Interview mit Mara Laue – zur Person

„Ich nenne sie meine “kreativen Hummeln„. Sie sitzen in meinem Gehirn und wollen alle raus.“

Mara Laue ist ein erfahrener Profi im Literaturgeschäft, es gibt kaum ein Genre, das sie nicht mit ihren kreativen Werken bereichert. Sie möchten gern wissen, wie der Alltag einer professionellen Schriftstellerin aussieht? Dann lesen Sie unser Gespräch mit Mara Laue. Die Autorin erzählte uns im Interviewteil „zur Person“ wie sie Schriftstellerin wurde, was sie inspiriert, an welchen Projekten sie schreibt und was ihr für ihre Arbeit wichtig ist.

Phantastik-Couch.de: Mara, Herzlich Willkommen auf der Phantastik-Couch. Magst du Dich unseren Lesern kurz vorstellen? Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Wie kam Dein erstes Manuskript aus der Schublade und an die Leser?

Mara Laue: Herzlichen Dank für die Einladung, auf eurer Couch Platz zu nehmen. Es ist mir eine Ehre und Freude! Tja, was soll ich über mich sagen? Ich bin Jahrgang 1958 – werde dieses Jahr also 54 – in Braunschweig geboren, lebe aber seit inzwischen gut zwanzig Jahren am Niederrhein und liebe meine Wahlheimat. Meiner Geburtsstadt bin ich aber insofern noch eng verbunden, dass meine Regio-Krimis bevorzugt dort angesiedelt sind, sofern ein Verlag nichts anderes verlangt.

Mit dem Schreiben habe ich im Alter von zwölf begonnen. Zu meiner Jugendzeit gab es in der Kinder- und Jugendliteratur noch die „Geschlechtertrennung“. Abenteuerbücher/-geschichten waren ausschließlich für Jungs, für die Mädchen gab es Internats- oder Tiergeschichten u. ä., die ich zum Sterben langweilig fand. Mich hat das Abenteuer schon immer mehr gereizt. Weil es aber in den Büchern damals keine gestandenen Heldinnen gab und die Frauen/Mädchen, wenn sie denn mal vorkamen, nichts anderes waren als die zu rettende Prinzessin oder noch schlimmer der Klotz am Bein des Helden, der außer Tränen nichts produzierte, habe ich eines Tages meine eigene Abenteuergeschichte geschrieben. Sie handelte von einem Wildpferd – einer Stute – und einem Mädchen, das sich mit ihr angefreundet hat. Gemeinsam haben sie die tollsten Abenteuer erlebt. Das zu schreiben hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich immer mehr Geschichten erfunden habe und mit dem Schreiben einfach nicht mehr aufhören kann.

Mein erstes Manuskript, das außer mir und meiner Familie auch andere Leser fand, war eine Science-Fiction-Geschichte in einem Fanzine. In den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es unzählige Fanzines, die für ihre Ausgaben Texte suchten. Das war ein breites Betätigungsfeld und stählte meine „Schreibmuskeln“. Ich habe zeitweise sogar selbst eins herausgegeben: Starlight, das Magazin von Starlight Union, Club für Science Fiction und Fantasy; den gibt es heute noch. Ich bin aber schon lange nicht mehr Mitglied, weil mir irgendwann die Zeit dafür fehlte. Die erste professionelle = bezahlte Veröffentlichung waren zwei in Englisch verfasste Gedichte, die in einer US-Zeitung erschienen sind. Den Sprung in die Profiliga schaffte ich im Jahr 2005, als der Bastei-Verlag Nachwuchsautoren für seine Heftserien suchte. 2008 erschien dann mein erster Roman.

Phantastik-Couch.de: Du bist eine sehr vielseitige Autorin und schreibst Krimi/Thriller, Science Fiction, Okkult-Krimis, Dark Romance, Fantasy und Lyrik sowie Theaterstücke. Was denn zu welcher Gelegenheit am liebsten? Wovon hängt ab, welche Literaturgattung Du gerade bearbeitest?

Mara Laue: In erster Linie von den Abgabeterminen bei den Verlagen ;-) Theaterstücke schreibe ich fast nur auf Auftrag, Lyrik aus Spaß an der Freude. 1996 habe ich begonnen, in jedem Schaltjahr jeden Tag ein Gedicht zu schreiben. Auch in diesem Jahr wieder. Ansonsten hängt es von meiner Stimmung ab bzw. vom Kuss der Muse, zu welchem Genre mir ein neuer Plot oder eine nette Szene einfällt oder an welchem begonnenen Manuskript ich weiterschreibe. Gegenwärtig habe ich aber keine Zeit fürs Schreiben aus Spaß, sondern muss die Deadlines für dieses Jahr abarbeiten: 8 Langromane, 11 Kurzromane, 5 Beiträge für Storywettbewerbe. Ich gestehe, meine Nächte sind momentan arg kurz. Am meisten Spaß machen mir gegenwärtig die Okkult-Krimis. Die Parallelgesellschaft der Dämonen, Vampire, Werwölfe etc. neben unserer „normalen“ Welt fasziniert mich. Vielleicht weil ich zu den wenigen Menschen gehöre, die noch nie Angst vor der Nacht hatten und ihre Geheimnisse interessant finden.

Phantastik-Couch.de: Du bist sehr produktiv, und Deinen Texten merkt man eine ausgeprägte Freude am Fabulieren an. Sprudeln manchmal ganze Szenen aus Dir heraus und Du merkst erst, wenn sie auf dem Bildschirm zu sehen sind, dass sie im Grunde schon fertig sind? Stephen King hat einmal (oder auch häufiger) gesagt, dass in ihm sehr viel drin ist, was einfach raus will. Geht es Dir ähnlich? Oder kommt es schon mal vor, dass Du stundenlang einen Satz nicht fertig bekommst?

Mara Laue: (lacht) Oh ja, ich nenne sie meine „kreativen Hummeln“. Sie sitzen in meinem Gehirn und wollen alle raus. Und sie piesacken und stechen mich so lange, bis ich sie in die PC-Datei gebracht habe. Ja, es ist schon vorgekommen, dass ganze Szenen herausgesprudelt sind. Manchmal völlig unabhängig von irgendeinem Kontext, weil eine einzelne Szene plötzlich da war. Einer meiner Romane hat sein Leben sogar als ein ganzes Sammelsurium aus unzusammenhängenden Szenen begonnen, bei denen ich erst zum Schluss einen Anfang entworfen und die Lücken gefüllt habe. Dass ich stundenlang an einem einzigen Satz oder Absatz sitze, ist noch nicht vorgekommen. Aber auch bei mir läuft die Arbeit manchmal zähflüssig, wenn ein Abgabetermin im Nacken drückt und ich für das Manuskript, das ich schreiben MUSS, nicht so recht inspiriert bin. Darauf kann ich dann leider keine Rücksicht nehmen und muss trotzdem schreiben, auch wenn ich mir jeden Satz aus den Gehirnwindungen quetschen muss. Aber solche Tage sind relativ selten. Meistens galoppieren die Szenen schneller davon, als ich sie tippen kann.

Phantastik-Couch.de: Woher kommen die Ideen für Deine Figuren und Erzählungsbausteine? Hast Du Lieblingsfilme und Lieblingsserien, die Dir Anregungen liefern?

Mara Laue: Ich denke mir meine Plots grundsätzlich immer selbst aus, ohne Anleihen bei bereits vorhandenen Büchern, Serien, Filmen etc. zu machen. Es sei denn, ein Verlag wünscht einen Roman „in der Art wie die von ...“. Aber bei der Fülle von Veröffentlichungen in allen Bereichen, gibt es nahezu nichts, was nicht schon mal irgendwo jemand gedacht, gesagt und entsprechend geschrieben bzw. verfilmt hat. Ich habe schon oft erlebt, dass ich eine tolle Idee hatte und einige Zeit später feststellen musste, dass irgendein anderer Autor dieselbe Idee bereits veröffentlicht hat. Ärgerlich ist, dass, wenn so ein Werk von mir dann trotzdem veröffentlicht wird, sofort der Vorwurf entsteht, dass ich mich bei besagtem Kollegen ideenmäßig „bedient“ hätte.

Seien wir realistisch: Es gibt jeden Monat allein in Deutschland durchschnittlich 7000 bis 8000 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Dass man als Autorin eine völlig unverbrauchte Idee (er)findet, die nicht schon irgendwo auf der Welt jemand zu einer Geschichte, einem Roman oder Film verarbeitet hat, ist praktisch ausgeschlossen. Gewisse unbeabsichtigte Ähnlichkeiten kommen leider immer wieder vor. Besonders bei Dark Romance ist das Grundthema nun mal festgelegt und man hat nur die Möglichkeit, es durch die Personen, ihre persönliche Geschichte und die Handlung darum herum zu variieren. Selbst Joanne Rowling hat sich bei Harry Potter kräftig bei den bekannten Mythologien bedient und sie lediglich in einen bis dahin ungewöhnlichen Kontext gebracht.

Mara Laue

Was die Anregungen betrifft, zitiere ich gern die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916). Sie antwortete auf die Frage, woher Schriftsteller ihre Ideen nehmen: "Bücken Sie sich, und heben Sie ihn (= den Stoff) auf, er wächst überall aus dem Boden. So strecken Sie die Hand aus, wenn Sie sich nicht bücken wollen, Stoffe fliegen zu Hunderten in der Luft herum.„ Frei nach diesem Motto hat mich schon so Manches inspiriert: ein Stück Bindfaden, eine alte Couch, ein gesprochenes Wort, ein Bild und etliche andere Dinge haben mir schon Ideen geliefert. Manchmal “nur„ für ein Gedicht, manchmal für eine Geschichte, manchmal für einen Roman oder eine ganze Serie ;-) Mein Krimi “Schwarze Damen Tod„ basiert z. B. auf einem meiner selbst komponierten Songs – “Black Lady Death" – in dem es um die Frage geht, in welcher Gestalt der Tod einem Sterbenden erscheint. Das habe ich für die erste Szene des Romans aufgegriffen.

Bei mir bekannten Büchern oder Filmen achte ich dagegen sehr genau darauf, nichts aus denen zu übernehmen, weil ich nach Möglichkeit etwas Eigenes schaffen will und nicht – überspitzt ausgedrückt – den 102. Aufguss irgendeines schon 101 Mal durchgekauten Plots. Es sei denn, ein Verlag verlangt das ausdrücklich, weil das gerade im Mainstream liegt und sich gut verkauft. Als Berufsschriftstellerin richte ich mich natürlich nach dem, was ein Verlag wünscht.

Phantastik-Couch.de: Welche Projekte außer der „Dämonenerbe“-Trilogie liegen derzeit auf Deinem Schreibtisch?

Mara Laue: Seufz! Siehe oben. Da liegt ein ganzer Stapel! Nebenbei arbeite ich noch an dem Berlin-Krimi „12 Stunden Frist“, der im Oktober erscheint, einem Rex-Corda-Roman, einem „Sternenfaust“-Roman, dem nächsten „Sukkubus“-Roman und dem letzten Teil der Ashton-Ryder-Trilogie, der im Herbst/Winter herauskommt. Die muss ich alle in den nächsten Wochen zwischen Mitte März und Mitte Mai fertig schreiben.

Außerdem wird in diesem Jahr noch der letzte Band des 1. Sukkubus-Zyklus in Romanlänge fällig sowie ebenfalls in Romanlänge der 1. Teil einer neuen Okkult-Krimi-Serie („Schattenwolf“) für den „Geisterspiegel“. Neben ein paar weiteren Kurz-/Heftromanen stehen in diesem Jahr noch der Schottlandkrimi „Mordgambit“ an, Dämonenerbe 3 und der Theater-Krimi „Brocksteins letzter Vorhang“. Der hat eins der diesjährigen Tatort-Töwerland-Stipendien gewonnen und wird im September in meiner Eigenschaft als „Inselschreiberin“ auf Juist vollendet.

Ich kann mich über Mangel an Arbeit wirklich nicht beklagen. Aber nächstes Jahr muss ich unbedingt etwas kürzertreten, denn langsam macht sich der damit verbundene Stress negativ bemerkbar.

Nebenbei: Als Berufsschriftstellerin habe ich einen mindestens (!) achtstündigen Arbeitstag wie jeder normale Arbeitnehmer. Nur im Gegensatz zu denen, die eine kuschelige 38- bis 40-Stunden-Woche an nur 5 Tagen in der Woche und vier bis sechs Wochen Urlaub haben plus freie Feiertage, arbeite ich durchschnittlich neun Stunden an 7 Tagen in der Woche und 340 bis 350 Tage im Jahr. Das ist die Schattenseite der ausschließlich freiberuflichen Selbstständigkeit. Trotzdem habe ich den gefühlt schönsten „Job“ der Welt und würde freiwillig mit niemandem tauschen!

Phantastik-Couch.de: Du schreibst auch für die Kollegen von „Geisterspiegel“ an einer Okkult-Krimi-Serie. Worum geht es in „Sukkubus“?

Mara Laue: Für alle, die es nicht wissen: ein Sukkubus ist eine Dämonin, die sich, wie ihr männliches Pendant, der Inkubus, vom Sex ernährt. Es glaube aber bitte niemand, dass die Serie verkappte Pornografie wäre. Aber natürlich kommt in jeder Folge mindestens eine Sexszene vor.

Hauptperson ist Samantha „Sam“ Tyler, wie sie sich unter Menschen nennt. Aufgrund diverser Ereignisse und Umstände leben sie, ihr Vater und ihre beiden Geschwister quasi im Exil in der Menschenwelt. Sam hat sich als Privatermittlerin und Bodyguard zur Aufgabe gemacht, den Menschen hauptsächlich gegen die Mächte der Finsternis zu helfen und löst in jedem Roman einen Kriminalfall, der einen Ursprung in oder eine Beziehung zu etwas Okkultem hat. Mal treibt ein finsterer Voodoopriester sein Unwesen, mal muss sie einen Klienten vor der Rache eines japanischen Fuchsgeistes schützen oder Vampiren helfen, einen Verbrecher in den eigenen Reihen unschädlich zu machen usw.

Der Hauptaspekt der Serie liegt aber auf Sams persönlicher Entwicklung. In Band 1 erhält sie von einem Geist die Fähigkeit, wie ein Mensch zu lieben und, wie sie es ausdrückt, „gleich den Rest des menschlichen Gefühlschaos’ gratis obendrein“. Als Dämonin, der solche Regungen von Natur aus fremd sind, hat sie natürlich eine harte Zeit, damit zurechtzukommen. Dazu kommt nicht nur deshalb ein permanenter Konflikt mit ihrer dämonischen Familie, sondern auch, weil sie völlig „un-sukkubisch“ mit einem Menschen zusammenlebt.

Ferner wird im Laufe der Serie deutlich, dass nicht nur Luzifer ein besonderes Interesse an ihr hat und sie unbedingt dazu bringen will, sich ihm anzuschließen. Was weder Sam noch ihre Familie wissen und vorläufig nur der Leser erfährt, ist, dass sie ein Hybrid ist. Ihr anderer Erbteil ist dafür verantwortlich, dass sie aus der Art geschlagen ist und sich nicht so verhält, wie ein gestandener Sukkubus sollte = Männer à la carte vernaschen und sich den Teufel um irgendwelche Gefühle scheren oder gar Freundschaften pflegen. Denn Freunde gewinnt sie zu ihrer eigenen Verblüffung immer mehr.

Im Lauf der Serie geht sie mit einem Dämon einen Blutbund ein, verliebt sich in einen Werwolf und hat etliche Freunde unter den Vampiren und den Menschen der magischen Gemeinschaft. Persönliche Verluste und Schicksalsschläge bleiben natürlich nicht aus. Im letzten Band, der im Juni erscheint, werden alle Rätsel gelöst.

Aber damit ist die Serie nicht zu Ende, denn der Verlag Torsten Low hat den 2. Zyklus als 8-teilige Buchserie eingekauft. Band 1 „Der Blutpriester“ erscheint im Herbst 2013. Die Ashton-Ryder-Trilogie, die auch in dem Verlag erscheint, ist übrigens ein Spin-off von „Sukkubus“ und Sam und ihre Vampirfreunde spielen darin eine Rolle.

Phantastik-Couch.de: „Sukkubus“ spielt, wie auch die Dämonenerbe- und die Ashton-Ryder-Trilogie, in den USA. Und du erwähntest einen Schottland-Krimi. Warum spielen so viele deiner Romane nicht in Deutschland?

Mara Laue: Aus mehreren Gründen. Erstens halte ich es in dem Punkt mit Elizabeth George, die sagt, dass Autoren grundsätzlich nur von dem/über das schreiben sollen, was sie „lieben“. Das bezieht sich besonders auch auf die Handlungsorte. Sie ist das beste Beispiel dafür, denn sie ist US-Amerikanerin und schreibt die fantastischen, in England angesiedelten Inspector-Lynley-Krimis mit hervorragend recherchiertem Lokalkolorit. Ich habe sowohl zu den USA wie auch zu Schottland eine besondere persönliche Beziehung. Beide Länder faszinieren mich. Ich habe mal für eine US-amerikanische Firma gearbeitet, und Schottland finde ich landschaftlich besonders schön. Und ich mag die Schotten. Sind tolle Menschen!

Zweitens bieten gerade die USA für manche Plots Dinge, die in Deutschland nicht machbar wären. Nehmen wir z. B. beim „Dämonenerbe“ den Umstand, dass Bronwyn und auch der Mönchsorden bewaffnet durch die Gegend laufen. Das ist in Deutschland aufgrund des (zum Glück!) extrem strengen Waffengesetzes kaum möglich. Oder dass Devlin unter seiner Wohnadresse in Owenton nicht profan aufgespürt werden kann, weil er nirgends gemeldet ist. In Deutschland nicht machbar wegen des fast allumfassenden Meldegesetzes. Oder umgekehrt gibt es in den USA eine fast lückenlose Überwachung mit Kameras an jeder Straßenecke, was in einem Krimi ganz andere Verfolgungsmöglichkeiten bietet als ein deutsches Setting; so hat die Polizei und erst recht das FBI Ermittlungsmöglichkeiten und Befugnisse, die ebenfalls in Deutschland nicht machbar sind. Die Hüter der Waage könnten in unserem Land niemals von der Außenwelt abgeschottete Enklaven unbemerkt errichten, wo man – überspitzt ausgedrückt – für jede gemauerte Hundehütte eine Baugenehmigung braucht. Und so weiter. Auf dem Hintergrund dieser und etlicher anderer Dinge lassen sich manche Plots „in“ den USA einfach besser realisieren. Die Dämonenerbe-Geschichte würde so, wie sie ist, einfach nicht nach Deutschland passen.

Drittens sind gerade okkulte Geschichten literaturhistorisch überwiegend im angelsächsischen Raum beheimatet, haben also eine entsprechende Tradition. Zum Beispiel die Klassiker wie Dracula, Frankenstein oder die Werke von Edgar Allan Poe. Vampire, Werwölfe und Dämonen passen nach meinem persönlichen Empfinden nicht gut nach Deutschland. Das ist für mich nicht stimmig. Also leben meine derartigen Geschöpfe in den USA. Hier hätten sie eine harte Zeit, sich alle zehn bis zwanzig Jahre neue Identitäten zu schaffen. Stichwort „Meldegesetz“ und die unflexiblen Arbeitszeiten. Auch deshalb ziehe ich für solche Geschichten die USA als Handlungsort vor.

Viertens steckt in mir eine Abenteurerin, der die Ferne gerade auch, was meine Romane betrifft, sehr viel „süßer“ schmeckt als die Straße um die Ecke, in der ich jedes Haus kenne. Erstaunlicherweise regen Orte, an denen ich gelebt habe, meine Fantasie erheblich weniger an als solche, die ich z. B. im Urlaub besucht habe, wenn auch mehrfach oder nur ein einziges Mal für die Recherche. Es fällt mir daher schwerer, meine in Braunschweig spielenden Krimis zu schreiben, als z. B. den Wilhelmshaven-Krimi „Smaragdjungfer“. Aus mir nicht bekannten Gründen killt meine „intime“ Ortskenntnis und Vertrautheit mit einem Ort einen Teil meiner Fantasie. Auch deshalb wähle ich oft andere Länder und Städte als Handlungsorte.

Und außerdem: Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Ich sehe nicht ein, warum ich meine fiktiven Romanhandlungen nicht in andere Länder verlegen sollte, nur weil ich in Deutschland lebende und hier geborene deutsche Staatsbürgerin bin. Auch etliche andere namhafte Autorinnen und Autoren – darunter so mancher Nobelpreisträger – haben ihre Romane in anderen als ihren Heimatländern spielen lassen: Ernest Hemingway, Pearl Buck, Hermann Hesse, John le Carré, Eric Lustbader, Henning Mankell, Elizabeth George, um nur ein paar zu nennen. Ihre Bücher sind teilweise gerade deshalb zu Bestsellern geworden.

Meine Leser können sich in jedem Fall darauf verlassen, dass alle von mir in meinen Romanen erwähnten Orte absolut authentisch sind! Jedes erwähnte Restaurant mitsamt seinen Gerichten, jedes Geschäft, jede Straße existiert genau dort, wo ich angegeben habe. Mit Ausnahme von Gegebenheiten, wo die Rechtslage die Verwendung realer Lokalitäten nicht zulässt oder ich mir aus dramaturgischen Gründen gewisse dichterische Freiheiten erlaube. Zum Beispiel existiert in der Realität dort, wo ich Devlins Haus hingestellt habe, gar keins. Bronwyns Häuser in Denver und Dunraven gibt es dagegen tatsächlich, wenn auch nicht unter der angegebenen Hausnummer.

Phantastik-Couch.de: Für welche Texte kann man Dich als „Ghostwriterin“ buchen? Ist es schon vorgekommen, dass Dich jemand gebeten hat, ihm einen Roman zu schreiben? Nach dem Motto „Ich habe eine tolle Idee, aber leider fehlt es mir an Zeit/Talent.“

Mara Laue: Ja, einmal ist das vorgekommen. Meistens bucht man mich aber für Lebenserinnerungen und Biografien oder auch Firmenchroniken. Namen oder Buchtitel nenne ich natürlich nicht, denn die offiziellen Urheber = Autoren sind meine Auftraggeber, nicht ich. Diskretion ist oberstes Gebot für einen „Ghost“!

Phantastik-Couch.de: Du gibst Schreibkurse für Nachwuchsautoren. Wird allgemein genug für den Nachwuchs getan? Was rätst Du jungen Autoren, die zum ersten Mal publizieren wollen?

Mara Laue: Nein, in unserem Land wird m. E. nicht mal annähernd genug für Nachwuchsautoren getan! Für das „Land der Dichter und Denker“ ist das eine echte Schande. Ich nehme mal das Beispiel USA (weil ich es von dort sicher weiß). Dort wird kreatives Schreiben an jeder Schule unterrichtet und kann man an fast jeder Universität entsprechende Kurse belegen, weshalb die US-Autoren sehr viel besser ausgebildet sind als die deutschen. Unter anderem deshalb führen deren Bücher so oft die Bestsellerlisten an. Fast alle deutschen AutorInnen – sofern sie nicht aus dem Journalismus kommen – mussten/müssen sich ihr Können autodidaktisch erarbeiten. Wobei anzumerken ist, dass journalistischen Schreiben wieder was anderes ist, aber es gibt einem schon mal wichtige Grundlagen auf den Weg. Ich bin das beste Beispiel für Autodidaktik und auch dafür, dass man es ohne professionelle Ausbildung in die Profiliga schaffen kann, obwohl das eher selten ist. Ich habe den ersten Schreibratgeber erst nach meinen ersten professionellen Veröffentlichungen gelesen und meinen ersten (und bisher einzigen) Themen-Workshop sehr viel später besucht.

Inzwischen gibt es zwar auf dem Markt unzählige Schreibratgeber, teilweise auch recht gute, ebenso Workshops unterschiedlicher Qualität. Aber nicht jeder kann nur aus Büchern lernen und erst recht nicht an einem Wochenende oder in einer Woche durch einen Workshop vom Anfänger zum Könner werden. Die Ausbildung müsste tatsächlich erstens früh beginnen = in der Schule und zweitens über einen längeren Zeitraum erfolgen; ungefähr zwei Jahre. Mal ganz abgesehen von der alten und so wahren Weisheit, dass nur die beständige Übung den Meister macht. [In der April-Ausgabe der Phantastik-Couch wird Mara Laue in einem Artikel den Nachwuchsautoren unter unseren Lesern wichtige Tipps für die erste Veröffentlichung mit auf den Weg geben.]

Phantastik-Couch.de: Der Kunst und Fotografie widmest Du Dich ebenfalls. Handelt es sich hierbei um ein Hobby, oder ist dies auch eine berufliche Tätigkeit? Sitzt du beim Entwickeln von Szenen manchmal am Schreibtisch und lässt dich von Fotos, die du gemacht hast, inspirieren?

Mara Laue: Eine meiner Standard-„Weisheiten“ lautet: Als die Götter die Kreativität verteilt haben, wurde ich reichlich beschenkt, und dafür bin ich ihnen zutiefst dankbar. Deshalb schreibe ich nicht nur, ich male, zeichne, fotografiere auch, komponiere manchmal Songs (selten) und stehe (noch seltener) auf der Laienbühne und spiele Theater.

Das Fotografieren betreibe ich mehr künstlerisch. Letztes Jahr wurden ein paar meiner Fotografien von Tau- und Regentropfen unter dem Titel „Tau benetzt“ in einer Ausstellung gezeigt. Da ich zu jedem Bild auch ein Gedicht verfasst habe, buchte der Veranstalter gleich eine Lesung dazu. Natürlich wurden die Fotos und der Katalog mit den Fotos und Gedichten verkauft, weshalb auch das in gewisser Weise ein künstlerischer Berufsnebenzweig für mich ist.

Meine eigenen Fotos haben mich bis jetzt aber nur zu Gedichten inspiriert und noch nicht zu Romanszenen oder Geschichten. Es ist aber schon umgekehrt passiert, dass ich beim Spaziergang oder anderswo etwas gesehen habe, das mich inspirierte hat und das ich dann fotografiert habe, um es festzuhalten. Aber das ist eher selten.

Es war mir ein Vergnügen, eure Fragen zu beantworten! Ich hoffe, ihr seid jetzt nicht von meiner Mitteilsamkeit erschlagen! Ich danke euch jedenfalls fürs „Zuhören“! Bleibt gesund!

Hier geht es zum Interviewteil "zur Dämonenerbe-Trilogie"

Das Interview führten Almut Oetjen und Eva Bergschneider im Februar 2012
Foto und Bild: Mara Laue