Interview mit Sergej Lukianenko

„Die russische Phantastik hat ihren eigenen Blick auf die Welt.“

Schon zum zweiten mal stand Sergej Lukianenko der Phantastik-Couch Rede und Antwort und erzählte uns dieses mal, wie er seine Popularität empfindet, was Bücher zur Völkerverständigung tun und warum er immer noch keine Datscha hat.

Phantastik-Couch.de: Herr Lukianenko, Sie sind einer der vielseitigsten Phantastik-Autoren, die es gibt. Von Dark- oder Urban-Fantasy zur Science-Fiction, zu klassischer, leicht parodistischer Fantasy wie „Trix Solier“ bis hin zum phantastischen Abenteuerroman wie „Der Herr der Finsternis“ lassen Sie sich ständig etwas Neues einfallen. Wo nehmen Sie bloß die vielen Ideen her? Wie entscheiden Sie, welches Projekt Sie gerade angehen?

Sergej Lukianenko: Ich bin der festen Überzeugung, ein Schriftsteller sollte sich nicht zum Gefangenen eines Subgenres machen, selbst wenn er damit außerordentlichen Erfolg hat und es ihm gut von der Hand geht. Abgesehen davon würde es mich selbst langweilen, mehrere ähnliche Bücher hintereinander zu schreiben. Das ist auch der Grund, warum ich zwischen Büchern für Erwachsene und Jugendbüchern, zwischen SF und Fantasy, zwischen humorvollen und düsteren Büchern hin- und herspringe. Dieser Wechsel spornt mich beim Schreiben an – und gefällt meiner Leserschaft.

Phantastik-Couch.de: In Ihrem letzten Interview für Phantastik-Couch, das Carsten Kuhr geführt hat, erklärten Sie, dass Sie eine urbane Umgebung brauchen, um zu schreiben und dass Sie sich höchstens nach dem zweiten Kind eine Datscha auf dem Land zulegen würden. Und haben Sie inzwischen eine erworben? Nutzen Sie diese inzwischen zum Schreiben?

Sergej Lukianenko: Nein, ich habe mir immer noch keine Datscha zugelegt, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Meine Familie und ich verbringen den Sommer gern am Meer. Rund um Moskau findet sich aber keins. Abgesehen davon sind die Mieten oder Kaufpreise für Immobilien im Umkreis von Moskau durchaus „europäisch“. Außerdem bin ich inzwischen dahinter gekommen, dass es wesentlich einfacher – und übrigens auch billiger – ist, den Sommer am Mittelmeer zu verbringen und dort ein Häuschen zu mieten. Deshalb waren meine Familie und ich in den letzten Jahren auf Sizilien. Ich mag diese Insel sehr. Am Anfang hatte ich so meine Zweifel, ob ich „im Urlaub“ auch effektiv würde arbeiten können, aber wie sich dann zeigte, ist das gut möglich. Zumindest habe ich die Hälfte meines nächsten Buches, eine Fortsetzung von "Trix Solier", auf Sizilien geschrieben.

Phantastik-Couch.de: Wie hat sich Ihr Leben, nun da Sie in den letzten Jahren zu einem der populärsten und wichtigsten Literaten geworden sind, verändert? Mögen Sie die Publicity und die damit verbundenen Pflichten?

Sergej Lukianenko: Natürlich hat sich sehr viel geändert, angefangen von der Aufmerksamkeit, die mir die Printmedien und das Fernsehen entgegenbringen, bis hin zu banalen Dingen des Alltags (noch vor fünf Jahren hätte ich es mir beispielsweise nicht leisten können, den Sommer über ein Haus in Italien zu mieten). Allerdings will ich auch nicht heucheln: Mir schmeichelt diese Populärität genau so, wie sie jedem anderen Menschen auch schmeicheln würde. Natürlich bringt sie jedoch etliche Sorgen und Pflichten mit sich. Aber jede bekannte Persönlichkeit, die sich gern über ihre Berühmtheit beklagt, sollte sich klarmachen, dass dieses Gejammer ein Schlag ins Gesicht für all die Millionen von Menschen ist, die davon träumen, selbst berühmt zu werden.

Phantastik-Couch.de: Mit Ihrem Namen verbindet man schon so etwas wie die „Renaissance“ der russischen Phantastik, Schriftsteller wie Glukhovski und Panow sind derzeit ebenfalls erfolgreich. Was, glauben Sie, macht den Reiz der russischen Phantastik aus? Wie grenzen Sie sich vielleicht von anderen europäischen und amerikanischen Kollegen ab?

Sergej Lukianenko

Sergej Lukianenko: Die russische Phantastik hat ihren eigenen Blick auf die Welt und steht für einen ganz bestimmten Stil. Wahrscheinlich „schürfen“ russische Autoren traditionell stärker in sich selbst; sie versuchen, die Seele des Menschen zu begreifen und auf die Dinge ein „russisches Licht“ zu werfen. Das ist nichts Besonderes. Die amerikanische Phantastik hat dagegen immer mehr Wert auf die Erschaffung neuer Welten gelegt. Außerdem hat sie sich fürs Weltall interessiert, in dem sie eine Prärie sah, die erobert werden musste. Die europäische Phantastik stützt sich zuallererst auf die reiche Kultur Europas, und die russische Phantastik hat natürlich auch eine eigene Spezifik. Das ist allerdings nur zu begrüßen, denn je mehr Sichten auf die Welt existieren, desto besser können wir sie verstehen.

Phantastik-Couch.de: Ihre beiden letzten in Deutschland veröffentlichten Bücher werden ja eher dem Jugendbuch zugerechnet. Gerade „Trix Solier“ spricht allerdings auch Erwachsene an. Ich habe zwei erwachsene Männer über das Rätsel mit den Ziegen, Kutschen und den drei Türen eine Stunde lang debattieren gehört. Wie sehen Sie diese Abgrenzung zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur? Was halten Sie von „All Age“-Büchern?

Sergej Lukianenko: Meiner Meinung nach existiert kein prinzipieller Unterschied zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur. Bücher, die der Autor selbst vielleicht für Erwachsene geschrieben hat, können bei Kindern und Jugendlichen unglaublich beliebt sein. Und umgekehrt. Meiner Ansicht nach ist die ideale Literatur die, die jedem etwas bietet, in der Kinder ihre Abenteuer und eine Moral finden können, Erwachsene Betrachtungen über die Welt und das Leben. So ein All Age-Buch ist ein unglaublicher Glücksfall. "Trix Solier„ ist in dieser Weise als All Age-Buch angelegt: Es sind im Grunde die Abenteuer und Intrigen von Erwachsenen, die jedoch ein wenig für Kinder bearbeitet wurden. Das ist wie bei den Disney-Filmen, “Narnia" zum Beispiel, in denen es harte Kämpfe gibt, aber auf dem Bildschirm nicht ein Tropfen Blut zu sehen ist. Manchmal begeistern aber auch Bücher, die bewusst brutal geschrieben sind, eine kindliche oder jugendliche Leserschaft. Darum braucht man sich aber keine allzu großen Sorgen zu machen: Alle Volksmärchen sind ziemlich grausam und brutal. Und zu allen Zeiten schaffen Kinder es, die Passagen, mit denen sie nichts anfangen können oder die sie langweilen, auszublenden.

Phantastik-Couch.de: Sie haben nun eine kleine Lesetour mit „Trix Solier“ durch Deutschland gemacht. Welche Passage haben Sie gelesen und warum? Wie sind die deutschen Fans? Anders als die russischen?

Sergej Lukianenko: Ich habe Ausschnitte gewählt, die den Geist des Buches am besten wiedergeben, weil sie sowohl die Abenteuer wie auch den Humor enthalten. Die Reaktion des Publikums hat mir gezeigt, dass sie ankamen. Und Unterschiede zwischen den Fans habe ich, wenn ich ehrlich sein soll, keine bemerkt. Sowohl in Russland wie auch in Deutschland oder zum Beispiel in Taiwan reagieren die Fans ähnlich auf die Bücher. Wahrscheinlich waren, sind und bleiben Bücher die beste Mittel, um verschiedene Völker einander nahe zu bringen und das Verständnis zwischen ihnen zu fördern.

Phantastik-Couch.de: In „Trix Solier“ finden sich zahllose Anspielungen zu anderen phantastischen Erzählungen, aber auch zu „Asterix“ und Phänomenen (iPod) unserer Gegenwart. Warum häufen die sich gerade in diesem Buch?

Sergej Lukianenko: Das hängt damit zusammen, dass dieses Buch auch eine Parodie ist. Angesichts der Abertausenden von Büchern über Zauberer und Drachen wird heute niemand völlig ernsthaft über diese Wesen schreiben können. Aber wenn man versucht, diese Märchenfiguren als reale Personen zu gestalten und ihnen moderne Züge und Charaktere gibt, indem sich zum Beispiel Zwerge über political correctness Sorgen machen, Zauberer sich gegenseitig beharken und miteinander konkurrieren, dann wirkt das Buch sofort lebendig. Und wenn sich die Figuren schon wie moderne Menschen verhalten, dann will man doch, dass sie es auch mit den Realien unseres modernen Lebens zu tun bekommen, vom iPod bis zum Comic.

Phantastik-Couch.de: Sehen Sie selber „Trix Solier“ auch als eine Hommage an die Fantasyliteratur oder eben eher als Parodie?

Sergej Lukianenko: Sowohl als auch. Aber in erster Linie ist es für mich ein Märchen, das hoffentlich noch meine Kinder mit Vergnügen lesen werden.

Phantastik-Couch.de: Auch "Der Herr der Finsternis" wurde in Deutschland vom Beltz Verlag als Jugendbuch veröffentlicht. Danka ist ja als Identifikationsfigur für alle Jungen, die sich gerne träumerisch in solche Welten zurückziehen, angelegt. Haben Sie den Roman in erster Linie für Jungen im Alter ihres Protagonisten geschrieben? Und wie viel von Ihnen selbst steckt in der Figur Danka?

Sergej Lukianenko: Das, was uns vielleicht am stärksten verbindet, ist die Beharrlichkeit, mit der wir ein Ziel zu erreichen versuchen. Ich glaube, das ist nicht der schlechteste Zug …wenn man ihn im eigenen Leben umsetzen kann. Außerdem mögen wir beide Abenteuer. Ich wäre ganz bestimmt auch durch die „Verborgene Tür“ gegangen.

Phantastik-Couch.de: Im 7ten Kapitel wird Danka von der Händlersfrau verführt. Der Sonnenkater und die Frau behaupten beide, das wäre notwendig, damit Danka später seiner Aufgabe gerecht werden kann. Aber die Entwicklung der Handlung würde auch ohne diese Szene funktionieren. Warum haben Sie diese Szene eingefügt? Spielt die Szene in einer eventuellen Fortsetzung noch eine Rolle?

Sergej Lukianenko: Oje, diese Frage kriege ich ständig zu hören. "Der Herr der Finsternis„ ist ein Buch über die Pubertätszeit eines Teenagers, es handelt davon, wie Danka einerseits versucht, erwachsen zu werden, andererseits alle Veränderungen ablehnt, die mit diesem Prozess einhergehen, die stärkere Rationalität, die Sparsamkeit, die Vorsicht …Danka wird im Buch mit dem Tod, mit Verrat, Angst und Gemeinheit konfrontiert. Da fand ich es nur angemessen, ihn auch noch mit Sex zu konfrontieren. Außerdem darf man nicht vergessen, dass ich damals gerade zwanzig war und in der UdSSR sozialisiert worden bin, wo man Sex in Büchern überhaupt nicht gern sah. Deshalb war diese Szene für mich auch eine bewusste Provokation, mit der ich auf alle Forderungen, wie man zu schreiben hat reagiert und gleichzeitig ein Tabu gebrochen habe. Damals wusste ich nicht, ob das Buch überhaupt je veröffentlicht werden würde, denn in dieser Zeit kam in Russland sehr wenig russische Phantastik heraus, das meiste stammte aus den USA. Insgesamt glaube ich, die Szene ist für das Buch gut – aber ich würde sie heute nicht mehr so schreiben. Vor allem deshalb nicht, weil das Buch für Jugendliche ist, und das bedeutet, dass es Kinder unterschiedlichen Alters lesen. Andererseits gibt es in Stephen Kings “Es" eine Szene, in der Gruppensex zwischen Teenagern dargestellt wird. Soweit ich weiß, ebenfalls aus dem Grund, um den Übergang von der Kindheit zu einer erwachsenen Lebensform zu veranschaulichen. Vielleicht brauchen Bücher solche umstrittenen Szenen. Solange sie jedoch für das Sujet nötig sind und nicht nur eingebaut wurden, um Leser einzufangen, hat ein Autor meiner Ansicht nach auch das Recht, sie zu entwerfen.

Phantastik-Couch.de: Als erwachsener Leser fällt mir auf, wie leicht Danka sich in der unbekannten Welt zurecht findet und wie selbstverständlich er auf Lösungen kommt. Zum Beispiel, gleich im ersten Kapitel, wo er 50 Meter in absoluter Dunkelheit eine Felswand hinaufklettert. Haben Sie das bewusst so dargestellt, weil es eine Märchenwelt ist, in der einem Helden alles leichter zufällt als in der Realität?

Sergej Lukianenko: Na ja, die Helden in Büchern bringen ja immer mehr zustande als normale Menschen, von den Helden in Abenteuerfilmen ganz zu schweigen! Andererseits haben wir alle in der Kindheit extrem unvernünftige Sachen angestellt, haben auf Dächern gespielt, sind Schluchten runtergekraxelt oder an gefährlichen Stellen geschwommen. Als Kind gehört der Tod einfach nicht zu deinem Konzept. Und Danka verhält sich – anfangs – eben wie ein Mensch, dem nichts passieren kann. Bis er dann erwachsen wird …

Phantastik-Couch.de: Sind Fortsetzungen von „Trix Solier“ und „Der Herr der Finsternis“ denkbar oder vielleicht sogar geplant?

Sergej Lukianenko: Die Fortsetzung von „Trix Solier“ ist sogar schon fertig und kommt in Russland zum Jahresende heraus, der russische Titel lautet „Neposeda“. Das Buch knüpft unmittelbar an die Abenteuer von Trix und seinen Freunden an. Ich glaube, es ist gut geworden und, soweit ich weiß, hat auch der deutsche Verlag Interesse. Anders sieht die Situation mit dem „Herrn der Finsternis“ aus. Eigentlich wollte ich eine Fortsetzung schreiben, habe es aber nicht gleich gemacht. Nun sind über zwanzig Jahre vergangen, da ist es sehr schwer, zu der Einstellung zurückzukehren, aus der heraus damals das Buch entstand, und das alte Sujet fortzusetzen. Ausschließen will ich diese Möglichkeit aber nicht. Ich liebe das Buch und will mich eigentlich noch nicht für immer von den Helden verabschieden.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lukianenko

Das Interview führten Anja Helmers und Eva Bergschneider
Wir danken Christiane Pöhlmann für die Übersetzung