Noir von Jenny-Mai Nuyen

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2012, 384 Seiten.ISBN 3862520285.

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In Kürze:

Nino Sorokin ist dabei, als der Unfall geschieht. Seine Eltern sterben, ihm bleibt eine besondere Gabe: Er sieht den Tod eines jeden ­Menschen voraus. Auch den eigenen. Von nun an ist er besessen von der Frage, wie man das Schicksal überlisten kann. Er weiß, er wird nur 24 Jahre alt – und sein Geburtstag rückt immer näher. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Ninos Suche führt ihn zu einem geheimen Zirkel von Mentoren, die Seelen sammeln. Und er begeht den größten Frevel, den der Zirkel kennt: Er verliebt sich in eine der Seelenlosen. In die geheimnisvolle Noir, die bereits auf der Schwelle zum Jenseits steht …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Progressive Liebes- und Geistergeschichte“84

Fantasy-Rezension von Eva Bergschneider

„Noir“ ist der bereits siebte Roman, den die 24 Jahre junge Jenny-Mai Nuyen veröffentlicht. Doch während die Autorin bisher in klassischen Fantasy-Welten zuhause war, nimmt sie ihre Leser nun mit nach Berlin. Und von dort aus mit in eine Welt, in der die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits verschwimmen.

Suche Mitreisende ins Jenseits und zurück

Nino sieht den Tod seiner Mitmenschen voraus, zumindest von Einigen. Er braucht sie nur kurz anzusehen und weiß, wie lange sie noch leben, manchmal auch, woran sie sterben werden. Er selbst wird 24 Jahre alt werden, aber seinen genauen Todeszeitpunkt kennt er nicht, auch nicht die Umstände seines Ablebens. Er fiebert seinem 24. Geburtstag entgegen und sucht verzweifelt nach Methoden, an genauere Informationen zu kommen.

Auf einer illegalen Party in einer alten Fabrik in Berlin trifft er eine Gruppe, die Gläser über ein Ouija-Brett rückt und mit Toten kommuniziert. Ein seltsamer Araber leitet die Runde, offensichtlich ein Betrüger, begleitet wird er von einem unkörperlich wirkenden Mädchen, das die anderen Leute nicht wahrnehmen. Von Freunden lässt sich Nino zu einer weiteren Runde Gläserrücken überreden und – erfährt sehr viel mehr, als er wissen wollte.

Im „Jetzt“ flüchten das Mädchen Noir und Nino nach Paris. Sie lieben sich, benebeln sich mit Drogen, erschießen drei Menschen. Ist es eine Reise ohne Wiederkehr? Für ihn? Für sie? Oder für beide?

Noir-Thriller und Todesmythos

Eine Warnung vorab, keineswegs vor dem Buch selbst, sondern vor möglicherweise falschen Erwartungen an „Noir“. Denn auch das ist der Sinn einer Rezension, darzulegen, für wen das zu besprechende Buch geeignet ist und für wen nicht.

Jenny-Mai Nuyen hat bisher Fantasy, eher im Jugendbuch-Format geschrieben, nun jedoch eine komplette thematische Kehrtwende vorgenommen. „Noir“ ist weder der klassischen Fantasy noch dem Jugendbuch zuzuordnen. Wer also von ihrem Debüt-Roman „Nijura“ oder den nachfolgenden Fantasy-Romanen begeistert war, darf auch hier zuschlagen, sollte aber auf eine inhaltliche und formale Neuorientierung gefasst sein. Wer eine stringent aufgebaute Handlung erwartet, sollte ebenfalls offen für Veränderungen sein und sich auf eine ungewöhnliche Storyführung einlassen können.

Erzählt wird die Geschichte überwiegend in zwei Handlungsebenen. In chronologisch nummerierten Kapiteln verfolgen wir, aus übergeordneter Perspektive erzählt, Ninos Leben. Seine Arbeit in einem Fachgeschäft für Künstlerbedarf, seinen Alltag mit seiner älteren Schwester Katjuscha, seine Suche nach Antworten auf die Frage „Kann ich meinem baldigen Tod ein Schnippchen schlagen?“

Die zweite Handlungsebene ist jeweils mit „Jetzt“ betitelt und schildert die Ereignisse als inneren Monolog. Ein Paar hat in einem Hotelzimmer jemanden erschossen und befindet sich auf der Flucht. Ihre Beziehung zueinander wirkt befremdlich, innig und seltsam gezwungen zugleich. Die Handlung gleitet ins Unreale, denn die Grenzen zwischen Realität zu Erinnerung und Traum fließen ohne erkennbare Einschnitte ineinander. Was nicht immer einfach zu lesen ist. Ähnlich wie die Zukunftsbilder in dem Film „Minority Report“ (nach der Kurzgeschichte von Philip K. Dick) erschließt sich dem Leser erst zum Schluss, wie sich diese Sequenzen in das Gesamtbild fügen.

Überhaupt ist die Handlung – so abgefahren sie auch ist – nicht das, was Buch besonders macht. Was nicht heißen soll, dass sie nicht interessant und spannend wäre. Allein die Idee, einen Hauptprotagonisten zu erschaffen, der weiß, dass er nicht älter als 24 Jahre werden wird, ist originell. Jenny-Mai Nuyen beschreibt anschaulich, wie dieses Wissen Ninos Leben determiniert. Warum er einen Selbstmordversuch begeht, sich aber nicht umbringen, sondern nur demonstrieren will, dass er eben zu dem Zeitpunkt nicht sterben wird. Wie er den Kontakt zu zweifelhaften spirituellen Gruppen sucht und feststellt, dass es sich um Schwindler handelt.

„Ich würde Satan nicht nach den Lottozahlen fragen, falls jemand das vorhatte. Trotzdem viel Spaß noch.“ [S. 35]

Und warum er sich dennoch mit Monsieur Samedi einlässt. Zunächst ganz bodenständig verliebt er sich in das Mädchen Noir und versucht sie zum Frühstück einzuladen. So wirkt Nino einerseits wie ein umtriebiger Typ, der hartnäckig sein Ziel verfolgt. Andererseits wie ein Träumer, dessen Seele einem Pfad ins Jenseits folgt.

„Wir sterben. Die ganze Zeit. Du weißt es, weil Du die Gabe besitzt, den Tod zu sehen.“ [S. 43]

Was den Roman „Noir“ besonders macht, den Leser emotional mitreißt, Verwirrung stiftet, abstößt und dennoch einen Sog erzeugt, das ist die kunstfertige und reife „Schreibe“ der Autorin. Ihre bildgewaltigen Metaphern und plakativen Beschreibungen wären überzogen zu nennen, wenn sie nicht eine so einmalig passende, schrill düstere Atmosphäre malen würden. Die Autorin beherrscht eine stilistische Variabilität, wie man sie selten liest, brutal hart und poetisch verspielt, von depressiv bis obsessiv oder mit Anflügen von Sarkasmus und Humor. Es wirkt zudem, als wenn ihr der Schauplatz selbst, Berlin, die Geschichte eingeflüstert hätte, denn kein Ort könnte passender dafür sein. Eine Geschichte, in der es um Tod und Vergänglichkeit, um die Frage „Was kommt danach?“ geht, in einem Milieu des Verfalls und der Veränderung. Eine perfekte Kulisse, die jeder vor Augen hat, der Berlin einmal abseits der Sehenswürdigkeiten betrachtet hat:

„Sie befanden sich in einer engen Straße, deren Häuser unbewohnt wirkten. Hier und da waren eingeschlagene oder zugenagelte Fenster, von den Fassaden blätterte die Farbe. Selbst die Graffitis sahen veraltet aus, Botschaften der Wut aus einer lange vergessenen Zeit.“ [S. 314]

Und so nimmt uns die Autorin mit auf eine bizarre Reise durch Ninos Leben und Sterben, reißt uns aus dem realen Großstadtsumpf Berlins heraus an das Flussufer des Styx. Zum Ende sagt man an dieser Stelle am besten nur so viel: Wundern Sie sich nicht, wenn Sie nach Beendigung der Lektüre von „Noir“ die Seiten wieder zurück blättern. Das ist so gewollt.

(Eva Bergschneider, September 2012)

Ihre Meinung zu »Jenny-Mai Nuyen: Noir«

Kleeblatt Monika zu »Jenny-Mai Nuyen: Noir«13.02.2015
Nachdem bei einem Unfall seine Eltern ums Leben kamen, besitzt Nino Sorokin eine besondere Gabe. Er kann den Tod von Menschen vorhersehen, so auch seinen eigenen. Er weiß, dass er mit 24 Jahren sterben wird und versucht schon seit langer Zeit, diesem Schicksal zu entgehen.
So trifft er eines Tages in einem Club auf Monsieur Sambedi, der dort Séancen durchführt. Er ist einer aus dem Zirkel von Mentoren, die Seelen sammeln. Schnell erkennt dieser die Begabung von Nino und versucht ihm weiszumachen, dass er ihm behilflich sein kann, den Tod zu überlisten.
Die Mentoren besitzen Geister und ein Geist von Sambedi ist Noir, die nur von Sambedi und Nino gesehen werden kann. Nino verliebt sich in Noir, die von Sambedi abhängig ist.
Nino und Noir flüchten und plötzlich haben sie nicht nur Sambedi am Hacken, der sie verfolgt ...

Die Geschichte wird aus der Sicht des Protagonisten Nino erzählt, beginnend mit dem Autounfall, bei dem seine Eltern starben und er 5 Jahre als ist.
Nach dieser Episode beginnt die eigentliche Erzählung kurz vor Vollendung seines 24. Geburtstages, der ihm durch seine Gabe als sein letzter bewusst wird.
Zwischen den einzelnen Kapiteln sind Episoden eingeblendet, die sich im JETZT abspielen, auf die sich die Geschichte hinbewegt, bis sie übergangslos im Jetzt angekommen ist (schwer zu erklären). Warum die Autorin diese Kapitel eingefügt hatte, hat sich mir leider nicht erschlossen, zumal sie ja im Lauf der Erzählung noch einmal vorkamen.

Der Autorin ist es nicht gelungen, dass ich Sympathie für die Protagonisten empfinden konnte. Sie wirkten auf mich farblos und blass. Hintergrundwissen, sowohl über die Protagonisten wie auch über die Zusammenhänge, was die Mentoren angeht, fehlen völlig.
In der Mitte des Buches hatte ich des Öfteren das Gefühl, am Text vorbei zu lesen, ohne mir klar werden zu können, was man mir eigentlich sagen wollte.

Was mich in dem Buch penetrant gestört hat, war der unverhältmäßig hohe Konsum an Drogen. Es gab ja so gut wie keine Handlung, die ohne Drogen auskam. Dafür, dass das Buch als Jugendbuch deklariert wird, finde ich es als zuviel.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, wenn auch manchmal für mich inhaltlich unverständlich gewesen.
Wirkliche Spannung kam nicht auf, trotzdem war das Buch so geschrieben, dass ich an der Stange gehalten wurde, dass ich letztendlich wissen wollte, wie es ausgeht.
Das Ende hat mich leider auch nicht wirklich schlauer gemacht.
Schade, die Story an sich scheint Potenzial zu haben, nur mich hat die Umsetzung nicht wirklich überzeugt.
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