Interview mit Michael Rothballer

Der Herr der Ringe hat mein Leben verändert.“

Für Nachwuchsautor Michael Rothballer ist Tolkien zwar wichtig, aber nicht so wichtig, dass er den großen Kotau vor ihm macht. In seinem Erstling „Tausendsturm“ entfernt sich der 33jährige auf wohltuende Weise von den Völkern Mittelerdes. Wir haben ihn nach den Hintergründen gefragt.

Phantastik-Couch.de: Hallo Michael, könntest Du Dich unseren Lesern einmal kurz selbst vorstellen?

Michael Rothballer: Ich bin 33 Jahre alt, seit 2004 verheiratet und habe zwei Kinder. Hauptberuflich beschäftige ich mich als promovierter Mikrobiologe mit Bakterien und anderen Mikroorganismen, wobei das Geschichtenerzählen schon immer eine heimliche Leidenschaft von mir war. Die meisten meiner Hobbies drehen sich eigentlich irgendwie um verschiedene Ausprägungen von Fantasy: Natürlich lese ich gerne Fantasy- und historische Romane, mag aber auch entsprechende Filme oder Computerspiele und bin ein leidenschaftlicher Anhänger des Fantasy-Rollenspiels. Als Ausgleich zu diesen kopflastigen Betätigungen spiele ich regelmäßig Beach-Volleyball. Das wichtigste in meinem Leben ist aber meine Familie, sie ist das Fundament, auf dem alles andere steht.

Phantastik-Couch.de: Die übliche, einleitende Frage nach Vorbildern und Einflüssen darf nicht fehlen.

Michael Rothballer: Gar nicht so leicht zu beantworten. Es gibt natürlich immer wieder Leute, die einen im Leben irgendwie beeinflussen, entweder als Vorbilder oder, um es vorsichtig auszudrücken, aus deren Verhalten man eine Lehre für sein eigenes Leben ziehen kann. Aber das einzig konstante Vorbild für mich ist, wenn ich so darüber nachdenke, mein Vater.

Phantastik-Couch.de: Welche Bücher liest Du selbst gerne, welche Autoren bewunderst Du und warum genau ausgerechnet diese?

Michael Rothballer: Also wenn ich nach meinen Lieblingsbüchern gefragt werde, dann kommt da an erster Stellte „;Der Herr der Ringe“;, einfach weil er zumindest für mich der Vater aller Fantasy ist. Ich bewundere Tolkien dafür, dass er sich in einer Zeit, in der Europa in Kriegen und Brutalität versank, seinen Glauben an das Gute bewahrte und eine andere Wirklichkeit ersann, in der Freundschaft und Tapferkeit triumphiert und die unterschiedlichen Völker gegen das Böse zusammenstehen. Das Buch hat mich überhaupt erst auf Fantasy aufmerksam gemacht und damit ist es keine Übertreibung zu sagen, es hat mein Leben verändert.

An zweiter Stelle folgt der historische Roman „;Ein Kampf um Rom“; von Felix Dahn. Die Geschichte ist beinahe ebenso bombastisch wie „;Der Herr der Ringe“;, hat aber zusätzlich noch den Reiz der Wahrheit und wartete mit ein paar unglaublich vielschichtigen Charakteren auf, was das einzige ist, das dem Herrn der Ringe ein wenig fehlt.

Phantastik-Couch.de: Nun taucht Dein Name auf dem Titelblatt für mich ziemlich überraschend, scheinbar aus dem Nichts auf. Wie kamst Du zum Schreiben, ist Tausendsturm Dein Erstlingswerk im Bereich des phantastischen Romans?

Michael Rothballer: Ja, Tausendsturm ist mein erster Fantasy-Roman. Wenn man meine Hobbies kennt, dann ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass ich irgendwann das Schreiben angefangen habe. Zunächst ging es schon so im Alter von zwölf Jahren mit Abenteuerszenarios fürs Fantasy-Rollenspiel los, das war aber nur für unsere private Spielrunde. Die Geschichte, die später zu Tausendsturm wurde, habe ich dann mit fünfzehn begonnen, als unsere Rollenspielgruppe zerbrach und ich mich nicht mehr fantastisch „;austoben“; konnte.

Phantastik-Couch.de: Wie dürfen wir uns den Weg vom Manuskript zu Hause in der Schreibtischschublade hin zum Verlag vorstellen – hast Du viele Klinken putzen müssen, um einen Verlag für Deine Trilogie zu begeistern?

Michael Rothballer: Etwa ein Drittel des ersten Bandes war bereits fertig, als sich eine Freundin von mir, die früher in einem Verlag gearbeitet hatte, als Buchagentin selbstständig machte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich allenfalls mal von einer Veröffentlichung geträumt, aber es eigentlich niemals ernsthaft in Erwägung gezogen. Ich habe ihr dann die fertigen Seiten zum Lesen gegeben und sie war begeistert. Nachdem sie es an einige Verlage geschickt und die ihr Interesse bekundet hatten, habe ich mich hingesetzt und den ersten Band zu Ende gebracht. Dann hat es noch einmal ein Jahr gedauert, bis schließlich die finale Zusage vom Löwe Verlag kam. Da hat sich für mich ein Traum erfüllt.

Phantastik-Couch.de: Fast 700 Seiten – das hört sich nach viel Arbeit an. Wie lang hast Du an dem Buch gearbeitet, wo und wann hast Du geschrieben?

Michael Rothballer: Wenn man von der ersten Zeile an rechnet, dann hat es 18 Jahre gedauert! Aber natürlich habe ich in dieser ganzen Zeit alles hundertmal umgeschrieben und es auch lange Jahre, z. B. während meiner Doktorarbeit, einfach liegen lassen müssen. Richtig intensiv habe ich dann erst geschrieben, als mir in Aussicht gestellt wurde, dass ich das Buch wirklich veröffentlichen kann. Die letzten zwei Drittel des ersten Bandes entstanden dann in zehn Monaten plus nochmal ca. zwei Monate Lektorat, wobei ich da hauptsächlich Nachts arbeiten musste, weil ich ja schon meine Vollzeitstelle als Wissenschaftler hatte. Es ging aber erstaunlich gut. Etwas anstrengend wurde es dann erst, als mein Sohn auf die Welt kam, denn als Vater hat man nun mal keinen Feierabend. Aber dank meiner verständnisvollen Frau haben wir auch das ganz gut hinbekommen.

Phantastik-Couch.de: Wie hast Du die Arbeit mit dem Verlag und dem Lektor erlebt. Gab es aufgrund des Umfangs des Buches nicht Überlegungen dieses zu Teilen oder zu kürzen?

Michael Rothballer: Nein, über Kürzen wurde eigentlich nie gesprochen und die drei Bände waren von vorne herein geplant. Trotzdem muss ich ehrlich sagen, dass ich mir anfangs große Sorgen gemacht habe, in wie weit das Lektorat nun in meinen Text eingreifen würde. Aber es hat sich herausgestellt, dass diese Angst unbegründet war. Alle im Verlag waren sehr nett, sind auf meine Wünsche eingegangen und haben mich stets motiviert. Die Lektorin verstand von Anfang an, was mir bei meiner Geschichte wichtig war und zeigte sich immer kompromissbereit. Daher fiel es dann auch nicht schwer, bei Änderungsvorschlägen gemeinsam eine geeignete Lösung zu erarbeiten.

Phantastik-Couch.de: Eine solch umfassende Saga erfordert bestimmt jede Menge Vorbereitung. Hast Du zuerst ein Exposee verfasst, oder als erstes Deine Welt angelegt? Verliert man bei der Fülle an Daten und Agierenden nicht manches Mal die Übersicht?

Michael Rothballer: Zunächst gab es überhaupt kein Konzept. Ich habe einfach drauf los geschrieben und gesehen, wohin mich das führt. Das ist ziemlich lustig, weil da Handlungen und Charaktere ausschließlich aufgrund von spontanen Ideen entstehen. Als Autor erlebt man damit die Geschichte fast wie ein Leser, weil man selbst vor dem Schreiben nicht weiß, was geschehen wird. Erst als dann die Möglichkeit zur Veröffentlichung in Aussicht stand, habe ich mir die gesamte Handlung überlegt und als Exposee niedergeschrieben. Da war es dann natürlich zum Teil etwas kompliziert, die ganzen losen Handlungsfäden zusammenzubringen, aber das hat wohl auch wesentlich zur Komplexität der Handlung beigetragen, weshalb ich im Endeffekt von der anfänglichen Konzeptlosigkeit profitiert habe. Seit ich jetzt intensiv an der Geschichte arbeite, fällt es mir eigentlich nicht besonders schwer, den Überblick zu behalten, schließlich durchlebe ich die Handlung quasi mit meinen Figuren.

Phantastik-Couch.de: Mir fiel auf, dass Du gerade zu Beginn des Romans jede Person – auch Nebenrollen, wie die Zöglinge an der Schwertschule – recht ausführlich eingeführt hast – warum?

Michael Rothballer: Alle Schwertschüler werden in der weiteren Handlung noch ihre Rolle zu spielen haben und daher fand ich es wichtig, dass man auch von Anfang an über sie Bescheid weiß. Außerdem macht es mir großen Spaß, verschiedene Charaktere darzustellen und das war auch von Beginn an ein wichtiges Ziel, das ich beim Schreiben verfolgt habe.

Phantastik-Couch.de: Nun erzählst Du eine Geschichte, die zunächst im Rahmen des Üblichen bleibt. Wir haben unsere Protagonisten die ihre Abenteuer erleben, denen das Schicksal übel mitspielt und die Götterschwerter die ihren Besitzern besondere Fähigkeiten verleihen. Was wolltest Du anders machen, als all die vielen Konkurrenten da draussen, wo hast Du die Marktlücke für Dein Buch gesehen?

Michael Rothballer: Auf diese Weise habe ich eigentlich nie darüber nachgedacht. Ich wollte nur eine spannende Geschichte schreiben, in der ich meine Kreativität ausleben kann und die mir selbst als Leser gefallen würde. Voraussetzung dafür ist in meinen Augen eine vernünftige Sprache, was gerade bei den aus dem Englischen übersetzten Fantasy-Romanen oft sträflich vernachlässigt wird, und differenzierte Charaktere, also keine Schwarz/Weiß-Gestalten, die man vom ersten Auftreten an als eindeutig gut oder böse einordnen kann. Außerdem hat es mich auch gereizt, ganz neue Wesen zu kreieren, die noch völlig unbekannt sind. Das ist wahrscheinlich meiner Arbeit als Wissenschaftler geschuldet, wo man ja auch öfter mal staunend vor unbekannten Erfindungen der Natur steht und versucht diese zu begreifen.

Phantastik-Couch.de: War es schwer der Versuchung zu widerstehen Elfen, Orks oder Zwerge einzubauen – oder war das nie ein Thema für Dich? Immerhin läuft die Welle der Völkerromane immer noch, und es hätte die Suche nach einem Verlag vielleicht vereinfacht?

Michael Rothballer: Natürlich wäre es einfacher gewesen eines dieser schon ziemlich ausführlich beschriebenen Völker in meinem Buch zu verwenden, aber dann hätte ich mich selbst um den Spaß der Erfindung neuer Wesen gebracht. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, war es somit gar nicht schwer, diese ganzen, schon viel zu bekannten Fantasy-Rassen wegzulassen. Nur die Drachen fand ich so faszinierend, dass ich sie einfach miteinbeziehen musste, wenngleich sie auch in meinem Buch eher als Sagengestalten auftauchen.

Phantastik-Couch.de: Als eine der faszinierendsten Schöpfungen fand ich die Wurzelbälger, die wurzelfarbenen Gnome. Obwohl wir noch nicht sehr viel über diese erfahren, gehe ich davon aus, dass sie ebenso wie die undurchsichtigen Priester des Cit in den nächsten beiden Teilen noch eine gewichtige Rolle spielen werden – stimmt das?

Michael Rothballer: Natürlich stimmt das! Die Wurzelbälger sind ein eigenes großes Volk wie die Menschen, allerdings leben sie ja zumeist eher im Verborgenen, weshalb ihr Wirken bei den Menschen gerne in Vergessenheit gerät.

Phantastik-Couch.de: Wie weit sind die beiden anderen Teile der Trilogie schon gediehen? Kannst Du uns einen kleinen Einblick geben, was den Leser in Band zwei erwarten wird?

Michael Rothballer: Ich schreibe gerade an Band 2, Band 3 existiert bislang nur in meinem Kopf. Im zweiten Teil wird die mühsam erkämpfte Freiheit auf der Sklaveninsel Andobras gleich von mehreren Seiten wieder bedroht. Rai gerät in die Fänge eines rachedurstigen Verrückten und Arton sieht sich mit einer erschütternden Wahrheit konfrontiert, die sein ganzes bisheriges Dasein in Frage stellt. Inzwischen zieht König Jorig Techel mit einem gewaltigen Heer nach Norden, um die aufständischen Fendländer unter ihrem selbst ernannten Herrscher Arden Erenor zu vernichten. Und zwischen den Fronten setzt die Citpriesterschaft ihr undurchsichtiges Spiel fort und versucht die Gebrüder Erenor für ihre Zwecke einzuspannen.

Phantastik-Couch.de: Welche Deiner Personen ist Dir besonders ans Herz gewachsen und warum?

Michael Rothballer: Das ist wohl Arton. Ich mag Menschen mit Fehlern. Arton beherrscht zwar den Schwertkampf wie kaum ein zweiter, versagt aber vollkommen, wenn es gilt andere oder auch nur sich selbst zu verstehen. Diesen Gegensatz finde ich sehr reizvoll.

Phantastik-Couch.de: Wie viel von Michael Rothballer steckt in Deinen Figuren – in welcher Person erkennst Du Dich am ehesten wieder?

Michael Rothballer: In den meisten Figuren steckt mehr oder weniger viel von mir. In einige Charaktere ist auch die Persönlichkeit von aktuellen oder ehemaligen Freunden und Bekannten eingeflossen, die das zum Teil gar nicht wissen. Aber alle meine Figuren haben sich während des Schreibens entwickelt und weisen oft gar nicht mehr so viel Ähnlichkeit mit ihren realen Vorbildern auf. Arden beispielsweise war eigentlich gar nicht so selbstverliebt und überheblich angelegt, er hat sich aber, beinahe wie von selbst, dahin entwickelt.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir alles Gute.

Das Interview führte Carsten Kuhr