Interview mit Julia Abrahams und Natalja Schmidt von der Literaturagentur Schmidt & Abrahams

„Es gibt immer wieder Überraschungserfolge – mutige Bücher, die mit neuen Ideen oder Formen spielen und den Nerv der Zeit treffen. So ein Buch möchte natürlich jeder gerne geschrieben, vertreten, entdeckt haben.“

Was macht eigentlich eine Literaturagentur? Wir befragten die Gründerinnen der Literaturagentur ´Schmidt und Abrahams´, wie ihr Arbeitsalltag aussieht und wie man einschätzt, ob ein Roman Bestsellerpotential hat. Zudem gehören beide zur Phantastischen Akademie, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der phantastischen Literatur im deutschsprachigen Raum zu einem höheren Stellenwert zu verhelfen. Der von der Akademie ausgelobte Phantastik-Preis ´Seraph´ kürt in diesem Jahr zum zweiten Mal das „Beste Debut“ und das „Beste Buch“. Julia Abrahams und Natalja Schmidt erzählten uns, wie sich die Qualität und Akzeptanz des ´Seraph´ inzwischen entwickelt hat.

Phantastik-Couch.de: Nachdem wir in der letzten Ausgabe eine Lektorin vorgestellt haben, möchten wir einen weiteren Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebs werfen. Darf ich Euch bitten, kurz zu beschreiben, was Literaturagentinnen tun und wie Euer Tagewerk aussieht?

Julia Abrahams: Literaturagenten stellen das Bindeglied zwischen Autor und Verlag dar. Wir betreuen Autoren bei der Konzeption und Umsetzung neuer Romanideen, bieten Manuskripte bei geeigneten Verlagen an, führen Auktionen durch, handeln Verträge aus, erstellen Abrechnungen und haben auch ansonsten ein Auge darauf, dass bis zum fertigen Buch zwischen Autor und Verlag alles möglichst reibungslos funktioniert.

Unser Tagwerk besteht sehr viel aus Emails beantworten und Telefonate führen, um mit Autoren und Lektoren gleichermaßen in Kontakt zu bleiben, aus dem Erstellen und Prüfen von Verträgen, dem Lesen neuer Konzepte und Texte und aus etwas Buchhaltung. Zu den Messen (Frankfurt, Leipzig, Bologna) sieht es dann ganz anders aus: Vorher werden neue Rechtelisten erstellt, auf der Messe selbst jagt dann ein Termin den nächsten, wir stellen die aktuellen Projekte vor oder treffen Autoren – das ist immer besonders spannend und abwechslungsreich. Abends trifft man sich auf den Verlagspartys.

Phantastik-Couch.de: Welche Voraussetzungen muss ein Autor mitbringen, damit Ihr für ihn tätig werdet?

Natalja Schmidt: Erst einmal natürlich ein spannendes und lesenwertes Manuskript! Wir müssen von einem Text wirklich überzeugt sein, um einem Autor oder einer Autorin eine Vertretung anzubieten. Einen professionellen Umgang mit Texten setzen wir ebenfalls voraus, denn sonst scheitert die Zusammenarbeit vermutlich schon in einem frühen Stadium. Wir sind allgemein daran interessiert, Autoren auch aufzubauen, und streben eine langfristige Zusammenarbeit an, deshalb sollte natürlich am besten auch die Chemie zwischen Agentur und Autor stimmen.

Phantastik-Couch.de: Welche Genre bearbeitet Ihr und welche Leistungen bietet Ihr an?

Julia Abrahams: Wir vertreten mittlerweile den gesamten Bereich der unterhaltenden Belletristik: von Sagas bis hin zur Romantischen Komödie, Historische Romane, Krimi & Thriller, und natürlich auch weiterhin Phantastik, wobei hier unsere Kapazitätsgrenze schon weitgehend erreicht ist. Jugendbuch ab ca. 10 Jahren haben wir ebenfalls im Programm, und seit Neuestem führen wir auch ein kleines Sachbuch-Portfolio. In der Non-Fiction sind wir vor allem nach humorvollen Titeln auf der Suche.
Wenn wir einen Autor und sein/ihr Projekt zur Vermittlung übernehmen, so optimieren wir zuerst Exposé und Leseprobe, um dem Manuskript die bestmöglichen Chancen zu verschaffen. Dann bieten wir es den in Frage kommenden Verlagen an. Wenn es optimal läuft, finden sich ein oder mehrere Interessenten, und wir können nach erfolgreichen Verhandlungen den Vertrag aushandeln. Aber leider klappt es nicht bei jedem gleich mit dem ersten Werk. In diesem Fall arbeiten wir mit dem Autor – mit Blick auf den Markt – an neuen, kreativen Ideen.

Phantastik-Couch.de: Würdet Ihr uns, soweit möglich, einen `typischen Werdegang´ vom Manuskript zum veröffentlichten Buch vorstellen? Arbeitet ihr mit fertigen Manuskripten, die `nur noch´ lektoriert und einem Verlag angeboten werden müssen? Oder helft Ihr Euren Autoren ein Buch zu konzipieren, von dem Ihr glaubt, dass es in ein Verlagskonzept passen könnte?

Natalja Schmidt: Beides. Gerade bei Debutautoren ist es den Verlagen meist wichtig, dass schon ein vollständiges Manuskript vorliegt, um einen Titel abschließend beurteilen zu können. Dann sieht der klassische Weg in etwa so aus: Wir bieten Exposé und Leseprobe an, dem Verlag gefällt, was er liest, sie fordern das Gesamtmanuskript an, auch das kann überzeugen, es gibt ein Angebot, wir setzen einen Vertrag auf, Verlag und Autor arbeiten innerhalb eines Lektorats am Manuskript, und schließlich erscheint das fertige Buch.

Bei bereits veröffentlichten Autoren ist der Weg oft etwas anders. Da reden dann Lektorin, Agentin und Autorin über mögliche neue Projekte, die Autorin schreibt ein Exposé, der Verlag macht ein Angebot. Meist kommt die neue Idee von den Autoren selbst, manchmal wird sie vom Verlag an die Kreativen herangetragen, und gelegentlich haben wir auch selbst eine gute Idee.

Phantastik-Couch.de: Wie wägt man ab, welche Erfolgschancen ein Buch auf dem Markt haben wird? Versucht man als Agentur auch `Trendsetter´ zu sein? Bemüht ihr Euch, neue Themen anzubieten?

Julia Abrahams: Mit der Zeit entwickelt man einen sehr guten Blick dafür, was auf dem Markt und bei den Verlagen eine Chance hat und was schwierig zu verkaufen ist. Jedes Genre besitzt natürlich auch gewissen Genrekonventionen: Bewegt sich ein Autor mit seiner Romanidee innerhalb dieser Grenzen, sind die Chancen auf Erfolg ungleich höher, aber natürlich reicht das allein nicht. Um beim Leser – und vorher bei den Lektorinnen und Lektoren – anzukommen, braucht ein Roman auch eine spannende Grundidee, die so umgesetzt ist, dass sie den Leser fesselt.

Darüber hinaus gibt es auch immer wieder Überraschungserfolge – mutige Bücher, die mit neuen Ideen oder Formen spielen und den Nerv der Zeit treffen. So ein Buch möchte natürlich jeder gerne geschrieben, vertreten, entdeckt haben. Deswegen verschließen wir uns in keine Richtung – wenn uns ein Buch richtig gut gefällt, auch wenn es ungewöhnlich ist, dann entscheiden wir uns durchaus auch hier für eine Vertretung – selbst wenn das Risiko höher ist.

Phantastik-Couch.de: Könnt Ihr von einem echten `Überraschungserfolg´ berichten? Ein Buch, das sich sehr viel besser verkauft hat, als ursprünglich angenommen wurde?

Natalja Schmidt: Ja. Annette Duttons „Der geheimnisvolle Garten“ ist bislang toll gelaufen, und das hauptsächlich, weil so viele Leserinnen das Buch weiterempfohlen haben. Und bevor Christoph Hardebuschs „Trolle“ erschienen, sagte der Verlag, dass 10.000 Exemplare für ein Debut eine tolle Zahl wären. Die Romanreihe hat sich bis heute ca. 400.000 mal verkauft.

Phantastik-Couch.de: Wohin entwickelt sich, Eurer Meinung nach, die Phantastische Literatur in Deutschland? Wird im Zuge der „Hobbit“-Verfilmungen wieder mehr Völker-Fantasy publiziert werden? Oder wird sich der Trend der „Genre-Grenzgänger“, wie `Steampunk´ oder `Romantasy´ fortsetzen?

Julia Abrahams: Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist. Im Zuge der „Hobbit“-Verfilmung haben viele Verlage auf klassische Fantasy gesetzt, die auch – gerade bei den etablierten Autoren – weiterhin gut funktioniert, aber der große neue Boom ist ausgeblieben. Sinkende Verkaufszahlen im Taschenbuch machen es auch der deutschen Phantastik derzeit sehr schwer. Romantasy hat sich als Subgenre sicherlich etabliert, aber wie viel Platz neben den bereits erfolgreichen Serien noch bleibt, ist fraglich. Steampunk hingegen hat es nicht geschafft, sich durchzusetzen – zum Bedauern aller. Ich kenne viele Autoren und Lektoren, die das Subgenre persönlich sehr mögen – und selbst geht es auch so -, aber es fehlte der „door opener“, der Steampunk auf dem deutschen Buchmarkt durchgesetzt hätte. Wohin die Reise als nächstes geht, was das nächste große Thema wird, würden wir natürlich alle gerne wissen.

Phantastik-Couch.de: Ihr beide seid Gründungsmitglieder der „Phantastischen Akademie“, die den Phantastik-Preis „Seraph“ ins Leben gerufen hat. Wie kam es dazu und was erhofft Ihr Euch von diesem Preis?

Natalja Schmidt: Die Idee zur Phantastischen Akademie und zum Seraph kam ursprünglich von Oliver Graute von Feder & Schwert, der jetzt auch unser Vereinsvorsitzender ist. Olivers Vorschlag war, mit anderen phantastikbegeisterten Buchmenschen eine Vereinigung zu gründen, die sich dafür einsetzt, Phantastik auch außerhalb der Szene bekannter zu machen und dem oftmals doch belächelten Genre zu einer besseren Reputation zu verhelfen. Mit diesem Ansatz hat er bei uns natürlich offene Türen eingerannt.

Mit dem „Seraph“ wollen wir insbesondere auf die Vielfalt der Phantastik hinweisen, die ja viel mehr zu bieten hat, als dass oftmals kolportiert wird. Wir wollen insbesondere mit dem Debutpreis, der mit immerhin 2.000,- Euro dotiert ist, junge Talente unterstützen und ihnen den oft steinigen Weg in den Buchmarkt erleichtern, und außerdem auch ganz einfach neue, gute Bücher einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Phantastik-Couch.de: Warum habt Ihr entschieden, für die jährliche Preisvergabe jeweils eine Jury einzurichten und nicht das Lesepublikum abstimmen zu lassen?

Julia Abrahams: Für eine Jury haben wir uns entschieden, weil es uns nicht darum ging, das populärste Buch auszuzeichnen oder die Autoren, die die meisten Fans haben. Außerdem gibt es mit dem DPP ja schon einen sehr beliebten Publikumspreis. Auf der Long- und der Shortlist des Seraph finden sich natürlich auch sehr populäre Bücher, die sich durch ihre Qualität durchgesetzt haben. Daneben war es uns aber wichtig, einen umfassenden Blick auf die deutsche Phantastik zu werfen und auch kleinen Verlagen und weniger bekannten Autoren eine Chance zu geben. Und es hat sich gezeigt, dass es viel zu entdecken gibt – so zum Beispiel die letztjährige Gewinnerin für „Bestes Debut“ Nina Maria Marewski und ihr Buch „Die Moldau im Schrank“.

Phantastik-Couch.de: Ihr habt zusammen mit anderen Mitgliedern der Phantastischen Akademie die Vorauswahl für die Longlist vorgenommen. Wie viele Bücher wurden von den Verlagen eingereicht?

Julia Abrahams: Es wurden mehr als 80 Bücher von über 30 Verlagen eingereicht. Die Vielfalt war auch dieses Jahr wirklich fantastisch – von klassischer Fantasy über Mystery bis hin zu Science Fiction war alles dabei, was uns wirklich sehr freut.

Phantastik-Couch.de: Nach welchen Kriterien habt Ihr die Bücher ausgewählt? Wie vermeidet man, dass man die eigenen Autoren bei der Auswahl bevorzugt?

Natalja Schmidt: Das vermeiden wir, indem wir für unsere eigene Autorinnen und Autoren keine Stimme abgeben. Über unsere Bücher müssen die anderen Mitglieder der PA befinden, ebenso wie unser Vorsitzender keine Wertung für Bücher von Feder & Schwert abgibt.

Phantastik-Couch.de: Wie hat sich der Seraph-Preis aus Eurer Sicht im zweiten Jahr gemacht? Seid ihr zufrieden mit der Qualität und Bandbreite der eingereichten Titel und mit der Akzeptanz des Preises?

Julia Abrahams: Im ersten Jahr waren wir bereits überwältigt von der guten Akzeptanz und der positiven Resonanz auf den Preis, sowohl von Seiten der Verlage als auch der Presse. Unser Ziel war es, dass dies im zweiten Jahr ebenso gut gelingt. Dass wieder so zahlreich Titel von Seiten der Verlage eingereicht wurden, ist natürlich Voraussetzung dafür und freut uns sehr. Die Bandbreite war wirklich enorm, und es gab viele spannende Titel und Autoren zu entdecken. Auch dass die Stadtwerke Leipzig wieder als Sponsor mit an Bord sind, ist natürlich phantastisch. Und die diesjährige Jury – die wieder sehr breit gefächert ist und aus Lektoren, Journalisten, Rezensenten, Literaturwissenschaftlern besteht – hat großartige Arbeit geleistet und leistet sie immer noch. Vielen Dank an dieser Stelle an unsere Juroren! Wir sind also sehr glücklich und dankbar. Und sind gespannt auf die Sieger!

Phantastik-Couch.de: Was erhofft Ihr Euch für die nächsten Jahre? Glaubt ihr, dass die Phantastik-Literatur in Deutschland mehr Anerkennung erfahren wird?

Natalja Schmidt: Für die nächsten Jahre erhoffen wir uns vor allem, weiter mit solch tollen und kreativen Menschen – außerhalb und innerhalb der Verlage – arbeiten zu dürfen. Wenn die daraus entstehenden Bücher auch bei den Lesern gut ankommen, freuen wir uns umso mehr.

Die Phantastik in Deutschland hat es in den letzten zehn Jahren weit gebracht, und auch wenn derzeit mit sinkenden Taschenbuchverkaufszahlen eine schwierige Phase bewältigt werden muss, so sind wir doch der festen Überzeugung, dass die Phantastik sich als fester Bestandteil der unterhaltenden Belletristik etabliert hat und auch in den kommenden Jahren mit vielen hochwertigen und spannenden Titeln die Leser überzeugen wird.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, Julia und Natalja, dass Ihr Euch die Zeit für ein Interview mit Phantastik-Couch genommen habt. Wir wünschen Euch und Eurer Agentur weiterhin viel Erfolg und alles Gute.

Natalja Schmidt: Wir bedanken uns ebenfalls für die spannenden Fragen!

Das Interview führte Eva Bergschneider im Februar 2013