Interview mit Michael H. Schenk

„Ich gestehe ein, Tolkien nicht gelesen zu haben.“

Die Nähe zum Vorbild, dessen Bücher er nicht gelesen hat, ist für ihn durchaus ein zweischneidiges Schwert. Doch Michael H. Schenk hat mehrere Schubladen voller Ideen, die dafür sorgen werden, dass sie Mittelerde hinter sich lassen. Außerdem: Wer oft vom Pferd fällt, hat etwas für Reiter übrig.

Phantastik-Couch.de: Michael, stell dich doch unseren Lesern kurz vor!

Michael H. Schenk: Ich gehöre zu jenen Menschen, die am Computer zu den typischen Usern gehören und zu jener Minderheit, die ihr „;Handy“; in der Schublade liegen lassen. Geschieden, aber in guten Händen, und meine Tochter studiert inzwischen Mathematik – ein Fach, dass mich mit mehr Grauen als eine Horde Orks erfüllt. Ich war in jüngeren Jahren als Augenoptiker berufstätig und im Rettungsdienst aktiv. Beides hat in mir das Interesse am Menschen und menschlichen Schicksalen geweckt. Als ich später Lehrkraft für Einsatzkräfte wurde, hat sich das noch vertieft. Damals steckte die Betreuung von Einsatzkräften noch in den Kinderschuhen. Die Konfrontation mit realen Notsituationen hat mich bewogen, nach einem unbeschwerten Ausgleich zu suchen und den fand ich schließlich in Büchern und der historischen Darstellung, der Living History bzw. dem Reenactment, an dem heute eine Vielzahl von Mittelalterfreunden, Römern, Germanen, Indianern und anderen teilhaben. Ich selbst wählte mir die Sparte des Bürgerkriegs in Nordamerika, da ich auf die fast vergessene Geschichte der deutschen Auswanderer stieß.

Phantastik-Couch.de: Was genau ist „Battle Reenactment“?

Michael H. Schenk: Die möglichst genaue Nachstellung einer historischen Schlacht oder eines Teils derselben. Allerdings ist die Schlachtdarstellung nur der vordergründige und augenfälligere Teil von Living History. Man schlüpft, für eine begrenzte Zeit, in die Rolle einer anderen Person und füllt diese, so gut als möglich aus. Während meiner Darstellung im amerikanischen Bürgerkrieg verkörperte ich einen deutschen Brillenschleifer, der 1848 nach der Revolution in die USA geflohen ist und es dann für selbstverständlich hielt, für den Erhalt der dortigen Demokratie zu kämpfen. Die in der damaligen Zeit üblichen „;Franklin“;-Brillen konnte ich tatsächlich herstellen. Die wenigsten Reenactors sehen die Geschichte in Schwarz-Weiß und lernen rasch, zu differenzieren. Eine Schlacht wird nur wenige Stunden im Jahr dargestellt, die meiste Zeit verbringt man mit der Recherche der historischen Ereignisse und Lebensumstände. Man wird, gewollt oder nicht, zu einer Art Historiker.

Phantastik-Couch.de: In diesem Artikel werden die Proteste gegen den G8-Gipfel in Rostock mit „Battle Reenactment“ verglichen. Was hältst du davon?

Michael H. Schenk: Man darf nachleben oder vorführen historischer Ereignisse nicht mit der Demonstration politischer Meinung verwechseln. Ich empfinde mich als Demokrat im Sinne der deutschen Revolution von 1848, lehne aber Gewalt als Form der Meinungsdurchsetzung ab. Eine der Lehren, die ich aus der Geschichte und der Historiendarstellung gezogen habe.

Phantastik-Couch.de: Zurück zur Person Michael Schenk. Wie bist du von diesem zeitaufwändigen Hobby zum Schreiben gekommen?

Michael H. Schenk: Mit 17 Jahren habe ich erstmals an einem Convent des damaligen SFCD (ScienceFictionClubDeutschland) teilgenommen und war von SF und Fantasy gleichermaßen begeistert. Die damalige Fantasy-Bewegung (ein wahrer Recke trug als Symbol einen Regenschirm am Gürtel) regte auch mein historisches Interesse an. Schwert und Magie wurden damals noch überwiegend mit Rittern und Drachen gleichgesetzt, Anne McCaffrey und Marion Zimmer Bradley begann ich damals zu verschlingen, neben Anderson, Asimov und anderen.

Phantastik-Couch.de: Was gefällt dir an Fantasy, was an historischen Romanen?

Michael H. Schenk: An historischen Romanen gefällt mir, dass ich in eine reale, vergangene Epoche eintauchen kann. Allerdings fällt es vielen Autoren schwer, die Vergangenheit auf realistische Weise zu beleben. Es genügt nicht, alte Begriffe zu benutzen und eventuell eine Anrede in der 3. Form zu wählen, man muss auch den Zeitgeist des damaligen Denkens einfangen und das ist heute für viele schwer nachvollziehbar.

Fantastische Romane erlauben mir wiederum, in eine vollkommen imaginäre und phantastische Welt einzutauchen. Der Fantasie freien Lauf zu lassen, ist etwas Wundervolles. Allerdings lege ich mir dabei eine Einschränkung auf – ich will eine Handlung nachvollziehen können. Mit Problemlösungen durch reine Magie habe ich daher so meine Probleme.

Phantastik-Couch.de: Deine Pferdelords-Romane orientieren sich deutlich an Tolkiens Mittelerde und deren Völkern. Warum hast du deine Geschichten so nah daran angelehnt?

Michael H. Schenk: Ich gestehe ein, Tolkien nicht gelesen zu haben. Aber die Verfilmungen von Jackson haben mich fasziniert, vor allem in seinem Grundsatz „;Make it real“;. Bis dahin hatte ich nie Fantasy erlebt, in der eine fantastische Geschichte auf so realistische Weise erzählt wurde. Ich muss also gestehen, dass mich weniger Tolkien als vielmehr Jackson inspiriert haben.

Ich hatte schon länger die Absicht, die Geschichte eines Reitervolkes zu erzählen, die Idee aber nie konsequent umgesetzt, da ich nicht glaubte, jemand könne Interesse daran entwickeln. Da ich selbst oft genug vom Pferd gefallen bin, liegen mir Reiter etwas näher am Herzen. Ich stellte mir die Frage, wie ich Fantasy-Elemente und eine realistische Geschichte miteinander verbinden könnte, woraus der Pferdelords-Zyklus entstand. Die etwas altertümelnde Sprache und Ausdrucksweise habe ich dabei bewusst gewählt. Wenn man ein Volk oder gleich mehrere erschafft, setzt man sich automatisch mit den soziologischen Aspekten auseinander und muss Tradition, Ethik, Wirtschaft und Sozialstruktur dieses Volkes berücksichtigen. Eine moderne Sprache hätte einfach nicht zu dem Reitervolk der „;Pferdelords“; gepasst.

Phantastik-Couch.de: Heißt das, die Pferdelords werden irgendwann dem Rohan-Reitervolk nur noch ansatzweise ähneln?

Michael H. Schenk: Bei den Vorverhandlungen mit dem Verlag wurde beschlossen, zunächst bewusst eine Nähe zu „;Herr der Ringe“; aufzubauen. Beim Umfang der geplanten Reihe schien dies der sicherste Weg, eine Akzeptanz zu erreichen. Ein zweischneidiges Schwert, wie die Lesermeinungen beweisen. Mit jedem Abenteuer wird aber deutlich, dass es eine völlig eigenständige Welt ist.

Phantastik-Couch.de: Auf wieviele Bände ist die Reihe angelegt?

Michael H. Schenk: Da musste der Verlag erst einmal schlucken, da ich ihm das Gesamtexpose für 12 Bände vorlegte. Von den beiden Verlagen, die darauf eingingen, wählte ich dann bewusst MIRA, da diese bereitwillig akzeptierten, dass die Pferdelords sich von HdR lösen müssen und ein eher ungewöhnliches Konzept haben. Stärke und Schwäche der Romane sind teilweise darin zu sehen, dass in ihnen tatsächlich eine generationenübergreifende Geschichte erzählt wird. Es soll eine Mischung aus Fantasy und real wirkender Historie entstehen. Die Figuren entwickeln sich daher nur langsam, die häufig eingestreuten Infos zu alltäglichen Dingen erhalten ihre tiefere Bedeutung, durch den Wandel, dem sie zunehmend unterworfen sein werden.

Phantastik-Couch.de: Kennst du schon die Schlusskapitel der kommenden Bücher?

Michael H. Schenk: Ja, wenn auch nur als Skizze und noch nicht in der endgültigen Formulierung.

Phantastik-Couch.de: Mal abgesehen vom großen Vorbild – wo holst du deine Ideen her, was inspiriert dich?

Michael H. Schenk: Die Menschen und ihre Geschichte. Ich denke, es geht mir wie den meisten Autoren. Man hat so viele Ideen, dass man kaum die Zeit findet, sie zu Papier zu bringen. Manchmal ist es der Grundgedanke für eine vollständige Geschichte, ein anderes Mal ein skizzenhaftes Bild eines bestimmten Ereignisses. Unendliche Puzzle-Teile, die man dann zusammenfügt. Vor Monaten hatte ich nachts die Idee von zwei Schwertkämpfern, die sich von den Mastspitzen zweier schwankender Schiffe aus bekämpfen. Ihr Kampf wird von den Bewegungen der Schiffe bestimmt. Aus diesem Bild entstand eine der Schlüsselszenen für Band 5, bei dem die „;Pferdelords“; es mit den Schwarmschiffen der Korsaren zu tun bekommen.

Phantastik-Couch.de: Könntest du dir vorstellen, selbst ein rauflustiger Pferdelord zu sein? Oder lieber ein listiger Spitzohr-Ork?

Michael H. Schenk: Auch wenn ich schon auf Pferden gesessen und mit blanker Klinge gekämpft habe, bin auch inzwischen eher der Typ des Barden, der vom Ruhm der Helden erzählt.

Phantastik-Couch.de: Welches Buch hättest du gern geschrieben und warum?

Michael H. Schenk: Ich antworte jetzt bewusst an der Frage vorbei: Die Pferdelords. Mit ihnen verwirkliche ich mir einen Traum und schreibe sie auf jene Weise, wie ich sie selber gerne lesen würde. Wobei der Stil der Pferdelords für diese typisch bleiben wird. In anderen Romanen wähle ich eine andere Sprache und einen anderen Stil.

Phantastik-Couch.de: Kannst du dir vorstellen, Science Fiction zu schreiben?

Michael H. Schenk: Oh ja. Themen und Exposes habe ich dazu. Aber da folge ich eher der Space Opera und einer technischen Schreibweise und dafür ist der Markt extrem eng.

Phantastik-Couch.de: Und was liest du zurzeit?

Michael H. Schenk: Alan Dean Fosters „;Eissegler“;-Trilogie. Für mich einer der besten Autoren. Sehr direkt in der Sprache, dennoch ausgesprochen hintergründig und gesellschaftskritisch, gepaart mit einem gelegentlich trockenen Humor, der mir sehr liegt.

Phantastik-Couch.de: Was kommt nach den „Barbaren des Dünenlandes“?

Michael H. Schenk: „;Das verschwundene Haus der Elfen”. Die Elfen werden die “;Pferdelords„; bald verlassen, um zu ihren “;Neuen Ufern„; aufzubrechen und dieses Abenteuer legt den Grundstock für einige Wandlungen bei den “;Pferdelords„;. Dafür werden die Reiter in Band 5 meist auf ihre Pferde verzichten müssen, denn gegen die “;Schwarmschiffe"; der Korsaren gibt es eine Menge nasse Füße.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Michael H. Schenk: Ich habe zu danken und freue mich auf die Reaktion der Leser/innen.

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