Interview mit Jim Butcher

„Ich schrieb doch nur bekloppte kleine Magierbücher.“

Jim Butcher, Autor der „Harry Dresden“ und „Codex Alera“ Reihe, überlässt die tiefsinnige Literatur lieber anderen. Seine Leser sollen mit den Figuren mitfiebern und ihren Spass haben. Und genau so kommt der Schriftsteller auch im Gespräch 'rüber, glaubwürdig und vor allem witzig. Carsten Kuhr interviewte den einfallsreichen Erzähler und erfuhr, wie Jim Butcher zur Phantastik und sein Magier Harry zu seinem Nachnamen kam.

Phantastik-Couch.de: Kannst du uns als Einstieg ein bisschen über dich erzählen? Hast du einen Beruf abgesehen vom Schreiben? Ich habe mal gehört, dass du früher als Vertreter von Tür zu Tür gegangen bist, um so deine Miete und dein Literaturstudium an der Uni bestreiten zu können?

Jim Butcher: Mir fällt kein einziger Schriftsteller ein, der seine Karriere sofort Vollzeit als Autor begonnen hat. Jeder muss erst einmal einer ganz normalen Arbeit nachgehen, bevor er sich als Schriftsteller über Wasser halten kann. Es ist ein großer Sprung in der Karriere eines Schriftstellers, wenn er von „Teilzeit-Schreiben“ auf „Vollzeit-Schreiben“ wechseln kann. Ich fing mit Schreiben im Jahr 1991 an und verkaufte nichts bis 1999 und vor 2000 ging keins meiner Bücher in Druck. Ich konnte erst Ende 2002 von der Schriftstellerei leben. Zwischen 1991 und 2003 habe ich als Staubsauger-Vertreter gearbeitet, als Angestellter in einem Laden für Frozen Joghurt, als Assistent an der Uni, in einer Bücherei, im Callcenter, als freiberuflicher Webdesigner und Administrator. Nebenher habe ich Bücher geschrieben, ging zur Uni, um meinen Abschluss in Literatur zu machen und erzog meinen Sohn zu Hause, während meine Frau als Ingenieurin arbeitete.

Phantastik-Couch.de: Meinst du, ein Literaturstudium hilft dabei Schriftsteller zu werden?

Jim Butcher: Das kommt ganz darauf an, was man schreiben will, wie dein Schreibtalent geartet ist und wer dich unterrichtet. Gute Lehrer können mit Sicherheit außerordentlich hilfreich sein, aber schlechte Lehrer können dir genauso gut genau den falschen Weg zeigen und schneller als du gucken kannst, hast du dich dann verrannt. Meine Englischlehrer und -professoren waren vielleicht nicht die Besten, mich darauf vorzubereiten, ein Genre-Schriftsteller zu werden. Sie beschränkten sich sehr auf klassische literarische Elemente, die heutzutage nicht mehr so zünden und hatten eine natürliche Abscheu vor dem eigentlichen Handwerk des Geschichtenerzählens. Allerdings konzentrierten sich diejenigen, die Journalismus unterrichteten, sehr auf Techniken und Kniffe, die man ausgezeichnet bei zeitgenössischer Fiktion anwenden kann. Eigentlich habe ich alles, was ich wirklich über das Schreiben wissen musste, an der „University of Oklahoma’s School of Professional Writing“ gelernt, von einer erstklassigen Lehrerin: Debbie Chester. Sie hat selbst mehr als 40 Romanen geschrieben und veröffentlicht.

Phantastik-Couch.de: Kommen wir zu deinen Büchern über und mit „Harry Dresden“ und die „Codex Alera“-Romane. Was bedeutet es für dich, dass du nicht nur in der USA, sondern auch im Ausland veröffentlicht wirst?

Jim Butcher: Um ganz ehrlich zu sein, ich bin immer noch verblüfft, dass sie wirklich veröffentlicht worden sind, ganz davon abgesehen, dass die Bücher sogar übersetzt wurden. Hättest du mich gefragt hätte ich geantwortet, das ich doch nur bekloppte kleine Magierbücher schrieb. Als sie Erfolg hatten, war ich perplex. Als dann die ersten Angebote reinkamen, sie in anderen Sprachen zu veröffentlichen und mein Agent mich fragte: „Willst du das machen?“ war ich immer noch ein wenig überwältigt und sagte nur: „Äh, klar. Warum nicht?“ Ich glaube jedoch, ich habe die geheime Angst aller Autoren in dieser Situation: dass bei der Übersetzung etwas vom Original verloren geht. Aber vor allem denke ich das Gleiche bei den nicht-englischen Ausgaben wie bei der englischsprachigen Version: die Bücher existieren, um dem Leser Spaß zu machen. Wenn die Leser beim Lesen gut unterhalten werden – das zählt!

Jim Butcher

Phantastik-Couch.de: In der Zwischenzeit sind mehr als ein Dutzend „Dresden-Romane“ in der USA veröffentlicht worden. Gehst du jetzt mit der Erfahrung, die du durch die bisherige Arbeit gesammelt hast, anders ans Schreiben heran als damals, als du dich zum ersten Mal an die Tastatur gesetzt hast, um eine Geschichte aufs Papier zu bringen?

Jim Butcher: Oh, alles ändert sich dadurch. Als ich anfing, musste ich sehr genau bei der Planung der Handlung aufpassen, dass sie zusammen mit den Erzählsträngen funktioniert und wie ich die Figuren einführe und so weiter. Mit der Praxis wird das automatischer, etwas, was man instinktiv macht. Wenn ich jetzt schreibe, konzentriere ich mich weit mehr auf die Figuren und wie sie denken und fühlen, weil ich mich viel sicherer dabei fühle, eine Geschichte aufzubauen und das Tempo und den Spannungsbogen während der gesamten Geschichte zu halten.

Phantastik-Couch.de: Hast du die Serie schon mit der Option angefangen Fortsetzungen zu schreiben und wie viele Romane über Harry sind geplant? Ich habe etwas von 20 geplanten Romanen gelesen.

Jim Butcher: So um die zwanzig. Kommt ganz darauf an, ob mein Sohn studieren will. Zu Anfang hatte ich eine 20-Romane-Serie geplant mit einer gigantischen, epischen Trilogie als Ende – denn wer mag keine apokalyptischen Trilogien! Ich bin nicht sicher, ob es 19 oder 21 oder 22 „Fall“-Bücher werden wie die, die ich bisher geschrieben habe, aber die Abschluss-Trilogie wird auf jeden Fall eine große Geschichte in drei Bänden.

Phantastik-Couch.de: Wie kamst du auf den Namen „Dresden“? Ist das eine Anspielung auf die Stadt Dresden in Deutschland?

Jim Butcher: Indirekt ja. Als ich nach einem Namen für meine Hauptfigur suchte, lief im Hintergrund der Fernseher. Es lief eine Folge von Babylon 5, die Folge, in der Boxleitners Rolle über den Einfluss von Bombardements im Krieg auf die Psyche spricht. Seine dunkle, grummelige Stimme zählt mehrere solcher Bombenangriffe auf und erwähnt da auch „Dresden“. Ich hatte mich schon für Harry als Vornamen entschieden, wegen Houdini und dem Magier Blackstone und als er „Dresden“ sagte, horchte ich auf wie ein Hund, der ein neues Geräusch hört. Ich saß da und sagte „Harry Dresden“ bestimmt zwanzig Male vor mich hin und kam zu dem Schluss, dass das super passte und schrieb es nieder.

Phantastik-Couch.de: Bob, der sprechende Totenkopf ist einer der interessantesten Nebenfiguren in den Romanen. Wo kam er (ist es ein „er“) her? Ist er wirklich eine Art magischer Ratgeber für Harry oder mehr eine Nervensäge?

Jim Butcher: Er ist vor allem ein Insiderwitz zwischen meiner Creative Writing-Lehrerin und mir. Als ich ihr erzählte, dass ich eine Art Assistent plane, der Harry bei den die esoterischeren Aspekten der Magie hilft hielt sie das für eine gute Idee, sagte aber auch: „Pass auf, dass es nicht nur ein “Talking Head„ wird.“ Ein „Talking Head“ ist die Bezeichnung für eine Figur, die nur in einer Geschichte auftaucht, um einen Schwall an Informationen zum Besten zu geben und dann wieder verschwindet. „Talking Heads“ haben keinen echten Charakter und sind meist farblos und langweilig, sie liefern nur wichtige Infos ab und Schluss. Darum, nur um sie zu ärgern, entschied ich mich für meinen magischen Laborassistenten als wörtlich „sprechenden Kopf“ – Bob, der Totenkopf. Als meine Lehrerin das las, schaute sie mich nur an und bemerkte: „Du hälst dich für einen ganz Schlauen, was?“

Phantastik-Couch.de: So weit ich weiß, hat der Fernsehsender „SciFi“ eine Staffel der dunklen Fälle des Harry Dresden produziert, die bisher in Deutschland noch nicht ausgestrahlt wurde. Warst du daran beteiligt, wird es eine Fortsetzung geben?

Jim Butcher: Ich hatte sehr wenig Einfluss auf „die dunklen Fälle des Harry Dresden“ als TV-Serie, obwohl ich einmal in einer Folge im Hintergrund auftauche als einer von Butters Laborassis und ich habe das Set ein paar Mal besuchen können. Es war ein nettes Team. Leider führten einige unglücklichen Umstände dazu, dass die Geldgeber der Serie beschlossen, ihr Geld woanders zu investieren und die Fälle werden so nicht mehr auf die Mattscheibe zurückkehren.

Phantastik-Couch.de: Kommen wir zu den „Codex Alera“ Romanen. Erzähl uns ein wenig darüber. Warum hast du z. Bsp. das Genre gewechselt?

Jim Butcher: Die Dresden-Fälle zu schreiben ist eine sehr anstrengende Tätigkeit. Darum ist es sehr wichtig für mich ab und zu meine Nase in andere Welten zu stecken, damit ich es nicht Leid werde mit Harry Dresden herum zu hängen und ihn eines Tages ganz grausam umbringe. Oh Moment …Egal. Es ist eine große Erleichterung für mich auch in anderen fiktionalen Welten zu arbeiten und verschiedene Methoden und Techniken auszuprobieren, gute Geschichten zu erzählen. Natürlich hängen mir, wenn ich zum Ende dieser anderen Geschichten komme, die neue Geschichte auch zum Hals raus, darum ist es so unglaublich nett mich danach wieder in den Sattel der Dresden-Fälle zu schwingen. Es ist ein guter Balanceakt für mich und so werde ich weitermachen.

Phantastik-Couch.de: Die Welt von „Codex Alera“ erinnert mich an das Römische Reich. Hattest du das im Kopf als du die Serie begonnen hast? Wie hast du die Fakten über die Legionen und die Art wie die Römer kämpften recherchiert?

Jim Butcher: Oh, absolut richtig. Codex Alera basiert auf der Idee der IX Hibernia Legion, die in einen Sturm marschierte und verschwand – und in einer völlig anderen Welt wieder auftaucht: Alera. Ich habe die Zusammensetzung der römischen Legionen dieser Zeit recherchiert und herausgefunden, dass sie zur Hälfte aus römischen Bürgern und zur Hälfte aus deutschen Söldnern und Helfern bestand, plus einer Menge Leute, die dem Camp folgten sowie inoffiziellen Familienmitgliedern. Dementsprechend ließ ich sie in eine magische Welt plumpsen und fing an, ihre Geschichte zu schreiben. Als Römer begannen sie alle, die sie trafen zu erobern und schließlich, nach tausend Jahren bauten sie ihr eigenes Reich auf. Als ihre Gesellschaft sich niederließ kam ich auf die halb-römische, halb-deutsche Grundidee zurück und etablierte die Alerans als eine sehr geteilte Nation, in der die Verwaltung auf römische Art aus Regierungszentren erfolgt und mit einer ländlichen Bevölkerung, die in Höfen wohnt mit Grundbesitz, ähnlich wie im historischen Germanien.

Ich habe eine Menge Bücher über die römischen Legionen und die Kriegskunst in der Antike gelesen, aber die besten Informationen habe ich in Büchern gefunden, die in der Kinderabteilung der Büchereien standen. Akademische Texte richten sich an Erwachsene und Wissenschaftler und sind zum Brechen voll mit allen möglichen Theorien, Philosophien und Hochrechnungen, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht, wirklich fundiert sind. Aber Kinderbücher über die Römer zeigen dir wie ein Katapult funktioniert oder wie ihre Rüstung aufgebaut war – alles was Spaß macht!

Ich schreibe nicht um zu lehren. Ich bin nicht wirklich viel schlauer als irgendwer und meine Ausbildung ist solide aber recht bescheiden. Ich bezweifle dass ich irgendetwas Tiefsinniges mitteilen kann, was demjenigen nicht schon selbst in den Sinn gekommen ist. Diese Art Literatur überlasse ich gern anderen. Ich möchte vielmehr das Gefühl von Aufregung und Interesse einfangen, dass wir alle als Kinder hatten. Ich möchte, dass der Leser sich fragt, was als nächstes passiert und dass seine Finger kribbelig werden, weil er umblättern will. Ich möchte, dass die Leser laut über meine Witze lachen, über meine Tragödien weinen und an meine Figuren denken als Menschen, die sie kennen. Ich möchte, dass die Leser mit meinen Figuren mitfiebern. Darum bin ich Schriftsteller. Ich will, dass die Leser Spaß haben.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, dass du mit uns deine Zeit verbracht hast und dass wir dich ein wenig kennenlernen durften. Wir wünschen dir alles Gute und freuen uns auf deine neuen Romane.

Jim Butcher: Sehr gerne.

Das Interview führte Carsten Kuhr im April 2012.
Übersetzung: Verena Wolf
Sie können das Interview auch im englischen Original nachlesen.