Angst von Jack Kilborn

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „Afraid“,deutsche Ausgabe erstmals 2011, 398 Seiten.ISBN 3-453-52797-6.Übersetzung ins Deutsche von Wally Anker.

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In Kürze:

Als ein schwarzer Militärhubschrauber in der Nähe von Safe Haven, Wisconsin, niedergeht, einem kleinen Provinznest, ahnt noch keiner der Bewohner das drohende Unheil. Denn die fünf Gefangenen, die nach der Bruchlandung entkommen, sind die grausamsten Massenmörder der Vereinigten Staaten – und sie sind auf dem direkten Weg nach Safe Haven. Ein beispielloses Blutbad beginnt…

Das meint Phantastik-Couch.de: „Klischee-klappernder Horror-Thriller“50

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Safe Haven im US-Staat Wisconsin ist ein Städtchen mit 907 Einwohnern. Hier bleibt man gern unter sich. Sheriff Arnold Streng steht kurz vor der Pensionierung und amtiert 40 Fahrminuten entfernt, was dieses Mal von Nachteil ist: Ein Helikopter stürzt in den Wald und hinterlässt scheinbar nur Leichen. Aber noch während Feuerwehr und Sheriff zur Unglücksstelle ausrücken, springen vier böse Männer und eine ebensolche Frau aus dem Wrack: In ihren früheren Leben waren Bernie, Santiago, Taylor, Ajax und Logan sadistische Psychopathen und Serienkiller, die in diversen Gummizellen oder Todeszellen schmorten.

Doch seit die USA im Krieg mit allerlei Schurkenstaaten stehen, sind Gesetze nur noch Makulatur, wo sie mit der gerechten Sache kollidieren. Auf der Suche nach billigen und effizienten Waffen lief unter Leitung von General Tope das streng geheime Militär-Projekt „Red-op“ an: Entbehrliche Lumpen werden hirnmanipuliert und biotechnisch ´verbessert´, um hinter feindlichen Linien zu morden, zu vergewaltigen und andere Schrecken zu säen.

Zu Topes Schrecken wurden seine Zöglinge nun in den USA aktiv. Schleunigst wird Safe Haven von der Außenwelt abgeriegelt, denn nichts darf an die Öffentlichkeit dringen, die nie verstehen will, dass ein Krieg auch Opfer erfordert. „Red-op“-Mediziner Ralph Stubin soll vor Ort die teuren Mordstrolche einfangen. Allerdings kocht er schon lange sein eigenes Terror-Süppchen: Das gruselige Quintett sucht in seinem Auftrag nach Warren Streng, dem Bruder des Sheriffs, der sich als Global-Gangster im Ruhestand in Safe Haven niedergelassen hat und ein lukratives Geheimnis hütet.

Während sich die „Red-op“-Killer durch Safe Haven schlachten, formiert sich Widerstand: Der Sheriff, Feuerwehrmann Josh VanCamp und Kellnerin Fran Stauffer kriegen zwar ständig kräftig aufs Maul, aber US-unverdrossen versuchen sie weiter, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen …

Kein Klischee gerät in Vergessenheit!

Der Weg ist das Ziel, und das heißt bei Jack Kilborn „Unterhaltung“. Anspruch, Originalität oder wenigstens Variation sind Elemente, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen. Der Verfasser kann uns sogar eine ganze Weile erfolgreich vorgaukeln, dass wir auf sie verzichten bzw. Standards und Stereotypen sie ersetzen können. Also entwirft er eine simple Hit-and-Run-Story, die er mit einschlägigen Szenen und Figurenmustern aus unzähligen Kino- und Fernsehfilmen der Kategorien B und C auskleidet.

Neu stellt er sich einzig der Herausforderung, grausige Folter- und Mord-Schnetzeleien zu ersinnen, die er aber – darin ist er ein Meister (glaubt er) – so be- oder besser umschreibt, dass wirklich erschreckende Details angedeutet bleiben. Dies ist wohl auch besser, denn wird mit aufgeblendeten Scheinwerfern gekillt, wirkt der Schrecken so grotesk, dass er abstrakt wird: Was Santiago mit den unglücklichen Mortons anstellt, ist wesentlich erschreckender als der vor allem logistisch komplizierte Massenmord (wo stapeln wir bloß die vielen Leichen?) an der trickreich zusammengelockten Dorfbürgerschaft.

Zu viele Wiederholungen

„Angst“ benötigt keine Geheimnisse. Wer da im Wald und auf der Heide mörderisch munkelt, wird vom Verfasser en passant erläutert. Die schon erwähnte Unterhaltung soll allein aus dem Katz-und-Maus-Spiel der Guten & Bösen entstehen. Es läuft jedoch durchweg nach dem berüchtigten Schema F ab. Auf der einen Seite verfolgen die fünf „Red-op“-Mutanten ihre Mission. Dass sie dabei stur und einfallsarm vorgehen, kann man nicht ihnen vorwerfen; schließlich wurden ihre Hirne in ferngesteuert bootfähige Festplatten verwandelt, die sie in reine Erfüllungsgehilfen verwandeln.

Auf ihrem Weg zum einprogrammierten Ziel fallen sie wie geplant über die ahnungslosen Bürger von Safe Haven her. Zwar gibt sich Kilborn Mühe (s. o.) und denkt sich diesbezüglich immer neue Gräuel aus, doch es hilft nichts: Nach dem fünften, sechsten oder zehnten Folter-Mord wird’s langweilig. Schlimmer noch: Der Leser beginnt zu grinsen, weil er merkt, wie Kilborn immer stärker aufs Gaspedal tritt, um durch hohes Tempo die ständigen Wiederholungen zu verschleiern.

Diese werden noch wesentlich augenfälliger, sobald sich unsere Helden formieren. Sie haben im Grunde keine Chance, die sie trotzdem wacker nutzen: Kilborn reitet die uralte Moral vom Sieg der Gerechtigkeit. Zwar müssen solche guten Menschen auf dem Weg dorthin tüchtig bluten, dürfen aber ausgleichend auf Seelenfrieden, Erlösung oder wenigstens einen gemeinschaftsnützlichen Tod hoffen.

Zu viele Unwahrscheinlichkeiten

In fachkundiger Dosierung ist dieses Konzept erträglich. Bei Kilborn ist es kontraproduktiv. Lang und breit stellt er uns fünf ohnehin moralfreie Unmenschen vor, die dank Hightech in superstarke, unverwundbare, unüberwindliche Kampfmaschinen verwandelt wurden. Ihre ´Gegner´: ein alternder Sheriff, ein überforderter Feuerwehrmann, eine hübsche Kellnerin mit dem Mutterherz einer Löwin. Mitgeschleppt wird ein zehnjähriger Junge, der unbelehrbar wie ein lebensmüder Lemming immer dorthin rennt, wo es besonders gefährlich ist; wundert es, dass diese Nervensäge von einem zum Kotzen niedlichen Mischlingshund namens „Woof“ begleitet wird?

Zurück zum Thema: Die „Red-op“-Kämpfer machen Bürger zu Hunderten nieder, und eine bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheit der US-Army hält ihnen keine Minute stand. Das gerade skizzierte Grüppchen stellt sich den Mord-Soldaten wieder und wieder in den Weg, entkommt ihnen zuverlässig, fügt ihnen kräftige Blessuren zu und stiehlt ihnen die Ausrüstung. Nachdem dies mehrfach genau so geschah und sich fortsetzt, verfliegt die Langeweile des Lesers; er lächelt auch nicht mehr, sondern schreit vor Frustration und Ärger.

Das Prinzip der „letzten Sekunde“

Wieder sitzt einer unserer Helden hoffnungslos in der Falle. Alle Auswege sind versperrt, das Bein steckt in einem Loch fest, Flammen schlagen am Hintern hoch, und grinsend reckt der gerade für bedrohliches Auftreten eingeteilte Killer ihm oder ihr die Faust mit dem Ausbein-Messer entgegen. Der Sack ist zu – und dann schneidet Kilborn einfach ein Loch hinein, durch das besagter Held wider sämtliche Logik entschlüpft. Das ist Willkür und verhöhnt den Leser, der diese Masche als Methode erkennt, diesen Roman auf Länge zu bringen. Schematisch flanscht Kilborn Modul an Modul, bis es Zeit für das Finale wird. Erst dann dürfen auch Hauptfiguren sterben.

Dumm, dass die einem herzlich gleichgültig sind. Kilborns Schurken sind als Menschenfresser, Brandstifter oder Frankensteins Monster so übertrieben böse, dass es erneut ins Lächerliche umschlägt. Die Helden sind eindimensionale Pappkameraden, die in ihrem eindimensionalen Reden und Handeln nicht minder hirnmanipuliert wirken wie die „Red-op“-Kämpen.

Kanonenfutter nach Abklatsch-Technik

Bis es final ans Eingemachte geht, lässt Kilborn viele Bürger über diverse Klingen springen, nachdem er sie uns kurz vorgestellt und ans Herz gelegt hat. Der Versuch missglückt, denn die guten Menschen von Safe Haven sind schlicht und ergreifend Dorftrottel. Woof ist nur ein dummer Hund, doch welche Entschuldigung können sie geltend machen? Die Verheißung eines Lottogewinns lässt sie kollektiv in die Falle der „Red-op“-Meuchler stürzen, wo sie gierig zur Schlachtbank drängen. Als Individuen sind sie notorisch begriffsstutzig und immer bereit, ihren Mördern vor die Füße zu stolpern. Trotzdem versucht Kilborn, uns die Dörfler als liebenswerte Zeitgenossen zu verkaufen, deren Schicksale ganz schrecklich sind. Weit gefehlt – als es beispielsweise den tumben Hilfsfeuerwehrmann Erwin oder seine nervige Verlobte Jessie Lee erwischt, sind dies Momente echter leserlicher Erleichterung!

Diese steigert sich, als das Buchende naht. Wenigstens das Finale bringt noch einige spannende Momente. Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack und „Angst“ das Produkt eines routinierten und fleißigen aber wenig inspirierten Autors. Der Titel dieses ersten in Deutschland erschienenen Kilborn-Werkes benennt deshalb auch jenes Gefühl, das sich angesichts der Möglichkeit einstellt, in den nächsten Monaten und Jahren öfter auf die Erzeugnisse dieses Verfassers zu stoßen …

Ihre Meinung zu »Jack Kilborn: Angst«

Konrad Wolfram zu »Jack Kilborn: Angst«23.10.2011
Kilborne mit Laymon oder Ketchum zu vergleichen, halte ich etwas für zu weit hergeholt. Man kann aber durchaus sagen, das Kilborn's Roman ANGST jeden Freund von Splatter-Romanen gefallen dürfte. Doch was eben rasand anfängt, beginnt gegen Ende des Romans etwas ins Lächerliche abzugleiten. Auch die Charaktere sind etwas zu blass und man merkt zunehmend als Leser, dass die eine oder andere Hauptfigur auch hätte in der Handlung sterben können, denn wirklich vermissen würde man niemanden wirklich. Hierzu sind die Charaktere einfach zu platt und man tut sich etwas schwer, mit den jeweiligen Figuren mit zu fiebern oder sich gar in sie hinein zu versetzen. Ein Umstand, den ein Jack Ketchum oder Richard Laymon weit besser im Griff hat. Alleine der Härtegrad verleitet dazu, den Roman weiter zu lesen. Und ja, die sache mit dem Bein vom Sheriff ist schon nicht mehr Hardcore sondern schon faßt peinlich Lächerlich und trieb mir vor Lachen schon die Tränen in die Augen. Sorry, aber 60° reichern für diesen Erstling auf dem deutschen Buchmarkt völlig.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Quickmix zu »Jack Kilborn: Angst«10.05.2011
Dieses Buch ist wie Dynamit.

Explosiv, extrem brutal, spannend, hart und sein Geld wert!

Dies ist das Erstlingswerk von Jack Kilborn (in den USA sind mittlerweile 3 weitere Bücher erhältlich),
welches bei seinen Fans schon Kultstatus erreicht hat.

Manipulierte Soldaten (ehemals Schwerverbrecher) sind auf der Jagd nach etwas sehr wichtigem in einer
Kleinstadt namens Save Heaven.

Hier wird keine Tötungsart ausgelassen, alles bis ins kleinste Detail beschrieben.
400 Seiten ohne Längen oder Pausen. Durchweg Action, Spannung und Angst!

Hierbei bedient sich der Autor eines kleinen Tricks. Es gibt keine typischen Kapitel, sondern immer nur
nicht betitelte Absätze. Dadurch hat man es sehr schwer das Buch zur Seite zu legen, da man
automatisch immer zum nächsten Absatz springt. Zusätzlich endet fast jeder Absatz mit einem Cliffhanger.

Wenn man sich ersteinmal in diese Achterbahn des Schreckens gesetzt hat gibt es kein Entrinnen mehr.

Der Schreibstil ist eine Mischung aus Richard Laymon, Scott Sigler und Matthew Reilly!

Nach diesem Buch zähle ich mich auch zu einem ganz grossen Fan von Jack Kilborn. :)
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Alexi1000 zu »Jack Kilborn: Angst«07.01.2011
ANGST von Jack Kilborn.

Beginnt absolut rasant, ohne lange Einführung fliegt ein Hubschrauber über einen See auf ein verschlafenes Städtchen zu, reisst einen ahnungslosen Angler, den wir noch "genauer" kennenlernen fast aus seinem Boot, um kurz darauf zu explodieren...

schon sind wir drin, mitten in der Hölle!

die Struktur ist ohne Kapitel angelegt, nur etwas längere Absätze "markieren" den Wechsel der Schauplätze/Personen; hab das am Anfang noch nicht mal bemerkt, so rasant hat es mich "weitergezogen".
Da war ich sehr guter Dinge, allerdings setzte zur Hälfte genau der von Herrn Drewniok erwähnte "Ermüdungseffekt" ein, genau wie den nicht so gut trainierten "Dorflern" ging mir die Puste aus; und mal etwas ernsthafter hinter die Kulissen geblickt, passiert auch nicht wirklich viel mehr als Rennen, metzeln/morden und wieder rennen. Das wirkt auf Dauer etwas "aufgeblasen" um zu kaschieren, das es halt eine Story wie vom Reissbrett/Drehbuch ist; interessant in dem Zusammenhand der Verweis das Kilborn (Pseudonym) ein erfolgreicher Drehbuchautor ist, evtl. dadurch dieser Stil (ich hoffe daraus folgt kein Film...).
Lassen wir mal die ganzen triefenden Klischees weg (allein schon Safe Haven = Sicherer Hafen), ich gehe nicht so weit wie die Couch - Rezi zu sagen Kilborn verhöhnt mich als Leser, aber eine gepflegte "verarsche" betreibt er schon; deshalb runde ich auch gewaltig ab und vergebe "nur" 70°. Die hat er sich aber auch fast nur im ersten Drittel verdient, als ich noch nicht ganz gerafft habe, was da abläuft.
Im Deckblatt steht, Kilborn ist das Pseudonym für einen bekannten Drehbuch und Thrillerautor, das weckte kurzzeitig Assoziationen zu Jack Ketchum, den ich tatsächlich kurz in "Verdacht" hatte dieses geschrieben zu haben, aber dann dämmerte mir das er es nicht sein kann, und der feine Unterschied zu Kilborn, den man scheints gerne in so eine Richtung stellen möchte wird susehends klar:

Ketchum kann brutale Storys erzählen und "fesseln", weil er einen mitleiden lässt...

Kilborn kaschiert eine Inhaltslose Reissbrettgeschichte...

trotzdem lege ich das Buch Lesern ans Herz, die es gerne mal blutig/krachend mögen, obwohl es wie bei der Story mit dem Sheriff und dem Bein wirklich ins lächerliche abdriftet!
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Stubs zu »Jack Kilborn: Angst«01.01.2011
Was für ein Brett. 100 Punkte für Tempo, 100 Punkte für Spannung, 100 Punkte für die Story. OK, teilweise das Ende und auch so ein paar andere Sachen waren mir ne Nummer zu schmalzig, wirklich gestört hat das aber nicht. Dafür ist das Tempo einfach zu hoch.

Gleich zu Beginn kommt das Buch mit mächtig Fahrt daher und überrascht mit einer nicht vermuteten Brutalität. Einzelne Personen wachsen einem ziemlich früh ans Herz und man teilt ihre Verzweiflung und ihre Angst.

Atemlos blättert man Seite um Seite um. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden. Ein Sheriff, der nicht tot zu kriegen ist, ein Junge und ein fetter Beagle, die über sich hinauswachsen, Angsthasen, die sich überwinden, oberflächliche Materialisten, die einem sympathisch werden und ein Affe, der selbstlos bis zum Letzen ist. Klingt schmalzig und sehr amerikanisch … ist es auch, aber grandios inszeniert und durch das turbomäßige Tempo und das wirklich Böse im Kontrast einen beim Lesen die Fäuste ballen lässt, um selber ordentlich mitzumischen. Manchmal konnte ich beim Lesen kaum still sitzen und musste mich zwingen, nicht rasch zwei, drei Seiten zu überblättern, um herauszufinden, ob mein Sympathieträger abgemurkst wird oder nicht.

OK, als der Sheriff sein Bein verliert musste ich schon genervt die Augen verdrehen und deshalb gibt es nur 99 statt 100 Punkten.

Das ist Con Air³ … wer diesen Film mag, wer Tempo liebt und es schätzt, beim Lesen mitzufiebern, der wird hier bestens bedient.

Grandios, mitreißend, spannend. Ich hätte mir kein besseres Buch für den Jahreswechsel wünschen können. Toller Jahresabschluss und brillianter Jahresauftakt im Lesereich. 99 Punkte und die innigste Bitte an Jack Kilborn, dass er mehr solche Bücher schreiben möge.
2 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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