Interview mit Robin Hobb

„Ich möchte in eine Handlung eintauchen, vergessen, dass es einen Autor, dass es Seiten und Buchcover gibt. Ich möchte am Ende aufwachen und den Eindruck haben, selbst etwas Packendes erlebt nicht nur gelesen zu haben. Danach richte ich mich und versuche einfach nur eine gute Geschichte zu erzählen.“

© Nur zur Verwertung im Rahmen des vereinbarten Verwendungszweckes. @ Frank Hanewacker/Sedan Sieben

Phantastik-Couch.de: Guten Tag Frau Hobb, oder sollte ich lieber Frau Lindholm oder Frau Ogden sagen? Haben Sie zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie sich für unsere Leser Zeit nehmen. Vor kurzem waren Sie ja zu Besuch bei Ihrem Verlag in München, als Sie zu einem Con und einer Lesereise nach Polen und Skandinavien in Europa weilten. Werden Ihre Deutschen Leser und Fans Sie denn auch einmal ausführlich auf einer Lese- oder Signiertour treffen können?

Robin Hobb: Hallo zusammen – und bitte, nennen Sie mich einfach Robin. Leider ist gegenwärtig noch keine Tour durch Ihr Heimatland in Planung. Ich bin aber vom 18. bis 20. Mai 2018 in Polen zum Pyrcon Con – das wäre für Leser natürlich eine Möglichkeit mich einmal zu treffen – schließlich liegt Polen ja so weit von Deutschland nicht entfernt.

Phantastik-Couch.de: Lassen Sie uns zu Beginn ein wenig in der Zeit zurückgehen. Haben Sie immer schon eine besondere Beziehung zu Büchern im Allgemeinen und zu phantastischen Stoffen im Besonderen gehabt?

Robin Hobb: Was meine Lektüre anbelangt, war ich Zeit meines Lebens immer den phantastischen Stoffen zugetan. Wir bezeichnen die Phantastische Literatur ja auch gerne als das Genre, das den berühmten Sense of Wonder, das Gespür für das Übernatürliche, das Besondere zu wecken vermag. Bei mir begann alles mit traditionellen Märchen und Sagen. Als Teenager stieß ich dann auf Tolkiens „Herr der Ringe“ und stellte staunend fest, wie vielfältig Fantasy wirklich sein kann. Ich wollte schon als Kind Autorin werden, ab meinem Aha-Erlebnis Tolkien wusste ich dann auch, was ich verfassen wollte.

Phantastik-Couch.de: Wann haben Sie für sich dann entdeckt, dass das Erfinden von neuen Welten und Epen Ihr Ding war? Haben Sie in der Folgezeit dann entsprechende Kurse für angehende Autoren besucht, oder sind Sie Autodidakt? Soweit ich das recherchieren konnte haben Sie ja auch einmal für eine Zeitung in Alaska als Reporterin gearbeitet?

Robin Hobb: Wie schon erzählt, habe ich meinen Berufswunsch schon im Alter von 7 oder 8 Jahren geäußert. Ich denke, um als Autor bestehen zu können, muss man als erstes unheimlich viel selbst lesen. Und das quer durch den Gemüsegarten, Romane, aber auch Sachbücher. Dann besuchte ich während meines Studiums ein Schreib-Seminar. Im Verlauf meiner Studien versuchte ich herauszufinden, warum wir manche Bücher schnell zur Seite legen, und andere immer wieder zur Hand nehmen. Ich habe mir nie vorgenommen, das große Werk vorzulegen, ich wollte eigentlich immer nur meine Leser gut unterhalten.

Phantastik-Couch.de: Können Sie uns einen kleinen Einblick auf die Person hinter dem Namen Robin Hobb / Megan Lindholm geben? Wer verbirgt sich hinter den Autorennamen, was machen Sie wenn Sie nicht gerade schreiben?

Robin Hobb: Ich lebe auf einer kleinen Farm und die Arbeit da hält mich ganz schön auf Trab. Da bleibt leider keine Zeit für die üblichen Hobbies. Bevor ich schlafe, lese ich immer noch ein wenig, und sofern ich die Zeit dazu finde, mache ich auch gerne Puzzles – die wirklich fiesen mit 1000 Teilen. Dann bin ich viel in meinem Gemüsegarten und kümmere mich um meine Pflanzen. Im Herbst koche ich Marmelade ein, und gefriere mein Gemüse und Obst für die kalte Jahreszeit. Dann haben wir noch einige Enten und Hühner, nach denen ich auch schauen muss – genug Arbeit für jeden Tag.

Phantastik-Couch.de: Hat die moderne Medienlandschaft, das Internet mit Facebook und Twitter, die Art und Weise, wie sie mit ihren Fans in Kontakt treten geändert?

Robin Hobb: Oh ja, Social Media hat hier alles was vorher war über den Haufen geschmissen. Als ich mit dem Schreiben begann, erreichten mich ab und an über meinen Verleger einzelne Zuschriften von den Lesern. Das konnte aber einige Zeit dauern, bis der Verlag dazu kam, diese an mich weiterzuleiten. Ich habe mich immer bemüht, darauf schnell zu antworten. Dann begann das email Zeitalter und die Kontakte verhundertfachten sich. Ich versuchte mir ein Beispiel an Issac Asimov zu nehmen, der immer zumindest jeden ersten Brief eines Lesers beantwortete. Über die Jahre kamen mit Twitter und Facbook, Tumblr, Instagram, Reddit und meiner Webseite eine wahre Flut von Briefen und Anfragen. Immer, wenn ich unterwegs bin, türmen sich diese dann unbeantwortet auf, es ist mittlerweile leider einfach unmöglich, Jedem zu antworten. Ich gebe mein Bestes, aber wenn ich auf jeden Kontakt eingehen würde, dann hätte ich leider keine Zeit mehr zu schreiben. Und selbst dann, käme ich nicht nach. Das heißt aber beileibe nicht, dass ich nichts von meinen Lesern hören möchte. Ich lese nach wie vor alle Mails und genieße es, wenn meine Leser mir sagen, was sie gut finden, und was sie stört. Man müsste einen achten Tag nur zum Beantworten der Leserpost einführen, damit ich allen gerecht werden könnte. Manches Mal ertappe ich mich dabei, dass ich den Kontakt zu meinen Lesern so wertschätze, dass ich mein aktuelles Manuskript darüber vergesse. Es fühlt sich an, als hätte ich hart gearbeitet und dabei ist am aktuellen Projekt kein Wort hinzugefügt worden. Ich kann und will meine Leser nicht ignorieren, aber ich muss auch meinen Roman voranbringen.

Phantastik-Couch.de: Der Weg zum Ruhm ist oftmals steil und steinig. Wie lang mussten Sie auf ihren großen Durchbruch warten, bis das erste Manuskript veröffentlicht wurde?

Robin Hobb: Wie erwähnt begann ich mit 7 oder 8 zu schreiben. Mit 18 versuchte ich, meine Manuskripte bei den Verlagen an den Mann zu bringen. In den Jahren zwischen meinem 18. und 30. Geburtstag habe ich nur einige Kurzgeschichten für Kindermagazine verkaufen können, habe als Reporter für die Zeitung gearbeitet und ein paar Kurzgeschichten in Fanzines publiziert. Erst mit Ende 20 begann ich Geschichten an professionelle Magazine zu verkaufen. Und mit 30 war es dann endlich so weit – ich landete einen Volltreffer und verkaufte mit Harpy´s Flight als Megan Lindholm meinen ersten Roman an Terri Windling von Ace. Es gab ein paar wohlmeinende Rezensionen und erste, kleine Erfolge. Mit Assassins Apprentice, dem ersten Fitz Buch, das ich unter dem Pseudonym Robin Hobb veröffentlichte, hatte ich dann das Gefühl, es endlich geschafft zu haben – ich war angekommen.

Phantastik-Couch.de: Gab es in dieser Zeit einmal einen Punkt, an dem Sie kurz davor waren aufzugeben, den Traum von der erfolgreichen Schriftstellerin sausen zu lassen?

Die Zeit, die es braucht, bis man als Autor einen Verlag findet, ist frustrierend. Man schreibt und schreibt, oftmals nur für die Schublade, aber man schreibt trotzdem immer weiter. Es ist wohl bei allen Autoren so, dass sie, egal ob sie einen Verleger finden oder nicht, immer weiter schreiben. Selbst als ich schon einige Bücher veröffentlicht hatte, blieben die Vorschüsse, die ich als Autorin vom Verlag bekam mehr als überschaubar. Das ist so Usus im Business – ein Autor wird immer an seinen bisherigen Verkäufen gemessen und bezahlt. Es war deprimierend, wenn ich ein Jahr an einem Buch gearbeitet habe, nur um am Ende mit weit weniger Tantiemen dazustehen, als wenn ich einen Minijob ausgeübt hätte. Nur, dass ich neben dem Schreiben auch noch einen anderen Beruf ausübte, mich um meine Kinder und das Haus kümmerte, während mein Mann auf See war. Da halfen dann selbst die kleinen Schecks vom Verlag.

Phantastik-Couch.de: Sie veröffentlichen sowohl unter Ihrem Mädchennamnen Megan Lindholm, als auch unter Pseudonym Robin Hobb, aber, soweit ich das recherchieren konnte haben Sie noch nie ein Werk unter ihrem Namen Margaret Ogden veröffentlicht – warum nicht?

Robin Hobb: Als ich begann Bücher zu veröffentlichen, war ich schlicht noch nicht verheiratet – so stand als Autorenname Megan Lindholm auf dem Cover. Und dann wollte ich zunächst den Namen, den ich mir gemacht hatte, so wenig bekannt ich auch war, nicht verlieren, so dass ich bei Lindholm blieb. Mit den Fitz Büchern wollte ich dann ganz bewusst einen neuen Weg gehen. Die Bücher waren sowohl stilistisch wie vom Ansatz her ganz anders, als meine vorhergehenden Titel.

Phantastik-Couch.de: Gibt es für Sie als Verfasser einen grundlegenden Unterschied zwischen den Hobb Büchern, und den Titeln, die Sie unter Lindholm veröffentlichen? Mir kommt es so vor, dass Sie, wenn Sie als Robin Hobb schreiben, sich mehr Freiheiten gönnen, die Grenzen eher austesten können – stimmt das? Wissen Sie schon zu Beginn eines neuen Werkes, unter welchem Namen es später erscheinen wird?

Robin Hobb: Wenn ich mit einer Idee für ein neues Buch schwanger gehe, weiß ich schon ganz genau, ob es unter Hobb oder Lindholm erscheinen wird. Die Geschichten, die ich unter Lindholm veröffentliche, würden meine Hobb Leser enttäuschen – und umgekehrt. Dabei fühle ich mich, egal unter welchem Namen ich jetzt veröffentliche, frei zu experimentieren, Neues auszuprobieren. Ich selbst finde, dass sich meine Geschichten, je nachdem unter welchem Namen ich sie veröffentliche, durchaus markant unterscheiden. Die Lindholm Erzählungen sind öfter Kurzgeschichten, sind temporeicher und zumeist in der Jetztzeit angesiedelt. Das zeigt sich dann auch in der verwandten Sprache. Hobb ist tiefgründiger, die Welt viel wichtiger, fast so wichtig, wie die Charaktere, die in dieser agieren.

Phantastik-Couch.de: Mit dem Duo »Ki und Vandien« haben Sie Ihren Lesern zwei Protagonisten präsentiert, die aus der »Sword und Sorcery« Ecke kommen. Die »Fitz«Titel, aber auch die Bücher über die »Zauberschiffe« nahmen die gängigen Klischees moderner Fantasy Roman auf, wandelten sie um und setzten sie in einen neuen Kontext. Haben Sie, als Sie mit dem Schreiben der Romane begannen, dieses Ziel, die Fantasy zu neuen Ufern zu führen, im Hinterkopf gehabt?

Robin Hobb: Mein erstes Ziel ist es immer, meine Leser zu unterhalten. Ich will sie nicht mit stilistischen Experimenten verschrecken, oder die Lektüre kompliziert machen. Die Bücher, die ich selbst am meisten liebe sind die Titel, in denen sich der Plot – und wie er erzählt wird- unauffällig der Handlung unterordnet. Ich möchte in eine Handlung eintauchen, vergessen, dass es einen Autor, dass es Seiten und Buchcover gibt. Ich möchte am Ende aufwachen und den Eindruck haben, selbst etwas Packendes erlebt nicht nur gelesen zu haben. Danach richte ich mich und versuche einfach nur eine gute Geschichte zu erzählen.

Phantastik-Couch.de: Ihr neuer Deutscher Verleger hat für die Neuauflage der ersten beiden Fitz Chroniken diese neu übertragen lassen. Der Gedanke, der hinter dieser teuren Entscheidung stand, war nicht unbedingt nur ein bessere Übersetzung vorzulegen, sondern den Text sprachlich ins Heute und Jetzt zu bringen. Wäre das auch etwas für die englischsprachige Ausgabe, hat sich die Sprache tatsächlich so verändert, dass eine Überarbeitung sinnvoll wäre?

Robin Hobb: Nun, nachdem ich leider nur des Englischen mächtig bin, kann ich auch nur dazu Stellung nehmen. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie wir Geschichten erzählen sich mit der Zeit wandelt. Das sieht man an Chaucer oder Shakespeare – man merkt, dass sich die Sprache immer weiter fortentwickelt. Von meinem französischen Übersetzer habe ich erfahren, dass die Länge der Sätze in einer anderen Sprache oftmals massiv von der im Englischen abweicht. Arnaud (der französische Übersetzer) muss oft einige meiner englischen Sätze zusammenfassen um aus diesen einen klingenden französischen Satz zu basteln. Eine eins zu eins Übersetzung würde dagegen hölzern rüberkommen. Die Aufgabe des Übersetzers ist nicht einfach Wort zu Wort zu übertragen, sondern das Gefühl für das, was ich ausdrücken möchte und das innere Tempo der Geschichte einfließen zu lassen. Das kann dann natürlich sein, dass sich in den zwanzig Jahren, die seit der ersten Übersetzung vergangen sind, die Sprache geändert hat, dass sich Vieles mittlerweile altmodisch anhört. Ich habe immer ganz tolle Übersetzer gehabt, so dass mindestens die Hälfte meines Erfolgs auch ihnen gebührt.

Phantastik-Couch.de: In den letzten Jahren haben Sie eine dritte Trilogie über Fitz nachgereicht, die bei Penhaligon für den Herbst 2019 in Vorbereitung ist. War die Geschichte um Fitz noch nicht abschließend erzählt?

Robin Hobb: Nein, ganz bestimmt nicht. Die Bücher, nein sagen wir besser die Zyklen, erzählen ja nicht nur von Fitz´ Schicksal, sondern von seiner Welt und dem Einfluss den Ereignisse weit von ihm entfernt auch auf ihn haben.
Chronologisch gesehen müssten wir die Sagen wie folgt ordnen und lesen:

  • The Farseer Trilogy (Assassin’s Apprentice, Royal Assassin, and Assassin’s Quest.) Neuauflage Herbst 2017 Penhaligon Verlag
    Hier begleiten wir unseren jungen Fitz zunächst in der Königsfeste, bei seinen ersten Abenteuern und wie er diese meistert. 
  • The Liveship Traders Trilogy (Ship of Magic, Mad Ship, Ship of Destiny) in Deutsch bei Blanvalet erschienen als Zauberschif-Zyklus

Die nächsten bedeutenden Ereignisse in der Welt führen uns nach Bingtown, tief in den Regenwald. Piraten, lebende Schiffe, verlassene Städte, Kidnapper und Drachen – das hat alles auch Auswirkungen auf Fitz´ Welt.

  • The Tawny Man Trilogy (Fool’s Errand, Golden Fool, Fool’s Fate) Deutsche Neuauflage ist bei Penhaligon im Herst 2018 in Vorbereitung
    Wir kehren nach Buckkeep zurück. Die Farseer Dynastie scheint am Ende zu sein – die Hoffnung durch eine Allianz mit einem alten Feind das drohende Unheil zu überstehen erweist sich als – schwierig …
  • The Rain Wild Chronicles (Dragon Keeper, Dragon Haven, City of Dragons, Blood of Dragons) in Deutsch bei Heyne erschienen
    Wie wird man einen unbequemen Heranwachsenden am besten los? Man entsendet ihn auf eine unmöglich erscheinende Queste in den Regenwald – mitten hinein in das Reich der wiedererwachten Drachen
  • The Fitz and the Fool Trilogy (Fool’s Assassin, Fool’s Quest, Assassin’s Fate) bei Penhaligin für Herbst 2019 in Vorbereitung
    Unser Held Fitz ist alt geworden. Er hat seinen Frieden mit seinen Feinden gemacht, nur gilt dies für sein alter Ego. Der Narr leider nicht – es gilt Rache zu nehmen … 

Wie sie also sehen können, zieht sich die Geschichte über nicht weniger als sechzehn Bücher, die Figuren tauchen immer wieder auch in anderen Trilogien auf, so dass die Spannung hoffentlich hoch bleibt.

Phantastik-Couch.de: Betrachtet man einmal, was die Verfilmung von Game of Thrones für die Bücher bedeutet hat; drängt sich da die Frage auf, ob auch Fitz einmal den Sprung auf den Bildschirm schafft?

Robin Hobb: Leider gibt es noch keine derartigen Pläne. Ich wäre sicherlich nicht abgeneigt, doch hat sich bislang bei mir noch niemand gemeldet.

Phantastik-Couch.de: Sie lieben es ihre Handlungsbögen in Trilogien vorzulegen. Brauchen Sie einfach den Platz, den ihnen drei Bücher geben, oder warum gibt es so wenig Einzelromane von Ihnen?

Robin Hobb: Starte am Anfang und höre nicht auf, bis du das Ende erreicht hast, so zumindest rät der König es in Alice im Wunderland. Ich habe mir diesen Ratschlag zu Eigen gemacht. Manche Ideen passen für eine Kurzgeschichte, andere brauchen den Platz einer Trilogie. Die Zauberschiffe waren ursprünglich als zwei separate Doppelbände geplant. Und die allermeisten meiner Lindholm-Romane sind Einzelbände, selbst wenn sie in einer Welt spielen, die schon einmal die Bühne für eines meiner Bücher war.
Im Englischen wird gerne und viel in drei Teilen erzählt. Das beginnt mit berühmten Kinderbüchern und setzt sich in die Bestsellerlisten fort. Es startet mit der Weltenbeschreibung und der Einführung des Grundkonflikts, dann entfaltet sich der Konflikt mit einem ersten Lösungsversuch und schlussendlich gibt es dann die endgültige Lösung. Ich teile eine komplizierte Geschichte also nur in drei Teile.

Phantastik-Couch.de: Sie haben einmal einen Roman „The Gypsie“ (keine dt. Ausgabe) zusammen mit Steven Brust geschrieben. Wie war das für Sie mit einem anderen Autor zusammenzuarbeiten? Würden sie so etwas gerne öfter machen?

Robin Hobb: Oh, es war toll, fast wie eine Achterbahnfahrt. Am Ende schworen wir uns, dass wir nie wieder zusammen schreiben würden, außer, wenn von vorne herein klar wäre, dass wir wieder so viel Spaß zusammen haben würden.
Grundsätzlich schreibe ich lieber allein, wobei ich eigentlich nie wirklich allein bin, sind meine Figuren doch immer um mich herum.

Phantastik-Couch.de: Wollen Sie ihren Leser über die Unterhaltung hinaus etwas mitgeben?

Robin Hobb: Ich versuche niemals meine Leser von irgendeiner Meinung zu überzeugen. Ich möchte schlicht eine gute Story erzählen. Auf dem Weg ins Finale erfahren meine Leser, wie meine Figuren über gewisse Dinge denken, doch das sind deren Sichtweisen, die sich oft von meiner eigenen Anschauung unterscheidet. Sie sind das, was die Figuren aus ihrer Herkunft, aus ihrer jeweiligen Geschichte als Schlüsse für sich gezogen haben, also Teil der Erzählung. Die Bücher sollten immer die Empfindungen der Figuren widerspiegeln, nie meine eigenen.

Phantastik-Couch.de: Ihre Protagonisten sind nie übergroße Helden, die meiste Zeit ist Fitz, um bei ihm zu bleiben, nicht wirklich glücklich mit seinem Schicksal. Ist es für sie einfacher über eine so geschundene Kreatur zu schreiben, ist eine solche Figur interessanter?

Robin Hobb: Fragen sie mal auf der Straße einen Passanten, ob er zufrieden und glücklich ist mit seinem Leben. Die Höflichen würden die Frage kurz bejaen, die Ehrlichen ihr Füllhorn an Sorgen über sie ausschütten. Nur ganz wenige von uns Menschen denken tatsächlich, dass sie gerade glücklich sind. Tolkien hat das mal treffend so festgehalten, dass Abenteuer eben nicht nur Pony-Ausritte im Mai seien, sondern es gerade die Zeiten sind, in denen es einer Figur schlecht geht, die interessant sind. So wird der Leser weder Fitz noch Althea oder Kettricken zu Zeiten kennenlernen und begleiten, da ihr Leben in ruhigen, geordneten Bahnen verläuft, sondern dann, wenn sie in Gefahr schweben. Man kann das Böse nicht besiegen, wenn man sich um das Loch im Schuh oder die kranke Großmutter kümmert – und so geht es uns im wahren Leben – und genauso soll es auch meinen Figuren ergehen.

Phantastik-Couch.de: Ihre Romane passen nicht in das übliche Fantasy-Klischee. Meistens wartet auf ihre Helden kein Happy End, sie müssen froh sein, die Widrigkeiten, die sie ihnen zumuten zu überleben. Würde es sie nicht reizen einmal einen lustigen Fantasy-Roman zu schreiben?

Robin Hobb: Humor ist eines der schwierigsten Dinge, über die man schreiben kann. Die falsche Anordnung von zwei Wörtern in einem Satz kann eine lustige Story in ein Desaster verwandeln. Im Slapstick lachen wir über den Typen, der mit der Geburtstagstorte in der Hand die Treppe hinunterpurzelt. Im wahren Leben wäre das eine Familientragödie. Fast jede Humoreske hat etwas Verletzliches, eine gewisse Schadenfreude in sich, die wir uns aber nicht eingestehen wollen.
Zwar heiraten am Ende meiner Geschichte die Prinzen nicht ihre Prinzessinnen, oder haben das Königreich gerettet, doch sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste erreicht, was machbar war. Nach einem Hurrikane ist man froh, überlebt zu haben und wenn ihre Kinder und Haustiere auch bei ihnen sind, dann sind sie froh und dankbar. Eine gute Geschichte negiert nicht alle schwierigen Dinge, die einem Widerfahren, sondern hofft, wie wir dies im wahren Leben auch tun, nur das Beste aus dem Situation zu machen.

Phantastik-Couch.de: Wie gehen sie handwerklich vor, wenn sie eine neue Geschichte beginnen?

Robin Hobb: Alles beginnt mit einem Charakter, eine Figur, der ich zuhöre. Manchmal entwerfe ich die Handlung der ersten Kapitel alles darüber hinaus, so lehrt es mich meine Erfahrung, ist unnütze, weil ich dann doch massiv von allem abweiche. Ich verdeutliche das den Lesern immer gerne mit dem Beispiel, wenn man einen langen Road Trip plant. Man weiß, von wo man startet, und wo man ankommen will, vielleicht noch die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg, doch dann gibt es eine Umleitung, oder eine Panne und schon sind alle Pläne Makulatur. Bücher sind genauso. Unerwartete Dinge können mittendrin passieren, die dann eine riesige Auswirkung auf das Ende bekommen.

Phantastik-Couch.de: An was arbeiten Sie zurzeit?

Robin Hobb: Ich schreibe gerade parallel an mehreren Projekten. Mehr kann ich aber noch nicht verraten.

Phantastik-Couch.de: Möchten Sie Ihren Deutschen Fans noch etwas zurufen?

Robin Hobb: Ich möchte sie einladen, mich online zu besuchen. Sie können mich online unter www.robinhobb.com. Finden. Und natürlich auch auf Twitter, Facebook, Tumblr und Instagram. Lasst mich und die Welt von Euch hören! Es gibt schon französische und italienische Fangruppen und eine toll gemachte Seite namens www.theplenty.net (Dank an Nerwende!). Vielleicht bildet sich ja auch eine Deutsche Fanseite?

Phantastik-Couch.de: Haben Sie Dank, dass sie uns Rede und Antwort gestanden haben!

Robin Hobb: Ich habe zu danken!

Das Interview führte und übersetzte Carsten Kuhr im Oktober 2017.