Das Doppelleben der Alice B. Sheldon von James Tiptree Jr. & Julie Phillips

Buchvorstellungund Rezension

Das Doppelleben der Alice B. Sheldon von James Tiptree Jr. & Julie Phillips

Originalausgabe erschienen 2006unter dem Titel „James Tiptree Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon“,deutsche Ausgabe erstmals 2013, 783 Seiten.ISBN 3902711051.Übersetzung ins Deutsche von Margo Jane Warnken.

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Die Autorin:

Julie Phillips wurde in Seattle, USA geboren, verbrachte aber Teile ihrer Kindheit in Kalifornien und New Hampshire. Sie fing an, für die Seattle Weekly zu schreiben, übersiedelte dann nach New York, wo sie u. a. Artikel über Bücher, Filme oder auch Damensport verfasste. 2006, nachdem sie bereits Essays zum Thema feministische Science-Fiction veröffentlicht hatte, erschien ihre James Tiptree Jr.-Biografie James Tiptree Jr., Das Doppelleben der Alice B. Sheldon. Julie Phillips lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Amsterdam. Ihren Bezug zu Science-Fiction beschreibt sie auf ihrer Website folgendermaßen: Ich wusste nicht viel über Science-Fiction, als ich mit der Biografie über James Tiptree Jr. begann, aber ich war an den Leben von Frauen interessiert, und Alice B. Sheldon entpuppte sich als eine mit einem ganz faszinierenden.

In Kürze:

Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, sie sei ein Mann. Die Aufdeckung noch zu Lebzeiten war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod endeten, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen geschrieben worden ...
Alice Bradley Sheldon, die mit 51 Jahren erste Erzählungen unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree Jr. veröffentlichte und schnell zu Ruhm kam, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein ungewöhnliches und dichtes Leben hinter sich. Als bildhübsche, intelligente und verwöhnte Tochter einer oberen Mittelschichtfamilie aus Chicago verbringt sie große Teile ihrer Kindheit in Afrika, wird Malerin und Kunstkritikerin und ist im 2. Weltkrieg in der US-Armee tätig. Sie arbeitet für die CIA, bewirtschaftet eine Hühnerfarm, promoviert in Psychologie.
Die amerikanische Journalistin Julie Phillips erzählt die spannende Biografie einer faszinierenden Persönlichkeit. Es wird die komplexe und tragische Geschichte einer Frau geschildert, die ein halbes Jahrhundert zu früh geboren wurde: immerfort im Schatten der erfolgreichen Mutter, frühe dysfunktionale Ehe, ein tiefgründiges Unbehagen über die eigene, vor allem sexuelle Identität und das damit einhergehende Gefühl der Isolation; langfristige Amphetaminabhängigkeit und Depressionen. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von 71 Jahren erst ihren Mann und dann sich selbst.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Navigieren nach dem Lachen der Sterne“94

Science-Fiction-Rezension von Horst Illmer

Dass James Tiptree Jr. das männliche Pseudonym der amerikanischen Schriftstellerin Alice Bradley Sheldon war, gehört inzwischen wohl zum Allgemeinwissen unter Science-Fiction-Fans. Aber schon wenn es um die Lebensdaten von Alice Sheldon oder die zeitliche Einordnung von James Tiptrees Geschichten geht, bleibt den meisten Lesern nur Schulterzucken oder der schnelle (und oberflächliche) Blick ins Internet.

Dabei gibt es kaum eine zweite Science-Fiction-Autorin des 20. Jahrhunderts, deren Leben und Schreiben so spannend, dramatisch, verzweifelt und großartig war wie das von Alice B. Sheldon/James Tiptree Jr. – und praktisch keine, die es mehr verdient hätte, intensiv und ausführlich in einer großen Biografie gewürdigt zu werden.

Dankenswerterweise hat sich die amerikanische Literaturkritikerin und Biografin Julie Phillips dieser Aufgabe gestellt und 2006, nach mehr als zehnjährigen Forschungsarbeiten, ihr großartiges Buch „James Tiptree Jr. – Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“ in den USA veröffentlicht. Es stellt eine sehr mutige und bewunderungswürdige Leistung des kleinen österreichischen Septime Verlages dar, dieses Riesenwerk (immerhin fast 800 Seiten, fester Einband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, versehen mit Fotos, Anmerkungen und Registern) auf den deutschsprachigen Markt zu bringen.

Natürlich wäre es verlegerischer Selbstmord, die Biografie zu veröffentlichen, ohne dafür zu sorgen, dass die Leser auch auf das erzählerische Werk der mythenumrankten Science-Fiction-Legende Tiptree zugreifen können, weshalb man bei Septime seit einiger Zeit eine Ausgabe der „Sämtlichen Werke in sieben Bänden“ auf den Weg gebracht hat.

Obwohl James Tiptree Jr. zwischen 1967 und 1987 zu den meistgelesenen und am häufigsten mit Preisen ausgezeichneten Genreautoren gehörte und immer wieder in den Schlagzeilen war, begann nach Alice Sheldons Tod (anders als dies bei Philip K. Dick der Falls war) eine Zeit des Vergessens. Erst in den letzten Jahren zeigte sich, welche Tiefenwirkung ihre Geschichten besaßen und welchen Einfluss sie damit auf andere Autoren ausübte.

Dabei war das Leben der 1915 als Alice Harding Bradley geborenen „Alli“ (wie sie am liebsten genannt wurde) von Beginn an so ereignisreich, dass man am Ende von Phillips´ Biografie fast nicht glauben mag, dass es zwischen zwei Buchdeckel passt.

Bereits mit sechs Jahren tritt sie in Begleitung ihrer abenteuerlustigen Eltern ihre erste Expedition nach Afrika an (es folgen noch zwei weitere), sie wird eine vielversprechende Malerin, heiratet überstürzt, tritt 1942 als eine der ersten Frauen in die Army ein, ist bei der Gründung der CIA dabei, macht nach einem späten Studium ihren Doktor in Psychologie und hilft ab 1967 mit frechen, exotischen und expliziten Erzählungen die „Neue Welle“ der amerikanischen Science Fiction zu etablieren. Welche Probleme Alli auf ihrem Weg zu überwinden hatte, wie sehr sie unter ihrer Sexualität litt, warum sie letztlich zu einem männlichen Pseudonym griff und am Ende ihren zweiten Mann und sich selbst tötete, lag bisher im Dunkel oder war nur in Ansätzen bekannt.

Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass seine Leser dem Lebensweg von Alli über 370 Seiten hinweg folgen, bevor „endlich“ James Tiptree Jr. auftaucht, und dabei keinen Gedanken an „aufhören“ oder „weglegen“ verschwenden. Phillips erreicht dieses „bei der Stange halten“ durch einen sehr lesbaren Stil und die Unterteilung ihres Werks in viele kurze Kapitel. Damit zeigt sie nicht nur die Zerrissenheit des beschriebenen Lebensweges, sondern gibt ihrem Publikum auch immer wieder Gelegenheit, innezuhalten und durchzuatmen – denn die Identifikation mit Alli ist intensiv und (den Zeitumständen und den psychologischen Besonderheiten geschuldet) manchmal kaum auszuhalten. Zwar navigiert James Tiptree Jr. am Ende nach dem „Lachen der Sterne“, aber Alice Sheldons Geist treibt dabei oftmals auf dem „Meer der Verzweiflung“.

„James Tiptree Jr. – Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“ von Julie Phillips ist ein gelungener Versuch, die Schriftstellerin Sheldon/Tiptree dem Vergessen zu entreißen und ihr (und ihrem Werk) endlich zur längst fälligen Anerkennung zu verhelfen.

Für den deutschen Sprachraum darf man auf Ähnliches hoffen, zumal die von Margo Jane Warnken übersetzte Ausgabe sich so flüssig und spannend lesen lässt wie es das tatsächlich äußerst bemerkenswerte (Doppel-)Leben von Alice Sheldon verspricht.

(Horst Illmer, Mai 2013)

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