Interview mit Jonathan Barnes

„Ich bin weder fanatisch für noch gegen die Monarchie.“

„Wenn Du schreibst, ist es dein Geschäft, das wahre Leben gegen das Spiegelkabinett deiner Vorstellung antreten zu lassen.“

Phantastik-Couch.de: Jonathan, schön, dass Du Dir die Zeit für ein Gespräch mit uns nimmst. Magst du uns die wichtigsten Eckpunkte Deines bisherigen Werdegangs verraten?

Jonathan Barnes: Ach, nichts wirklich Aufsehenerregendes fürchte ich – Schule, Uni, Arbeit. Mein erster Roman wurde vor zwei Jahren veröffentlicht und es war für mich – verzeih, dass ich kitschig werde – ein Traum, der wahr wurde.

Phantastik-Couch.de: Was hälst Du eigentlich von den deutschen Titeln Deiner Romane?
1. Originaltitel: „The Somnambulist“, deutsch: „Das Albtraumreich des Edward Moon“, wörtliche Übersetzung des dt. Titels: „The Nightmare Realm of Edward Moon“
2. Originaltitel: „The Domino Men“, deutsch: „Das Königshaus der Monster“, wörtliche Übersetzung des dt. Titels: „The Monsters Royal House“
Weichen sie Dir nicht zu sehr vom Sinn des Originaltitels ab?

Jonathan Barnes: Nein, gar nicht. Ich mag es, dass die deutschen Titel von den englischen bzw. amerikanischen abweichen. Ich denke, das gibt den deutschen Ausgaben eine eigene Identität. Außerdem, der deutsche Titel für „The Somnambulist“ spiegelt den Inhalt des Buches genauer wieder als der englische. Leser haben sich mehr als einmal beschwert, dass es falsch von mir war, den Roman nach so einem unwichtigen Nebendarsteller zu benennen.

Phantastik-Couch.de: Wie entwickelst Du Deine skurrilen Figuren? Gibt es in Deiner näheren Umgebung Vorbilder für sie?

Jonathan Barnes: Manche werden durch das wahre Leben inspiriert, klar, obwohl sie verändert und neu zusammengesetzt werden. Andere kommen einfach aus dem Nirgendwo und erscheinen einfach auf der Seite. Wenn du schreibst, besonders bei der Art, wie ich schreibe, dann ist es dein Geschäft das wahre Leben gegen das Spiegelkabinett deiner Vorstellung antreten zu lassen. Ich denke, meine Bücher zeigen das reale Leben, aber aus einer gewissen Entfernung, „in den Dreck gezogen“ sozusagen. Ich hoffe, dass diese Technik es mir erlaubt, über Dinge zu schreiben, die rein realistisch nicht gingen.

Phantastik-Couch.de: Bist Du ein Kritiker des Königshauses? In „The Domino Men“ beschreibst Du einen königlichen Erben als Drogenabhängigen, seine Frau scheint ihn zu betrügen. Ist das die Art, wie du Blaublütige porträtieren willst?

Jonathan Barnes: Ich bin weder fanatisch für noch gegen die Monarchie. Es erschien irgendwie passend für die Geschichte, dass die Windsors involviert waren und dass einer der Hauptfiguren der Prinz von Wales war. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass irgendeine Kritik am Königshaus hinein interpretiert werden sollte. Eigentlich kommt der Prinz am Ende sogar recht gut weg, er zeigt Zivilcourage, Mut und Scharfsinn. Der Rest der Familie? Na ja, nicht gleichermaßen vielleicht.

Phantastik-Couch.de: Nimmst Du reale Personen als Vorbild für Deine Figuren? Ist also zum Beispiel Dein Prinz ein Zerrbild von Prinz Charles? Die Königin erinnerte mich an Elisabeth, die Zweite?

Jonathan Barnes: Sie sind erfunden, aber natürlich wäre es naiv von mir, zu glauben, dass die Leute, die über eine fiktionale königliche Familie lesen, die im heutigen England lebt, sie nicht mit der echten königlichen Familie vergleichen würden. Ich nehme an, ich habe diese Erwartung für meine Zwecke genutzt, mit ihr gespielt und sie verdreht.

Phantastik-Couch.de: Die Art, wie Du die Geschichte erzählst, erinnerte mich an den Humor von Monty Python. Ist das Deine Art Humor, oder eher eine Inspiration?

Jonathan Barnes: Ich denke nicht, dass Monty Python mich hier direkt beeinflusst haben. In Großbritannien ist dieser Humor so sehr Teil der Kultur geworden, das er ein eigenes Adjektiv bekommen hat – pythonesk. Das Erbe dieser Truppe ist so allgegenwärtig, dass es schwer wäre, irgendeine Comedy der letzten zwanzig Jahre zu nennen, die nicht von ihnen beeinflusst wäre. Wenn überhaupt, abgesehen von dem mitschwingenden, fast unbewussten Grundton ihrer Arbeit und nur weil ich eine andere Generation bin, haben mich ihre Nachfolger beeinflusst: besonders „The League of Gentlemen“, die heutzutage die sind, die am meisten an Python rankommen.

Phantastik-Couch.de: Bist Du ein Fan von James Bond 007 oder ist es Zufall, dass deine weiblichen Figuren mich an die Frauen der 007-Filme erinnern?

Jonathan Barnes: Ich bin kein glühender Anhänger, aber klar, es ist gute Unterhaltung. Dass die Frauen in meinen Büchern den weiblichen Helden von 007 ähneln, das ist volle Absicht, besonders im Fall von Estella in „The Domino Men“. Sie ist der Archetyp des weiblichen Spions, schön, intelligent, gefährlich, aber doch manchmal irritierend passiv. So verkörpert sie die letzte Fleischwerdung in einer langen Reihe einer ganz bestimmten Fantasie. Ich wollte diese Fantasie in meinem Buch ein wenig in Frage stellen, herausfinden, was passiert, wenn Männer bestimmte unrealistische Erwartungen an Frauen haben und versuchen eine (recht schädliche) Fantasie in die Realität zu überführen und dann zeigen, welch zerstörerischen Effekt das hat.

Phantastik-Couch.de: In einer Rezension (nicht unserer) stand, dass Du in „The Domino Men“ – der Fortsetzung von „The Somnambulist“ den Fehler vermieden hast, schon am Anfang das Ende des Buches zu verraten. War das ein bewusster Wechsel, um mehr Spannung zu erzeugen?

Jonathan Barnes: Ich weiß nicht recht, warum es in irgendeiner Weise ein Fehler gewesen sein sollte, auf die Art ein Buch anzufangen! Ich empfand es mehr als Herausforderung für die Leser, ein Gambit, um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen. Und als ich „The Domino Men“ schrieb, wollte ich mich einfach nicht wiederholen. Es ist eine andere Art Buch, moderner und weniger ein Pasticcio, also wollte ich, dass es eine höhere kinetische Gangart hat – dichter und spannender, wie Du sagst. Um ganz offen zu sein, es wurde auch weit schneller geschrieben als sein Vorgänger und ich denke, diese Dringlichkeit spiegelt sich in der Art der Geschichte wider, die zu erzählen ich mir herausgepickt habe.

Phantastik-Couch.de: Du erzählst sowohl in „Somnambulist“ als auch in „ The Domino Men“ aus gänzlich verschiedenen Perspektiven, zum einen als „Ich“-Erzähler mit einer eingeschränkten Perspektive und als allwissender Erzähler. Warum?

Jonathan Barnes: Ich behaupte viel eher, dass beide Bücher in der ersten Person erzählt werden. Es ist nur so, dass manchmal dieser Ich-Erzähler mehr Beobachter als Protagonist ist. Es ist sicher Geschmackssache, aber ich hoffe eines Tages die Herausforderung anzunehmen, in der dritten Person zu schreiben. Nichtsdestoweniger stört mich irgendwas generell an Erzählungen in der dritten Person. Ich kann mir nicht helfen, ich grüble immer über die Identität des allwissenden Erzählers nach. Wer ist dieser Mensch? Was sind seine Ansichten? Mit wem hat er ein Hühnchen zu rupfen?

Phantastik-Couch.de: War es für Dich einfacher, die Fortsetzung zu „The Somnambulist“ zu schreiben oder schwieriger? Spürt man eine Art Erwartungsdruck, wenn das erste Buch ein solcher Überraschungserfolg war?

Jonathan Barnes: Ich spürte keinen besonderen Druck (oder einen greifbaren Erfolg, um ganz ehrlich zu sein!) Das zweite Buch ging mir recht gut von der Hand, besser als das erste, denke ich. Das Wissen um die Abgabefrist gekoppelt mit der Gewissheit, dass es ganz sicher veröffentlicht wird, half mir vielmehr, mich zu konzentrieren.

Phantastik-Couch.de: Wird es eine weitere Fortsetzung zu „The Domino Men“ geben?

Jonathan Barnes: Das nächste Buch wird ein wenig anders sein, keine Prefekten, keine Direktorate, dementsprechend habe ich aktuell keine Pläne für eine Fortsetzung. Aber natürlich, falls mir der richtige Gedankenblitz kommt wäre ich in Versuchung. In letzter Zeit habe ich mich zum Beispiel immer öfter gefragt, was aus der armen Barbara geworden ist …

Phantastik-Couch.de: Nach der historischen und der gegenwärtigen Geschichte, wird es demnächst eine geben, die in der Zukunft spielt?

Jonathan Barnes: Die Geschichte, an der ich gerade arbeite, umfasst eine weit größere Zeitspanne als alle bisherigen: sie beginnt 1900 und endet 1914. Ein Schauplatz in der Zukunft...das fällt mir schwer. Das impliziert für mich sofort alle möglichen Herausforderungen in Sachen Vorstellungskraft, wichtiger Details, der Plausibilität – das anpacken zu können, soweit bin ich im Moment einfach noch nicht.

Phantastik-Couch.de: Erhältst Du Emails und Briefe von deutschen Fans?

Jonathan Barnes: Ganz sicher würde ich mich darüber sehr freuen!

Phantastik-Couch.de: Hast Du den Eindruck, dass der deutsche Leser englischen Humor verträgt und versteht?

Jonathan Barnes: Absolut – die komödiantischen Elemente in den Büchern scheinen in Deutschland wirklich verstanden worden zu sein. Nicht, dass das sehr überraschend wäre – Ich vermute, dass unser Humor sehr ähnlich ist.

Phantastik-Couch.de: Man ist als Buchkritiker immer in der Verlegenheit, die Werke eines Autors in Subgenre einzuordnen. Wie würdest Du selbst Deine Werke beschreiben und einordnen?

Jonathan Barnes: Ich lehne die Meinung eher ab, dass jedes Buch „einsortiert“ werden muss in eine bestimmte Literaturecke. Ich denke, dass das den Lesern einen Bärendienst erweist. Es beschränkt unnötig die verschiedenen Möglichkeiten und und richtet uns darauf ab, mehr von dem immer gleichen zu wollen und macht uns so zu reinen Konsumenten. Es ist ein Jammer, wenn du schon mit gewissen Erwartungen an ein Buch herangehst, nur weil du es aus einem bestimmten Regal der Buchhandlung genommen hast. Ich weiß, dass Leute, die „The Somnambulist“ gelesen haben und einen geradlinigen Krimi erwartet hatten, enttäuscht waren, weil es sich einen Spaß daraus machte, sich völlig unterschiedlicher Genres zu bedienen. Ich gebe aber gern zu, dass ich mich sehr glücklich schätze, dass meine Bücher überhaupt in Buchhandlungen stehen und ich mir nicht zu viele Sorgen darüber machen darf, wo genau sie platziert werden.

Phantastik-Couch.de: Liest Du Buchkritiken über deine Arbeit und ist Dir dieses Feedback wichtig?

Jonathan Barnes: Zweimal ja. Feedback zu erhalten, egal ob positiv oder negativ, ist lebenswichtig. Wie anders soll man sonst lernen?

Phantastik-Couch.de: Was sind deine aktuellen Projekte?

Jonathan Barnes: Mein nächstes Buch schreiben!

Phantastik-Couch.de: Gibt es literarische Herausforderungen außerhalb der Phantastik, denen Du Dich gerne mal stellen würdest?

Jonathan Barnes: Auf jeden Fall. Ich würde mich eines Tages gern der Herausforderung stellen, etwas zu schreiben, dass keinerlei phantastische Elemente hat. Nichtsdestoweniger, nahezu alle meine Ideen scheinen irgendwie seltsam zu sein, eben doch phantastisch!

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Jonathan Barnes: Danke gleichfalls. Es war mir ein Vergnügen.

Das Interview führten Carsten Kuhr und Eva Bergschneider, Übersetzung: Verena Wolf