Interview mit Jens Schumacher und Jens Lossau

„Hitchcock mit Tolkien vereinen“

...und „in einer Menge grau gekleideter Männer mit identischen Hüten aufzufallen“ kann man, wenn man wie Jens Lossau und Jens Schumacher einen Cross-Over zwischen Sword & Sorcery-Fantasy und dem deduktiven Kriminal- und Ermittlerroman wagt. Lesen Sie In unserem Interview, warum ihr Wechsel vom Krimi in die Phantastik gar keiner war und warum „Der Elbenschlächter“ gut ohne die »großen, epischen« Themen auskommt.

Phantastik-Couch: Wir kommen gerade aus der Lesung der Role Play Convention in Köln. Ihr habt aus „Der Elbenschlächter“ zwei sehr witzige Passagen abwechselnd vorgelesen (ab S. 106: „Auftritt General Glaxiko – Chef der Stadtwache“ und ab S. 201: „Jorges Beobachtungen während der Sternhöh-Orgie“). Warum habt ihr diese Textstellen ausgewählt?

Jens Lossau: Wir wählen Textstellen aus, die dazu geeignet sind, das Buch ein wenig zusammen zu fassen, damit der Zuhörer in die Geschichte hinein findet und weiß, um was es geht. Der andere Ansatz ist, dialogisch zu lesen, damit die Lesung einen Hörspielcharakter bekommt.

Jens Schumacher: Die Passagen sollen vom Inhalt her unterhaltsam sein; um sie für die Hörrezeption kommensurabel zu machen, bearbeiten wir die Texte aber vor jedem Vortrag noch mal eingehend, d.h. lange deskriptive Stellen werden zugunsten dialogreicher Parts mit Wortwitz eingekürzt. Bei unseren Krimi-Lesungen haben wir darüber hinaus Musik und Geräusche dabei, was lebendiger wirkt, als wenn einfach nur vorgelesen würde.

Phantastik-Couch: Man kennt Euch nicht nur, aber vor allem, als Krimi-Autoren. Warum jetzt der Wechsel zur Fantasy?

Jens Schumacher: Wir wollten schon lange zurück zu phantastischen Stoffen – allerdings explizit ohne sogenannte »große, epische« Themen, wie sie alle anderen schreiben, also nicht einfach die nächste Völkerschlacht, wo sich Volk X mit dem Volk Y bekriegt. Den konkreten Crossover zwischen Sword & Sorcery-Fantasy auf der einen und dem deduktiven Kriminal- und Ermittlerroman auf der anderen Seite gab es zudem bisher noch nicht. In den 80er Jahren kamen ein paar Bücher heraus, die in eine andeutungsweise ähnliche Richtung gingen, die heute jedoch keiner mehr kennt, aktuell gibt es aber nichts in dieser Richtung.

Jens Lossau: Wir haben die Fantasy auch gar nicht als Wechsel empfunden. Wir waren eigentlich immer in der Phantastik zuhause. Auch unsere Krimis hatten stets einen phantastischen Anstrich. Es kam uns entgegen, dass man seit einigen Jahren auch als phantastischer Autor in Deutschland wieder publizieren kann. So konnten wir zwei unserer Passionen, Fantasy und Thriller, zusammenbringen. Wir glauben, dass viele deutsche Fantasy-Werke einfach zu langatmig sind. Wir wollten gar nichts Hochtrabendes machen, sondern, kurz gesagt, Hitchcock mit Tolkien vereinen.

Phantastik-Couch: Ihr habt bereits viel Erfahrung als Autorenteam. Wie schafft man es, in einem einheitlichen Stil zu schreiben?

Jens Schumacher: Es ist wichtig, eine homogene Stimme in einem Werk zu haben, egal, wie viele Autoren es verfasst haben. Der Leser soll für sein Geld EIN Buch bekommen und nicht zwei ineinander verschachtelte. Der Großteil des Erfolgsrezepts …

Jens Lossau: …das soll ich jetzt sagen? Also gut! Wir kennen uns seit 30 Jahren. Bevor wir anfangen zu schreiben, entsteht ein ausführliches Exposé, das zwischen uns hin und her gereicht wird. Der Großteil eines Kollaborationsromans machen bei uns die Planung und die Abstimmung aus.

Jens Lossau & Jens Schumacher

Phantastik-Couch: Habt ihr die Welt (Lorgonia), das Land (Sdoom) und die Stadt (Nophelet) gemeinsam konzipiert?

Jens Lossau: Das haben wir alles gemeinsam konzipiert, auch die Charaktere sind gemeinsam erdacht. Es war uns wichtig, dass wir richtige Charaktere und keine Sagengestalten erschaffen.

Phantastik-Couch: Wie teilt ihr Euch die Hauptfiguren auf? Ist immer einer hauptsächlich für einen Charakter zuständig?

Jens Schumacher: Ja die beiden Ermittler haben wir uns aufgeteilt.

Phantastik-Couch: Da interessiert mich natürlich, wer wen geschrieben hat …

Jens Lossau: Jens Schumacher ist weitestgehend für Meister Hippolit zuständig, ich weitestgehend für Jorge, den Troll. Ich schäme mich ein bisschen, das zuzugeben.

Jens Schumacher: Warum? Weil er dauernd eine Erektion hat?

Jens Lossau: Auch, aber nicht nur. Jorge ist ein tumber Alkoholiker mit einem gewissen Hang zur Sozialpädagogik.

Jens Schumacher: Und Hippolit ist ein cholerischer Kontrollfreak, wenn er seinen Willen nicht kriegt.

Phantastik-Couch: Habt ihr dieses Buch auch als Gelegenheit angesehen, über extreme Dinge zu schreiben, wie z.B. Sternhöh-Orgien oder einen Fluss, der schlimmer stinkt als Kalkgruben, in denen man 20000 Opfer eines ansteckenden Nervenfiebers verscharrt hat? Hat Euch das Spaß gemacht?

Jens Schumacher: Mir war das schon wichtig, nachdem ich die letzten Jahre damit zugebracht habe, Jugendbücher zu schreiben. Einer der Gründe, endlich mal wieder Phantastik für Erwachsene zu schreiben, war, dass man das rote Zeug bis zur Decke spritzen lassen kann. Es war daher schnell klar, dass es in der Geschichte recht handfest zugehen würde.

Jens Lossau: Es hat uns sehr verwundert, dass in einem Genre, das Fantasy heißt und das eigentlich total anarchistisch ist, so starre Konventionen vorherrschen. Wir wollten uns in der Fantasy austoben.

Jens Schumacher: Und es ist gar nicht so schwer, in einer Menge grau gekleideter Männer mit identischen Hüten aufzufallen.

Jens Lossau: Unser Buch ist humorvoll, es kommt Sex vor (auch etwas, das es fast nie in der Fantasy gibt), und es ist stellenweise brutal. Das sind die Dinge, die unser Buch von dieser Völker- und Questen-Fantasy, die ja immer noch massenweise geschrieben und offensichtlich auch gelesen wird, ein wenig abhebt.

Phantastik-Couch: Euren Fantasy-Thriller „Der Elbenschlächter“ habt ihr mit einer gehörigen Portion Humor geschrieben, nicht gerade ein Humor der feinen Sorte. Wer von Euch hat sich eigentlich Jorges Trollsprichwörter ausgedacht? Sind die alle von dir, Jens (Lossau)?

Jens Lossau: Überwiegend, aber Jens Schumacher hat auch einige beigetragen. Wenn wir uns zu Arbeitsessen treffen, die üblicherweise darin bestehen, dass wir große Mengen an Alkohol und Nikotin vernichten …

Jens Schumacher: …die wir dann von der Steuer absetzen …

Jens Lossau: …bei diesen Treffen ist es gewöhnlich so, dass ein Wort das andere gibt.

Jens Schumacher: Wir notieren fleißig, was sich dabei an typischen Jorge-Sprüchen sammelt. Die meisten kommen natürlich von Lossau, weil er Jorge betreut.

Jens Lossau: Das Schöne ist, dass unter vielen dummen Sprüchen auch mal einer mit etwas Weisheit dabei ist. Auch ein blindes Huhn findet mal einen Hahn.

Phantastik-Couch: Tim Lemke vergleicht im „Virus“-Magazin Eure Figuren mit Holmes & Watson, Spencer & Hill, Clever & Smart. Gibt es derartige Vorbilder für Meister Hippolit und Jorge?

Jens Lossau: Unzählige, aber keine konkreten.

Jens Schumacher: Wichtig war uns die Verschiedenartigkeit der Figuren, die Reibung schaffen sollte. Ein wenig dienten vielleicht die Ermittler Grosch und Passfeller aus unseren eigenen Krimis als Vorbilder (wenn wir betrunken sind, geben wir schon mal zu, Grosch und Passfeller in einen Fantasyroman gesteckt zu haben – aber ganz so ist es natürlich nicht). Die beiden Ermittler sollten als Charaktere stark sein …

Jens Lossau: …und dennoch auch abhängig voneinander sein.

Jens Schumacher: Die Abhängigkeit war ganz wichtig, die beiden sollten als einzelne Identitäten kaum lebens- bzw. arbeitsfähig sein. Jorge würde beim IAIT andauernd rausfliegen, wenn ihn Hippolit nicht decken würde, und Hippolit kann nicht mal alleine eine Droschke buchen.

Phantastik-Couch: Die Magie heißt in Eurem Buch Thaumaturgie. Den Begriff musste ich erstmal nachschlagen, er bedeutet so etwas wie „Wunder wirken“. Warum verwendet ihr ausgerechnet diesen Begriff?

Jens Schumacher: Weil Begriffe wie »Gandalf, der Zauberer« und »Elfenmagie« so belegt und zerkaut sind. Wir waren froh, dass es diesen etwas schrägen Begriff gibt. Im ganzen Buch kommen nicht ein einziges Mal die Worte »Magie« oder »Zauberei« vor. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber uns hat es einfach besser gefallen.

Jens Lossau: In unserer Welt herrschen viele konkrete Gesetzmäßigkeiten physikalischer und magischer Art. Man muss nämlich als Autor aufpassen, dass es mit der Fallermittlung noch funktioniert, sobald Zauberei in Spiel kommt. Sonst könnte man ja auch einfach fragen: »Warum wird nicht einfach der Mörder herbeigezaubert?«

Jens Schumacher: Es war für uns ein zusätzliches Abgrenzungselement, eine eigene Bezeichnung für all das zu haben.

Phantastik-Couch: „Abgrenzen“ ist ein Stichwort. Ihr habt mir jetzt einige Dinge genannt, die ihr bewusst anders gemacht habt. Ich habe das Gefühl, ihr wolltet die Szene schon provozieren, oder?

Jens Schumacher: Nein, provozieren nicht. Dieser Begriff hat etwas zu Negatives.

Jens Lossau: Provozieren ist das falsche Wort. Ein paarmal wurden wir gefragt, wie wir nur aus den Elben Strichjungen machen konnten. Das hat nichts damit zu tun, dass wir eine Persiflage machen oder diesem Volk einen reinwürgen wollten. Wir würden uns nie in einem Genre betätigen, das wir nicht mögen. Wir haben schlicht überlegt, wie man die Konventionen ein bisschen brechen kann. Wir wollten es auf unsere Art machen.

Jens Schumacher: Ich habe meiner Mutter einst bezüglich unserer Krimis auf die Frage „Warum macht ihr nicht einen straighten Krimi, wo der Kommissar brav kocht?“ geantwortet: „Weil das alle anderen schon gemacht haben!“ Wenn ich mit solchen unauthentischen, konventionellen Büchern reich und berühmt würde, hätte ich kein gutes Gefühl dabei. Sollte das je passieren, dann bitte mit etwas, was nur WIR so gemacht haben.

Jens Lossau: Ich glaube, provoziert fühlen sich am ehesten diejenigen, die denken: „Das hätte man ja mal machen können. Wieso dürfen diese beiden das?“ Wir sehen uns im Genre als Ergänzung und hoffen, dass es genug Leute gibt, die neben dem 48.000sten Völkerschlachtenroman auch noch mal etwas anderes lesen wollen.

Phantastik-Couch: Es hat aber noch niemand zu euch gesagt: „Was habt ihr denn da verbrochen?“

Jens Lossau: Nee, aber das wäre doch mal geil.

Jens Schumacher: Eine Schlagzeile, die lautet: „Lossau und Schumacher beleidigen die gesamte Fantasy-Literatur ab dem zweiten Weltkrieg“, so was fände ich OK. (lacht) Aber das ist natürlich nicht unser Ziel!

Jens Lossau: Ich glaube, dass das Fantasy-Publikum offen ist für andere Richtungen. Wir fühlen uns als Exoten in diesem Genre wohl, das waren wir eigentlich immer, schon zu unseren Krimizeiten.

Jens Schumacher: Wir vergleichen die Lesergeschmäcker gerne mit denen in der Musik. Im Fantasy-Leser sehen wir ein wenig den Heavy Metal-Hörer, der sich auch mal an Randerscheinungen heran traut, sonderbare Crossover-Projekte mit Einflüssen zunächst fremdartig wirkender Musikrichtungen. Wenn irgendjemand diese Toleranz aufweisen könnte, dann der Fantasy-Leser.

Phantastik-Couch: Dann verratet mir doch noch: Wie geht’s weiter mit den Geschichten um Meister Hippolit und Jorge? Ein zweiter Band „Der Orksammler“ erscheint ja schon im Oktober.

Jens Schumacher: Die Rohfassung von »Der Orksammler« haben wir gerade fertiggestellt. Es geht darum, dass Orksoldaten aus einem Heerlager verschwinden und mit herausgerissenen Herzen wieder auftauchen. Man verständigt das IAIT, weil man der Meinung ist, es müsse Magie im Spiel sein, wenn jemand einfach die tapferen Soldaten klaut. Jorge und Hippolit brechen ihren wohlverdienten Urlaub ab, kommen aus verschiedenen Richtungen angereist machen sich an die Arbeit.

Jens Lossau: Insgesamt wird der Band um einiges düsterer sein als »Der Elbenschlächter«.

Phantastik-Couch: Habt ihr ungefähr eine Vorstellung, wie viele Bände noch folgen könnten?

Jens Schumacher: Wir würden am liebsten 40 Bände oder mehr machen. Das hängt natürlich davon ab, wie viele Bücher der Verlag vom »Elbenschlächter« verkaufen wird. Über den "Orksammler hinaus sind noch drei weitere konkrete Romane vorkonzipiert. Ich denke, auf einen davon werden der Verlag und wir uns auf jeden Fall für das nächste Jahr einigen, vielleicht auch zwei.

Phantastik-Couch: Ich danke Euch, das war wirklich ein sehr nettes Gespräch mit euch!

Jens Lossau: Wir danken für euer Interesse!

Das Interview mit Jens Lossau und Jens Schumacher führte Eva Bergschneider