Interview mit Richard Schwartz

„Für jedes Genre und jeden Verlag ein eigenes Pseudonym, das scheint die gängige Weisheit zu sein, bis es irgendwo einen Bestseller gibt!“

Er schreibt unter dem Namen Carl A. deWitt die „Lytar“-Trilogie und als Richard Schwartz an der Reihe um „Das Geheimnis von Askir“. Diese erfolgreiche, epische Fantasy-Reihe endet im April mit dem sechsten Band „Der Kronrat“. Für uns Grund genug, einen Blick auf die Hintergründe der „Askir“-Welt und auf dessen „Erfinder“ zu werfen. Warum Richard Schwartz zusätzlich ein begleitendes Werk, „Die Eule von Askir“ geschrieben hat und wie sich seine Figuren mit der Zeit verselbständigt haben, erzählte der Autor unserem Rezensenten Tom Orgel im Interview.

Phantastik-Couch.de: Hallo Herr Schwartz. Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zum bisherigen Erfolg ihres „Askir“-Zyklus. Gerade für Rollenspielfreunde ist Ihre Serie das ideale „Lesefutter“. Deshalb als erste Frage: Welches Spielsystem liegt der Serie zugrunde? (Boron erinnert ein wenig an DSA, Zokora, die Dunkelelfe und ihre Kultur, eher an AD&D)

Richard Schwartz: Im Laufe der Jahre haben wir so ziemlich alle durchprobiert, meist aber mit eigenen Settings, mittlerweile auch mit einem stark vereinfachten System, mit nur einem d20 und 'hoch ist gut'. Spart die Regelfuchserei :)

Phantastik-Couch.de: Basieren Havald, Leandra, Janos, Sieglinde und die anderen auf „realen“ Rollenspielcharakteren?

Richard Schwartz: Nein. Die Welt Askir entstammt einem meiner Kampagnen-Settings, aber die Kampagne damals verlief gänzlich anders und die Bücher und die darin enthaltenen Figuren wurden nie gespielt. Allerdings nahm ich mir 'Anleihen’ bei einigen Spielercharakteren.

Phantastik-Couch.de: In jede Figur wurde offensichtlich einiges an Ausarbeitung und Hintergründe gesteckt – mehr vermutlich, als man in den Romanen sieht. Auch die Welt scheint sehr tief und detailliert beschrieben. Bestand all das schon vor Entstehung des ersten Romans oder haben Sie extra für den Roman derart viel Energie in den Weltenbau gesteckt?

Richard Schwartz: Die Welt selbst und ihre Hintergründe waren mir als Spiel-Setting bereits bekannt, ich musste jetzt nur noch den Gasthof mit den Figuren füllen. Als erstes kam Havald, dann Leandra, dann folgte Zokora, zu diesen dreien überlegte ich mir einen ausführlicheren Hintergrund. Dann stellte ich mir die Frage 'Was wollen die da?' und das reichte, damit der Roman in Fahrt kam …er schrieb sich wie von selbst, fast wie in einem Rausch. Tatsächlich war es insoweit sehr interessant, als dass ich selbst nicht wusste, wie die Geschichte weitergehen würde. Ich hatte nur die grobe Richtung, der Rest entstand wie von selbst. Leider ist dies bislang nur bei dem „ersten Horn“ so gewesen, bei den anderen Romanen musste ich dann wieder 'arbeiten’ :)

Richard Schwartz

Phantastik-Couch.de: Abgesehen von den Elfen (und den Echsenwesen in der „Eule“) haben Sie bislang keine der üblichen Verdächtigen unter den Fantasyrassen verwendet. Das ist – leider – recht unüblich. Gab es einen besonderen Grund dafür?

Richard Schwartz: Ich wollte eben gerade nicht über Elfen, Zwergen und Orks schreiben. Dass das Wort ORK überhaupt im 'Ersten Horn’ zu finden ist, liegt daran, dass aus Versehen der allererste Rohentwurf veröffentlicht wurde, und nicht mein sorgfältig überarbeiteter Endstand, in dem an dieser Stelle 'Barabaren’ zu lesen gewesen wäre. Ich habe eine nicht menschliche Rasse in meinen „Askir“ Büchern, intelligente Echsen, alles andere sind Menschen, auch wenn sie sich anders nennen, sie sind miteinander fruchtbar, also eine Rasse.

Phantastik-Couch.de: Gerade ist der fünfte Band ihrer Reihe 'Das Geheimnis von Askir', „Die Feuerinseln“, erschienen – mit über 500 Seiten der bisher umfangreichste Band. Bereits im kommenden Jahr wird Band 6 folgen. Ist ein Ende der erfolgreichen Serie um Havald und seine Gruppe absehbar?

Richard Schwartz: Mit dem „Kronrat“ wird das Geheimnis von „Askir“ abgeschlossen sein, daraufhin folgt der Zyklus 'Der Krieg der Götter', was im Moment aber auch nur ein vorläufiger Name ist. Man wird weiterhin die Abenteuer um Havalds Gefährten herum verfolgen können, aber es wird nicht mehr in der Ich-Perspektive stattfinden. Sie ist zu limitiert, erst im letzten Band wird man wieder durch Havalds Augen sehen können.

Phantastik-Couch.de: Zusätzlich ist in diesem Jahr der Roman „Die Eule von Askir“ erschienen, der nicht in die bisherige Serie gehört, auch wenn er in derselben Welt spielt. Was war der Grund dieses „Ausbrechers“?

Richard Schwartz: Die Limitation der Ich-Perspektive. Es geschah zu viel, das Havald nicht 'sehen’ konnte, was der Leser aber zum besseren Verständnis erfahren können sollte. „Die Eule“ ist zum Verständnis nicht dringend nötig, kennt man sie aber, erschließen sich dem Leser mehr Zusammenhänge. Außerdem wollte ich ein paar Dinge aufzeigen, die sonst Kürzungen zum Opfer gefallen wären.

Phantastik-Couch.de: Stilistisch unterscheidet sich „Die Eule“ doch stellenweise deutlich von den bisherigen Büchern. Er wirkt einfacher und geradliniger, selbst als der kammerspielartige erste Band. Ist „Die Eule“ ein erst jetzt erschienener Vorläufer des „Geheimnis von Askir“ – oder gibt es einen anderen Grund dafür?

Richard Schwartz: (Seufz). Ja. Kurz gesagt, die Kürzung des Stoffs um auf etwas mehr als die Hälfte. Muss man fast vierhundert Seiten kürzen, werden Schnörkel plötzlich gerade, und ganze Kapitel plötzlich zu einem Absatz zusammengedampft. Gleiches ist auch den „Feuerinseln“ und dem „Kronrat“ geschehen. Es ist nicht die Schuld des Verlags, der Rahmen stand vorher schon fest, es ist einfach so, dass der Gesamtstoff eben sehr groß ist und ich vorher nicht entscheiden kann, was ich kürzen kann. Ich kürze übrigens selbst, also sind evtl. Fehler die meinen und nicht die des Verlages.

Phantastik-Couch.de: „Das Erste Horn“ erschien 2006. Sie schreiben also seit rund 4 Jahren an ihrem „Askir“-Zyklus. Wie haben sich Ihre Figuren in dieser Zeit gewandelt? Wer hat sich am meisten verändert? Und – hat sich damit die Zielsetzung des Zyklus verändert?

Richard Schwartz: Am meisten hat sich wohl Havald verändert, aber alle Figuren sollten sich gewandelt haben, sie haben Neues erlebt, gesehen und verstanden. Was die Gesamtintention des Zyklus angeht, so läuft alles nach Plan. Es gibt nur sehr viel, das für Havald unsichtbar geschehen ist, das noch nicht geschrieben wurde.

Phantastik-Couch.de: Was zählt mehr für Sie: Das Eigenleben, das Ihre Figuren entwickeln, oder der Plan, den Sie für die Geschichte haben?

Richard Schwartz: Interessante Frage …ich muss sagen, der Gesamtplan. Nur bei den den „Feuerinselns“ habe ich Havald mehr Auslauf gelassen als üblich und einen weiten Bogen gebraucht, um ihn wieder in die Spur zu bekommen. Aber letztlich musste auch Havald sich fügen. :)

Phantastik-Couch.de: Gerade in den aktuellen „Feuerinseln“ wenden Sie ja den klassischen Rollenspielkniff zum Abspecken von Figuren an (den Schiffbruch unter Verlust der wertvollsten Ausrüstung) – wird Ihnen Ihr Protagonist Havald zu mächtig? Müssen Sie überhaupt Ihre Figuren beim Schreiben zur Räson rufen oder entwickeln diese kein derartiges Eigenleben, dass ein Eingriff nötig wird?

Richard Schwartz: Ich musste die ein oder andere Figur schon zur Ordnung rufen. Das ist eine der faszinierenderen Aspekte an der Schriftstellerei, dass die Figuren ein Eigenleben zu entwickeln scheinen, was ausgerechnet bei den Figuren am deutlichsten ist, die am besten ausgearbeitet wurden. Das ist irgendwie so, als ob Havald sagen würde: „Hey du kennst mich, war doch klar, dass ich das jetzt so angehe, oder?“ Tatsächlich bin ich manchmal wirklich überrascht. Aber zu machtvoll wurde er mir nicht. Ich bin immer etwas überrascht wenn man von meinen Figuren als 'Superhelden’ spricht, ich empfinde sie gar nicht so. Sie sind verletzlich und sterblich, einige von ihnen besitzen kaum besondere Fähigkeiten, man denke da z.B. an Varosch, Janos oder Armin. Aber es ist eine epische Geschichte und braucht eben auch epische Helden. Aber sie können es nicht im Alleingang und brauchen Hilfe, darum geht es ja.

Phantastik-Couch.de: Was macht für Sie einen idealen Helden aus?

Richard Schwartz: Am besten einer, der es nicht sein will, Fehler und Schwächen besitzt, menschlich bleibt und nachvollziehbar handelt, i.e. so hätte ich es auch getan.

Phantastik-Couch.de: An welcher Szene hatten Sie bislang am meisten Spaß?

Richard Schwartz: An zu vielen, um sie aufzählen zu können. Hätte ich keinen Spaß daran, wäre es der falsche Beruf für mich. Aber Zokora und Armin sind in der Beziehung meine Favoriten …und natürlich Wiesel.

Phantastik-Couch.de: Sie haben in Interviews erwähnt, dass ihr erstes (nicht erschienenes) Buch ein Thriller gewesen ist und Sie prinzipiell Interesse daran hätten, auch anderes, Krimi, Thriller oder die 2007 angesprochene „Serie mit SF- und Cyberpunk-Hintergrund“ zu schreiben. Sind Sie inzwischen dazu gekommen, auch davon etwas zu realisieren? Vielleicht auch unter einem anderen Pseudonym – immerhin ist Richard Schwartz selbst schon eines.

Richard Schwartz: Ja. Für jedes Genre und jeden Verlag ein eigenes Pseudonym, das scheint die gängige Weisheit zu sein, bis es irgendwo einen Bestseller gibt! Nächstes Jahr kann man mich unter sechs verschiedenen Namen in den Buchhandlungen finden, mein Erstling ist dann auch dabei. :)

Phantastik-Couch.de: Einige Fragen zu Ihrer Person: Wie und wann sind Sie zur Fantasy gekommen?

Richard Schwartz: Ich glaube der Einstieg kam über Alan Quatermain von Henry Rider Haggard und ein paar Bücher, die bei meiner Großmutter im Regal standen, als ich etwa 10 war. Ich bin Viel- und Schnellleser und nachdem mich der Affe gebissen hatte, ließ er mich nicht mehr los. Ansonsten zählen David Eddings und Terry Goodkind zu meinen Favoriten.

Phantastik-Couch.de: Was sehen Sie von Ihrem bevorzugten Schreibplatz aus?

Richard Schwartz: Eine weiße Wand und einen vollständig leeren Schreibtisch, bis auf Bildschirm, Tastatur und Maus. Ich mag kein Papier und keine Ablenkung.

Phantastik-Couch.de: Wo schreiben Sie und wann?

Richard Schwartz: In meinem Arbeitszimmer, vorzugsweise Nachts, wenn der Rest der Welt schläft, und ich die Ruhe fühle.

Phantastik-Couch.de: Was inspiriert Sie?

Richard Schwartz: Spaziergänge, Gespräche mit Freunden. Kürzlich sah ich eine Situation in einer Dönerbude, wo sich ein junges Mädchen mit ihrem Vater stritt und sich das für mich in eine gänzliche andere Szene umwandelte. Inspirationen sind überall zu finden.

Phantastik-Couch.de: Hören Sie Musik beim Schreiben?

Richard Schwartz: Nein. Beim Schreiben vermeide ich jegliche Ablenkung.

Phantastik-Couch.de: Was lesen Sie – falls Sie noch dazu kommen?

Richard Schwartz: Tatsächlich lese ich nur noch ein Bruchteil dessen, was ich früher gelesen habe. Irgendwie stört es, wenn ich ein Buch lese, während ich an einem eigenem Projekt arbeite. Was ich lese? Immer noch alles, das ich in die Finger bekomme, querbeet von wissenschaftlichen Publikationen bis hin zu Fantasy und Thrillern.

Phantastik-Couch.de: Wie war Ihr letzter Urlaub?

Richard Schwartz: Zu lange her um mich daran erinnern zu können.

Phantastik-Couch.de: Ihre Welt, gerade im Bereich der Wüstenstädte von Bessarein, ist bemerkenswert detailliert – haben Sie Recherchereisen unternommen?

Richard Schwartz: Nein. Ich würde sagen, ich habe viel gelesen, auch Reiseberichte, zum Teil aus dem vorletzten Jahrhundert. Aber keine direkte Recherche unternommen.

Phantastik-Couch.de: Was Recherche generell betrifft – welchen Stellenwert hat sie für Ihre Arbeit?

Richard Schwartz: Für manche Bücher ist sie dringend notwendig und macht einen Teil ihrer der Qualität aus. Ich habe einige Projekte auf dem Tisch liegen, die genau deshalb schleppend vorangehen, weil sie Recherche benötigen.

Phantastik-Couch.de: Sie haben noch immer keine eigene Website – Absicht, oder Mangel an Zeit? Immerhin würden sich viele Ihrer Fans darüber freuen und Sie selbst haben ja schon 2007 mit dem Gedanken gespielt.

Richard Schwartz: Der Gedanke ist noch immer vorhanden und irgendwann komme ich wohl auch noch dazu. Wenn es denn dann dazu kommt, werde ich wenigstens auch Material haben, das ich darauf einstellen kann. Bis dahin kann ich piper-fantasy.de empfehlen.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank, dass sie sich die Zeit für uns genommen haben. Ich wünsche Ihnen ein weiteres, erfolgreiches Jahr mit „Askir“ und Ihren sonstigen Projekten.

Das Interview mit Richard Schwartz führte Tom Orgel