Interview mit Jeff Carlson

Auf der Suche nach dem Untergang der Menschheit im Kleinen

Der Amerikaner Jeff Carlson hat mit Nano einen spannenden SF-Thriller um ein bedrohliches Endzeitszenario geschrieben: Mikroskopisch kleine Killermaschinen töten alle warmblütigen Lebewesen, versagen jedoch auf über 10.000 Fuß Höhe. Und auf kalten Berggipfeln haben auch Menschen ihre liebe Not am Leben zu bleiben. Wir haben den Autor unseres Buch des Monats November 2008 gefragt, warum er den Untergang der Menschheit im Kleinen sucht.

Phantastik-Couch.de: Hallo Jeff, danke, dass du dir Zeit nimmst für unser Gespräch.

Jeff Carlson: Hi, ich danke für die Einladung auf die Phantastik-Couch!

Phantastik-Couch.de: Was hat dich zu Beginn mehr stärker fasziniert: Nanotechnologie oder die apokalyptische Situation der Protagonisten?

Jeff Carlson: Beides! Aber ehrlich gesagt, begann „;Nano“ mit der Ausgangssituation, die Technologie kam später hinzu.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Eltern mich dazu erzogen haben, Outdoor-Sport zu lieben, Skifahren, Trekking, Angeln, Kanufahren. Ich bin in Nordkalifornien aufgewachsen, auf Meereshöhe, aber die San Francisco Bay ist nur drei Stunden von den Bergen der Sierra entfernt. Und nach so einem Wochenende mit frischem Pulverschnee und Klippenspringen wollen meine Freunde und ich eigentlich nie zurück zur Arbeit. Als Schriftsteller suche ich stets nach coolen Ideen.

Um zum Lake Tahoe zu gelangen, müssen wir jedesmal durch den Donner-Pass fahren, den Ort der berüchtigten Donner-Party. Eines Tages habe ich mir überlegt, was passieren würde, wenn niemand mehr nach Hause zurückkehren könnte? Und was, wenn das überall so wäre?

Ob ihr es glaubt oder nicht, aber ich bin eigentlich ein ganz normaler glücklicher Mensch. Meine Frau Diana und ich haben zwei starke und intelligente Kinder – sie ist auch ziemlich beschlagen – und ich genieße meinen Job. Wenn man einmal die Ausgangssituation des Buches akzeptiert hat, wird es leider ziemlich schnell ungemütlich, weshalb es wohl auch so erfolgreich ist. Es ist eine unglaublich harte Frage, die man sich stellen muss: „;Was würdest du tun, um zu überleben?“ Auf über 3.000 Metern gibt es fast keine Tiere oder, Pflanzen, die man essen könnte, keinen Unterschlupf, keine Technologie, keinen Brennstoff.

Während einer Krise gibt es immer Menschen, die versagen. Aber es gibt auch immer die, die über sich hinauswachsen – in jeder Situation. Menschen sind die intelligentesten und robustesten Lebewesen auf diesem Planeten, was uns allerdings auch auf einem Auge blind macht. Es arbeitet gegen uns, denn wir sind die Ursache fast aller unserer Probleme. Und das finde ich höllisch spannend.

Als ich damit begann, „;Nano“ zu schreiben, bestand die Bedrohung in einem Virus, aber ich konnte eine biologische Bedrohung nicht dazu bringen, eine Barriere zu beachten. Sie kam immer wieder über die Berge und tötet alle. Was auch ein Buch ergeben hätte, aber die Geschichte wäre eine ohne Hoffnung gewesen. Eine maschinelle Pest jedoch könnte Einschränkungen haben, vielleicht wäre man sogar in der Lage, sie abzuschalten.

Derzeit veröffentlichen Wissenschaftler erstaunliche Dinge in Sachen Medizintechnologie, mich faszinerte dabei immer wieder, wie sie primitive Nanobots einsetzen, um Tumore zu zerstören. Und so wurde die Maschinenpest geboren …

Phantastik-Couch.de: Und an welche Vorbilder hast du die Protagonisten Cameron, Ruth und Sawyer angelehnt?

Jeff Carlson: Ich muss zugeben, dass die beiden Hauptcharaktere viel von mir in sich tragen. Cams Hintergrund als Athlet, der die rein animalischen Eindrücke des Skifahrens genießt und dabei nur aus Muskeln besteht, das kam direkt aus meinem Herzen. Er ist jung, gut in Form und zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Cam ist der Jedermann in der Geschichte, der Normalo, den es ans Ende der Welt verschlägt.

Andererseits habe ich sozusagen eine gespaltene Persönlichkeit. Zwar liegt mein IQ nicht wie der von Ruth bei 190, ich kann aber von mir behaupten, ohne hoffentlich allzu blöd zu klingen, dass ich auf hohem Niveau abschneide. Das hat mir beim Großwerden manchmal Probleme bereitet, sogar beim Sport war ich manchmal zu kopflastig. Das ging gut, solange gespielt wurde, wurde aber problematisch, wenn ich mit dem Trainer über die Feldstrategie diskutierte. Aber ich wusste, dass ich Recht hatte. Das weiß ich immer noch, und wie! Ha ha.

Sawyer wiederum ist eine andere Geschichte. Viel von der Inspiration für diesen Charakter kam von einem meiner High-School-Freunde, der sehr smart und charismatisch war. Er hatte kaputte Kindheit und mehrere Pflegefamilien hinter sich und war eine natürliche Autorität, er arbeitet aber auch manchmal gegen sich selbst, wenn er zu selbstbezogen war. Er konnte aber sehr sarkastisch sein, wohl als Schutzmechanismus. Ich glaube, dass er eine Menge falscher Schuld mit sich herum trug.

Für mich als Schriftsteller war ein innerer Konflikt wie dieser sehr interessant: Ein Mann, für den alles von selbst läuft, der aber nicht über seinen Selbsthass hinausblicken kann. Eine sehr normale Spannungsquelle.

Phantastik-Couch.de: Apropos Vorbilder: Welche Bücher oder Autoren, die über Menschen und Maschinen schreiben haben dich inspiriert? Falls es welche gab.

Jeff Carlson: Das ist sehr verdreht: Ich mit begonnen zu schreiben, weil gerne las. Und jetzt, als Vollzeitschriftsteller, habe ich kaum noch Zeit zum Lesen. Sehr bedauerlich, wie ich finde. Die eigentliche Schreibarbeit zieht so viel Recherche, Überarbeiten, vertragliche Dinge und Korrespondenz nach sich, dass ich eine ganze Menge großartiger Romane versäume. Wir haben auch zwei Söhne, und das ist dann manchmal wie in einem Schimpansenkäfig im Zoo. Andererseits machen die beiden einen Riesenspaß.

Was die Autoren angeht, so gehört zu Joe Haldeman wegen seiner sehr bewegenden Sprache zu meinen Favoriten. Douglas Preston und Lincoln Child wegen ihrer intensiven Plots. Aber auch SF- und Tech-Thriller wie eben „;Nano“, die ich zum Entspannen lese und weil die großen verrückten Ideen mag. Hin und wieder auch Kriminalromane und Mainstreamliteratur oder sogar Liebesgeschichten, um handwerklich am Ball zu bleiben.

Phantastik-Couch.de: Glaubst du, dass Nano-Tech die Welt revolutionieren wird? Warum oder warum nicht?

Jeff Carlson: Es ist schon passiert, wir sind von Nano-Tech umgeben. Für einen Bereich, der sich mit mikroskopischen Dingen befasst, ist Nanotechnologie unglaublich weit vorangeschritten und durchdringend.

Theoretisch können Nanobots wie die in meinem Buch aus Dreck Gold machen Oder Lebensmittel. Oder Arzneimittel. Oder einen Kaltfusionsreaktor. Wenn man einmal das grundlegende Konstrukt des Universums kontrolliert, kann man fast alles produzieren.

Phantastik-Couch.de: Wäre ein vollständiger Kontrollverlust, wie du ihn beschreibst, möglich?

Jeff Carlson: Ja. Es gibt hunderte von kleinen Laboren, die nicht darüber reden, was sie tun. Manche sind kommerziell, manche militärisch. Nanobots will man sich überhaupt nicht als Waffen vorstellen. Sogar Atombomben sind nichts gegen einen unsichtbaren weltweiten Teppich von von Nanobots, die die Raketen entschärfen und auseinandernehmen könnten, bevor sie gezündet werden. Oder jeden auseinandernehmen, dem das nicht gefällt.

In „;Nano“ postuliere ich, dass es Forschungsteams gibt, die von „;dummen“ Nanobots zu aktiven intelligenten Maschinen gelangt sind, mit deren Hilfe sie bösartiges Gewebe im menschlichen Körper ausfindig machen können.

Soweit bekannt ist, gibt es Forschungsteams, die bereits solche Maschinen entwickelt haben Und die Forscher in „;Nano“ gehören zu eben jenen, die die Ergebnisse ihrer Arbeit für sich behalten, nicht, weil sie böse sind, sondern weil es geschützte Informationen sind. Die ersten, die wirklich so etwas entwickeln und damit an den Markt gehen, werden Trillionen von Dollars verdienen, wobei Geld dann schon eine sekundäre Rolle spielen wird.

Phantastik-Couch.de: Brauchen wir also mehr eine stärkere Kontrolle der Nanoforschung?

Jeff Carlson: Wie sollten wir eine solche denn umsetzen? Nanotech ist nicht wie der Missbrauch von Nuklearmaterial. Ein Labor braucht bloß ein paar Räume und nur wenige Leute.

Wir könnten also mehr Gesetze erlassen, an die sich dann die Guten halten würden.

Phantastik-Couch.de: Was ist also deine Meinung zum menschlichen Streben nach Unsterblichkeit?

Jeff Carlson: Auch daran wird permanent gearbeitet. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich in den letzten beiden Jahrhunderten fast verdoppelt, was natürlich ein Riesenfaktor hinsichtlich urbaner Ausbreitung und Umweltverschmutzung ist. Die Menschen leben länger, doch sie sterben auf fürchterlichere Weise. Es kommt mir so vor, als gäbe es jeden Tag neue exotische Krankheiten und Seuchen, Allergien, Krebsarten, Geburtsfehler …ganz abgesehen von so herkömmlichen Problemen wie Hunger und Krieg.

Zurzeit arbeite ich an einem Buch, das diese Fragestellung thematisiert. Das Werk steht erst ganz am Anfang, es wird wohl mein zweiter Roman nach Abschluss der „;Nano“-Trilogie.

Phantastik-Couch.de: Jeff, vielen Dank für das Gespräch!

Eva Bergschneider und Frank Dudley führten dieses Interview im November 2008