Interview mit Oliver Dierssen

„Hör auf die Geschichte, gib dich dem Flow hin, lass es krachen“

Und plötzlich war die Idee da – ein schwacher Schüler findet ein magisches Wesen, das sich von Rechtschreibfehlern ernährt, zack, die Handlung in einem Satz, das blieb bei mir haften, das hat sich in meinem Kopf gegen ein Dutzend anderer Romanideen durchgesetzt

Phantastik-Couch.de: Zwischen Familie und deiner Arbeit als Arzt in einer psychiatrischen Klinik – wann hast du deinen Roman eigentlich geschrieben?

Oliver Dierssen: Das frage ich mich auch manchmal. Ich erinnere mich, ein halbes Jahr lang jeden Morgen zu höchst unphysiologischer Zeit in Richtung Espressomaschine gewankt zu sein, mir zwischenzeitlich ein unruhiges Baby vor den Bauch geschnallt zu haben und halb hockend und wippend und beruhigend brummend vor dem Computer vor mich hin getippt zu haben, ehe ich dann schließlich in die Klinik gefahren bin. Klingt anstrengender, als es ist. Das Schlüsselwort ist – glaube ich – das morgens. Wenn der Tag noch frisch ist, der Kopf noch frei, die Tastatur noch kalt und das Email-Postfach noch leer …Wenn es also gar nichts gibt außer dem Schreiben. Wenn man das Schreiben liebt, ist das ein perfekter Seinszustand. Wenn man eher in einer kritischen Phase des Überarbeitens ist und eigentlich mal lieber bis um neun oder zehn im Bett liegen würde, kann das auch ein sehr einsames Geschäft sein. Wenn ich ein Buch schreiben will, muss ich mindestens sechs Tage in der Woche schreiben. Man braucht viel Espresso.

Phantastik-Couch.de: Wo schreibst du deine Romane? Gibt es für dich einen besonderen Arbeitsplatz, ein besonderes Ambiente zum Schreiben? Musik, Wein, Papierberge, Kaffee? Oder Stille, weiße Wand und Mineralwasser?

Oliver Dierssen: Eigentlich ist mir das egal. Ich kann im Zug schreiben, am Küchentisch oder nach Dienstschluss in der Klinik. Da ich aber meistens morgens arbeite, kommen da nicht so viele Orte in Frage. Und aufs Ambiente pfeife ich, Stimmungs-CDs und Räucherstäbchen lenken eher vom Wesentlichen ab: Davon, Wort für Wort in die Maschine zu tippen und nicht aufzuhören, ehe die Zeit um ist, egal, ob man gut in Form ist oder nicht, ob die Szene sich lahm liest oder super, egal, immer weiter, Zeile für Zeile. Ich habe inzwischen ein Arbeitszimmer, ein winziger Raum, vollgestopft mit Schreibtisch, Regalen, einem halb vergrabenen Sofa und einer Kiste Weihnachtsschmuck. Die Tür ist immer offen (sie geht inzwischen nicht mehr zu), und wenn einer reinkommt und stört, freue ich mich. Diese viel beschworene Einsamkeit der Schriftsteller mit Blick auf den Genfer See und so, das halte ich für völligen Quatsch. Wer wirklich schreiben will, der guckt nicht aus dem Fenster, und der stört sich auch nicht am staubsaugenden Nachbarn, sondern der setzt sich hin und legt los.

Phantastik-Couch.de: Wie bist du überhaupt zum Schreiben gekommen? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Oliver Dierssen: Viele Autoren haben in Ihrer Vita stehen: „Hat schon als Dreijähriger Geschichten und Theaterstücke geschrieben.“ Das liest sich manchmal wie eine Rechtfertigung: Der konnte gar nicht anders, es musste leider so kommen. Ich habe mir den Weg einigermaßen lange offen gelassen und erstmal einen Beruf gelernt. Mein Schlüsselerlebnis war, jetzt kommt was Originelles, haltet euch fest: Ich habe eine Art Roman aufgeschrieben, den ich ganz witzig fand, und Heyne fand es irgendwie ziemlich gut und hat ein Buch daraus gemacht, und das hat auch noch einen Preis gekriegt. Und plötzlich habe ich kapiert: Mensch Olli, das ist ja gar nicht so schwer, schreib einfach das auf, was dir Spaß macht, bleib locker, stell keine dummen Fragen und genieß die Sache. Wenn ich angehenden Kollegen eins raten soll, ist es – glaubt daran, dass irgendwer euren Roman verlegen wird. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, lest ein paar gute Schreibratgeber, besucht einen Kurs und versucht es so lange, wie ihr Spaß an der ganzen Sache habt. Und wenn ihr die Schnauze voll habt, geht Kitesurfen. Das soll auch nicht schlecht sein.

Phantastik-Couch.de: Wie gehst du beim Schreiben und Recherchieren vor? Bist du eher ein intuitiver Autor, dessen Buch „beim Schreiben“ entsteht, oder planst du möglichst viel im Voraus?

Oliver Dierssen

Oliver Dierssen: Der Große Amerikaner Stephen King hat ein paar einfache Regeln aufgestellt, die ich an dieser Stelle einfach mal ganz unoriginell wiedergebe: Erstens – schreib, was du kennst. Schreib über Sachen, mit denen du vertraut bist, wo du Experte bist. Und zweitens – hör auf die Geschichte, gib dich dem Flow hin, lass es krachen. Und mit den Regeln arbeite ich tatsächlich. Ich bin kein großer Rechercheur, ich sitze nicht zwischen Aktenbergen im Stadtarchiv, sondern ich schreibe tatsächlich meistens von zuhause aus. Und ich werfe auch nicht mit Karteikarten um mich, um Handlungen zu entwerfen, sondern ich hangele mich durch ein ganz grobes Gerüst von Szenen, auf die ich richtig Bock habe. Ein bisschen Planen muss sein. Aber wichtiger als der perfekte Masterplan ist der Sound der Geschichte, die Stimme des Erzählers. Und wenn ihr die habt, wenn ihr wisst, wie euer Buch klingt, dann erzählt die ganze Geschichte einem Freund. Wenn ihr dabei nicht weiter wisst oder sich die Sache plötzlich langweilig oder unlogisch anhört, dann solltet ihr kurz Pause machen. Vielleicht hat euer Freund ja eine Idee, wie man der Sache mehr Schwung verleihen kann. Auf so etwas sollte man unbedingt hören. Kein Witz. Nichts ist schlimmer als junge Kollegen, die sieben Jahre nach Feierabend an ihrem Geheimprojekt sitzen, es anschließend rumzeigen, und keinen interessiert es. Raus aus den Schreibbunkern, klar?

Phantastik-Couch.de: Von Joschel über Markus bis Hanne – Bei den vielen schrägen Figuren in deinem Buch stellt sich die Frage: Hat deine Arbeit eigentlich einen Einfluss auf dein Schreiben? Woher beziehst du deine Inspirationen?

Oliver Dierssen: Das mit der psychiatrischen Klinik wollen sie immer alle wissen …ob ich die Patientengeschichten da einfach ein bisschen umformuliere und dann reinschreibe. Aber so einfach ist es nicht, die Arbeit alleine reicht bei weitem nicht aus. Nein, die Verrücktheiten müssen tiefer sitzen. Es kann hilfreich sein, aus einer durchgeknallten, neurotischen Ursprungsfamilie zu kommen. Auch nicht schlecht ist es, mal ein Teenager mit allem Drum und Dran gewesen zu sein und ein wenig mitgeschrieben zu haben. Und eine niemals versiegende Quelle der Inspiration ist die Frage: Wofür schämt man sich selbst? Was begehrt man heimlich? Was würde man niemandem erzählen? Was dürfte einem niemals passieren? Man kann das alles in Bücher reinschreiben. Und später in Interviews behaupten, das alles hätte man sich einfach mal so ausgedacht. Gar kein Problem.

Phantastik-Couch.de: Wie bist du Fausto zum ersten Mal begegnet?

Oliver Dierssen: Auf der Suche nach einem Buchvertrag. Ein gutes Jahr vor dem Heyne-Wettbewerb, mit dem „Fledermausland“ seinen Weg genommen hat, hatte ich über eine Kollegin gehört, dass ein Schulbuchverlag Geschichten für Leseschwache suche. Ich hatte keine Ahnung, wie man an Verlagsverträge rankommt und fand das Angebot nicht übel. Und plötzlich war die Idee da – ein schwacher Schüler findet ein magisches Wesen, das sich von Rechtschreibfehlern ernährt, zack, die Handlung in einem Satz, das blieb bei mir haften, das hat sich in meinem Kopf gegen ein Dutzend anderer Romanideen durchgesetzt …genau das wollte ich schreiben. Natürlich habe ich schnell gemerkt, dass die Geschichte auf den geforderten fünfzig Seiten nicht erzählt werden kann. Knapp zwei Jahre später suchte Heyne ein Jugendbuch für das neue Verlagsimprint „Heyne fliegt“. „Fausto“ war sofort zur Stelle und hat sich begeistert in der Aufgabe festgebissen.

Phantastik-Couch.de: In welchem genauen Verwandtschaftsverhältnis stehen Bücherdämonen zu Fehlerteufeln?

Oliver Dierssen: Eine sehr vertrackte Frage. Vermutlich in ähnlicher Hassliebe wie Marienkäfer und Blattläuse. Man mag sich nicht besonders, muss es aber irgendwie zusammen auf dem Blatt aushalten. (Über diese Metapher habe ich knapp zehn Minuten nachgedacht, ihr stellt ja Fragen!) Nein, jetzt mal im Ernst: Der bedeutende Unterschied zwischen Bücherdämonen und Fehlerteufeln ist, dass es Fehlerteufel nicht gibt. Damit ist doch alles klar, oder?

Phantastik-Couch.de: Wie schon in Fledermausland ist dein Protagonist Joseph Fittich eher kein Heldenmaterial. Was reizt dich an derartigen Figuren?

Oliver Dierssen: Es fehlt bei meinen Helden ein wenig das Heldige, das stimmt tatsächlich, wenn ich so recht drüber nachdenke. Joseph Fittich und Sebastian Schätz haben tatsächlich auch recht wenig Muskeln und fuchteln auch eher mit Besenstielen rum statt mit Schwertern und solchem Zeug. Was ich so betreibe, ist tatsächlich kein High Fantasy, eher so Low Fantasy, allerhöchstens. Mich reizt an solchen Figuren, dass ich selbst kein Held bin, aber natürlich gerne einer wäre. Und über die Sehnsucht kann man gut schreiben. Das ist ein starkes Gefühl, das spült Geschichten an Land.

Phantastik-Couch.de: Das Leben an Joschels Schule ist ausgesprochen plastisch dargestellt. Sicherlich mehr als ein Leser wird sich in seine Schulzeit zurückversetzt fühlen. – Gibt es konkrete Parallelen zu deiner eigenen Schulzeit? Wie hat es sich angefühlt, sich beim Schreiben zurück in die Jugendzeit und die Schule zu versetzen?

Oliver Dierssen: Es war verblüffend – alles war wieder da. Ich bin fast zwölf Jahre aus der Schule raus, aber das Gefühl war beim Schreiben sofort wieder präsent. Ein bisschen wie Tütensuppe: liegt jahrelang im Schrank, einfach ein bisschen Wasser ran, und plötzlich schmeckt es lecker nach Spargelcreme. Oder auch nicht lecker. Genauso war es mit der Schule, da stellten sich die alten Gefühle ein. Das Gefühl, auf dem Pausenhof schief angesehen zu werden. Schiefe Blicke in der Umkleidekabine beim Sport, Getuschel im Rücken, wenn man an der Tafel steht. Natürlich habe ich in erster Linie über meine eigene Schulzeit geschrieben, über meine eigenen Gefühle in der neunten Klasse, und das war wirklich schon vor einer Weile. Aber wie es aussieht, bleibt Schule einfach Schule. Da hat fast jeder die eine oder andere muffige Tütensuppe im Regal.

Phantastik-Couch.de: Was hat dich bewegt, diesmal nach dem doch eher an erwachsene Leser gerichteten „Fledermausland“ ein Jugendbuch zu schreiben? Statt zum Beispiel, wie ja gern betrieben, eine Fortsetzung.

Oliver Dierssen: Fortsetzungen sind natürlich eine tolle Sache. Die sehen im Bücherregal auch äußerst gepflegt aus, wenn man sie korrekt sortiert. Da kann man zwei Bände von machen oder sogar drei. Es gibt ja sogar Autoren, die schreiben ausschließlich Trilogien. Mir als Berufsanfänger fehlt allerdings die Gelassenheit dazu, einfach eine Nummer nach der anderen abzuhaken und zwei- oder dreigeteilt zu denken. Wenn ich ein Buch angehe, will ich es komplett haben, ich will alles rausholen, ich will da alles reinpacken. Und eine Fortsetzung wäre da für mich keine besonders ehrliche Sache. Natürlich kann ich „Fledermausland“ weitererzählen, möchte das irgendwann auch tun. Aber erst dann, wenn mir die Geschichte wirklich unter den Nägeln brennt, wenn ich morgens um sechs aufwache und freudig zur Kaffeemaschine springe, um endlich weiter zu schreiben. Vermutlich würde man es der Geschichte auch anmerken, wenn ich sie schriebe, weil ich gerade einen passenden Vertrag auf dem Tisch habe. Ich lege in dieser Branche gerade erst los und probiere erst mal alles aus. Die Serienproduktion kann dann ja in späteren Jahren immer noch einsetzen, wenn ich etwas ruhiger geworden bin.

Phantastik-Couch.de: Wie sind die – sehr passenden und rundum gelungenen – Kapitel-Illustrationen für dein Buch entstanden? Hattest du hierbei (und beim Cover) ein Mitspracherecht?

Oliver Dierssen: Mitspracherecht ist ein schönes Wort. Es verspricht ziemlich viel, schrumpft im Ernstfall aber zu der Tatsache zusammen, dass man irgendwie mitsprechen darf. (Ja, ich hatte ein Mitspracherecht.) Das Cover sieht aber schön schrammelig aus, so habe ich es gern, da gab es nichts zu meckern. Es ist auch kein gerenderter Bücherdämon drauf, das ist schön. Mit den Innenillustrationen war es eine andere Nummer. Der Illustrator und ich kennen und verstehen uns schon seit einer ziemlichen Weile sehr, sehr gut, und wir haben schon im Frühstadium des Buches eine ganze Reihe von Illustrationen durchgesprochen, die er auch meisterhaft und äußerst realistisch umgesetzt hat. Nach gefühlt hundert Arbeitsstunden mussten wir feststellen, dass „Fausto“ ein schrammeliges Buch werden sollte. Also hat er losgeschrammelt, und ich bin immer noch ganz von den Socken, wie er den Spagat zwischen Überschrift, Illustration und Schulheft-Doodle umgesetzt hat. (Doodles sind die Krakeleien, die ihr beim Telefonieren immer auf die Schreibtischunterlage malt, das illustrierte Unterbewusste sozusagen, habe ich auch gerade erst gelernt.) Die Illustrationen gehören zu „Fausto“ dazu, sie sind elementarer und unverzichtbarer Anteil des Buches, und darüber freue ich mich sehr.

Phantastik-Couch.de: Gibt es Pläne für eine Lesereise? Wo wird man dich mit Fausto erleben können?

Oliver Dierssen: Lesereise ist ein schönes Wort. Früher habe ich mir immer drunter vorgestellt: der Autor wird gemütlich mit dem Zug durch Deutschland kutschiert, gastiert mal eine Woche im schönen Moseltal, dann gemächlich gen Süden, München, Wien, Südtirol, und kehrt dann als reicher und berühmter Mann heim. Die Realität sieht eher so aus, dass ich mit Hilfe von Resturlaub und Überstundenfrei ein paar Tage freischaufele, Buchhandlung X in Wanne-Eickel mit meiner Anwesenheit beglücke und nach Möglichkeit noch abends wieder heimdüse. (Es ist weniger präsidial als man denkt.) Trotzdem habe ich eine Reihe toller Lesungstermine. Und weil Fausto ein Jugendbuch ist, lese ich häufig in Schulen. Das ist gut, da darf in der Pause keiner gehen, sonst gibt es einen Tadel oder eine schlechte mündliche Note.

Phantastik-Couch.de: Hast du schon Pläne, was du als Nächstes schreiben wirst?

Oliver Dierssen: Ich habe nicht nur Pläne, sondern auch ein angefangenes Buch und einen feinen Vertrag, plaudere ich mal ungeniert aus. 2012 geht es kompromisslos weiter. Wenn ich das Projekt weiterverfolge und nicht im Sommer noch etwas ganz anderes produziere, geht es um einen jungen Arzt, einen ganz feinen Kerl, der mal so ins Berufsleben einsteigt und feststellt, dass Krankenhäuser der Gesundheit nicht unbedingt förderlich sind. Natürlich alles ganz unbiographisch, ich denke mir die Sachen ja bloß aus. Ehrlich. Sollte es „Fausto“ jetzt aber doch noch auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen, versuche ich, den Stoff irgendwie auf ne Trilogie breitzuwalzen. Da kann man dann noch was Heldiges mit reinschreiben, irgendwas mit Schwertern und Muskeln. Fortsetzungen sind nämlich immer eine tolle Sache.

Das Interview mit Oliver Dierssen führte Tom Orgel