Interview mit Miriam Pharo

„Mich reizte der Gedanke, eine Zukunft zu erschaffen, die genau 100 Jahre nach meiner Geburt angesiedelt ist. Mit ein wenig Glück kann ich vielleicht selbst erleben, wie nah meine Vision an der Realität dran ist“

Miriam Pharo traute sich in ihrer „Hanseapolis“-Serie einen Genre-Mix aus Science-Fiction und Krimi zu schreiben. Welche Werke und Autoren haben sie dazu inspiriert? Wieviel Miriam Pharo steckt in ihren Figuren und warum lässt die Autorin Hamburg von einer Flutwelle wegschwemmen? Über diese und andere Themen sprach Miriam Pharo mit uns im Interview.

Phantastik-Couch.de: Liebe Miriam, würdest du dich den Lesern zunächst bitte kurz vorstellen.

Miriam Pharo: Geboren bin ich im spanischen Cordoba, aufgewachsen bin ich allerdings auf einer kleinen Atlantikinsel westlich von La Rochelle. Meine Familie besaß dort ein Hotel. Mit neun Jahren kam ich nach Deutschland, nach Mainz, um genau zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie Häuserdächer gesehen, die bis zum Horizont reichen. Nach meiner Schulzeit habe ich in Heidelberg und Mainz Slawistik, Romanistik und Politikwissenschaften studiert. Danach bin ich nach Dülmen gezogen, später nach Hamburg, inzwischen lebe ich südlich von München. Meine Brötchen verdiene ich seit Jahren als selbstständige Werbetexterin für Werbeagenturen und Unternehmen.

Phantastik-Couch.de: Im Kern ist deine Geschichte ein Thriller, der – mit einigen Abstrichen – ebenso in der Gegenwart spielen könnte. Was hat dich dazu bewogen, die Geschichte in die Zukunft zu versetzen?

Miriam Pharo: Eines Tages habe ich mich hingesetzt und damit begonnen, die Mordszene aus meinem ersten Roman zu schreiben. Auslöser war zunehmende Langeweile angesichts der Krimis und Thriller, die ich die Jahre zuvor gelesen hatte. Irgendwie hat mich nichts mehr so recht überrascht. Als ich die ersten Worte zu Papier brachte, hatte ich überhaupt noch keine Vorstellung, wohin die Reise geht. Erst beim Schreiben kam mir die Idee, meinen Thriller in die nahe Zukunft zu verlegen, Science-Fiction also mit Krimielementen zu vermischen. Die Kombination erschien mir besonders spannend, zumal es nicht so viele Romane gibt, die in diese Richtung gehen. Vor allem reizten mich die Fragen: Wie ermitteln die Polizisten im Jahr 2066? Mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen? Sind die Verbrechen anders geartet? Wie verhalten sich die Geschlechter zueinander? Solche Dinge halt. Außerdem reizte mich der Gedanke, eine Zukunft zu erschaffen, die genau 100 Jahre nach meiner Geburt angesiedelt ist. Mit ein wenig Glück und einer guten Konstitution kann ich vielleicht selbst erleben, wie nah meine Vision an der Realität dran ist.

Miriam Pharo

Phantastik-Couch.de: Auch viele deutsche Autoren blicken über den Teich ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Warum lässt du deine Geschichte im deutschen Hamburg (respektive Hanseapolis) spielen?

Miriam Pharo: Hamburg besitzt meines Erachtens eine unglaubliche Atmosphäre. Ihre Vielfalt, die Architektur, die Natur, der Hafen, die Kanäle – für mich die ideale Kulisse!

Phantastik-Couch.de: In deiner fiktiven Geschichtsschreibung von „Hanseapolis“ lässt du Hamburg buchstäblich von einer Flutwelle wegschwemmen. Magst du die Stadt nicht?

Miriam Pharo: Ganz im Gegenteil. Die „Hanseapolis“-Romane sind meine persönliche Hommage an Hamburg. Ich liebe die Stadt sehr und als ich 2006 aus beruflichen Gründen wegziehen musste, hat es mir fast das Herz gebrochen.

Phantastik-Couch.de: Aber ernsthaft: Du legst sehr viel Wert darauf, die Historie von „Hanseapolis“ überzeugend darzustellen. Obwohl das für die Story gar nicht notwendig wäre, macht es das Umfeld der Figuren „spürbar“. Woher hast du die Ideen z.B. für die Gebäude, die symbolischen Wahrzeichen oder den versuchten Sumpf, der an „Hanseapolis“ anschließt?

Miriam Pharo: Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie die Stadt Hamburg in 55 Jahren aussehen könnte. Wird es die Binnenalster noch geben? Was ist mit dem Kiez? Wie wirkt der Hafen mit seinen Kränen, wenn er von Gebäuden umgeben ist, die 800 Meter hoch sind? Was könnte das Symbol einer ehemals stolzen Stadt sein, die von einer Flutwelle fast ausgelöscht worden ist?

Phantastik-Couch.de: Viele technische und soziale Errungenschaften – positiv wie negativ – in Hanseapolis scheinen gar nicht weit entfernt von aktuellen Entwicklungen. War es dir wichtig, die Geschichten auf diese Art möglichst realistisch zu halten?

Miriam Pharo: Ja. Die von mir erdachte Zukunft muss absolut glaubwürdig sein, sonst kann ich gleich einen Gegenwartsroman schreiben. So stelle ich mir nicht nur Hanseapolis spezifische Fragen. Ich sitze zum Beispiel beim Frühstück und überlege, wie die Menschen in Zukunft diese Situation erleben werden. Wie wird ihre Morgenzeitung aussehen? Vielleicht wird der Kaffee zum Mitnehmen mit mikroskopisch kleinen Kommunikationsteilchen versehen sein, die ins Gehirn gelangen, dort am visuellen Cortex andocken und die brandheißen News projizieren? Wenn ich mit unserer Hündin Lina spazieren gehe, tauchen auch mal Fragen auf wie: Werden Hundehalter beim Gassigang eine Atemmaske tragen müssen? Wird es überhaupt noch Hunde mit Verdauungsapparat geben? Oder werden diese einfach weggezüchtet? Das Problem besteht darin, dass die Entwicklung heute so schnell voranschreitet, moralische Bedenken so schnell über Bord geworfen werden, dass ich einige Male von meinen eigenen Gedankenspielen eingeholt wurde, ich also noch mehr um die Ecke denken musste.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Science Fiction-Geschichten, die dich bei der Erschaffung von „Hanseapolis“ beeinflusst haben?

Miriam Pharo: Die Bücher von Philip K. Dick haben mich auf jeden Fall inspiriert, wobei ich zugeben muss, dass Bilder aus den Filmen „Blade Runner“ und „Minority Report“ sich mir am meisten eingeprägt haben, obwohl sie mit den Originalen von Dick zum Teil nicht viel gemein haben.

Phantastik-Couch.de: Wie viel Miriam Pharo steckt in Louann Marino?

Miriam Pharo: Das ist eine wirklich schwierige Frage und ehrlich gesagt, habe ich bisher noch nicht darüber nachgedacht. Ich glaube, in einigen Dingen bin ich wie sie: strebsam, aber auch unsicher. Zuweilen beherzt, wenn auch nicht draufgängerisch. Romantisch und doch bodenständig. Manchmal zu nett. Im Grunde bin ich ein positiver Mensch und gute Freunde wundern sich, wie ich zuweilen derart fiese und brutale Szenen schreiben kann. Ich denke, das ist meine Art, die Ungerechtigkeiten und Bösartigkeiten in dieser Welt zu verarbeiten. Wer weiß? Wenn Louann keine Polizistin wäre, würde sie vielleicht schreiben …

Phantastik-Couch.de: Und wie viel Miriam Pharo steckt in Elias Kosloff?

Miriam Pharo: Ich fürchte, in mir steckt mehr Elias Kosloff, als mir lieb ist. Er ist von der Welt und den Menschen desillusioniert, doch besitzt er Prinzipien, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und immer noch einen Hauch von Idealismus – auch wenn er sich das nicht eingestehen will. Manchmal würde ich gern wie er Leuten aufs Maul hauen, um es einmal drastisch auszudrücken, aber wie gesagt: Ich schreibe meine Wut lieber nieder. Zynisch wie Elias bin ich zum Glück nicht. Das möchte ich nie werden. Zyniker verschmähen die Schönheiten dieser Welt. Außerdem nimmt sich Elias zu ernst.

Phantastik-Couch.de: Sektion 3 / Hanseapolis erschien zunächst als eBook. Dort hattest Du besondere Features eingebaut und man konnte dem Text mit dem Cursor an bestimmten Stellen Gedanken der Protagonisten und Illustrationen entlocken. Was hatte es damit auf sich?

Miriam Pharo: Mein eBook sollte mehr sein als nur die Eins-zu-Eins-Digitalisierung eines Manuskripts. Mithilfe der Hamburger Grafikerin Gaby Mammitzsch gingen wir mit der PDF-Version meines Romans bis an die Grenzen der technischen Möglichkeiten und haben Mouse-Over-Funktionen eingebaut, mit denen der Leser die Gedanken der Figuren bzw. Illus und futuristische Hintergrundinfos sichtbar machen konnte. Ich fand speziell die Idee charmant, die Gedanken der Protagonisten auf diese Weise zu entlocken. Im realen Leben „lese“ ich die Gedanken meiner Mitmenschen auch nicht, sondern muss sie herauskitzeln. Außerdem sind viele Dinge im Roman erklärungsbedürftig: Technologien, gesellschaftliche Phänomene, politische Verhältnisse usw. Statt den Leser mit seitenlangen Erklärungen zu langweilen, habe ich die Infos in Mikrosites eingebunden, die im Präsenz geschrieben waren und sich wie aktuelle Kurznachrichten lasen. Diese YIN-Felder – YIN steht für Yahoogle Investigation Network – finden sich übrigens auch in der Printversion wieder.

Phantastik-Couch.de: Was hat dich bewogen, die Romane dann doch noch als Printversion zu veröffentlichen?

Miriam Pharo: Auch wenn eBooks im Kommen sind, so lesen die meisten doch lieber Bücher aus Papier. Als Autorin ist es mir nun mal wichtig, dass meine Geschichten von möglichst vielen Menschen gelesen werden, sonst könnte ich genauso gut Tagebuch schreiben.

Phantastik-Couch.de: Wird es weitere Geschichten um Sektion 3, aus Hanseapolis oder sogar mit Marino und Kosloff geben?

Miriam Pharo: Eine mindestens. Zurzeit schreibe ich an meinem dritten Hanseapolis-Roman und hoffe, dass er dieses Jahr noch erscheint. Der vorläufige Titel lautet PRÄLUDIUM, kein zweigeteilter Roman diesmal, sondern eine eigenständige Story. Das Buch wird in 24 Kapitel aufgeteilt sein, nach den 24 Präludien von Frédéric Chopin. Von der Grundstimmung leitet mich die Musik. Das 1. Kapitel ist thematisch lebhaft, das 2. getragen und eher „dumpf“, das 3. beginnt mit einem kurzen Rundflug über der Stadt, usw. Angesichts der Tatsache, dass meinen Lesern und mir die Figuren ans Herz gewachsen sind, spiele ich mit dem Gedanken, eine Reihe daraus zu machen.

Phantastik-Couch.de: Gibt es andere Geschichten, an denen du gerade arbeitest?

Miriam Pharo: Ich habe eine SF-Kurzgeschichte zum Thema „Prototypen“ geschrieben, die voraussichtlich diesen Herbst im Rahmen einer Anthologie beim Begedia Verlag erscheinen wird. Nach Abschluss meines Romans will ich eine Kurzgeschichte für das SF-Magazin NOVA beginnen. Das Thema ist noch offen.

Phantastik-Couch.de: Wir danken, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast!

Miriam Pharo: Gern. Ich danke euch für das Interesse.

Das Interview mit Miriam Pharo führte Elmar Huber