Interview mit Judith und Christian Vogt

„Die Puppe meiner Schwiegermutter heißt Inge, saß stets würdevoll und ein bisschen unheimlich im Flur meiner Schwiegereltern, bis sie aus unerfindlichen Gründen von ihrem Stuhl stürzte und sich den Kopf brach.“

„Die zerbrochene Puppe” ist der erste gemeinschaftlich erdachte Roman von dem Autorenehepaar Judith und Christian Vogt. Einen Steampunk-Roman hatten sich die Pädagogin und der Physiker vorgenommen zu schreiben und so ist es kein Wunder, das allerlei technische Wunderwerke in “Die zerbrochene Puppe” eine wichtige Rolle spielen. Aber eine sprechende Puppe? Wir fragten Judith und Christian Vogt im Phantastik-Couch Interview, woher diese Idee stammt und was die beiden am Steampunk fasziniert.

Phantastik-Couch.de: Erzählt unseren Lesern doch bitte ein wenig über Euch. Wie und wo lebt ihr, was macht ihr, wenn ihr nicht schreibt?

Judith Vogt: Wir entstammen beide der Nordeifel (ohne uns jedoch damals schon gekannt zu haben) und wohnen mit unseren drei Kindern in einem Aachener Vorort. Wegen der Zeitungsartikel in der Lokalpresse über sprechende Puppen oder wiedererwachende Eifel-Geister und Dingen wie der Schmiede in der Garage und den Schwertern an der Wand wird sicherlich manchmal ein wenig über uns gemunkelt, aber es ist noch nicht so weit, dass RTL 2 vor der Tür stünde (und wir würden sie auch nicht reinlassen!).

Christian Vogt: Judith arbeitet neben dem Schreibtischjob als Waldpädagogin, bei mir steht als nächstes die Verteidigung meiner Doktorarbeit in Physik an, die ja der Romancharakter Æmelie schon hinter sich hat.

Judith Vogt: Was du hoffentlich im Gegensatz zu ihr überlebst! Hobbies haben wir auch noch, dazu gehört natürlich das Pen & Paper-Rollenspiel, das historische Fechten und manchmal auch ganz normale Dinge wie Fahrradtouren mit unseren Kindern.

Phantastik-Couch.de: Mit „Die zerbrochene Puppe“ habt ihr als Euer erstes gemeinsames Werk einen Steampunk-Roman geschrieben. Wie kam es dazu? Was war zuerst da, die Story um Naðan und Æmelie, oder der Wunsch, Steampunk zu schreiben?

Christian Vogt: Zuerst war der Wunsch da, Steampunk zu schreiben. Die Story drängte sich dann ganz von alleine geradezu auf. Eine gewisse Faszination für Luftschiffe und die technische Ästhetik bronzener Armaturen und großer Hebel, die Blitzentladungen auslösen, war schon länger vorhanden.

Judith Vogt: Und dann kam Christian irgendwann mit der Band „Abney Park“ an. In dieser Zeit tauchten ohnehin allerhand Hinweise auf dieses Genre wie aus dem Nichts auf. – aus unserer Sicht. Das hat uns sicherlich beeinflusst.

Judith und Christian Vogt

Phantastik-Couch.de: Bei Lesungen sieht man Euch im Steampunk-Look. Wofür steht der Begriff „Steampunk“ aus Eurer Sicht? Identifiziert ihr Euch mit diesem Stil oder diesem Lebensgefühl?

Judith Vogt: Es ist schwierig zu sagen, dass man sich mit dem Lebensgefühl identifiziert. Für mich bedeutet Steampunk auch eine Auseinandersetzung mit vergangenen gesellschaftlichen Normen und Rollen, und damit kann ich mich in den meisten Fällen nicht wirklich identifizieren. Im Roman steht da ganz klar die in zwei „Welten“ groß gewordene Tomke für diesen Willen, aus einem gesellschaftlichen Korsett auszubrechen. Die Optik von Steampunk fasziniert mich jedoch ganz enorm, der Erfindungsgeist, der dahinter steckt.

Christian Vogt: Und die Erinnerung an eine Zeit, in der wirklich große wissenschaftliche Umbrüche stattgefunden haben, innerhalb kürzester Zeit zahlreiche umwälzende Erkenntnisse offenbar geworden sind. Gleichzeitig ist Steampunk nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit, es ist eine Art Retro-Science-Fiction.

Judith Vogt: Ein Zukunftsentwurf, der eine andere Gegenwart als unsere heutige annimmt. In unserem Roman startet das mit dem Einbruch der Eiszeit im Frühmittelalter, der die ganze Zivilisation durcheinanderwirbelt. Ich finde die Idee, Vergangenheit neu zu denken, neue fiktive Richtungen zu entwickeln, die parallel zur tatsächlichen Richtung laufen, ganz faszinierend an Steampunk.

Phantastik-Couch.de: Wie ist der alles andere als makellose Held Naðan entstanden, gibt es reale Vorbilder für die Figur? Und wie kam es zu dem anrührenden und zugleich skurrilen Motiv mit der sprechenden Puppe Ynge?

Christian Vogt: Gegen Ende steckt beinahe ein kleiner Bruce Willis in ihm.

Judith Vogt: Das wussten wir anfangs aber noch nicht. Wir wollten einen ungewöhnlichen Helden, jemanden, der zögerlich ist, ein wenig weich, verwöhnt und zugleich von einem harten Schicksalsschlag beinahe um den Verstand gebracht. Im Prinzip ist Naðans Geschichte natürlich eine klassische Heldengenese, aber ich würde sagen, er fängt noch ein wenig weiter unten an als der „normale“ Held, da er in seiner Grundhaltung wirklich zunächst nichts Heldenhaftes aufweist. Die Idee zu Ynge entstand um eine alte Puppe meiner Schwiegermutter herum. Diese Puppe heißt auch Inge, saß stets würdevoll und ein bisschen unheimlich im Flur meiner Schwiegereltern, bis sie aus unerfindlichen Gründen von ihrem Stuhl stürzte und sich den Kopf brach. Das war die ursprüngliche Ynge-Inspiration.

Christian Vogt: Dass sie spricht …ja, wie kam es eigentlich dazu?

Judith Vogt: Ich kann es gar nicht mehr genau sagen. Irgendwie kam da die Idee: „Stell dir vor, die Frau des Protagonisten wäre tot und würde nur noch durch ihre alte Porzellanpuppe sprechen ...“

Phantastik-Couch.de: Wer von Euch ist auf die Idee gekommen, eine alt-nordische Schreibweise und die friesische Sprache zu verwenden? Hat sich das ausschließlich aus der Story entwickelt und/oder wolltet ihr dem Leser einen eigenwilligen Schreibstil bieten?

Christian Vogt: Das Æ taucht hier und dort aus uns unbekannten Gründen auf, wenn es ums Steampunk-Genre geht. Wir wollten das gerne übernehmen, dabei aber konsequent sein und dann auch die th-Varianten aus den nordischen Sprachen einbauen und eine plausible Erklärung für die Verwendung dieser Buchstaben finden. Was die Friesen angeht: Wir interessieren uns schon länger für dieses freie Volk und seine ungewöhnliche Geschichte im Mittelalter. Dies alles ließ sich wunderbar mit dem Hintergrund des Romans verbinden.

Phantastik-Couch.de: Überhaupt habt ihr Euch in puncto Weltenbau einiges einfallen lassen. Eine Eiszeit, die alternative Historienicht nur bezüglich des Industriezeitalters, sondern in der die Wikinger Europa geprägt haben. Hattet ihr den Ehrgeiz, möglichst viele originelle Aspekte in Eure Geschichte und in das Genre einzubringen?

Judith Vogt: Soweit ich mich erinnere, war die Eiszeit einer der allerersten Geistesblitze zum Roman. Eine alternative Vergangenheit sollte es sein, energiehungrig. Und irgendwie verbanden wir Steampunk mit Kälte und Winter – warum, kann ich gar nicht so genau sagen. Der Ehrgeiz, möglichst originell zu sein, war eigentlich nicht da – solche Bestrebungen lesen sich nachher vermutlich eher gezwungen, und uns gefiel gerade das Ungezwungene, Leichte beim Steampunkweltenbau.

Phantastik-Couch.de: Ihr seid kein ´klassisches´ Autoren-Ehepaare, da ihr auch ´eigenständig´ schreibt. Wie war es nun, sich für dieses Projekt zusammenzutun? Gab es auch Auseinandersetzungen? Inwieweit bestimmt so ein Projekt den Familienalltag?

Judith Vogt: Meine Romanarbeit bestimmt ohnehin ein wenig den Familienalltag. Wenn ich schreibe, schreibe ich oft auch abends, und Christian nimmt sowohl am Entwickeln der Storyline als auch am ersten Durchgang des fertigen Textes viel Anteil. Bei der „Puppe“ stand jedoch von Anfang an fest, dass wir alles gemeinsam entwickeln und dass jede einzelne Szene in Zusammenarbeit entsteht. Da wird dann natürlich quasi permanent gebrainstormt, Gespräche im Auto, am Frühstückstisch, vor dem Einschlafen drehten sich um Städte auf dem Eisberg, die Friesen, die Gasbatterie …

Christian Vogt: Richtige Auseinandersetzungen gab es eigentlich nicht. Manchmal hatten wir uns eine Szene unterschiedlich vorgestellt, da mussten wir beide Ideen gegenüberstellen und entscheiden, welche am besten funktioniert.

Judith Vogt: Du hast meistens gewonnen.

Phantastik-Couch.de: Wie habt ihr Euch die Arbeit aufgeteilt? Man könnte annehmen, dass der Physiker Christian für den wissenschaftlichen Unterbau (Stichwort: Galvanischen Gasbatterie) zuständig war, während Judith als erfahrenere Autorin das Schreiben übernimmt.War es so ähnlich?

Christian Vogt: Das lässt sich kurz und eindeutig mit einem Ja beantworten …

Phantastik-Couch.de: Wie lange habt ihr überhaupt an dem Buch gearbeitet?

Judith Vogt: Die Story haben wir innerhalb von etwa zwei Wochen ausgearbeitet und als Exposé an Feder&Schwert geschickt. Danach haben wir uns das Projekt zunächst aus dem Kopf getan, einige Monate später kam dann aber nicht nur die Zusage, sondern auch der Wunsch, das Manuskript möge Anfang 2012 fertig sein. Deshalb haben wir etwa zwei Monate aktiv daran geschrieben und danach weitere zwei Monate überarbeitet und Testlesermeinungen eingeholt.

Phantastik-Couch.de: Was könnt ihr jungen Autoren raten, die erfolglos Manuskript um Manuskript an die Verlage schicken?

Judith Vogt: Diesen Autoren kann ich nur sagen, dass es mir ungefähr 12 Jahre lang genauso gegangen ist. Meinen ersten Roman habe ich mit 17 geschrieben, und von da an kann ich auf Hunderte, vielleicht Tausende von Seiten „Fingerübung“ zurückblicken. Mit jedem Manuskript wird man ein bisschen besser, und irgendwann wird es irgendwen geben, der es erkennt. Auch wenn ich bislang bei keinem großen Publikumsverlag gelandet bin, hat die Arbeit für „Das Schwarze Auge“ einige Türen geöffnet. Auch die Teilnahme an Kurzgeschichtenwettbewerben, wie zum Beispiel Torsten Low sie regelmäßig auslobt, kann sicherlich ein erster Schritt sein. Was ich persönlich kritisch sehe, ist die Veröffentlichung als selfmade E-Book, zum Beispiel bei Amazon. Vielleicht irre ich mich, und das ist der Markt der Zukunft, aber ich lege auch als Kundin Wert auf lektorierte Bücher und einen Buchhandel, der mehr Gleise hat als die passive Plattform, auf die man hoch- und von der man runterladen kann, und den Autor, der vom Cover über den Satz bis hin zur Werbung wirklich alles leisten muss.

Phantastik-Couch.de: Was lest ihr privat? Hauptsächlich Fantasy oder auch andere Genre? Gibt es Autoren, die ihr besonders mögt, oder die Euch vielleicht sogar als Vorbilder dienen?

Christian Vogt: Ich habe in letzter Zeit besonders gerne Kage Bakers „Das Haus des Hirschs“ und die „Dresden Files“ gelesen. Im Feder&Schwert-Programm bin ich außer diesen noch auf weitere Schätzchen gestoßen. Begeistert haben mich auch „Krieg der Sänger“ von Robert Löhr, Bernhard Cornwells Uhtred-Romane, der gute alte George R.R. Martin und auch Joe Abercrombie. Und nicht zu vergessen sind unsere vielen netten Kollegen unter den DSA-Autoren, die tolle Bücher schreiben und mit denen oft ein inspirierender Austausch zustande kommt. Beim Thema Steampunk darf man natürlich Jules Verne nicht vergessen: „20 000 Meilen unter dem Meer“ scheinen mich schon früh in dieser Richtung beeinflusst zu haben.

Judith Vogt: Mein großer Held ist Neil Gaiman. Dazu muss ich wohl nicht mehr viel sagen. In letzter Zeit habe ich sehr gerne Oliver Plaschka und Ju Honisch gelesen, die ja auch beide bei Feder&Schwert veröffentlicht haben, unsere werten DSA-Kollegen, und seit Weihnachten habe ich Bekanntschaft mit der Gentleman-Bastard-Reihe von Scott Lynch gemacht. Da ich einige Jahre in einer spezialisierten Kinder- und Jugendbuchhandlung gearbeitet habe, lese ich zudem nach wie vor gerne phantastische Jugendbücher.
Ja, ich würde sagen, wir lesen hauptsächlich Phantastik, wenn auch nicht ausschließlich – und wir lesen beide nicht gerne „klassische“ Fantasy, wie beispielsweise die Völkerromane.

Phantastik-Couch.de: Wird es weitere Bücher von Euch beiden geben? Arbeitet ihr vielleicht bereits an einem weiteren gemeinsamen Werk? Oder schreibt erst einmal jeder für sich?

Christian Vogt: Im Sommer 2013 erscheint ein bislang titelloser historischer Roman im Aachener Ammianus-Verlag aus unserer Feder. Der Verlag hat sich auf ambitionierte historische Projekte mit ein wenig Lokalkolorit spezialisiert, und nachdem Judiths „Die Geister des Landes“dort gut funktioniert hat, kam der Verlag mit dem Vorschlag auf uns zu, wir mögen mal über ein historisches Thema nachdenken, das uns am Herzen liegt. Das war rasch gefunden – denn der Aufstand der Eburonen gegen die römischen Invasoren ist sowohl ein lokales Thema wie auch eine ganz große faszinierende Geschichte.

Judith Vogt: Auch für die DSA-Romanreihe möchten wir einen gemeinsamen Roman zu einem gemeinsamen Lieblingsthema verfassen. Für diese Reihe werde ich außerdem in diesem Jahr mit meiner geschätzten Kollegin Eevie Demirtel an einem Roman arbeiten.

Christian Vogt: Judith bleibt allerdings hauptsächlich fürs Romaneschreiben verantwortlich, während ich ja vor allen Dingen wissenschaftliche Texte veröffentliche.

Phantastik-Couch.de: Ich danke Euch sehr, dass ihr Euch Zeit für ein Interview mit phantastik-couch genommen habt!

Das Interview führte Eva Bergschneider im Januar 2013