Interview mit Will Elliott

Im Zirkus neben der Hölle

Grausame Clowns treiben in einen beklemmend seltsamen Zirkus jenseits unserer Welt ihr Unwesen. Dieses Manuskript reichte ein 29jähriger Australier 2006 für den renommierten ABC Fiction Award ein, ohne sich allzu viel Hoffnung zu machen. Er gewann nicht nur diesen mit 10.000 australischen Dollars dotierten Preis, sein Buch wurde außerdem noch für den internationalen Horror Guild Award nominiert und wird bereits in fünf Länder verkauft. Will Elliott, der Autor, konnte sich so seinen Traum erfüllen und Schriftsteller werden. Jetzt ist „;Hölle“ auf Deutsch als Buch und Hörbuch erschienen und Will ist nach Köln gereist, um es vorzustellen.

Der junge Mann aus Brisbane sitzt mir in der Lounge des Hotels gegenüber und ich bin überrascht, wie groß und kräftig er im Gegensatz zu seiner Erscheinung auf den Fotos ist. Dafür ist sein Gesicht mit Kinnbart umso schmaler. Er ist erst am Morgen in Frankfurt gelandet und wirkt nach dem langen Flug aus Brisbane sehr müde. Seine Augenringe zeugen vom Jetlag. Freundlich erklärt er auf die Frage, ob er zum ersten Mal in Deutschland sei, es wäre überhaupt seine erste Reise. Bisher sei er nur einmal ein Wochenende in Sydney gewesen. Brav beteuert er, dass es sehr interessant und aufregend ist, auch wenn er noch nichts gesehen hat und ihm durch den Zeitunterschied fast die Augen zufallen. Er sieht selbst ein wenig wie ein abgeschminkter, fertiger Clown aus.

Außerdem nimmt er Medikamente, fügt er hinzu, und die muss er genau zeitlich abpassen. Wenn er sie zu früh nimmt, schläft er sofort ein. Vor etwa neun Jahren wurde bei Will Schizophrenie diagnostiziert, deshalb ist er auf die Medikamente angewiesen. Aber nein, das Buch sei nicht autobiografisch. Bei der Entwicklung des zweigesichtigen Protagonisten Jamie, der als Clown mit seiner bösen Seite zu kämpfen hat, hätte er die Wirkung von Alkohol im Kopf gehabt.

Natürlich seien seine Clowns bösartig, gibt er offen zu, aber privat hätte er nichts gegen sie. Er kenne gar nicht so viele Clowns, fügt er trocken hinzu. Die Idee für den Horror-Zirkus wäre beim Herumkritzeln gekommen, als er über einen Schauplatz für den Roman nachdachte. Es reizte ihn, eine gewöhnliche Person in eine fantastische Umgebung zu werfen und diese Idee weiter zu spinnen. Sehr höflich erklärt er all das, aber in so ernstem Ton, wie ich ihn bei seinem schwarzen Humor, der im Buch ständig durchschimmert, nicht vermutet hätte. Will wirkt wie ein sehr zurückhaltender Informatik-Student, der nicht aus der Reserve zu locken ist.

Bescheiden umschifft er die Frage, mit welchen Schriftstellern er sich vergleicht, indem er Autoren anführt, die ihn inspirieren, ohne dass er sich mit ihnen auf eine Stufe stellen möchte. Er schätzt Mervyn Peake und Tristan Egolf und natürlich auch Stephen King, den Großmeister des Clown-Horrors. Ob man seinen Roman als „;Horror“ oder „;Fantasy“ bezeichnet, ist ihm egal, Will sieht sich als Vertreter des „;Magischen Realismus.“ Auch dass sein Buch als recht brutal gesehen wird, sieht er locker. „;Die ursprüngliche Fassung des Manuskripts war sogar noch gewalttätiger. Aber mein australischer Lektor hat einiges entschärft.“

Drei Monate hatte er an der Grobfassung geschrieben und dann zwei Jahre daran herum gebastelt, nebenbei. Sein eigentlicher Plan war es, bei möglichst vielen Kurzgeschichten-Wettbewerben mitzumachen, Preise zu bekommen, um so irgendwann einen Literaturagenten anschreiben zu können. Als er den ABC-Award überraschend gewann, war Will völlig überrumpelt. „;Es hat mir Angst gemacht“, erklärt er. Plötzlich stand er in den Zeitungen, Leute riefen deswegen an, alles ging sehr schnell. Erst dann hat er andere australische Schriftsteller kennen gelernt. Ob es eine richtige Szene gibt? Er zuckt die Schultern. „;Ja, nein, vielleicht. Wir hängen nicht die ganze Zeit zusammen, man mailt sich mal über Facebook oder so.“ Er nickt ernst.

Man muss ihm doch ein Lächeln entlocken können. Auf die Frage, welche Szene er am liebsten geschrieben hat, nennt er die Heirat des verrückten Clowns mit dem Farn. Er schaut mich nachdenklich an. „;Aber als ich das schrieb, war ich noch viel jünger, also bitte beurteile mich nicht nur nach dieser Stelle,“ fügt er entschuldigend hinzu.

Was hätte er getan, wenn sich sein Traum vom Schriftsteller nicht erfüllt hätte? Will hebt die Augenbrauen. Oh, dann wäre es böse mit ihm ausgegangen, behauptet er fest. Richtig böse. „;Wahrscheinlich würde ich viel zu viel trinken und den ganzen Tag nur Computer spielen.“

Er lacht – endlich! Mit sanften Händedruck verabschiedet er sich. Hoffentlich träumt er gut.

Mit Will Elliott sprach Verena Wolf