Interview mit Tommy Krappweis

„Man denkt jetzt: Walküren sind dicke Frauen die laut singen und am Schluss umfallen.“

Tommy Krappweis, aus dem TV bekannt als „Samstag Nacht“-Comedian und als „Bernd das Brot“-Erfinder, dazu noch Schauspieler und Produzent – ein echtes Multitalent also. Wie arbeitet so einer? Fliegen ihm die guten Ideen nur so zu? Lesen Sie im Phantastik-Couch-Interview, wie Tommy Krappweis auch noch ein erfolgreicher Fantasy-Autor wurde und was er mit seiner Serienfigur „Mara“ gemeinsam hat.

Phantastik-Couch.de: Tommy, tolle Lesung!

Tommy Krappweis: DANKE! Ich habe sogar ein Stück gelesen! (Anmerkung der Redaktion: Tommy Krappweis hat auf der Role Play Convention in Köln einen Mix rund um „Samstag Nacht“, „Bernd das Brot“ und Stand up Comedy präsentiert, bevor er aus „Mara und der Feuerbringer“ vorgelesen hat.)

Phantastik-Couch.de: Du hast ja im Bereich TV und Entertainment schon so ziemlich alles gemacht: Schauspiel, Stunt, Musik, Comedian und Produktion. Wie kam es, dass Du jetzt auch noch Fantasy-Autor wurdest?

Tommy Krappweis: Dazu möchte ich erstmal folgendes sagen: Wenn man viele Dinge macht, heißt es noch lange nicht, das sie auch gut sind. Jeder Mensch kann all das machen, die Frage ist nur ob das dann jemand hören, lesen oder sehen will. Zu der Fantasy kam ich, weil ich die schon immer gern gelesen habe. Ich bin ein großer Fan von Tolkien, Donaldson und Philip José Farmer und natürlich von Douglas Adams und Terry Pratchett. Der Sender ProSieben bat um ein Konzept für eine Mystery-Serie, aus der aber nichts wurde, weil der Inhalt mit einer 14-jährigen Hauptdarstellerin zu ungewöhnlich für eine 20.15-Uhr-Serie war. Und so wurde ein Buch daraus, weil der Inhalt irgendwie aus meinem Kopf heraus musste.

Phantastik-Couch.de: Nun beschäftigt sich die Geschichte um „Mara“ mit germanischer Mythologie, einem Thema, das bisher vor allem britische Fantasy-Autoren verwendet haben. Hast Du Dir diese Autoren zum Vorbild genommen oder war das schon immer ein Steckenpferd von Dir?

Tommy Krappweis: Nicht nur die Briten, Wolfgang Hohlbein hat ja auch schon einiges zur Germanischen Mythologie geschrieben. Nein. Ich habe mich immer schon für Fantasy und die Mittelalter-Historie interessiert. Aber bei mir ist es so, das ich mich erst dann in ein Thema einarbeite, wenn ich etwas damit machen kann. Es gibt viele Leute, die viele Dinge wissen, einfach um sie zu wissen. Ich wünschte, ich wäre so, aber das bin ich nicht. In dem Moment, wo es hieß:„Schreib doch mal eine Mystery-Serie“, habe ich mich intensiv um ein Thema bemüht, das zumindest im Fernsehen noch kein anderer beackert hat. Und dann habe ich mich hineingekniet, einfach weil es spannend ist, zu erfahren, warum der Dienstag Dienstag heißt, Das fand ich toll

Tommy Krappweis

Phantastik-Couch.de: Du hast Deinen Roman so angelegt, das er auch Wissen über germanische Sagen und Legenden zu vermittelt. Stellst Du den Anspruch an Fantasy-Literatur, das sie auch belehren soll oder belehren darf?

Tommy Krappweis: Belehren darf, ja. Ich stelle an nichts Unterhaltendes auf der Welt den Anspruch, dass es mich belehren muss. Aber in diesem speziellen Fall bot es sich an und machte die Geschichte unterhaltsamer und spannender. Wenn ich einen „Herr der Ringe“ lese, dann wäre das, woraus ich dazu etwas lernen kann, das Silmarillion – und umgekehrt. Es macht aber Spaß zu erfahren, woher Tolkien das alles hat. Es macht mir auch Spaß, z.B. ein Nicht-Fantasy Buch wie „DaVinci Code“ zu lesen und nachher zu gucken, ob Jesus wirklich Nachfahren hatte. In unserem speziellen Fall fand ich es spannend, einen realen Menschen wie die Mara zu haben, die mitten in unserem Leben steht und mit Themen zu tun hat, die immer noch durch eine uralte Religion leben. Und drum herum eine spannende Geschichte zu schreiben, die hoffentlich auch noch ein bisschen witzig ist.

Phantastik-Couch.de: Wie hast Du Deine Hauptfigur „Mara“ entdeckt und entwickelt?

Tommy Krappweis: Durch den Weg der Vermeidung, indem ich einfach alle gängigen Klischees vermieden habe. Ich wollte keinen 25-30-jährigen Helden, ich wollte vielmehr jemanden, den es in der Form noch nicht gab. Natürlich gibt es einige 14-jährige Helden. Aber es gibt wenige, die keinen Bock haben, die alles hinterfragen. Die so etwas von sich denken wie: „oh -  jetzt wollte ich eigentlich einen coolen Spruch darauf machen – hat irgendwie nicht so geklappt“. So jemanden wollte ich haben.

Phantastik-Couch.de: Hat sich Deine Hauptfigur während des Schreibens auch selbständig gemacht?

Tommy Krappweis: Ja, das ist ungefähr ab Seite 5 oder 6 passiert. Da hat Mara angefangen, zu sprechen und ich musste nur noch mitschreiben. Das war ganz extrem. Oft ging es mir so, das ich nicht schnell genug tippen konnte, weil die Mara wieder mit irgend etwas losballerte. Ich kam gar nicht dazu, diese Zwischensätze wie er/sie sagte/antwortete dazwischen zu schreiben, sondern schrieb einfach erstmal den Dialog herunter. Sehr bizarr und sicher nicht gesund.

Phantastik-Couch.de: Gibt es – außer für die Figur des Prof. Weissinger die Deines Beraters Prof. Simek – noch andere Protagonisten, die ein real existierendes Vorbild haben?

Tommy Krappweis: Der Weissinger wurde immer mehr zu Simek, das war am Anfang noch gar nicht so. Durch die Zusammenarbeit wurden sie fast wie ein und dieselbe Person, mit der Ausnahme, dass der Weissinger keinen Wiener Akzent spricht. Aber es gibt noch andere Figuren mit realen Zügen. Mara hat sehr viel von mir, z.B. dieses „Alien“-Gefühl und die Fragen die sie immer hat: „Bin ich blöd, oder sind es alle anderen, oder sind wir alle blöd und nur ich sehe es?“. Die Tatsache, dass ihr seltsame Dinge auffallen, die sie dann originell benennt, das sind Sachen, die auch mir Spaß gemacht haben. Andere Personen habe ich bis auf die Namen 1:1 kopiert. Zum Beispiel kommt in Band zwei „Das Todesmal“ ein Museum im Osnabrücker Land vor. Die Leute, die ich im Buch beschreibe, sind genau die, die dort wirklich arbeiten und mir sehr geholfen haben.

Phantastik-Couch.de: Wie muss man sich die Recherche zu einem Wicca-Seminar vorstellen? Hast du selbst an einem teilgenommen?

Tommy Krappweis: Gott sei Dank habe ich mir das nicht antun müssen. Aber eine Ex-Freundin von mir, deren Namen ich natürlich nicht öffentlich nennen werde, die Judith heißt [lacht], deren Mutter hat sie wirklich zu solchen Veranstaltungen mitgenommen. Unter anderem zu einem Baumsprechseminar.

Phantastik-Couch.de: Im zweiten Teil der Serie „Das Todesmal“ vermischen sich Real- und Mythenwelt wesentlich mehr als im ersten Teil. Warum ist das so und ist das ein Trend, der sich im Finale noch fortsetzen wird?

Tommy Krappweis: Das ist der große Spaß, es verschränkt sich immer mehr. Am Anfang wollte ich den Leser ein wenig hineinführen, zum Beispiel dadurch, dass in einer „Vision“ ein Tor in die Realität geschaffen wird. Und danach wird immer extremer vermischt, schon dadurch, dass Mara mehr Kräfte bekommt. Das lag auch daran, dass der Autor der Bücher sich immer mehr in die Technik eingearbeitet hat. Mit der, nennen wir es mal Physik der Anderswelt immer mehr spielen konnte.

Phantastik-Couch.de: Esoterische alleinerziehende Mütter scheinen im Trend zu liegen, so eine tritt z.B. auch in Oliver Dierssens „Fausto“ auf. Wie kam es dazu?

Tommy Krappweis: Das tut mir aber leid.

Phantastik-Couch.de: Für wen?

Tommy Krappweis: Für die Tochter! (Anmerkung der Redaktion, T.K. hat "Fausto„ nicht gelesen. Der “Leidtragende" in dem Buch ist ein Sohn)

Phantastik-Couch.de: Habt ihr vielleicht mal Ideen ausgetauscht und zufällig beide verwendet?

Tommy Krappweis: Nein, aber ich denke, das ist ein Thema, das einfach in der Luft liegt. Wenn ich auf einen Wochenmarkt gehe, dann konnte ich dort vor 10 Jahren nicht selbstverständlich Räucherwerk für schwarze und weiße Magie kaufen. Heute ist das kein Problem mehr. So liegt das Thema Esoterik einfach in der Luft und der Autor von „Fausto“ hat einfach Recht, wenn er es auch beackert.

Phantastik-Couch.de: Außerdem fällt auf, dass Du den Wagner und sein Werk etwas spöttisch betrachtest, z.B. als „Operettengott“. Was hast Du eigentlich gegen Wagner?

Tommy Krappweis: Aber ich habe doch gar nichts gegen den Wagner! Über seine künstlerische Leistung braucht man nicht zu diskutieren, die ist ja nun einmal da. Er hat damals vorhandenes Material genommen, verändert und damit Neues geschaffen, was z.B auch Hohlbein macht. Der Unterschied zwischen Wagner und Wolfgang Hohlbein ist aber der, das über das, was Wolfgang Hohlbein schreibt, niemand behauptet, es sei Fakt. Das ist heute bei Wagner anders und man denkt jetzt: Walküren sind dicke Frauen, die laut singen und am Schluss umfallen. Dabei sind sie eigentlich die Vorläufer der Engel, ätherische Wesen. Und so gibt es bei ihm ganz viele solcher Verzerrungen, wie z.B. der Riss des Schicksalfadens. (in der „Götterdämmerung“ – „Ring des Nibelungen“), die seltsamen Namensveränderungen oder Odins Fällen der Weltesche. Es ist natürlich ok, dass Wagner den Stoff interpretiert. Das Problem ist nur, dass sein Werk schließlich die wahre Historie überdeckt hat. Dazu kamen die ganzen Deutschtümler (wovon Wagner nun auch nicht so weit weg war) und dann noch die Nazis, die diesen Effekt noch einmal potenziert haben. Und das ist es was mich nervt, wofür aber der Wagner nur bedingt etwas kann.

Phantastik-Couch.de: Wie erlebst Du Inspirationen? Was inspiriert Dich für Szenen in einer Romanhandlung?

Tommy Krappweis: Ehrlich gesagt ist es ganz banal, ich setzte mich einfach hin und mache es. Für größere Werke wie Drehbücher oder Romane schreibe ich natürlich vorher eine Storyline. Beim eigentlichen Schreibprozess fallen mir noch Dinge ein und die dazu kommen. Aber es ist mir noch nie passiert, das ich mir gedacht habe: „Mensch, man müsste doch mal...“. Es gibt Leute, die das können und so arbeiten, aber bei mir ist das nicht so. Ich muss mich hinsetzen und einfach anfangen, zu schreiben und dann passiert es halt.

Phantastik-Couch.de: Die „Mara“-Reihe wirst Du ja mit dem dritten Band beenden. Schreibst Du momentan daran?

Tommy Krappweis: Wie verrückt.

Phantastik-Couch.de: Kannst Du ein klitzekleines Detail verraten, auf das sich der Leser im Finale freuen kann?

Tommy Krappweis: Kann ich: Es wird auch hier Eichhörnchen geben. Zweitens: Es wird eine Götterdämmerung geben. Und es ist nicht alles, so wie es scheint. Und es gibt in Band drei eventuell so etwas, was man beim Film als „Love interest“ bezeichnet. Das wurde schon zwei mal angedeutet, jetzt könnte es vielleicht klappen.

Phantastik-Couch.de: Gerade in der Lesung hast du erzählt, das „Bernd das Brot“ endlich verfilmt wird. Gibt es auch Pläne, die „Mara“-Abenteuer zu verfilmen?

Tommy Krappweis: Es gibt sehr konkrete Pläne und sehr konkrete Interessenten, wir sitzen sogar schon an den konzeptionellen Arbeiten dazu. Aber da es mehrere Interessenten gibt, kann ich im Moment niemanden nennen. Es sind aber alles Leute, von denen man schon gehört hat.

Phantastik-Couch.de: Hast Du weiterhin schriftstellerische Ambitionen, oder wirst Du Dich wieder anderen Herausforderungen widmen?

Tommy Krappweis: Auch das. Aber ich bin jetzt gerade mit einem anderen Buch fertig geworden, was ich geschrieben habe. Etwas biographisches und es heißt „Das Vorzelt zur Hölle“ Da erzähle ich über die grausigen Campingurlaube in meiner Kindheit. Meine Urlaubsgeschichten mit meinem Vater, der einfach Camping ganz toll fand und ich fand Camping immer .....scheiße. Zusammengefasst. Diese Geschichte erscheint im Herbst.

Phantastik-Couch.de: Tommy, DANKE Dir für das Interview und noch viel Spaß auf der RPC.

Tommy Krappweis: Danke auch, hab ich!

Dieses Interview erscheint sowohl auf Phantastik-Couch.de, als auch auf.Jugendbuch-Couch.de Die Fragen und Antworten wurden zum Teil an die jeweiligen Zielgruppen der Portale angepasst. Wer also in den Genuss des gesamten Gesprächs kommen möchte, dem sei das Tommy Krappweis Interview auf der Jugendbuch-Couch ans Herz gelegt.

Das Gespräch führte Eva Bergschneider in Zusammenarbeit mit Tom Orgel am 7. Mai 2011 auf der Role Play Convention in Köln