Deadstock von Jeffrey Thomas

Buchvorstellungund Rezension

Deadstock von Jeffrey Thomas

Originalausgabe erschienen 2007unter dem Titel „Deadstock“,, 416 Seiten.ISBN 1844164470.

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Das meint Phantastik-Couch.de: „Ah, Punktown!“89

Horror-Rezension von Anna Hild

Punktown, die Stadt, in welcher sich die meisten von Jeffrey Thomas‘ Geschichten abspielen, ist ein ganzes Universum  – eigentlich sogar ein Multiversum, in welchem neben interstellaren Reisen auch solche in Welten aus parallelen Dimensionen möglich sind. Paxton auf dem Planeten Oasis, genannt Punktown, erinnert stark an die Stadt, durch welche Korben Dallas‘ gelbes Hover-Taxi in „;Das fünfte Element“; rast. Verkehr auf multiplen Ebenen, Hochhäuserschluchten, die viele Kilometer tief sein könnten, unterirdische Lebensräume, in welchen Tag und Nacht künstlich erzeugt werden. Alles ist fremd, utopisch, Science Fiction und doch seltsam vertraut. Das Verhältnis von Fremdheit und Exotik zum ‚Eigenen‘, ‚Gewohnten‘ beschäftigt Jeffrey Thomas hier sehr, Androiden und Klone, Mutationen, alles wirft die Frage auf, wo beginnt und endet Humanität und wie kann man sie überhaupt definieren? Der oft angewandte Vergleich von „;Deadstock“; mit „;Blade Runner“; hinkt jedoch etwas, da die Atmosphäre des Romans durch das farbige Punktown nichts mit der düsteren und nebelverhangenen Landschaft des Films gemein hat. Thomas‘ ‚nicht-menschliche‘ Charaktere sind unterschiedlicher in Form und Wesen, ihr jeweiliges Verhältnis zu den ‚Geborenen‘ vielfältiger als das der Androiden in „;Blade Runner“; zur Menschheit.

Fleisch und Haut

Das wiederkehrende Thema in ‚Deadstock‘ ist sicherlich das Fleisch. Menschliches Fleisch, tierisches Fleisch, geklont oder geboren, bearbeitet oder mutiert. Fleisch und Haut, als Material für die Erfüllung jedes Traums und jedes Alptraums von menschlichen und nicht-menschlichen Wesen.

Jeremy Stake ist ein Privatdetektiv mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Er ist ein Mutant, seine Gabe, sein Aussehen anzupassen an jedes Wesen, welches er gerade ansieht, kommt ihm in seinem Beruf sehr gelegen. Sein aktueller Fall scheint auf den ersten Blick trivial, der Tochter seines Klienten John Fukuda wurde ihre Puppe gestohlen. Doch dieser Fall wird sich für Stake in einen Strudel verwandeln, einen Alptraum, in welchem er gegen blauhäutige, geklonte Supersoldaten aus einem vergangenen interdimensionalen Krieg kämpfen muß, sich mit Streetgangs und Syndikatsverbindungen der Fleischindustrie und nicht zuletzt mit seiner eigenen Vergangenheit in eben jenem Krieg – seinem ‚verwirrten Fleisch‘ und seiner Liebe zum ‚Feind‘ auseinandersetzen muß.

Dai-oo-ika, die verschwundene Puppe, ist darüber hinaus kein gewöhnliches Spielzeug. Er ist lebendig, ein sogenannter ‚belf‘ (bio-engineered life form). Ohne Bewußtsein, ein praktischer Haustierersatz ohne große Bedürfnisse. Punktowns Jugend ist geradezu verrückt nach dieser Art ‚Kawai‘-Puppe, wobei Kawai in der Tat das japanische Wort für süß oder niedlich ist. Doch mit süßen, niedlichen Kreaturen haben die Kawai-Puppen nichts gemeinsam. Dai-oo-ika ist eine große, graue Masse mit Stummelbeinen und Armen, winzigen Flügeln, die mehr wie Fischflossen aussehen, ohne Augen und mit schwarz-silbern geringelten Tentakeln anstelle einer Mundöffnung. In seiner ‚niedlichen‘ Häßlichkeit unterscheidet er sich zwar nicht sehr von den Kawai-Puppen der anderen Teenager – dennoch ist er anders, ein Einzelstück, welches John Fukuda eigens für seine Tochter in seiner Genfabrik herstellen ließ – anhand von gefährlichen genetischen Bauplänen mysteriösen Ursprungs. Und Dai-oo-ika ist in einer weiteren Hinsicht anders: er entwickelt ein Bewußtsein. Als er von seiner Besitzerin getrennt wird, löst dies eine katastrophale Ereigniskette aus.

Punktown revisited

Jeffrey Thomas ist ein Meister der Kleinigkeiten, ein großer Erfinder von Dingen, die es noch nicht gibt, aber von denen man jederzeit glaubt, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft existieren könnten: lebendige Bettlaken, Gesichtstattoos, auf denen sich Videoclips abspielen und natürlich der titelgebende ‚Deadstock‘, Farmtiere ohne Köpfe und Beine, ohne Bewußtsein. In Fabrikfarmen erzeugtes Fleisch für den Genuß ohne Reue.

Manche von Thomas‘ Charakteren erinnern stark an Figuren aus den japanischen Manga oder Anime in ihren Vorlieben und in der Art und Weise, wie sie dargestellt werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der Thomas Monstrositäten wie Lederjacken aus lebendiger Haut, in Genfabriken geklont, in die Welt von Punktown integriert, könnte man ebenfalls in der Beeinflussung durch Vorbilder aus der japanischen Manga-Szene vermuten. Es wird mehr als deutlich, dass sich Jeffrey Thomas Anregungen in der asiatischen Popkultur geholt hat, wenn man Begriffe wie Kawai-Puppe oder die bunten Plastikhüllen der bei Teenagern beliebten Ouija Telefone betrachtet. Die Faszination zeitgenössischer Science Fiction Literatur an der asiatischen Kultur setzt sich auch in der Welt von Punktown fort.

Allerdings findet man reichlich Einflüsse aus Literatur und populärer Kultur in Deadstock. Der offensichtlichste ist wohl der von H.P. Lovecraft und dessen Cthulhu-Mythos. Der Zyklus rund um die kosmischen ‚alten Götter‘ scheint geradezu das Fundament des Punktown Multiversums zu begründen. Das Gefühl des ‚Überlebens eines uralten Übels‘ durchzieht sehr stark die Punktown-Geschichten.

Trotz einiger kleiner Ausreißer wie unfreiwillig komischer Szenen und der simplen Nennung eigener Vorgänger-Romane als historischen Abriß der Stadt Punktown ist Jeffrey Thomas‘ „;Deadstock“; ein lesenswerter Roman. Einfallsreiche Science Fiction in einem Setting, das zum Weiterspinnen der Thomas‘schen Gedanken einlädt. Seine Sprache ist treffend, witzig und manchmal scharfsinnig, wenn ihr auch das brilliante Funkeln des Stils von William Gibson oder Neal Stephenson fehlt. Punktown hat definitiv das Potential, eine große Serie zu werden.

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