Der ewige Krieg von Joe Haldeman

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 1975unter dem Titel „The Forever War“,deutsche Ausgabe erstmals 1977, 330 Seiten.ISBN 3-453-16414-8.Übersetzung ins Deutsche von Walter Brumm.

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In Kürze:

Krieg. In gigantischen Raumschiffen werden die Soldaten mit Lichtgeschwindigkeit von einem Gefecht zu anderen befördert. Doch während es für sie immer nur einige Monate dauert, vergehen auf der Erde Jahrhunderte. Einer der bedeutendsten Antikriegsromane, die je geschrieben wurden.

Das meint Phantastik-Couch.de: „Logbuch einer kosmischen Kriegsmaschine“91

Science-Fiction-Rezension von Thomas Nussbaumer

William Mandella, studierter Journalist und heimlicher Pazifist, hätte sich nie träumen lassen, dass er dereinst mehr als tausend Erdenjahre und ein paar gute subjektive Jahre seines Lebens einem ausufernden Krieg gegen eine außerirdische Spezies opfern würde. Doch die Zukunftsaussichten des jungen Mandella sind düster: Auf der Erde herrscht Überbevölkerung, Arbeit gibt es auch keine und da lockt gerade die Armee mit Zuckerbrot und Peitsche. Kriegsdienst gegen fürstlichen Sold, wer würde sich die Option nicht zumindest durch den Kopf gehen lassen? William verpflichtet sich für zwei Jahre, mit dem Hintergedanken, dem Teufel zwar seinen Körper, aber nicht seine Seele zu verkaufen. Er bewahrt sich die Hoffnung, danach finanziell genügend vorgesorgt zu haben um an seine ursprünglichen Berufsambitionen anzuknüpfen. Aber daraus wird nichts, der Krieg im Weltraum verdient bedingungslose Hingabe ans Werk der Vernichtung. Dabei weiß man zu Beginn noch kaum etwas über den Gegner. Nur dass dieser ohne vorangehende Provokation und wie aus dem Nichts auftauchte und terranische Kolonistenschiffe zerstörte, die in neue Heimaten aufbrachen.

Es droht ein zermürbender Stellungskrieg im All, bei dem es um die Vormacht auf strategisch wichtigen Planeten geht, die sich wiederum in unmittelbarer Nähe von Kollapsaren/Schwarzen Löchern befinden. Diese ermöglichen erst das Reisen durch den interstellaren Raum, weil sie schlicht Abkürzungen in Gebiete bedeuten, die man sonst in Jahrzehnten nie erreichen würde.

Die militärische Elite wird aus (in erster Linie amerikanischen) Collegeabgängern gebildet, die im Dienst der terranischen Staatenunion ins Feld ziehen. Kein Zuckerschleck ist schon die Rekrutierung: Auf Charon, einem Trabanten des (mittlerweile aus dem Sonnensystem exkommunizierten) Pluto fordert das Training unter ´lockeren´ Bedingungen gleich mehrere Tote. Aber wer den Umgang mit dem ´Kampfanzug´ nicht schnell zu beherrschen lernt, hat wenig Überlebenschancen. Der Anzug vermag menschliche Muskelkraft zu potenzieren und es braucht einiges an Fingerspitzengefühl, dass man nicht mit Brachialgewalt die Schutzschicht des eigenen Anzuges verletzt. Andernfalls darf man sich auf dem frostigen Gesteinsbrocken bald als Tiefkühlfleisch wähnen.

´Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor´

Dieses Zitat des spätantiken Theoretikers Vegetius stammt zwar nicht aus dem Buch, scheint mir aber gut zum Grundgedanken von Haldemans Roman zu passen. Krieg ist seit jeher nicht nur das Versiegen von Menschlichkeit und Diplomatie, er ist eine Maschine, die den Gang der Welt gewährleistet. Kriege stützen ganze Wirtschaftssysteme auf längere Zeit hinaus und sorgen für ´Zusammenhalt´ der Bevölkerung. Haldemans Krieg zieht zuletzt so weite Kreise, dass selbst die höheren Ränge und Strickezieher nicht mehr dessen Dimensionen abschätzen können. Der Einzelne hat überhaupt keinen Einfluss auf den Verlauf der Gefechte, und um die ganzen Gräueltaten zu rechtfertigen, ergibt man sich nur zu gerne dem Propaganda-Blabla aus den eigenen Reihen.

Bei den ´Simultansprüngen´ sind dem menschlichen Körper wegen der hohen Druckbelastung von mehreren G enge Grenzen gesetzt. Dafür haben die Ingenieure spezielle Schalen entwickelt, in die sich die Soldaten während der Sprünge begeben. Wenn es in der SF-Serie „Star Trek“ auf die Schnelle ein bisschen blitzt und Kirk, Spock und Konsorten ein Blinzeln später in einer entfernten Galaxis auftauchen, bedeutet die Fortbewegung in „Der ewige Krieg“ im Gegenzug eine echte Herausforderung. Funktioniert die robuste und dennoch sensible Technik nicht hundertprozentig, lassen Beschleunigung und Bremsvorgang menschliche Körper wie Melonen zerplatzen. Doch Verluste wurden von Beginn an eingerechnet.

Faszinierend ist der Gedanke, dass die Soldaten nicht direkt Einfluss auf die Gefechte im interstellaren Raum nehmen. Die Steuerung der Waffensysteme bei solchen Kämpfen übernimmt der Computer und der Mensch liefert sich auf gut Glück dem Erfolg von Dronen und Lenkwaffen aus. Das Geschehen ist in dieser Hinsicht sehr aktionsarm. Aber nicht so die Scharmützel am Boden: Bei seinem zweiten Einsatz auf einem strategisch günstig gelegenen Planeten, erfährt Mandella, was es heißt, mit einer Waffe nicht nur auf Dummies zu zielen, sondern lebende Kreaturen zu töten. Doch die Taurier (benannt nach ihrer vermuteten Heimat im Sternbild Stier) lassen in Sachen Grausamkeit ebenfalls nichts anbrennen.

Während Mandellas Dienstzeit, die subjektiv nur ein paar Jahre beansprucht, vergehen auf der Erde durch die Zeitsprünge mehrere hundert Jahre. Wobei er eine Karriere vom Soldaten zum Offizier bis zuletzt zum Kriegshelden durchmacht. Auf einem Raumschiff lernt er Marygay kennen, die er liebt und mit der er nach seiner Dienstzeit zusammenleben möchte. Doch die unbeugsamen Einsatzpläne entzweien die beiden wieder und es scheint wahrscheinlich, dass sie sich nie mehr begegnen. Nur ein einziger Zeitsprung könnte hundert Jahre zwischen beide bringen.

Vietnam im All?

Mandellas Heimat, die Erde, ist während seines Einsatzes weiter dem Wandel unterworfen. Erstaunlicherweise ist das Weltbevölkerungsproblem bald keines mehr. Man bekommt die Geburtenrate in den Griff, indem alle Menschen schlicht zu Homosexuellen ´umgepolt´ werden. Was witzig klingen mag, wirkt innerhalb der Story durchaus glaubwürdig, wenn auch Haldeman seine Ideen gerne mit einem Augenzwinkern vermittelt.

Seinen Stil könnte man als trocken bis ironisch charakterisieren und er ist von einem jovialen Ton, der gut mit der durchdisziplinierten Welt des Militärs korrespondiert. Aber der Roman ist an keiner Stelle simple Kriegsberichterstattung, sondern eine durchwegs intelligente Dystopie. Haldeman hat es sich zur Aufgabe gemacht, den militärischen Alltag des Ich-Erzählers und Protagonisten detailgetreu darzulegen. Interessant auch, dass zukünftige Kampftruppen gemischtgeschlechtlich sind. Sex gehört zum Konzept und egal, wer mit wem ins Bett steigt, solange es die Truppenmoral stützt und die Arbeit nicht darunter leidet, dient es nur dem Ganzen.

Ben Bova merkt in seinem Vorwort an, dass der Roman in den Siebzigerjahren erstmals als einzelne Kapitel in einem renommierten SF-Magazin erschien und dass er eine Welle der Entrüstung auslöste. Tatsächlich ist Sex im Militär bis heute ein Tabu. Im Roman untersteht jeder Soldat einem ´Einsatzplan´, bei dem Sex zu den Dienstpflichten dazugehört. Das sorgt in den beengenden räumlichen Verhältnissen eines Raumkreuzers für Spannungsabbau. Eine Fiktion, die natürlich auf den Manifesten der sexuellen Revolution in den späten Sechzigerjahren beruht und konsequent daraus entwickelt wurde. Haldeman war auch einer der ersten Autoren, der das Thema Vietnam literarisch aufarbeitete, wenn auch nur ´indirekt´ als SF-Roman. Erst Jahre später sprang die amerikanische Unterhaltungsindustrie im großen Stil auf die Schiene des Antikriegsdramas auf. Trotzdem hat Haldeman seine Erfahrungen, die er selber als Soldat in Vietnam gemacht hat, so subtil in die Story einfließen lassen, dass die Querverweise für den heutigen Leser nicht mehr offensichtlich sind.

Kammerspiel mit Intermezzo

Den Großteil der Handlung könnte man als Kammerspiel im Weltraum bezeichnen, nur ein einziges Intermezzo zeigt uns die von der Bevölkerungsexplosion, Hungersnöten und Nahrungsengpässen gebeutelte Erde. Die Regierungen haben drastische Massnahmen durchgesetzt und bestimmen über Nahrungsmittelrationen, den Stellenmarkt und somit auch über Kriminalität, Grau- und Schwarzhandel. Manche Aussteiger und Stadtflüchtige führen auf dem Land ein Leben als Selbstversorger. Auch hier winken als Inspirationsquelle die Kommunen der 68er. Allerdings wirken einige dieser Szenarien eher komisch und ich hätte mir den Roman auch ohne diesen Zwischenstopp auf der Erde denken können. Im Vorwort ist nachzulesen, dass vor der Veröffentlichung gerade diese Szenen ein Verhandlungspunkt zwischen dem Autor und seinem Verleger waren.

„Der ewige Krieg“ darf dank seiner stringenten Erzählweise, dem leisen Augenzwinkern und die im Hinblick auf futuristische Technologie aufwändig gestalteten Szenen als ein Meisterwerk der Military-SF gelten. Auch Leser, die nur wenige Berührungspunkte zum Thema Vietnam haben, werden diese Geschichte als universelle Parabel auf die Sinnlosigkeit des Krieges lesen können. Dabei auf terminologisch hohem Niveau noch so spielerisch leicht unterhalten zu werden, ist eine weitere Einladung zu dieser kurzweiligen Lektüre.

(Thomas Nussbaumer, August 2012)

Ihre Meinung zu »Joe Haldeman: Der ewige Krieg«

Michael Zöllner zu »Joe Haldeman: Der ewige Krieg«23.10.2016
Was diesen Roman auszeichnet ist seine Perspektive! Der Ich Erzähler ist kein Schicksalsentscheider für die ganze Menschheit sondern erlebt die Zukunft der Menschheit mit. Sein Überlebenskampf ist sein persönlicher Kampf und ist exemplarisch für die Menschheit zu verstehen!

Oder besser für die paar wirklichen Teilnehmer an einem Kosmischen Konflikt! Was er über die Geschichte der Menschheit berichtet ist interessant und wirklich Soziofiktion im Stil der sechziger und siebziger Jahre!

Es wird geradlinig erzählt und doch abwechslungsreich. Eine große innere Logik schaft Vertrauen zur Handlung! Und selbst die fiktive Wissenschaft ist um Glaubwürdigkeit bemüht!

Lesenswert und interessa´nt!
geronimo zu »Joe Haldeman: Der ewige Krieg«02.07.2010
Im Gegensatz zu den Vorrednern kann ich im vorliegenden Roman keine »Parabel auf die Sinnlosigkeit von Kriegen.« oder einen Antikriegsroman erkennen, Es ist lediglich ein Roman, der Vor- und Nachteile einer Kriegsmaschinerie im Weltall schildert.

Die Menschheit trifft im All auf ihre erste ausserirdische Rasse. Aus instinktiver Angst vor »dem Fremden« werden statt eines Händedrucks Kampfraketen ausgetauscht. Daraus entwickelt sich ein langandauernder Krieg im All

Böse, böse Menschen?

Eindringlinge und Futterkonkurrenten bekämpfen. Das ist, was die Evolution jedem Lebewesen in die Gene schreibt, wenn ein Rivale in ihr Territorium eindringt. So sind Tiere weder missgünstig / grausam / herrschsüchtig, sie verteidigen einfach instinktiv ihr Revier. Auch der Mensch besitzt noch diesen Urinstinkt. Ist das Böse?

Ist ein Roman schon ein Antikriegsroman, wenn er schildert, dass bei einem Angriff auf beiden Seiten Soldaten verstümmelt und getötet werden? Das sich unter den Getöteten auch Freunde und Geliebte befinden? Nein, eigentlich ist dieser Roman eher eine Kriegsgeschichte aus der Zukunft.

Mehr als die Kriegsthematik hat dieser Roman bei seinem Erscheinen eher durch den offenen Umgang mit dem Thema Sex, Drogen und Homosexualität Aufsehen erregt. So wird z.B. auf der Erde der Zukunft das Thema »Überbevölkerung« dadurch gelöst, dass die Menschen zur Homosexualität »konditioniert« werden! Neue Kinder werden dann nur noch in Vitro geboren. Heterosexuelle Zeugung ist Pfui.

Zum Erscheinungsdatum dieses Romans war das in den USA ein astreiner Aufreger, der Autor Haldeman zusammen mit der mutigen Thematisierung von Sex und Drogenkonsum bei Spacesoldiers viele SF-Awards eingebracht hat.

Mein Fazit: Ein interessantes, lesenswertes Buch über die Kriegsmaschinerie der Menschen in der Zukunft – jedoch keine Bibel für Pazifisten.
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0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Alexi1000 zu »Joe Haldeman: Der ewige Krieg«11.07.2009
"Der ewige Krieg" zählt zu meinen Favoriten im Sci-Fi-Genre. Sehr eindringlich geschrieben, als eine parabel auf die Sinnlosigkeit von Kriegen.
Auch die "technischen" Aspekte wirken heute nicht altmodisch, dieser Roman ist also immer noch topaktuelle Science Fiction.
Die Charaktere sind gut dargestellt, einige verschwinden nebenbei schnell als "Kanonenfutter",
dadurch wird der Verlust schmerzlich nahegebracht.

Fazit: großartiger Klassiker, fast perfekte 95°.
Kristina F. zu »Joe Haldeman: Der ewige Krieg«16.08.2007
Ein Wahnsinns- Buch, das sich zwar zuerst sehr Science- Fiction mässig anhört, aber dann zu einem packenden Roman gegen die Kriegsmaschinerie und die Kriegspolitik entwickelt.
Kurz gesagt ein Buch, das einen nicht mehr loslässt durch die Fragen nach der Zukunft des Krieges und dem Menschen mittendrin.
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