Interview Thomas Elbel

„Die Welt ist für mich ein zauberischer Ort, voller Doppelbödigkeit, Symbolik, und tieferer Bedeutung, die sich nicht immer sofort erschließt.“

Phantastik-Couch.de: Vor kurzem ist Dein zweiter Roman „Elysion“ erschienen. Anders als in Deinem Debütroman sind die Protagonisten von „Elysion“ Jugendliche. Nicht nur dadurch hatte ich den Eindruck, dass „Elysion“ für ein jüngeres Zielpublikum konzipiert wurde als „Asylon“? Liege ich da richtig?

Thomas Elbel: Was das Zielpublikum angeht: Als ich „Asylon“ bei meinem Agenten einreichte, warnte er mich, dass Dystopien als SciFi-nahes Genre eher Männer anziehen (Anmerkung: Das war noch vor den Tributen von Panem). Der Eindruck, den ich aus dem Feedback gewonnen habe, war dann aber ein anderer. Ich wurde überwiegend (wenn auch nicht ausschließlich) von jungen Frauen zwischen 15 und 25 rezensiert und angeschrieben. Ich vermute insofern, dass das Publikum beider Bücher sich gar nicht so sehr unterscheidet, wie man auf den ersten Blick denken könnte. Im Übrigen gab es auch bei „Asylon“ mit Saina meines Erachtens eine weibliche Identifikationsfigur und umgekehrt ist meine Lieblingspersona aus Elysion (neben Cooper) der amoralische McCann. Es würde mich interessieren, ob es den männlichen Lesern ähnlich ging.

Phantastik-Couch.de: Warum hast Du Dir Jugendliche als Protagonisten ausgesucht?

Thomas Elbel: Cooper als Heldin von Elysion entstand genauso wie Torn in „Asylon“ aus einem inneren Archetypen, den ich nach meinem Gefühl schon länger mit rumgeschleppt habe. Torn als systemkonformer Sinnsucher gehört genau wie Cooper als endzeitgestählte Rotzgöre zum Repertoire des dystopischen Genres, denke ich jedenfalls. Da ich mich diesem Genre besonders nahe fühle, geistern wahrscheinlich auch seine Standardprotagonisten durch mein Unbewusstes. Außerdem hatte ich nach dem erwachsenen Mannsbild Torn Lust, auf eine Handlung aus einer viel jüngeren, weiblichen Perspektive, um mein inneres Mädchen auch mal zu Wort kommen zu lassen.

Phantastik-Couch.de: Engel sind in der Phantastik zur Zeit in. Die Malachim in „Elysion“ sind da etwas anders, aber auch nicht so grundverschieden. Wie sind diese Wesen in Deiner Phantasie entstanden?

Thomas Elbel: Da ich selber leider nur allzu selten zum Lesen komme, bin ich über die Trends nicht so im Bild. Mir ist dann aber lange nachdem ich das Buch konzipiert hatte, aufgefallen, dass z.B. auch die Kollegin Gesa Schwartz mit „Nephilim“ gerade Engel thematisiert. Engel waren aber bei den Malachim auch gar nicht mein Ausgangspunkt. Es ging eher um die Vision eines ebenso perfekten wie schreckenerregenden Wesens. Das hat mich dann zu der biblischen Beschreibung der Engel geführt, die dort ja eher furchteinflößend sind, wie z.B. in Jakobs Traum von der Himmelsleiter.

Thomas Elbel

Phantastik-Couch.de: Was sollen die Malachim symbolisieren?

Thomas Elbel: Viele Dystopien ranken sich ja zuerst einmal um eine Utopie. In diesem Sinne sind die Malachim die Utopie des harten Richters, der Menschen vor ihrer eigenen Bosheit und Ränke bewahrt. Aber wie meist in Dystopien liegt in diesem Wunsch eine Hybris, die sich am Ende gegen die wendet, die die Utopie erträumten. Ich erkenne in der gegenwärtigen Diskussion um die Rolle des Internets für die Gesellschaft ähnliche Züge. Manche Menschen wollen darin das Instrument einer Zeitenwende erkennen, die alle Menschheitsprobleme lösen könne. Ich persönlich hege ein tiefes Misstrauen gegenüber solchen Heilsvorstellungen. Das versinnbildlicht sich für mich in den Malachim.

Phantastik-Couch.de: Warum hat der abtrünnige Malachim keine größere Rolle in der Story bekommen?

Thomas Elbel: Als Schriftsteller bin ich ja eher noch ziemlich am Anfang meiner Karriere. Daher experimentiere ich bewusst mit verschiedenen Schreibmethoden. Während Asylon recht detailliert durchgeplottet war, bin ich in Elysion von einer Grundidee ausgegangen, der ich dann sehr viel Freiraum zur Entwicklung gegeben habe. Die Charaktere haben mich also durch die nur in groben Zügen vorgeplante Handlung geführt. Ursprünglich hatte ich für den abtrünnigen Malachim selbst eine größere Rolle im Auge, aber andere Charaktere haben sich in den Vordergrund gedrängt.

Phantastik-Couch.de: Es ist ja irgendwie Mode geworden, dass ein Epilog ein abgeschlossenes Ende wieder eröffnet. Sind Fortsetzungen zu „Asylon“ und/oder „Elysion“ denkbar oder bereits in Planung?

Thomas Elbel: Die Frage passt jetzt gerade super als Anschluss zur vorherigen. Ich hatte durchaus skizzenhafte Ideen für Fortsetzungen entwickelt. Dann hätte z.B. auch der abtrünnige Malachim in Elysion noch seinen großen Auftritt bekommen. Und auch eine Idee für „Back to Asylon“ schwirrte mir irgendwann mal im Kopf herum. Allerdings war in beiden Fällen relativ schnell, d.h. noch in der Konzeptphase, klar, dass Piper keine Fortsetzung anstreben würde. Die Epiloge entstanden daher unabhängig davon. Bei „Asylon“ wollte ich den Leser nicht um einen Ausblick darauf betrügen, wie es mit den Helden nach der Flucht aus Asylon weitergeht und bei „Elysion“ hängt es mit meiner Abneigung gegen allzu eindeutige Finales zusammen.

Phantastik-Couch.de: Die Titel Deiner Romane kommen aus dem Griechischen. Stammen sie von Dir oder vom Verlag?

Thomas Elbel: Von mir. Relikte aus dem Altgriechischunterricht. Sowohl bei „Asylon“ wie auch bei „Elysion“ habe ich auch ca. ein halbes Dutzend alternative Titelvorschläge vorgelegt. Ich hatte ursprünglich mal eine urbane Dystopienreihe ohne inhaltlichen Anschluss im Kopf. Daher war ein Alternativvorschlag für Asylon z.B. „Endstadt“. Aber Piper gefiel „Asylon“ am besten und es erschien dann aus Marketingsicht nicht unlogisch Elysion optisch und klanglich anzulehnen, eben um zu verdeutlichen, dass es ins selbe Subgenre geht.

Phantastik-Couch.de: Haben Dich bereits in jüngeren Jahren die bekannten Dystopien wie „1984“ oder „Brave New World“ beeindruckt, so dass Du Dir gesagt hast, irgendwann schreibe ich auch mal so was?

Thomas Elbel: Meine erste Berührung mit den von Dir bezeichneten Werken verdanke ich meinem jugendlichen Atheismus. Der bewegte mich nämlich, in der Schule statt dem Religionsunterricht das Ersatzfach „Werte und Normen“ zu wählen. Unser Lehrer beschäftigte uns nicht nur mit Adorno und Levi-Strauss, sondern eben auch mit den großen Gesellschaftsdystopien des 20. Jahrhunderts. Ungefähr zur selben Zeit lief Ridley Scotts Bladerunner im Kino, eine Dystopie nach Motiven von Philip K. Dick, die mich in vielerlei Hinsicht tief geprägt hat. Ich würde schon sagen, dass von da eine gerade Linie zu meinen Erstlingswerken verläuft.

Phantastik-Couch.de: Du lebst in der sich stetig wandelnden Stadt Berlin. Inspiriert Dich die Stadt zu apokalyptischen und futuristischen Schauplätzen in Deinen Büchern?

Thomas Elbel: Ja. Aber kurioserweise auch deswegen weil Berlin für mich irgendwie das Substrat der norddeutschen Nachkriegsstädte der achtziger Jahre ist. Ein Freund, der in New York Architekturgeschichte studiert hat, hat mich einmal darauf aufmerksam gemacht, dass die urbane Architektur, in der ich meine Kindheit verbracht habe, also jene Betonklötze, die leider nur allzu häufig die kriegsbedingten Lücken füllten, der Stilrichtung des Brutalismus angehören. Der Begriff bringt für mich das Lebensgefühl jener Jahre auf den Punkt: Kälte, Technikgläubigkeit, Funktionalismus, Entfremdung, grauer Alltag, Entmenschlichung. Alles eher dystopische Gefühle, die in mir aber auch immer eine Art von Wehmut erzeugt haben, so dass ich dazu neige, solche Orte eher zu suchen, als sie zu meiden. Berlin war in meiner Vorstellung immer das virtuelle Zentrum dieses Lebensgefühls. Daher musste ich auch unbedingt hierher ziehen. Alle Megacities haben etwas dystopisches. Zugleich scheinen sie noch immer die Zukunftsvision zu sein, denn die Menschheit urbanisiert sich ja schon seit langer Zeit mit ungebrochen zunehmender Tendenz.

Phantastik-Couch.de: Hast Du Dich für die nächste Zeit auf die Schiene Dystopie festgelegt?

Thomas Elbel: Nein, gar nicht. Ich habe auch ein Exposé für einen historischen Fantasyroman über eine magiebegabte junge Frau zurzeit des Dreißigjährigen Krieges in der Schublade, an dem ich gerne weiterarbeiten würde. Auch reizt mich ein Kriminalroman im düsteren Art-Deco Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Allerdings vermute ich, dass alle meine Bücher immer eher etwas düsteres, quasi dystopoides hätten. Ich hätte allerdings auch nichts dagegen, wenn ich meine Dystopienreihe bei Piper noch ein wenig fortsetzen könnte.

Phantastik-Couch.de: Wenn man sich Deine berufliche Laufbahn anschaut, promovierter Jurist und Gastdozent für Polizeirecht, wundert man sich, wie Du noch die Zeit aufbringst, Bücher zu schreiben. Wie vereinbarst Du Deinen Beruf und die Schreiberei?

Thomas Elbel: Kreatives Zeitmanagement. Asylon entstand noch vor der Hochschulzeit in beruflich ruhigeren Fahrwassern. Elysion während meiner Elternzeit.

Phantastik-Couch.de: Aufgrund Deines beruflichen Hintergrunds hätte man eher Krimis aus Deiner Feder vermutet, anstatt fantastische Literatur. Wie kam es dazu? Ist das ein bewusst gewählter Kontrast?

Thomas Elbel: Ich würde mich selbst als eine mystisch angehauchte Persönlichkeit bezeichnen. Die Welt ist für mich ein zauberischer Ort, voller Doppelbödigkeit, Symbolik, und tieferer Bedeutung, die sich nicht immer sofort erschließt. Phantastik ist also bei mir eine Art ständiges Lebensgefühl. Diese Atmosphäre möchte ich gerne auch meinen Büchern einhauchen. Insofern bietet sich Phantastik eben an. Würde ich Krimis ohne fantastische Elemente schreiben (was ich mir wie gesagt ja auch vorstellen kann) würde ich versuchen, die Atmosphäre umso zauberischer erscheinen zu lassen. Kafka wäre ein Vorbild. Im „Prozess“ werden nirgendwo die Gesetze der Physik gebrochen, gleichwohl ist das Buch natürlich komplett unwirklich. „Fight Club“ erzeugt bei mir ein ähnliches Gefühl.

Phantastik-Couch.de: Durch Deinen Hauptberuf bist Du nicht gezwungen, Bücher zu schreiben, die sich gut verkaufen. Sagst Du Dir, ich schreibe, was mir Spaß macht oder richtest Du Dich doch mehr danach, was sich gut verkauft?

Thomas Elbel: Ich schreibe, was mir Spaß macht, aber es muss dann noch immer einen Verlag geben, der es auch unter Vertrag nimmt. Insofern gibt es da draußen sozusagen ein Korrektiv, dass mich einhegt bzw. eine Art externes Sieb, das meine Stoffe filtert. Und dann bleibt halt so manches in der Schublade.

Phantastik-Couch.de: Kannst Du Dir vorstellen, Deinen Beruf als Professor aufzugeben und Vollzeit-Autor zu werden?

Thomas Elbel: Auch der Professorenberuf macht mir große Freude. Eigentlich sind beide Berufe ja auch durchaus ähnlich. Man schreibt viel und tritt in einen mentalen Dialog mit anderen. Da ich gerne schreibe und auch eine Rampensau bin, finde ich an beidem Gutes. Idealerweise würde ich allerdings mein Hochschuldasein zeitlich etwas zurückschrauben um mehr Zeit fürs Schreiben zu haben. Das ginge allerdings erst bei entsprechendem kommerziellem Erfolg.

Phantastik-Couch.de: Mit Deinem neuen Buch „Elysion“ veranstaltest Du eine Leserunde. Was reizt Dich generell daran? Ist man ein bisschen nervös, wenn man so unmittelbar mit dem Leser in den Dialog tritt?

Thomas Elbel: Leserunden sind natürlich ein wunderbares Marketinginstrument und für den Autor die Gelegenheit, den Lesern zu zeigen, dass man kein unnahbarer Wolkenkuckucksheimer ist, sondern ein zugänglicher, erdverbundener Mensch ist. Ich finde es schön, die Leser spüren lassen zu können, dass der Unterschied zwischen mir und ihnen nicht gar so groß ist, wie manche vielleicht annehmen und das Schreiben kein Hexenwerk ist. Ich bin auch nur ein Bücherfreak, der aber dann irgendwann begann, die Linie vom Konsumenten zum Produzenten zu überschreiten. Nervös machen mich die Leserunden nicht. Dazu ist der Kontakt über Websites dann doch zu indirekt.

Phantastik-Couch.de: Wie wichtig sind Dir als Autor Buchkritiken wie unsere, oder auch in Blogs und natürlich Leserrezensionen bei amazon? Verfolgst Du alle neu eingegangenen Kritiken und Meinungen regelmäßig, oder guckst Du nur sporadisch danach? Welche Kritiken findest du für Dich und Dein Schaffen lehrreicher, die begeisterten oder die eher kritischen?

Thomas Elbel: Ich behaupte, jede Kritik zu kennen, die zu Asylon oder Elysion je irgendwo veröffentlicht wurde. Kritiken haben für mich einen hohen Stellenwert, umso mehr, wenn sie von einem professionellen Organ wie der Phantastik-Couch kommt. Am liebsten sind mir Kritiken, die mir den Eindruck eines generellen Wohlwollens vermitteln, aber durchaus kritische Töne finden. Weniger viel anfangen kann ich mit ätzenden Verrissen. Da macht man innerlich emotional dicht. Umgekehrt sind haltlose Lobhudeleien natürlich schön fürs Gemüt, aber sie produzieren bei mir keinen Lerneffekt. Wenn ich aber in mehreren ernsthaften Rezensionen immer wieder auf denselben kritischen Punkt stoße, regt mich das natürlich zum Nachdenken an und hilft mir im besten Fall, einen Schritt nach vorne zu tun.

Phantastik-Couch.de: Kannst Du unseren Lesern schon etwas über Dein nächstes Projekt verraten?

Thomas Elbel: Mein nächstes Projekt ist mein eigentlicher Erstling. Piper lag er bereits vor und war der Anlass mich unter Vertrag zu nehmen. Allerdings war er als Dystopie damals vor dem Dystopieboom für Piper wohl noch ein zu großes Wagnis. Ich hoffe, dass er jetzt eine Chance bekommt. Es ist wiederum eine Dystopie, wiederum in urbanem Setting, allerdings mit etwas stärkeren SciFi-Elementen, einem außerirdischen Setting, künstlichen Menschen und Zukunftstechnologien. Es würde mich freuen, das Buch dann bald hier vorstellen zu dürfen.

Phantastik-Couch.de: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Peter Kümmel im April 2013