Interview mit Ruth Nestvold

„Viele meiner Lieblingsgeschichten gehen schlecht aus. Ich weine nun mal gern beim Lesen.“

Die Liebesgeschichte um „Tristan und Isolde“ ist eine der ganz großen Legenden. Die Amerikanerin Ruth Nestvold legt in ihrem Debüt „Flamme und Harfe“ eine neue Fassung des alten Stoffes vor. Sie sprach mit uns über die Faszination von Tragödien und die Grenze von Liebe und Magie.

Phantastik-Couch.de: Sie haben bisher Kurzgeschichten veröffentlicht. „Flamme und Harfe“ ist Ihr erster Roman, Erzählen Sie uns, wie es zur Veröffentlichung kam?

Ruth Nestvold: Genau genommen ist „Flamme und Harfe“ nicht mein erster Roman, sondern mein vierter. Den ersten habe ich mit Anfang 20 geschrieben und zum Glück weggeworfen. Der zweite, „Cutting Edges; Or, A Web of Women,“ ist ein Hypertext-Roman; einen Link zu einer HTML-Version gibt es auf meiner Webseite. Der Dritte ist eine Zeitreise in die Literaturgeschichte, aber ich konnte weder einen Verleger noch eine literarische Agentur dafür finden, und irgendwann habe ich die Suche eingestellt.

Lange Zeit sah es so aus, als ob „Flamme und Harfe“ das gleiche Schicksal erleiden sollte. Da ich ja auf Englisch schreibe, war mein primärer Markt die USA, wo es fast unmöglich ist, einen Roman direkt ohne literarischen Agenten zu verkaufen. Es gab zwar einige Agenturen, die sich interessiert gezeigt haben, zu konkreten Ergebnissen hat das aber nicht geführt. Im Sommer 2007 habe ich meine Suche auch auf deutsche Verlage ausgedehnt, weil ich erfahren habe, dass Lektoren hier aktiv nach neuen Autoren im englischen Sprachraum suchen, auch wenn sie noch keinen veröffentlichten Roman haben. An Blanvalet (damals hat es Penhaligon noch nicht gegeben) habe ich eine Anfrage geschickt, weil dort die Romane von George R.R. Martin erscheinen, der ein großes Vorbild für mich ist. Innerhalb von Tagen hat mich Urban Hofstetter angerufen und das Manuskript angefordert. Etwa einen Monat später hat er mir ein Angebot gemacht.

Phantastik-Couch.de: Warum gerade die Liebesgeschichte von Tristan und Isolde, was fasziniert Sie an dem Stoff?

Ruth Nestvold: Meine Faszination mit der Artus-Sage insgesamt ist bereits auf der High School mit der Lektüre von T.H. Whites „The Once and Future King“ entstanden, das auf deutsch als „Der König auf Camelot“ erschienen ist. Darin spielt allerdings Tristan eine ausgesprochen negative Rolle; die Betonung liegt auf der Dreiecksbeziehung zwischen Artus, Guinever und Lancelot, die ohnehin in der englischsprachigen Literatur Vorrang hat. Erst durch die Lektüre von Gottfried von Straßburg beim Studium in Stuttgart habe ich eine Vorliebe für Tristan und Isolde entdeckt, vor allem wegen der poetischen Sprache und der philosophierenden Art des Erzählers bei Gottfried, in die Geschichte einzugreifen. Was mir am Stoff selbst besonders gefällt? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Tragödien sind immer gut; viele meiner Lieblingsgeschichten gehen schlecht aus. Ich weine nun mal gern beim Lesen.

Phantastik-Couch.de: Welche Quellen haben Sie genutzt, wo zogen Sie die Grenze zwischen Legende und Fiktion?

Ruth Nestvold: Ich kenne einige mittelalterliche Quellen aus meinem Studium und habe die Liebesgeschichte hauptsächlich auf diesen Quellen aufgebaut. Ich habe sie allerdings in einen anderen historischen Kontext eingebettet, der den realen Vorbildern der Figuren eher entspricht. Die Geschichte ist bei mir im fünften Jahrhundert angesiedelt, einer Zeit der Unruhen, die durch das Machtvakuum nach dem Rückzug der Römer aus England verursacht wurden. Auch über diese Zeit gibt es viele historische Abhandlungen, beginnend bei der Historia Britonum von 820; allerdings sind die zeitgenössischen schriftlichen Quellen zu spezifischen Ereignissen des fünften Jahrhunderts in Irland und Britannien auf eine Handvoll begrenzt. Man muss sich viel mehr auf archäologische Untersuchungen stützen, die aber auch Interpretationen sind. Um den Einstieg in die Recherche zu finden, ist das Internet natürlich sehr wertvoll, wobei es damals Wikipedia noch nicht gab und man umso vorsichtiger sein musste. Wenn es in die Details geht, sind mir gedruckte Bücher lieber, die ich mir entweder aus den USA besorgt oder aus Bibliotheken ausgeliehen habe. Da es so viele unterschiedliche Versionen der Legende gibt, war die Grenzziehung eigentlich kein Problem. Es ging eher darum, welche Aspekte der einzelnen Versionen für meine Geschichte am besten geeignet waren und wie ich die zahlreichen Leerstellen füllen wollte, die von den Legenden gelassen werden.

Phantastik-Couch.de: Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht beim Schreiben?

Ruth Nestvold: Die Phase der Recherche und des Brainstorming macht mir immer sehr viel Spaß beim Schreiben. Bei der Recherche entdeckt man oft viele unerwartete Juwelen, die weitere Facetten in der Fiktion eröffnen. Außerdem ist das Werk in dieser Phase der Vorstellung noch vollkommen, ein Ideal wie im Höhlengleichnis vom Plato – bevor man mit dem eigentlichen Schreiben anfängt und an seine eigenen Grenzen und Unvollkommenheiten stößt.

Phantastik-Couch.de: Sie sind Amerikanerin, leben aber seit Jahrzehnten in Deutschland. Fühlen Sie sich auch wie Yseult als Wanderin zwischen zwei Welten?

Ruth Nestvold: Das ist eine sehr schöne Beschreibung meiner Situation, obwohl ich annehme, dass die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Europa weitaus kleiner sind als die zwischen Irland und England zum Zeitpunkt meines Romans. Ich habe dennoch tatsächlich ein bisschen meine eigene Erfahrungen zwischen zwei Kulturen in den Roman einfließen lassen. Inzwischen fühle ich mich allerdings weniger als Wanderin, sondern glaube eher, dass ich in beiden Welten gleichermaßen beheimatet (und gelegentlich befremdet) bin. Einen großen Anteil daran hat das Internet, das die Kommunikation immens erleichtert hat und mir erlaubt, mich mit anderen Schriftstellern in meiner Muttersprache auszutauschen.

Phantastik-Couch.de: Würden Sie „Flamme und Harfe“ als ein feministisches Buch beschreiben?

Ruth Nestvold: Auf jeden Fall würde ich mich selbst als Feministin bezeichnen. Ich bin allerdings nicht sicher, ob man diese Bezeichnung auch auf das Buch übertragen kann, weil das häufig eine Schublade ist, die zu sehr verkürzten Interpretationen führt. Wenn 'feministisch’ heißt, dass die weiblichen Figuren gegenüber den mittelalterlichen Vorbildern aufgewertet werden, dass sie genauso als Handelnde auftreten wie die männlichen Figuren und dass die Geschichte auch aus ihrer Perspektive geschildert wird, dann hat mein Buch durchaus einen feministischen Blickwinkel. Ich habe mich aber bemüht, auch die männlichen Figuren als vollwertige Charaktere darzustellen, deren Motivationen genauso nachvollziehbar sind, wie die der Frauen.

Phantastik-Couch.de: Die keltische Magie im Gegensatz zum christlichen Glauben spielt eine wichtige Rolle in „Flamme und Harfe.“ Glauben Sie daran, dass es Magie gab oder gibt?

Ruth Nestvold: Für mich ist Magie eine Quelle für die Fiktion. Bräuche und Glauben anderer Kulturen faszinieren mich, aber ich glaube nicht an Magie, nein.

Phantastik-Couch.de: Glauben Sie an die große Liebe?

Ruth Nestvold: Ja, aber sie sieht nicht so aus, wie die Liebe zwischen Drystan und Yseult. Als Phänomen, bei dem die große Liebe wie ein Blitz einschlägt und zu einem dauerhaften Überschwang der Gefühle führt, ist sie wohl eher ein Topos aus Filmen und Liebesromanen, in denen normalerweise der Alltag nicht behandelt wird. Das hat schon Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Danach“ bemerkt: „Es wird nach einem happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt“. Die Liebe zwischen meinen Hauptfiguren wird gewissermaßen artifiziell intensiviert und durch die ständigen Hürden und Trennungen auf der Ebene der großen Aufregung des Verliebtseins gehalten. Aber die große Liebe sieht anders aus, sie stellt sich dem Alltag und seinen Komplikationen – und auch seiner gelegentlichen Alltäglichkeit. Dafür ist sie mit der Zeit nicht so aufzehrend. Wer möchte jahrelang so wie Drystan und Yseult leben? Das wäre schwer auszuhalten.

Phantastik-Couch.de: Und natürlich zum Schluss, was sind Ihre nächsten Projekte?

Ruth Nestvold: Im Moment arbeite ich konzentriert an einem Nachfolgeroman für „Flamme und Harfe“, dessen Handlung über zehn Jahre nach Ende des aktuellen Buchs einsetzt und in dem das Leben vieler der bekannten Figuren weiterverfolgt wird. Dadurch sind weitere Pläne, wie beispielsweise eine Bearbeitung des Nibelungen-Stoffs, erst einmal auf dem Abstellgleis gelandet. Außerdem versuche ich weiterhin, Kurzgeschichten zu schreiben und zu veröffentlichen. Das ist wichtig, um auf dem amerikanischen Markt, immerhin meiner Heimat, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Das Interview führte Verena Wolf