steinbrüche, die sich in mehreren hundert Kilometern Länge in einer Tiefe von bis zu 35 Metern unterhalb der Stadt erstrecken. Seit jeher haben die Steinbrüche einen besonderen Reiz auf viele Menschen ausgeübt. Im Jahr 1793 stieg beispielsweise der Pförtner Philibert Aspairt mit einer Laterne in der Hand in das unerforschte Gebiet der alten Carrières hinab – und niemand hat ihn je wieder gesehen, zumindest nicht lebend. Elf Jahre später wurde ein Skelett in den Steinbrüchen gefunden, das durch den Schlüsselbund des Pförtners identifiziert werden konnte. Er war in den Carrières von Paris verloren gegangen. Wenn man dann noch bedenkt, dass in einem Teil der Steinbrüche die Gebeine von etwa sechs Millionen Menschen liegen und die größten Teile dieses unterirdischen Netzwerks obendrein unerforscht sind, fällt es schwer, dort unten nicht inspiriert zu werden.

Phantastik-Couch: Du schreibst ja bereits an einer Fortsetzung für „Grim“. Magst du schon ein wenig darüber erzählen? Setzt Grim seine Europareise, die ihn in „Das Siegel des Feuers“ von Paris nach Rom geführt hat, an andere Schauplätze fort? Welche der Nebenfiguren wird man wieder treffen?

Gesa Schwartz: Das zweite Abenteuer um Grim und Mia habe ich vor ein paar Wochen beendet. In der Tat wird die Geschichte neben Paris auch an anderen Orten in Europa spielen. Von den Nebenfiguren wird natürlich Remis wieder mit dabei sein, ebenso wie Theryon, Mourier und einige andere, aber auch neue Charaktere werden auftauchen.

Phantastik-Couch: Dein Held der Geschichte, neben Mia, Grim kommt zunächst nicht immer sympathisch herüber, ist oft wütend, stur und schroff. Nachdem er die Wahrheit über sich selbst erfahren hat, sind sanftere Charaktereigenschaften in ihm aufgeblitzt. Werden diese im Folgeband stärker zum Ausdruck kommen?

Gesa Schwartz: Grim wird immer seine harte Schale behalten und nur mitunter das zeigen, was darunter liegt. So habe ich ihn kennengelernt und auch, wenn ich ihn manchmal für seine Sturheit und Ruppigkeit einen Kopf kürzer machen könnte, werde ich nicht versuchen, seinen Charakter zu ändern. Seine innere Zerrissenheit wird immer ein Teil seines Wesens bleiben. Es wird ein harter und schwerer Weg für Grim, zu sich selbst zu finden, gerade auch weil er kein Held ist im eigentlichen Sinn, sondern ein innerlich schwankender, heimatloser Charakter ist, der von seiner eigenen Tiefe immer wieder erschreckt wird, und in dem noch einige dunkle Ecken liegen, die nicht einmal er selbst bislang durchdrungen hat. Allerdings wird er im Folgeband mit Dingen konfrontiert werden, die ihn bis ins Innerste erschüttern – insofern wird der Leser auch in dieser Geschichte die Möglichkeit haben, hinter die Masken und Mauern zu schauen, die Grim um sich herum errichtet hat, und gemeinsam mit Grim den Weg zu einem Stück Selbsterkenntnis gehen können.

Phantastik-Couch: Dem Fantasy-Genre wird oft der Vorwurf des Eskapismus gemacht. In manchen Artikeln ist von Infantilisierung der Literatur die Rede, was auch im Phantastik-Couch Forum immer wieder Gegenstand der Diskussion ist. Wie stehst du zu solchen Statements? Siehst du dich oder deine Leser als Realitätsflüchtige oder als Menschen mit dem Bedürfnis nach „banaler“ Zerstreuung?

Gesa Schwartz: Ich halte den Vorwurf des Eskapismus für unsäglich und untragbar. Geschichten waren für mich nie dafür da, um vor etwas zu fliehen, sondern im Gegenteil um mich selbst in ihrem Spiegel zu verändern und dann auf diese Art verändert auch die äußere Welt zu verwandeln. Umso besorgter beobachte ich Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die darauf ausgerichtet sind, die Welt in eine innere und eine äußere Wirklichkeit auseinanderzureißen. Das halte ich für fatal, ebenso wie es in „Grim“ fatal ist, dass Ander- und Menschenwelt getrennt wurden. Ich bin davon überzeugt, dass es unsere Vorstellungen sind, die die Welt bilden – und sie verändern können.

Allerdings muss man bei der Eskapismus-Debatte auch beachten, wer dieses tote Pferd immer wieder sattelt, um eine Weile darauf herumzujuckeln. Kenner der phantastischen Literatur und ihrer Vielfalt sind es jedenfalls nicht. Besonders in der Wissenschaft besteht ja vielerorts noch immer eine geradezu hysterische Furcht vor dem scheinbar Banalen und als banal (und damit belächelnswert) wird all jenes verstanden, was der normale Mensch von der Straße ohne Sekundärliteratur begreifen kann. Diese Furcht ist mir während meines Studiums ebenso häufig begegnet wie die hochgezogene Augenbraue der – ich nenne sie einmal Elfenbeinturmliteraten und deren Rezensenten. Ich habe nichts gegen diese Art von Literatur, aber oftmals wird von ihren Produzenten verkannt, dass sie den Sinn und Zweck ihrer Kunst verfehlen, wenn sie jenseits der Welt schreiben, aber umgekehrt erwarten, dass alle Welt sie lesen und womöglich auch noch verstehen soll. Kunst – und Literatur ist ja nichts anderes – sollte immer den Anspruch haben, jenseits der Belanglosigkeit stattzufinden, und das kann sie nur dann tun, wenn sie jemanden erreicht. Eine Infantilisierung der Literatur anzunehmen, nur weil phantastische Texte möglicherweise in einer allgemein verständlichen Sprache verfasst werden, weil Erwachsene auf einmal sogenannte Kinderbücher lesen oder in den Geschichten Dinge vorkommen, die es für einen wissenschaftlich aufgeklärten Menschen angeblich gar nicht geben kann, ist Unsinn- und das nicht nur vom literaturwissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen, sondern auch von der Warte des Schriftstellers aus, denn es ist ja allgemein bekannt, dass nichts schwerer herzustellen ist als der Anschein der Mühelosigkeit in der Kunst, so dass der Betrachter den Eindruck gewinnt, dass er das Kunstwerk selbst hätte schaffen können.

Ohnehin betrachte ich den Begriff „Infantilisierung“ mit Argwohn, impliziert er doch in all seiner negativen Aufgeladenheit einen verwerflichen Rückschritt zu etwas Minderwertigem, etwas, das man, sobald man erwachsen wird, schnellstmöglich ablegen sollte. Ich stehe dieser Entwicklung mehr als skeptisch gegenüber, denn wie Michael Ende bin auch ich der festen Überzeugung, dass in jedem Menschen das Ewig-Kindliche lebt, und dass es dieses Kind ist, das uns am Leben erhält und uns zu schöpferischen, denkenden, sehnsüchtigen Wesen macht. Dieses Kind, daran glaube ich, ist unsere Zukunft. Man muss sich doch fragen: Warum lesen (sogenannte) Erwachsene (sogenannte) phantastische Kinder- und Jugendbücher? Dieses wachsende Phänomen zeigt, dass in dieser Art von Geschichten etwas zu finden ist, das in unserer rationalisierten Welt rar geworden ist und das nicht nur Kinder zum Überleben brauchen, sondern auch wir Erwachsenen. Daraus auf eine Rückentwicklung zu schließen, ist nicht haltbar. Wir sollten uns daran erinnern, dass es eine Trennung zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur erst seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gibt, und dass es vielleicht Zeit wird, über die Hintergründe sowie den Sinn oder Unsinn dieser Grenzziehung nachzudenken.

Dasselbe gilt für die Phantastik, deren Wertigkeit sich trotz des anhaltenden und vom Feuilleton immer wieder glotzäugig bestaunten „Booms der Fantasy“ noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert hat. Sicherlich gibt es Menschen, die vor der Realität fliehen wollen, indem sie – nicht nur phantastische – Geschichten lesen, aber dann sollte man sich fragen, warum das so ist bzw. wie sich die Welt entwickelt hat, dass sie zunehmend mehr Menschen von sich selbst entfernt und in scheinbar andere Welten treibt. Michael Ende hat gesagt, dass unsere Welt „buchstäblich von allen guten Geistern“ verlassen ist: Er nannte sie eine Zivilisationswüste, eine trostlose Ödnis aus blindem Rationalismus und Fortschrittswahnsinn, in der auf Dauer kein Mensch überleben wird. Ich stimme ihm zu, nicht umsonst lebe ich ja in einem Stück Zirkus mitten in der Wüste unserer Welt, und ich denke, dass ich mit dieser Einstellung nicht allein bin. Die immer noch wachsende Leidenschaft der Leser für die phantastische Literatur zeigt die ureigenen Sehnsüchte des Menschen und unsere Besinnung auf das, was einmal unser Menschsein begründet hat. Phantasie und Poesie sind lebensnotwendig und trotz aller Bemühungen, sie aus unserem ökonomisierten und technisierten Leben zu verbannen, werden sie doch gleichzeitig mit allen Mitteln zurückgerufen. Daher denke ich, dass der phantastischen Literatur endlich die Bedeutung zugedacht werden sollte, die sie verdient. Denn wenn die Menschen über dieses Genre der Literatur zu ihrer eigenen Poesie, ihrem inneren Kind, zurückfinden, hat diese Art der Kunst mehr erreicht als die gesamte sogenannte E-Literatur der letzten Jahrzehnte. Dafür sollten wir der phantastischen Literatur unsere Hochachtung zollen und nicht unseren Spott.

Phantastik-Couch: Was ist es, was dich als Autorin bewegt, phantastische Geschichten mit übernatürlichen Elementen zu erzählen – und was ist es, deiner Meinung nach, was deine Leser bewegt, sich mit diesem Genre zu beschäftigen?

Gesa Schwartz: Die Geschichten selbst sind meine stärkste Motivation. Ich überlege mir nicht vorher ein Genre, sondern erzähle die Geschichten so, wie sie erzählt werden müssen, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Darüber hinaus bin ich wie schon gesagt der Überzeugung, dass unsere Welt einer Poetisierung bedarf und besonders die phantastische Literatur hierzu einen wesentlichen Teil beitragen kann. Sie erinnert mich daran, dass alles möglich ist – und dass Freiheit ein Grundbedürfnis des Menschen ist, das in der Realität aber immer weniger Platz findet und zunehmend beschnitten wird. Wir häuten die Welt mit wachsendem Ehrgeiz ab, sie entgleitet uns, weil sie uns nichts mehr bedeutet, weil wir verlernt haben zu erkennen, dass sie mehr ist als die Summe ihrer Teile. Der vielzitierte Werteverlust ist da nur ein Stichwort. Woher sollen die Werte kommen, wenn wir der Welt an allen Ecken und Enden ihre Bedeutung austreiben? In einer Welt des blinden Rationalismus ist nur der etwas wert, der dem Fortschritt dient – wohin dieser Fortschritt eigentlich führen soll, weiß doch schon lange niemand mehr. Dennoch ist es schwer, sich gegen diese Maschinerie zu wehren. Schon 10jährige haben heute Coaches, die ihnen bei der Karriereplanung helfen sollen – da frage ich mich, wohin sich unsere Gesellschaft entwickeln möchte. Wie ich in der vorigen Frage schon sagte, kann in meinen Augen nur eine Rückbesinnung auf das, was den Menschen eigentlich ausmacht, diese Entwicklung aufhalten. Die phantastische Literatur bietet das, was die Menschen in der sogenannten äußeren Welt vermissen, und was sie dennoch lebensnotwendig brauchen. Neben dem Bedürfnis nach guter Unterhaltung ist es in meinen Augen daher vor allem auch dieser Hintergrund, der die Entscheidung des Lesers für ein phantastisches Buch wie „Grim“ bestimmt.

Phantastik-Couch: Ich denke, der Erfolg deines Buches und deine Arbeit als Autorin sind auch in deinem engeren Umfang ein Thema: Wie haben deine Familie, deine Freunde und Kollegen auf diese Entwicklung reagiert? Was waren bisher deine Lieblingskommentare?

Gesa Schwartz: Meine Familie und meine Freunde haben mich ebenso wie einige Kollegen auf dem langen Weg bis zur Veröffentlichung begleitet, und wir haben in den vergangenen Jahren so vieles zusammen durchgestanden, dass uns eigentlich nichts mehr erschüttern kann. Wir haben zusammen getrauert und jetzt freuen wir uns zusammen und bestaunen teils ungläubig, teils sprachlos die Entwicklungen, die sich gerade vollziehen. Einen Lieblingskommentar habe ich nicht, weil es all jene Kommentare sind, die mich in dem bestärken, was ich tue.

Phantastik-Couch: Gibt es, abgesehen von der Grim-Vortsetzung, an der du gerade arbeitest, noch andere Geschichten in anderen Genres, die du in Zukunft gern erzählen möchtest? Machst du längerfristige Pläne und wie könnten die aussehen?

Gesa Schwartz: Gerade arbeite ich an einem neuen Projekt im Phantastik-Bereich. Ansonsten schließe ich aber kein Genre für mich aus, denn in welchem Bereich ich letzten Endes lande, kommt immer darauf an, welche Geschichte bei mir aufkreuzt und erzählt werden möchte. Wenn ich mir allerdings die Ideen anschaue, die bereits in der Ferne darauf warten, mich anzufallen, dann werde ich dem Phantastik-Genre wohl noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Phantastik-Couch: Wir danken dir, Gesa, für das ausführliche und interessante Interview!

Das Interview mit Gesa Schwartz führten Tom Orgel und Eva Bergschneider
Foto: Tom Orgel auf der Buchmesse Leipzig 2010