Interview mit Thomas Finn

13 Fragen an …Thomas Finn

Hallo Thomas,
mit deinem im Oktober erschienenen Mystery-Thriller "Weißer Schrecken„ hast du ja den phantastischen Weihnachtsroman dieses Jahres geliefert. Du bist dabei tief in den Schatz der Sagen, Mythen und Legenden um die Figuren des Sankt Nikolaus, des Knecht Ruprecht und noch düstererer Verwandter abgetaucht. Was dabei zum Vorschein kam, ist sicherlich nicht der Nikolaus, den unzählige Kinder am 6. Dezember sehnsüchtig erwarten. Das bedeutet aber auch, dass du diesmal kein Kinder- oder Jugendbuch geschrieben hast. Obwohl deine Protagonisten über den größeren Teil des Romans hin Jugendliche sind, ist der “Weiße Schrecken" doch eher ein Buch für Erwachsene. Wir haben da einige Fragen.

Phantastik-Couch.de: Die erste Vorweihnachtszeit nach „Weißer Schrecken“ ist ja inzwischen überstanden – wie war es für dich? Wie zufrieden bist du selbst mit deinem ersten Mystery-Thriller ?

Thomas Finn: Soweit man das mit der eigenen Arbeit sein darf: sehr zufrieden. Mein Wunsch war es, einen richtigen Schauerroman zu schreiben. Und ich denke, das ist gelungen. Davon ab kommt es auch nicht so häufig vor, dass man einen Stoff findet, bei dem recherchiertes Material und Fiktion so gut zusammen passen wie bei „Weißer Schrecken“.

Phantastik-Couch.de: Gab es bereits Rückmeldungen deiner Leser zu ihrem Empfinden des Nikolaustages mit deinem Roman im Hinterkopf? Was ist bislang deine liebste Leser-Reaktion zum Weißen Schrecken?

Thomas Finn: O ja, die gibt es. Recht viele Leser scheinen den Grusel regelrecht zelebriert zu haben, indem sie sich gemütlich zurückzogen, während draußen die Welt in Schnee versank. Eine Leserin schrieb mir, wie sie bei jedem Schneebrett, das vom Dach rutschte, zusammengezuckt ist, ein anderer, dass er jetzt wegen einer bestimmten Stelle im Roman keine Weihnachtslieder mehr hören kann. Ich musste bei diesen und anderen Rückmeldungen wirklich schmunzeln.

Phantastik-Couch.de: Dass in dieser Adventszeit 2010 Deutschland allgemein im Schnee versinkt, kann man schon mal als gelungene Marketingmaßnahme deinerseits betrachten. Wie sieht es mit anderen aus? Kommt in absehbarer Zeit ein Hörbuch? Wäre es sogar reizvoll für dich, das selbst einzulesen? Immerhin sind deine Fans von deinen Lesungen ja immer hellauf begeistert.

Thomas Finn

Thomas Finn: Nein, soweit ich weiß, ist von Piper kein Hörbuch geplant, aber wer sich einstimmen möchte, kann gern einen Blick auf den Buchtrailer werfen. Obwohl ich selbst in der Tat gern lese, finde ich übrigens, dass man es Profis überlassen sollte, Bücher einzusprechen. Meine Aufgabe sollte darin bestehen, spannende Geschichten zu schreiben. Aber natürlich freut es mich, wenn die Leser gern zu meinen Lesungen erscheinen.

Phantastik-Couch.de: Nachdem du jetzt Erfahrung mit beidem hast: Was ist deiner Ansicht nach schwieriger – das Beschreiben einer komplexen Fantasywelt, wie du sie deiner Astaria-Trilogie entwirfst oder das Recherchieren und Konstruieren innerhalb unserer eigenen Erfahrungswelt wie im Weißen Schrecken? Und in diesem Zusammenhang – ist es einfacher oder schwerer, ein Jugendbuch zu schreiben? Immerhin hast du ja hier darauf verzichtet.

Thomas Finn: Ehrlich gesagt macht es für mich zeitlich keinen so großen Unterschied, ob ich nun die strategischen Finessen einer mittelalterlichen Burg recherchiere oder die mythischen Hintergründe um eine Sagengestalt wie den Knecht Ruprecht. Die Welt, in die all diese Elemente eingebettet sind, muss immer stimmig sein. Da ich mich privat seit nun fast 25 Jahren mit allen Spielarten der Phantastik beschäftige, fällt es mir auch nicht so schwer, bei Schreibbeginn einen Genre-Schalter im Kopf umzulegen, der mich auf den Tenor der jeweiligen Geschichte einstimmt. Ehrlich gesagt, liebe ich solche Herausforderungen. Ähnlich sieht es mit den Unterschieden zwischen Jugend- und Erwachsenenbüchern aus. Dieser Roman ist natürlich ein Hybrid: die Haupthandlung spielt in jener Zeit, als die Romanhelden 15 Jahre alt sind, aber er ist alles andere als ein Jugendroman. Ich schätze es aber durchaus, dass ich bei Erwachsenentiteln auch mal eine härtere Gangart einlegen darf. Das betrifft nicht nur die Art und Weise gewisser Beschreibungen, ich muss auch nicht so restriktiv bei dem Gebrauch von Fremdworten sein.

Phantastik-Couch.de: Auch wenn es vermutlich schwer zu beantworten ist – aber welche Figur in und um Perchtal ist dir am liebsten – und mit welcher hattest du beim Schreiben den meisten Ärger? Haben sich die Figuren so entwickelt, wie du es geplant und erwartet hast?

Thomas Finn: Eigentlich gab es nur wenige Überraschungen. Die Figuren des Romans hatte ich alle im Vorwege gründlich durchdacht – auch was die finale Reise, also die Entwicklung der Charaktere anbelangt. Alle erfüllen sie mit ihren Hintergründen eine dramaturgische Funktion. Am besten identifizieren konnte ich mich wohl mit Andy, der mir auch mit seinem musikalischen Allerweltsgeschmack nahe steht. Am längsten musste ich mir über Niklas Gedanken machen. Warum, kann ich hier natürlich nicht ausführen. Es existieren aber auch noch ein paar Nebenfiguren, die beim Schreiben echt Spaß gemacht haben. Der ´alte Hoeflinger’ als Informant war so eine Figur. Ich mag Typen, die so ein bisschen „weird“ sind.

Phantastik-Couch.de: Die fünf Protagonisten deines Romanes sind extrem unterschiedlich, erinnern jedoch in ihrer Zusammensetzung an typische Roman-„Jugendbanden“ wie etwa die Drei ??? oder die 'Fünf Freunde’ von Enid Blyton. Ist diese klassische Figurenverteilung (der Sportliche, der Rebell, der dicke Raufbold, die eher Burschikose, die Schüchterne, ...) absichtlich so gewählt – und wenn ja: warum?

Thomas Finn: Das ist natürlich kein Zufall, sondern ein erzählerischer Kniff. Ich habe insbesondere die Geschichten von Enid Blyton früher als Jugendlicher verschlungen. Vor allem, die „Geheimnis um...“-Bücher. Die Romane haben alle so eine schöne heile Welt-Stimmung, die ich in „Weißer Schrecken“ unbedingt so rüberbringen wollte, um sie dann mit ebenso großer Lust zu zertrümmern. Das sind Muster, die der Leser natürlich ebenfalls im Kopf hat. Und ich bin davon überzeugt, dass die Wendung von anfänglicher Heimeligkeit hin zu verstörendem Grauen genau deswegen so gut funktioniert.

Phantastik-Couch.de: Was zudem auffällt: All deine Protagonisten kommen aus gestörten Familienverhältnissen. Der Leser lernt in Perchtal keine einzige intakte Familie kennen. Dein fiktives Dorf wahrt nicht einmal den Anschein der heilen Bergwelt, sondern wirkt vielmehr wie ein Sammelpool menschlicher Abgründe. Absicht?

Thomas Finn: Na klar ist das Absicht. Wer den Roman liest, erfährt ja auch bald, dass das alles andere als Effekthascherei ist. In ´Weißer Schrecken` wollte ich von Anfang an verstören, erst allmählich, dann immer stärker werdend. Die Enthüllung, was es mit den Hintergründen der Jugendlichen tatsächlich auf sich hat, sollte den Leser dann eiskalt erwischen.

Phantastik-Couch.de: Die Figur des Weißen Schreckens, des „Kinderfressers“ in deinem Thriller wird ja letztendlich nicht genau beschrieben und auch seine (in dieser Geschichte) verblüffende Herkunft bleibt letztendlich im Dunklen. Hast du dir dazu ein genaueres Bild gemacht, als du dem Leser schließlich mitteilst?

Thomas Finn: Ja, das musste ich natürlich, um die Beschreibungen sicher im Griff zu haben. Ich lasse aber dennoch bewusst im Dunkeln, ob da in Perchtal zwei miteinander rivalisierende Kräfte gegeneinander antreten, oder ob beide Ausprägungen nicht vielmehr zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Tatsächlich bin ich beim Schreiben von Zweiterem ausgegangen, da ich die Überlieferungen von den alten Keltengöttern sehr ernst genommen habe. Genügend Hinweise dazu habe ich im Roman gestreut. Die Kelten wiesen ihren Göttern nämlich stets sowohl einen lichten, als auch einen finsteren Aspekt zu. Bei einem Mystery-Titel mag ich es persönlich sehr gern, wenn man nach dem Lesen noch auf ein paar andere Wahrheiten stößt, die alles plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Phantastik-Couch.de: Wie viel deiner Recherchen zu den Sagen und Legenden um Perchten, Keltische Gottheiten und den Geschichtenkreis um den Heiligen Nikolaus sind letztendlich in deine Geschichte geflossen – und gab es Motive, die sich einfach nicht unterbringen ließen?

Thomas Finn: Gute 90 Prozent meiner Recherchen sind in den Roman eingeflossen. Nichts, was du im Buch über die Mythen und historischen Überlieferungen zu Themen wie der Ruprechtssage, Perchten, Frau Holle, Kinderbischöfen, der Wilden Jagd und vielem anderen mehr findest, ist erfunden. Aber wie immer gab es ein paar Sachen, die die Thematik hätte zu ausufernd werden lassen, weshalb ich darauf verzichtet habe. Wenn sich jetzt aber der eine oder andere angespornt fühlt, selbst ein wenig zu recherchieren, fände ich das natürlich klasse.

Phantastik-Couch.de: Ein Kritikpunkt, der nicht nur mir aufgefallen ist, sondern auch einer ganzen Reihe unserer Leser (und wie du sagst, auch dir selbst): Lektorat und/oder Korrektorat des Buches lassen an einigen Stellen leider zu wünschen übrig. Gibt es darauf bereits eine Reaktion? Wird es eventuell eine überarbeitete Ausgabe geben?

Thomas Finn: Wenn der Roman in die zweite Auflage geht, werden noch einmal Korrekturen vorgenommen. Mehr kann und möchte ich zu dem Thema nicht sagen.

Phantastik-Couch.de: Dein aktuelles Projekt ist 'Mind Control', ein Science-Fiction-Roman, angesiedelt im 'Justifiers'-Universum. Nach dem Mystery-Thriller also schon wieder ein völlig anderes Genre. Wie unterscheidet sich das Schreiben daran von der Arbeit am Weißen Schrecken – zumal es ja (nach der Gezeitenwelt) ein weiteres „Shared World“-Projekt ist?

Thomas Finn: Nun, es ist eine komplett andere Welt und stellt damit wieder eine ganz eigene Herausforderung dar. Vor allem habe ich als Freund von SF-Serien und -filmen wie Mondbasis Alpha 1, Star Treck, Star Wars, Battlestar Galaktica und vielen anderen mehr endlich die Möglichkeit, mich auch mal in einem Space Fiction-Universum auszutoben. Mein Roman wird viele Elemente aus den Kollegenromanen vernetzen und miteinander in Bezug bringen, auch da, wo es der Leser nicht erwartet. Ich liebe so etwas seit der seligen Gezeitenwelt. Nicht nur, da das den Seriencharakter der Reihe unterstreicht, sondern auch, weil ich es als Autor sehr erfrischend finde, gemeinsam mit Kollegen an einem Projekt planen und arbeiten zu dürfen.

Phantastik-Couch.de: Du bist – oder warst zumindest – lange Zeit im Theater- und auch Drehbuchbereich unterwegs und arbeitest auch am Rollenspielsystem 'Das Schwarze Auge’ mit. Du hast also Erfahrungen mit anderen Erzählformen. Würde es dich reizen auch in Zukunft auch noch mit anderen Medien zu arbeiten – etwa Hörspiel-Script, Film oder z.B. Computerspiel?

Thomas Finn: Da ich bereits auf fünf verfilmte Drehbücher zurückblicke und auch bei drei Computerspiele-Projekten mitgearbeitet habe, lässt sich eher feststellen, dass es in all diesen Genres handwerkliche Überschneidungen gibt, die sich gegenseitig befruchten. Allerdings würde ich in der Tat gern einmal das Skript für ein Hörspiel verfassen. Das stelle ich mir sehr reizvoll vor.

Phantastik-Couch.de: Ein Ausblick: Hast du bereits Pläne, was nach 'Mind Control’ auf deine Leser zukommt? Mehr SciFi, mehr Thriller, wieder einmal Fantasy, ein weiteres Jugendbuch?

Thomas Finn: Sicher. Nur möchte ich mit der Ankündigung von Details warten, bis alles in trockenen Tüchern ist.

Phantastik-Couch.de: Wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen dir alles Gute und viel Erfolg 2011.

Das Interview führte Tom Orgel