Interview mit Jens Lossau und Jens Schumacher

„Wir wollten den Zwergen in den Arsch treten. Allerdings kam es dann etwas anders.“

Zum zweiten mal trafen wir Jens Schumacher und Jens Lossau, die Autoren der Fantasy-Krimi-Reihe mit zwei skurrilen Ermittlern, Meister Hippolit und Jorge, dem Troll. Und es war wieder ein besonderes unterhaltsames Gespräch. Wir unterhielten uns über ihren aktuellen IAIT- Roman „Der Schädelschmied“, in dem der Krimi-Plot äußerst verzwickt und die Archetypenverzerrung besonders ausgeprägt daherkommen. Aber auch darüber, wie man ohne Zeichnungen eine Fülle von Schauplätzen organisieren kann, warum die Trollsprichwörter keine sind und wieso viel öfter Fantasy-Lesungen veranstaltet werden sollten.

Phantastik-Couch.de: Jens und Jens, „Der Schädelschmied“ ist nun ein Mix aus Zwergen-Persiflage und Locked-room-Mystery, Krimis, für die John Dickson Carr bekannt geworden ist, den ihr ja auch zitiert. Warum diese Kombination? Habt ihr ein spezielles Verhältnis zu Zwergen oder zu Dickson-Carr?

Jens Lossau: Der Mix kam ganz einfach wieder dadurch zustande, dass wir unsere Geschichten zu zweit ausdenken. Während Jens Schumacher ein großer John Dickson Carr-Verehrer ist, hasse ich Zwerge.

Jens Schumacher: Dadurch war die Marschrichtung für diesen Roman schnell klar. Wir sind in unsere Reihe mit dem Vorsatz gestartet, Fantasy mit Krimielementen zu verbinden. Ein Zweig, den wir im Krimi schon immer faszinierend fanden, war der des Locked-room-Mystery. Darüber hinaus hatten wir von Anfang an vor, irgendwann etwas mit dem Archetyp des Zwergs zu machen – etwas Ungebräuchliches, wie schon zuvor mit den Elben und den Orks. Da Zwerge gern unter der Erde buddeln und in Minen arbeiten, bot sich dieser Schauplatz an. Und was für einen „gelockteren room“ könnte es geben als ein Büro mit nur einer Tür, viele Meilen tief unter dem Gebirge? So haben wir ein Locked-room-Mystery in einer unterirdischen Minenstadt angesiedelt und als Staffage unsere Version von „Die Zwerge“ dazu gegeben.

Jens Lossau: Und ich hasse Zwerge, nach wie vor.

Phantastik-Couch.de: Das merkt man, denn diese Zwerge kommen nicht wirklich gut weg. Befürchtet ihr nicht, es euch mit Zwergen-Fans zu verscherzen?

Jens Lossau: Anfangs wollten wir den Zwergen schon in den Arsch treten. Allerdings kam es dann, wie eigentlich immer während des Schreibprozesses, etwas anders. Die Zwerge, die im hinteren Teil des Buches auftreten, sind menschlich und vieldimensional, ob das nun ein Arbeiter ist, der in den Minen ausgebeutet wird, oder ein Verwandter des Ermordeten, der in einer Art Bücherhalle wohnt. Plötzlich wurden die Kerle uns während des Schreibens doch sympathischer, als wir geplant hatten. Bei Dir war das natürlich wieder ganz anders, Schumacher …

Jens Schumacher: Wir hatten schon beim „Elbenschlächter“ die Erfahrung gemacht, dass ein Buch umso mehr mediales Echo bekommt, je rücksichtsloser man mit den verwendeten Fantasy-Archetypen umgeht. Auf der anderen Seite finde ich gar nicht, dass unsere Zwerge so überaus negativ dargestellt werden. Stärker noch als bei unserer Darstellung der Elben haben zwar auch unsere Zwerge ihre Eigenheiten und Marotten; auf der anderen Seite haben sie aber z.B. ein funktionierendes Bankensystem aufgebaut und eine 34 Stockwerke unter in die Erde reichende Metropole mit Aufzügen, Eisenbahnen und vielem mehr geschaffen.

Jens Lossau: Was für Arschlöcher!

Jens Schumacher: Ein Volk also, das etwas gestemmt kriegt – allerdings auf Kosten seiner geistigen und politischen Zurechnungsfähigkeit. Was die Kerle aber wiederum menschlicher macht. Denn Leute, die viel leisten, viel können und zu Recht stolz auf sich sind, haben ja bekanntlich oft was am Kopf …

Jens Lossau & Jens Schumacher

 

Phantastik-Couch.de: Nun spielt „Der Schädelschmied“ in der Zwergenstadt Barlyn, einem gigantischen, unterirdischen (34 Etagen) Wohnraum- und Stollengeflecht mit ausgefeilten Versorgungssystemen. Habt ihr diesen Schauplatz gemeinsam gestaltet und Zeichnungen angefertigt?

Jens Schumacher: Es gibt keine Zeichnungen. Wie schon bei den vorangegangenen Bänden sind wir keine Freunde von sogenannter Landkarten-Fantasy. Im Grunde habe ich nichts gegen diese Richtung, ich habe im Jugendbuchbereich auch schon solche Sachen gemacht. Aber darum ging es uns bei den IAIT-Romanen nicht. Wie im Falle von Nophelet oder den Örtlichkeiten, die im „Orksammler“ eine Rolle spielen, haben wir uns auch hier zunächst die Handlung überlegt, aus der sich die anschließend die erforderliche Lokalität ergeben hat. Klar sollten alle relevanten Punkte immer an derselben Stelle sein, es durfte nicht zu Überschneidungen kommen. Dafür gab es Listen. Aber wir haben die ganze Stadt nicht aufgezeichnet. Dafür wären wir vermutlich auch viel zu faul gewesen.

Jens Lossau: Schumacher ist in dieser Hinsicht phänomenal, er hat jede handlungstragende Lokalität detailliert im Kopf. Er weiß genau, wo welche Kurve abbiegt, und verbessert mich, falls ich mal Fehler mache. (an Schumacher gewandt:) Du hast so ein komisches Landkartengedächtnis – ganz scheußlich. Aber darauf konnte ich mich immer verlassen. Vorher ausgearbeitet haben wir das wirklich nur grob.

Jens Schumacher: Der Schwelgenmarkt allerdings stammt wiederum von dir.

Phantastik-Couch.de: Es passt alles so gut zusammen, als gäbe es ganz detaillierte Karten.

Jens Schumacher: Du kannst es als Autor entweder so machen, dass du alles ganz genau kartografierst, oder aber du führst exakt Buch, um die Übersicht zu behalten. Bei uns gibt es etliche Listen über Flüche, technische Errungenschaften, Feiertage und all solche Dinge. Die Geschichten selbst entstehen aber völlig organisch, die Schauplätze entwickeln sich wie gesagt aus der Handlung.

Jens Lossau: Wir legen mehr Wert auf unsere Figuren, was wahrscheinlich eher untypisch ist für Fantasyromane, in denen oft zuerst mal eine ganze Welt hingeworfen wird. Wir dagegen haben uns zunächst die tragenden Charaktere ausgedacht. Dann erst schubsen wir sie in eine Fantasywelt und sehen zu, was passiert. Im Fall des „Schädelschmieds“ ergab sich daraus zum Beispiel, wie – ich will ja nicht zu viel verraten – bestimmte technische Errungenschaften in dieser Zwergenstadt angelegt und umgesetzt sein mussten.

Jens Schumacher: Oder die Art und Weise, wie der Mord im verschlossenen Raum sich genau zuträgt.

Phantastik-Couch.de: Ihr gebt mir immer passende Stichworte, als nächstes wollte ich etwas zu den Figuren fragen. Ich hatte den Eindruck, dass Hippolit und Jorge in „Der Schädelschmied“ ein wenig unabhängiger voneinander agieren. In welche Richtung möchtet ihr die Figuren weiter entwickeln?

Jens Schumacher: Es ist richtig, dass es im „Schädelschmied“ weniger Kapitel gibt, in denen Jorge und Hippolit gemeinsam agieren. Aber im Grunde war das gar nicht so geplant. Ob diese beiden überhaupt unabhängig voneinander bestehen könnten, weiß ich nicht. Jorge ist zwar oft auf eigene Faust unterwegs, aber er scheitert ja am laufenden Band. Und Hippolit braucht Jorge ebenfalls – um abgelenkt zu werden, sich über ihn zu ärgern und so seinen Denkapparat in Bewegung zu setzen. Ich finde daher das Verhältnis zwischen beiden im dritten Band nicht so viel anders als in den vorherigen Büchern. Aber das kommt ja vielleicht noch.

Jens Lossau: Eigentlich hatten wir eher im Hinterkopf, dass sich die gegenseitige Abhängigkeit der beiden noch verstärkt, allerdings mit verschobenen Wertigkeiten. Vielleicht wird Hippolit irgendwann einmal nicht mehr der sein, der immer Recht hat? Vielleicht lernt selbst Jorge eines Tages noch Dinge dazu, die ihn zu so etwas Ähnlichem wie einem menschlichen Wesen machen? Ich bin ziemlich sicher, dass Jorge in einem der nächsten Bände eine Gesprächstherapie machen und daraus viel mitnehmen wird. Mal schauen, was sich daraus entwickelt …

Phantastik-Couch.de: Kann es passieren, dass einer von beiden sich verliebt und vielleicht einmal eine Dame zur Seite gestellt bekommt? Die Geschichte ist bisher doch sehr männerlastig.

Jens Lossau: Das kann schon passieren. Wobei die Definition von „Verliebtheit“ bei den beiden noch nicht so ganz klar ist.

Jens Schumacher: Wir hatten tatsächlich schon den Gedanken, Jorge eine weibliche Begleitung oder zumindest ein weibliches Ziel für seine Aufmerksamkeit an die Seite zu stellen.

Phantastik-Couch.de: Die IAIT-Romane sind bisher unabhängig voneinander lesbar. Wird das so bleiben? Oder wird es vielleicht auch mal eine Band übergreifende Rahmenhandlung geben?

Jens Lossau: Das ist nicht geplant.

Jens Schumacher: Ich stünde dem auch eher skeptisch gegenüber. Selbst bei relativ geschlossenen Erzählformen wie Trilogien neige ich ja – im Gegensatz zu vielen unserer Kollegen – zu der Ansicht, dass auch dabei jeder Band separat lesbar sein sollte.

Phantastik-Couch.de: Als wir uns das letzte Mal trafen, nach Veröffentlichung des Erstlings der IAIT-Reihe, „Der Elbenschlächter“, hattet ihr „Der Orksammler“ schon fertig und weitere Bände in Arbeit. Wie viele Bände habt ihr nun in der Pipeline?

Jens Schumacher: Aktuell sind noch keine weiteren Veröffentlichungen konkret geplant. Wir haben drei weitere Titel im Kopf, die wir gern machen würden. Vom „Orksammler“ bis zum „Schädelschmied“ verging ein Jahr, und vor Ablauf eines weiteren Jahres sehe ich erst mal keinen neuen IAIT-Roman kommen. Weiß der Himmel, was dann passiert …

Phantastik-Couch.de: Drohen Euch irgendwann einmal die Trollsprichwörter auszugehen?

Jens Lossau: In einer Rezension hat jemand sich über die „blöden Trollsprichwörter“ aufgeregt. Irgendjemandem haben sie offenbar nicht behagt. Tatsache ist: Im Grunde gibt es ja gar keine Trollsprichwörter. Jorge labert einfach drauflos, er verbalisiert, was er gerade denkt, und deklariert es kurzerhand als Sprichwort.

Jens Schumacher: Nimm nur als Beispiel den Anfang des „Schädelschmieds“ – im Bordell, als er sagt „Es gibt da ein altes Trollsprichwort, und es geht so: Ich bin geil!“

Jens Lossau: Wenn Jorge tatsächlich mal eine Therapie machen sollte, könnte es sein, dass er seine Verbalattacken nicht mehr als Sprichwörter tarnt, sondern als psychologische Erkenntnisse.

Phantastik-Couch.de: Benutzt ihr die schon in eurem Alltag?

Jens Schumacher: Während wir an so einem Buch arbeiten, machen wir das tatsächlich häufig. Das Schönste ist aber, wenn plötzlich auch andere Leute um einen herum damit anfangen – wenn zum Beispiel die Pressedame von LYX in einer Mail, in der es um Autogrammkarten geht, schreibt: „Ein altes Trollsprichwort sagt: Zur Messe werden sie da sein!“

Phantastik-Couch.de: Eure Mordmethoden sind immer ziemlich ungewöhnlich. Ist es für euch ein Anreiz, euch immer abstrusere Tötungsarten auszudenken?

Jens Lossau: Wir hatten schon immer Spaß daran, uns außergewöhnliche Todesfälle auszudenken. Wir beide hassen Bücher, auf denen hinten so was steht wie: „Kommissar G. hat einen neuen Fall – auf dem Bahnhof ist jemand erschossen worden!“ Da denke ich: „Um Himmels Willen, was ist das denn für eine Geschichte?“

Jens Schumacher: „Eine Frau liegt tot im Straßengraben – wer war es?“ Das habe ich neulich auf einem richtig teuren Hardcover gelesen. Weiter ging’s so: „Kommissar XY, der gern kocht ...“ Und dieser Quatsch hatte 700 Seiten! Dann denke ich mir: „Die armen Bäume, die dafür nun wieder abgeholzt worden sind!“ Nein, für uns muss schon Pfeffer drin sein. Wir haben beispielsweise in einem unserer Regionalkrimis die Leichen in über 100 Würfel zerhäckselt. So was macht uns Spaß! Fakt ist doch, wir werden die Krimi-Struktur nicht neu erfinden können. Das Locked-room-Mystery gab es schon fünfhunderttausendmal. Wir heben es vor dem Hintergrund einer Fantasywelt einfach auf eine neue Ebene. So können wir dem Ganzen unseren Stempel aufdrücken und uns neben einer amüsanten Tötungsmethode noch ein paar gute Trollsprichwörter einfallen lassen.

Jens Lossau: Hinter all dem steht natürlich der Spaß am Rätsel. Früher haben wir uns etwas ganz Absurdes ausgedacht und am Ende des Buches schließlich überlegt, wie sich das denn nun in der Realität aufklären lässt. Mittlerweile überlegen wir uns das sogar manchmal vorher.

Jens Schumacher: Oh Gott, wenn ich mich erinnere, wie das damals mit den kunstvoll zerhäckselten Leichen war …trotzdem ist das Ende des Buchs schließlich doch ganz glaubhaft geworden.

Jens Lossau: Wo, in Gottes Namen, kommen bei uns denn zerhäckselte Leichen vor?

Jens Schumacher: In „Die Menschenscheuche“.

Jens Lossau: Ach, du meinst gewürfelte Leichen! Das ist ein großer Unterschied.

Phantastik-Couch.de: Wie war eigentlich die Resonanz der Fans auf die ersten beiden Bände?

Jens Schumacher: Furios. Die Resonanz auf den „Elbenschlächter“ war furios. Wir mussten etliche Interviews geben, und es kamen sehr viele Rezensionen aus der phantastischen Szene. Soweit ich weiß, ausnahmslos positive! Wir waren glücklich und haben mit viel Elan am zweiten Band geschrieben. Aber wie das häufig so ist, kam zum zweiten Band – den ich bestimmt nicht für schwächer halte als den ersten – erheblich weniger Resonanz.

Jens Lossau: Es hat sich aber bisher keiner angepisst gefühlt, dass wir seine Fantasylieblinge vergewaltigt hätten. Niemand, der gesagt hätte: „Was habt ihr nur mit meinen Elben und meinen Orks gemacht – und jetzt auch noch mit meinen Scheißzwergen?“. Es hätte mich auch überrascht, wenn irgendjemand nicht verstanden hätte, dass unsere Bücher voller Ironie sind

Jens Schumacher: Ich hatte in den Interviews und Rezensionen oft den Eindruck, dass gerade die Presse uns dankbar war für das, was wir gemacht und zusammengeworfen hatten. Dass wir Archetypen demontiert hatten, die ihnen schon lange zum Hals raushingen.

Phantastik-Couch.de: Ja, das waren wir auch.

Jens Lossau: Schön. Es war auch auffällig, dass die Lesungen, die wir mit den Büchern gemacht haben, eine richtig abgefahrene Resonanz hervorgerufen haben. Wenn du beispielsweise an die Buchhändlerschule denkst, Schumacher – wie die sich weggeschmissen haben!

Jens Schumacher: Richtig, wo wir umgerannt wurden mitsamt Tisch, als es hieß: „Wir würden dann jetzt signieren.“

Jens Lossau: Die haben schon sehr gelacht, die Damen …

Jens Schumacher: Leider haben wir das nicht auf Video! Aber die IAIT-Lesungen waren wirklich klasse. Leider gab es nicht so viele, im Fantasy-Bereich scheint das nicht so üblich zu sein wie beispielsweise in der Krimi- oder Kinderbuchszene. Aber das kann ja noch werden …

Phantastik-Couch.de: Spricht die Reihe eigentlich ausschließlich Fantasy-Leser an, oder konntet ihr auch Krimi-Leser begeistern?

Jens Lossau: Man kann sagen, dass die Bücher vorwiegend von Fantasy-Lesern gelesen werden.

Jens Schumacher: Meine Theorie ist, dass die Fans doch lagergebundener sind, als wir das am Anfang gehofft hatten. Da unsere IAIT-Romane mit einer fantasy-affinen Optik in einem fantasy-affinen Verlag erscheinen, überrascht das allerdings nicht wirklich. Für die Krimi-Fans sind das eindeutig Fantasy-Bücher – da kann noch so oft „Fantasy-Thriller“ draufstehen.

Phantastik-Couch.de: Das war es auch schon. Ich bedanke mich wieder herzlich bei Euch und wünsche alles Gute.

Jens Schumacher/Jens Lossau: Wir danken einmal mehr für Euer Interesse!

Das Interview führte Eva Bergschneider im November 2011 auf der Buchmesse in Frankfurt