Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos von Jim Turner (Hg.)

Buchvorstellungund Rezension

Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos von Jim Turner (Hg.)

Originalausgabe erschienen 2004deutsche Ausgabe erstmals 2004, 748 Seiten.ISBN 3-404-15081-3.

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In Kürze:

18 Autoren interpretieren den Cthulhu-Zyklus von H. P. Lovecraft (1890-1937): Kosmische ´Götter’ missbrauchen die Erde als Spielball rätselhafter Machtkämpfe, welche Tod & Verderben über jene Menschen bringen, die ihnen auf die Schliche kommen. Die Autoren interpretieren den Mythos auf ihre Weise und teilweise sehr frei. Weil dies oft gelingt oder wenigstens frischen Wind ins fischige Cthulhuversum bringt, bietet sich ein Fest für die Freunde des klassischen Horrors.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Das ewige Leben als ewiger Albtraum“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

18 Autoren interpretieren den Cthulhu-Zyklus von H. P. Lovecraft (1890-1937):

James Turner: Cthulhu 2000: Vorwort zur vorliegenden Sammlung

  • F. Paul Wilson: Die Pine Barrens (The Barrens, 1990), S. 23-104: In einem abgelegenen Winkel des US-Staates New Jersey findet ein Privatforscher einen „Nexus“, der diese Erde mit einer anderen, ebenso faszinierenden wie furchtbaren Welt verbindet.
  • Lawrence WattEvans: Pickmans Modem (Pickman’s Modem, 1992), S. 105-116: Ein unbedarfter Chatroom-Schwätzer entwickelt sich dank eines Modems, das eine Hotline zu einem höllischen Server schaltet, kurzfristig zum Star seiner Szene.
  • Basil Copper: Schacht Nr. 247 (Shaft Number 247, 1980), S. 117-158: Nach einer weltweiten Katastrophe haust die Menschheit in trostlosen Basen tief unter dem Meer, bis eine übernatürliche Macht mit einer Rückkehr zum Leben unter heller Sonne lockt.
  • Poppy Z. Brite: Sein Mund wird nach Wermut schmecken (His Mouth Will Taste of Wormword, 1990), S. 159-178: Zwei dekadente Südstaaten-Gentlemen frönen ihren abseitigen Gelüsten als Grabräuber; im Sarg eines Voodoo-Hexenmeisters finden sie mehr als den Schlüssel zu jenem Nervenkitzel, den sie ersehnen.
  • Fred Chappell: Die Viper (The Adder, 1989), S. 179-208: Das „Necronomicon“, jenes böse Zauberbuch des Abdul Alhazred, kündet nicht nur von kosmischem Schrecken, sondern verbreitet ihn auf heimtückische Weise selbst.
  • Michael Shea: Speckbacke (Fat Face, 1987), S. 209-252: Eine allzu naive Hollywood-Nutte gerät auf der Suche nach einer kleinen Ablenkung von ihrem trostlosen Dasein an einen großen Fürsten der Schoggothen.
  • Kim Newman: Der große Fisch (The Big Fish, 1993), S. 253-304: Privatdetektiv Philip Marlow fahndet nach einem verschwundenen Vater und seinem Söhnchen, die er im Kreise froschköpfiger Cthulhu-Anhänger findet.
  • Joanna Russ: „Ich muss sie unwillkürlich abgerissen und eingesteckt haben …aber bei Gott, Eliot, es war eine Blitzlichtaufnahme nach dem Leben!“ („I Had Vacantly Crumpled It into My Pocket …But by God, Eliot, It Was a Photograph from Life!“, 1964), S. 305-320: Ein einsamer Sonderling erschafft sich die Dame seines Herzens buchstäblich selbst, aber er lässt sich dabei zu stark von seinem Idol H. P. Lovecraft inspirieren.
  • Gahan Wilson: H. P. L (H. P. L., 1990), S. 321-376: Lovecraft lebt und ist steinreich, was er der Entdeckung verdankt, dass es die von ihm geschaffenen ´Götter’ tatsächlich gibt; deren Unterstützung hat allerdings ihren Preis.
  • Bruce Sterling: Das Undenkbare (The Unthinkable, 1991), S. 377-388: In einer parallelen Gegenwart gehören die „Großen Alten“ zum menschlichen Alltagsleben.
  • T. E. D. Klein: Ein Schwarzer mit einem Horn (Black Man with a Horn, 1980), S. 389-452: Ein Schriftsteller lernt einen Missionar kennen, der von einer abscheulichen Kreaturen gejagt wird; auch der Autor gerät auf ihre Liste.
  • Esther M. Friesner: Die Liebe uralt’ Götterblut (Love’s Eldritch Ichor, 1990), S. 453-492: Cthulhu und seine schaurigen Gefährten helfen einem jungen Liebespaar.
  • Thomas Ligotti: Das letzte Harlekin-Fest (The Last Feast of Harlequin, 1990), S. 493-552: Hinter dem seltsamen Volksfest verbirgt sich ein Anlass, den der neugierige Forscher besser nicht offengelegt hätte.
  • James P. Blaylock: Der Schatten auf der Schwelle (The Shadow on the Doorstep, 1986), S. 553-570: Dreimal hat ihn der Zufall etwas Unglaubliches erahnen lassen; nun naht der Moment der Gewissheit.
  • Gene Wolfe: Herr des Landes (Lord of the Land, 1990), S. 571-596: Ein uraltes Wesen mit parasitischen Angewohnheiten treibt in der US-amerikanischen Provinz sein Unwesen.
  • Ramsey Campbell: Pine Dunes und seine Gesichter (The Faces at Pine Dunes, 1980), S. 597-646: Ein junger Mann erkennt die Wahrheit über seine Eltern sowie das Geheimnis einer sehr speziellen Herkunft.
  • Harlan Ellison: Auf der Marmorplatte (On the Slab, 1981), S. 647-662: Der Fund eines urzeitlichen Giganten eröffnet einen alternativen Blick auf die menschliche Evolution.
  • Roger Zelazny: 24 Ansichten des Fujiyama, von Hokusai (24 Views of Mt. Fuji, by Hokusai, 1985), S. 663-748: Eine sterbende Frau zieht durch Japan, während sie dämonische Attacken aus dem Cyberspace abwehrt.

Faszination & Schrecken des Unbekannten

„Wie eine Leuchtbake durchstrahlt eine unnachahmliche kosmische Vision Lovecrafts Werk; der moderne Mythos-Pastiche hingegen ist einfach nur eine banale moderne Horror-Story, die von dem unvermeidlichen ´Necronomicon'-Zitat eingeleitet wird und in die wahllos monströse Gottheiten, triefende Tentakel und allerlei Abscheulichkeiten aus alter Zeit eingestreut werden; abgerundet wird das erbärmliche Gemansche mit einem Chor von hebeprenisch ´Iä! Iä!' singenden Fröschen.“ (S. 18)

In einem einzigen, zugegeben langen Satz hat Jim Turner (1945-1999), Herausgeber dieses Sammelbandes, den Finger in eine Wunde gelegt, die auch nach 1995 – in diesem Jahr erschien Spur der Schatten erstmals – keineswegs zu schwären aufgehörte. Turners Worte sollten sich (auch oder sogar vor allem hierzulande) jene zu Herzen nehmen, die weiterhin kopieren und nachäffen, was ursprünglich eine ganz andere Qualität und Dimension erreichte.

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und sein Werk haben im Laufe der Jahrzehnte mehrere Interpretationszyklen durchlaufen. Turner geht bis zur Quelle zurück und erinnert an die Arbeit eines Schriftstellers, der vor allem in den 1930er Jahren keine Horror-Geschichten mehr schrieb, sondern sich an einer Schöpfungsgeschichte versuchte, die – phantastisch verbrämt – moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Bemühen verband, das wahrhaft Fremde, wie es den Kosmos prägt, in Worte zu fassen.

Faktisch steht der späte Lovecraft der Science Fiction näher als dem Horror. Cthulhu und seine Brut hausen nicht im Jenseits, sondern bevölkern Raum und Zeit eines Universums, das in seiner Vielschichtigkeit den menschlichen Verstand überfordert. In diesem Punkt muss man Lovecraft heute sogar stärker als zu seiner Zeit zustimmen. Die moderne Wissenschaft hat viele Fragen beantwortet aber dabei neue aufgeworfen. Womöglich würde Lovecraft den Großen Alten Cthuga heute nicht mehr im Stern Korvaz, sondern im Inneren eines Schwarzen Lochs gefangen setzen.

Lovecraft neu interpretieren

Für Turner steht fest, dass die meisten Epigonen zu dumm oder zu faul waren (und sind), Lovecraft wirklich zu verstehen. Stattdessen bedienen sie sich ´typischer’ Versatzstücke und arrangierten sie zu nur scheinbar neuen Schreckensbildern. Schon einmal hatte Turner moderne Autoren gesucht und gefunden, die Lovecrafts Vision übernahmen UND selbstständig weiterentwickelten. Daraus entstand 1990 die voluminöse Sammlung „Tales of the Cthulhu Mythos“ (dt. „Hüter der Schatten“). Solchen Geschichten wollte Turner erneut eine Plattform bieten.

Dass dabei die Verbindung zu Lovecraft zum Teil straff gespannt oder sogar auf das spielerische Zitat beschränkt wurde, störte Turner nicht. Sein Interesse galt dem frischen Wind, der den Mythos spannend anfachte. In dieser Kollektion entfernt sich Roger Zelazny (1937-1995) besonders weit vom Ursprung. Cthulhu und seine Schergen werden erwähnt, ohne für die eigentliche Handlung von Belang zu sein.

Harlan Ellison (*1934) greift auf Lovecrafts Vorstellung einer Erdgeschichte zurück, nach der vor dem Menschen andere Kulturen (nicht nur) diesen Planeten bevölkerten. Die Erinnerung ist verschwunden, manches Relikt geblieben. Stößt der ahnungslose Jetztzeit-Mensch darauf, entfesselt er in der Regel uralte, nicht verstandene und lebensbedrohliche Kräfte. Bei Ellison sind es nicht Cthulhu & Co., die sich aus der Vergangenheit melden, sondern die Götter der griechischen Antike und hier Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und dafür von Göttervater Zeus grausam bestraft wurde.

Die Vergangenheit ist nicht zwangsläufig der Schoß für Böses. Gene Wolfes (*1931) Kreatur ist nicht Vorbote einer Invasion, sondern ein verlorenes, versprengtes Fossil, dessen Zeit abgelaufen ist und das ohne Plan tötet, weil es einfach überleben will.

Die Sicht des Meisters teilen

An einer maßvoll modernisierten Wiederbelebung des alten Lovecraft-Szenarios vom allzu neugierigen Forscher, der mehr erfährt, als er wissen wollte oder verkraften kann, versucht sich F. Paul Wilson (*1946). Der Verfasser ist durch seine Romane um „Handyman Jack“ bekannt geworden, der sich ebenfalls in einer Welt sieht, die mit dem Übernatürlichen in Kontakt steht. Wilsons Story fesselt nicht durch originelle Ideen, sondern durch die gelungene Umsetzung. Die Pine Barrens – eine Art weißer Fleck auf der Landkarte der USA – bilden eine eindrucksvolle, von Wilson trügerisch friedlich in Szene gesetzte Kulisse. Das Grauen entwickelt sich stimmungsvoll und endet in einem turbulenten Finale, dem sich ein typisch lovecraftscher Epilog anschließt: Cthulhu lässt nicht mehr locker, hat er dich erst einmal am Schlafittchen.

Thomas Ligotti (*1953) und John Ramsey Campbell (*1946) greifen ein weiteres Lovecraft-Motiv auf: Der Erzähler gerät auf die Spur einer Parallelgesellschaft. Er folgt ihren Mitgliedern unter großen Gefahren an jenen Ort, der in der Regel von Cthulhu selbst heimgesucht wird – und muss erkennen, dass er selbst zu den Fremden gehört: Nicht seine Neugier, sondern eine genetische Prägung hat ihn herbeigelockt. Diesen Erkenntnisprozess schildern Ligotti und Campbell wesentlich eleganter als der im Zwischenmenschlichen ein wenig ungelenke Lovecraft.

Theodore Evan Donald Klein (*1947), Gahan Wilson (*1930) und James Paul Blaylock (*1950) versuchen Hommagen an H. P. Lovecraft, den Wilson sogar persönlich auftreten lässt. Diesen drei Autoren geht es weniger um eine schlüssige, zielgerichtete Handlung, die vor allem Klein (zu) stark vernachlässigt. Er und Blaylock wollen eine Atmosphäre der Bedrohung beschwören, ohne diese mit dem Erscheinen des Schreckens aufzulösen. Zumindest in dieser Beziehung sind sie erfolgreich. Wilson stellt sich die Frage, ob Lovecraft in einer vernetzten Gegenwart  seine Nische fände. Leider konzentriert er sich auf die überlieferten Manierismen des „Einsiedlers von Providence“, der seinen Reichtum nutzt, um seine Heimatstadt wie Michael Jackson selig in ein Nimmerland zu verwandeln (und schließlich in Cthulhus Götterhimmel auffährt).

Lawrence WattEvans (*1954) leistet sich in „Pickmans Modem“ einen kleinen Gruselspaß mit durchaus ernstem Hintergrund: Wieso sollte Cthulhu, der doch so scharf darauf ist, die Menschenwelt zu unterjochen, heutzutage auf die Möglichkeiten der modernen Technik verzichten? Der Name des unglücklichen Modem-Käufers ist übrigens eine Anspielung auf die berühmte Lovecraft-Story „Pickman’s Modell“ (1926), die in dieser Sammlung auch von Joanna Russ (1937-2011) aufgegriffen wird. Sie zitiert den klassischen Schlusssatz der genannten Story, löst sich jedoch vom ´personifizierten’ bzw. ´realen’ Cthulhu-Grusel und beschreibt ein Grauen, das Ausfluss eines Menschenhirns ist und dadurch umso nachdrücklicher wirkt.

Über das Ziel hinausgeschossen

Fred Chappell (*1936) greift sich ein berühmtes Element des Cthulhu-Mythos’ heraus. Das „Al Azif“ oder „Necronomicon“ ist in der phantastischen Literatur so legendär geworden, dass mancher Gruselfreund es für real hält. Falls dem so ist, meint Chappell richtig, kann seine Macht nicht nur auf seinem Inhalt beruhen. Das Buch muss mit dem Bösen durchtränkt sein und ein Eigenleben entwickelt haben, um sich selbst schützen zu können. Die Idee leidet indes durch Chappells unseligen Einfall, das Finale durch einen ´überraschenden', indes viel zu oft erlebten Schlussgag zu krönen.

Poppy Z. Brite (*1967) erweist dem Meister direkt ihre Reverenz: „Sein Mund wird nach Wermut schmecken“ ist eine fast unveränderte Nacherzählung der frühen Story „Der Hund“ („The Hound“) von 1924, die Brite-typisch, d. h. pseudo-provokant um jene sexuelle Komponente modernisiert wurde, die Lovecraft zu seiner Zeit meiden musste (und wollte).

Basil Copper (1924-2013) galt als Meister der unheimlichen Literatur. Ansonsten war er eher fleißig als fähig. Dem Cthulhu-Mythos hatte Copper 1974 mit „The Great White Space“ (dt. „Die Eishölle“) seine Reverenz in Romanlänge erwiesen. Hier kehrt er eine für den Mythos typische Prämisse (Cthulhu lockt seine Anhänger ins Meer) um. Zwar funktioniert die Idee, doch sie gibt wenig Sinn, zumal Coppers Militärdiktatur unter den Meereswogen ein wenig zu nahe am Trash der „Pulp“-Ära ist.

Zu den wenigen echten Ausfällen dieses Bandes gehört Michael Sheas (1946-2014) „Speckbacke“. Allzu lange weiß sich der Autor nicht zu entscheiden: Möchte er uns den tristen Arbeitsalltag einer gescheiterten Existenz in der oft geschmähten Filmstadt Hollywood verstellen? Auf den letzten Seiten reißt Shea das Steuer herum und treibt sein Unglückskind mehr schlecht als recht in die Fänge einer dämonischen Macht, die ihr Opfer auf allzu bekannte Weise entsorgt.

Auch Kim Newman (*1959), der Schöpfer der genialen „Anno Dracula“-Trilogie, weiß kaum zu überzeugen. Während die Story selbst Newman-typisch akkurat ins Lovecraft-Werk eingefügt ist, passen die sarkastischen Schnüffler-Sprüche gar nicht ins eher gruselsteife Cthulhu-Universum. Wirklich übel ist dem Verfasser allerdings das abrupte, die Handlung hilflos versandende Finale misslungen.

Esther M. Friesner (*1951) will witzig sein, beweist aber höchstens, dass entweder sie oder Cthulhu nur bedingt humortauglich sind. Ihre Story entstand für das Programmheft der „World Fantasy Convention 1990“. Autorenkollegen mögen Friesners Anspielungen und Insider-Gags aus dem Verlagswesen entschlüsseln und für komisch halten. Objektiv sind ihre Scherze platt bis peinlich.

Glücklicherweise ist es Roger Zelazny, der mit einer eindrucksvollen Novelle diese Sammlung beschließt. Sein Beitrag stimmt versöhnlich und bestätigt letztlich, dass Turner abermals eine überdurchschnittliche Kollektion vorgelegt hat. Nicht jede Story lässt den Funken überspringen, was in der Natur solcher Sammelbände liegt. Das ändert nichts daran, dass Spur der Schatten wie Hüter der Schatten in das Regal jedes Gruselfreundes gehören. (eBook-Ausgaben gibt es nicht.)

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