Stadt der Heiligen und Verrückten von Jeff VanderMeer

Buchvorstellungund Rezension

Stadt der Heiligen und Verrückten von Jeff VanderMeer

Originalausgabe erschienen 2001unter dem Titel „City of Saints and Madmen“,deutsche Ausgabe erstmals 2005, 460 Seiten.ISBN 3-608-93773-0.Übersetzung ins Deutsche von Erik Simon.

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In Kürze:

„;Anzüglich, sinnlich, lästerlich und berauschend.“; SF Site Willkommen in… AMBRA. Es war einmal eine Stadt an den Ufern des Flusses Mott, die hatte nicht ihresgleichen in der Geschichte und darüber hinaus. Gegründet auf dem Blut ihrer ursprünglichen Bewohner, der verstohlenen Grauhüte, und jahrhundertelang in die Nachwirkungen dieses Kampfes verstrickt, ist Ambra zu einer grausam schönen Metropole geworden – eine Zuflucht für Maler und Diebe, für Komponisten und Mörder.

Das meint phantastik-couch.de: „;Königskalmare im Schatten der Pilze“;90

Fantasy-Rezension von Frank A. Dudley

Der Mythos von Ambra, der Stadt der Heiligen und Verrückten, durchzieht wie ein goldener Faden aus Pilzgeflecht die Feuilletons der Fantastik. Grund genug für dieses Medium, dem selbsternannten Sitzmöbel für spekulative Literatur, dem Phänomen mit wissenschaftlicher Gründlichkeit auf den Grund zu gehen und den Spuren des geheimnisvollen Autors Jeff Vandermeer zu folgen.

Den wissenschaftlichen Beweis, dass Königskalmare tatsächlich den von Fredrick Madnock in seinem Standardwerk zur Biologie und Mystik der majestätischen Tentakelträger vermuteten Intelligenzgrad besitzen, führten im September 2005 die japanischen Forscher Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori. Ihre Beobachtungen stellen sie in der Fachzeitschrift „;Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences“; vor (doi:10.1098/rspb.2005.3158). Selbst von einer ausgesprochen raffiniert in 900 Metern Tiefe ausgelegten Futterfalle ließ sich ein gigantischer Königskalmar nicht hinters Licht führen und entkam unter der als Ablenkung inszenierten Zurücklassung einer seiner Armspitzen.

Königskalmare spielen bereits seit Urzeiten eine tragende Rolle in der Schamanologie maritim geprägter Völker. Der französische Metarealist Jules Verne ließ sich für „;20.000 Meilen unter dem Meer“;, seinem mit Tatsachen gespickten Standardwerk der Kalmar-Abenteuerliteratur, von einem solchen Mythos inspirieren. Teil zwei und drei seiner so genannten Tentakel-Trilogie galten als verschollen, bis der amerikanische Krypto-Biologe Howard Philips Lovecraft Anfang der 1920er Jahre auf einem Mollusken-Symposium in Arkham behauptete, im Besitz zweier Abschriften zu sein. Gleichzeitig sprach er von der Bedeutung diverser Großpilzarten, die zu den ältesten Lebewesen auf der Erde gezählt werden; das Myzel des 900 Hektar großen Armarillaria ostoyae im amerikanischen Malheur Nationalpark gehört mit seinem geschätzten Alter von 2400 Jahren dazu.

Indianische Mythen erzählen in diesem Zusammenhang von einer sagenhaften goldenen Stadt namens Amaba-rilla, die von den Bewohnern der ehemaligen Küstenregion auf den Wurzeln des gigantischen Pilzes errichtet wurde. Durch die Sporen des Fungus infiziert, wurden sie selbst zu Wesen mit starker Pilzähnlichkeit, weshalb die Indianer sie „;Grauhüte“; hießen. Angeregt von den lebhaften Berichten über die komplexe und weitverzeigte Architektur der Stadt, deren Name durch Sprachverhunzung im Laufe der Jahrhunderte zu „;Ambra“; wurde, schrieb der Fantasto-Soziologe Mervyn Peake seine dreiteilige Abhandlung „;Gormenghast“;, in der er nicht nur die Auswirkungen spätgotischer Architektur auf die Literatur, sondern auch Formen sinnentleerter künstlerischer Rituale beschrieb.

Der Sprung ins Spekulative

Über vier Dekaden lang schenkte die literarische Archäologie dem Phänomen Ambra und seinen Seitensträngen aus Flora und Fauna (Kalmare und Pilze) keinerlei Beachtung. Im Jahre 2001 schließlich erschütterte Jeff Vandermeer die Fachwelt durch seinen Bericht „;Der seltsame Fall des X“;, indem er behauptet, dass sein Alter Ego in ein von den Nachkommen der ersten seefahrenden Siedler bevölkertes Ambra transzendieren könne. Einer Zwangseinweisung in die Voss Bender-Gedenkklinik für psycho-literarische Fantastik konnte der damals 33jährige mit knapper Not durch einen beherzten Sprung in den Mott-Fluss entgehen.

In den vergangenen Jahren tauchten regelmäßig im Untergrund herausgegebene Aufsätze von Vandermeer auf. Im Gedenken an den damaligen Eklat, den der Amerikaner mit dem „;Fall X“; ausgelöst hatte, brachte der ehrwürdige Verlag Kletter-Cotter eine Sammlung dieser Aufsätze heraus. Selbige genießt in Kritikerkreisen höchste Wertschätzung, ist jedoch keine leichte Kost für eine schnelle Lektüre. Hoch ist der Anspruch, der oftmals als ironische Darstellung des Künstlerlebens daherkommt. Doch geduldige und aufmerksame Kalmar-Kundler und Fungi-Fantasten werden auf ihre Kosten kommen und das Werk auch nach abgeschlossener Lektüre immer wieder zur Hand nehmen. Aus Platz- und Sparsamkeitsgründen wurde zusätzlich der Schutzumschlag mit einem Essay des Autors bedruckt.

Jeff Vandermeer bleibt nach wie vor vermisst. Letzten Gerüchten zufolge wurde der Schriftsteller gesehen, als er mit einer Augenklappe nur notdürftig als Pirat verkleidet auf dem Albumuth-Boulevard vor dem Schaufenster der Buchhandlung Hoegbotton & Söhne herumlungerte und versuchte, Käufer von Ambra-Stadtführern zu überreden, ihn dieselben signieren zu lassen. Hinweise, dass er sein Leben ganz dem Truffidismus gewidmet hat, konnten bisher nicht bestätigt werden. So bleibt die anhaltende Debatte, ob der Autor Verrückter oder Heiliger ist, weiterhin ohne Abschluss.

Duncan Shriek, Verfasser des Stadtführers und enger Freund von Vandermeer, nimmt jederzeit Hinweise über den Verbleib des Flüchtigen entgegen. Eine Gratifikation erfolgt selbstverständlich nicht.

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