Black Box von Joe Hill

Buchvorstellungund Rezension

Black Box von Joe Hill

Originalausgabe erschienen 2005unter dem Titel „20th Century Ghosts“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 400 Seiten.ISBN 3-453-81164-X.Übersetzung ins Deutsche von Hannes Riffel.

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In Kürze:

Mit seinem Roman „Blind“, weltweit auf allen Bestseller-Listen, hat Joe Hill eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er die Zukunft des Horrors verkörpert. In seinen Novellen und Kurzgeschichten können Sie nun das ganze Spektrum dieses Ausnahmeautors entdecken: Von subtilen psychologischen Skizzen „ganz normaler“ Menschen über die dunkeln Abgründe amerikanischer Provinznester bis hin zu tatsächlichen Höllenfahrten – mit einigen wenigen Sätzen packt Sie Joe Hill am Kragen und lässt Sie nicht mehr los!

Das meint phantastik-couch.de: „Dunkle Welten mit kleinen Lichtblicken“91

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Die Realität: der gefährlichste Ort

Das Leben ist ein gefährliches Abenteuer, und gleich um die Ecke kann stets das Verhängnis auf dich lauern. Eine bittere Erkenntnis ist dies, aber realistisch, wenn man Joe Hill Glauben schenken möchte, was abzulehnen schwer fällt, da er sie so überzeugend in Worte zu fassen versteht.

Die hier gesammelten 15 Storys und eine Novelle stellen einen Überblick zum noch schmalen Gesamtwerk von Joe Hill dar, der längst nicht 'nur’ moderne Horrorgeschichten schreibt. Die „Black-Box“-Geschichten lassen sich in drei Kategorien gliedern.

„Besser als zu Hause“, „Endspurt“, „Witwenfrühstück“, „Bobby Conroy kehrt von den Toten zurück“, „Die Geretteten“ kommen ohne Elemente der Phantastik aus. Sie stellen Momentaufnahmen aus den Leben von Menschen dar, die in einer Krise stecken. Außenseiter sind Hills 'Helden', die entweder gänzlich ins gesellschaftliche Aus geraten, oder die wir dabei beobachten dürfen, wie sich am Ende des Tunnels ein Licht auftut. Hill verarbeitet hier u. a. Teile eines Romans, der in der Depressionszeit der 1930er Jahre spielen sollte, jedoch unvollendet blieb.

Diese Storys werden den Liebhaber 'echter’ Literatur womöglich besser gefallen als dem Horrorfreund. Hier sind die Ereignisse emotionaler und nicht jenseitiger Natur, ohne dass sie dadurch weniger dramatisch wirken. Wie sein Vater Stephen King hat Hill ein Gespür dafür, wie der Durchschnittsmensch denkt, fühlt und handelt. Vor allem sind es keine simpel gestrickten Naturen, die er uns vorstellt, sondern komplexe Charaktere, die durch innere Spannungen und persönliche Probleme quasi vorgezeichnet sind. Ohnehin in einer Ausnahmesituation lebend, geraten sie erst recht vom Regen in die Traufe. Für das allzu Menschliche muss man sich allerdings interessieren, sonst werden diese Geschichten wohl langweilen, zumal Hill sie – es muss gesagt werden – hin und wieder mit Hilfe nur zu bekannter Klischees über die Distanz bringt.

Das Mysteriöse: die Freude am Unerklärlichen

„Pop Art“, „Der Gesang der Heuschrecken“ und „Die Maske meines Vaters“ sind eher groteske als gruselige Geschichten. Vor allem „Pop Art“ ist im doppelten Sinn fabelhaft: Dass Art im wahrsten Sinn des Wortes eine Gummipuppe ist, wird von Hill als absolut normal dargestellt. Niemand fühlt sich in seiner kleinen, aber gar nicht heilen Kleinstadtwelt durch diese Tatsache irritiert. Art, die Puppe, ist der perfekte Außenseiter. Hill projiziert bekannte Formen menschlicher Diskriminierungen auf ihn. Letztlich erteilt er eine Lektion in Toleranz, aber wenigstens ohne erhobenen Zeigefinger auf Gutmenschen-Art.

„Der Gesang der Heuschrecken“ ist eine eigenwillige, man ist geneigt zu sagen 'amerikanische’ Interpretation von Franz Kafkas Kurzgeschichte „Die Verwandlung“. Wieso sollte die Tatsache, dass man sich in ein menschengroßes Insekt verwandelt, zwangsläufig als entsetzlich empfunden werden? Der Held dieser Geschichte lernt die Vorteile zu schätzen. Er weiß um die Chancenlosigkeit seines Lebens und setzt – ebenfalls sehr amerikanisch – zu einem Amoklauf an, um es erstens seinen Peinigern und zweitens der ganzen Welt heimzuzahlen. Große Macht mag nach Spider-Man große Verantwortung mit sich bringen, aber wer sagt, dass dem automatisch entsprochen wird?

„Die Maske meines Vaters“ ist ein Story ohne nachvollziehbaren Plot. Hill ist stolz darauf, dass ihm genau das gelungen ist, wie er in seinen „Story Notes“ erläutert. Wie so oft teilt sich die Begeisterung eines Verfassers den Lesern nur bedingt oder gar nicht mit. „Was soll das?“ ist eine Frage, die angeblich nur der literarische Prolet stellt, der zu dumm ist, das Gelesene zu 'hinterfragen’ und zu 'entschlüsseln'. Was ist aber, wenn da zwischen den Zeilen gar nichts steht, sondern einfach nur eine möglichst bizarre und unterhaltsame Geschichte erzählt werden soll? Deshalb ist in diesem Fall eine Anklage wegen forcierten Mythentümeltums und Effekthascherei ebenfalls möglich …

Das Grauen: Abgründe in unmittelbarer Nähe

Die verbleibenden Storys der „Black-Box“-Kollektion fallen eindeutiger in die Gattung Horror. Sie erfinden das Genre niemals neu, bringen jedoch einigen frischen Wind durch interessante Ideen sowie eine täuschend kunstlose Umsetzung hinein. Erneut wirken jene Geschichten besonders stark, in denen das 'Monster’ nicht aus einem Grab steigt, sondern im Menschenhirn beheimatet ist. „Abrahams Söhne“ nicht nur eine folgerichtige Deutung der Figur des besessenen Vampirhetzers Abraham Van Helsing, sondern noch mehr eine schauerliche Studie des Wahnsinns, der vom Vater auf die Söhne übergeht. Auch in „Best New Horror“ oder „Das schwarze Telefon“ sind die 'Geister’ menschlich: Psychopathen und Kindermörder, die wahren Schrecken der Gegenwart!

Weil inzwischen bekannt ist, dass Joe Hill der Sohn von Stephen King ist, kann die Frage nicht ausbleiben, ob sich zwischen Vater und Sohn Verbindungen finden lassen. Die Antwort ist ja – allerdings im positiven Sinn. Hill kann sich wie schon gesagt hervorragend in den durchschnittlichen Zeitgenossen versetzen – in Menschen ohne besondere Eigenschaften, die in der Masse, die sie selbst bilden, normalerweise untergehen, und die im Roman wie im Film über sich hinauswachsen müssen, um 'interessant’ zu wirken. Die Fähigkeit zu vermitteln, dass das Schicksal von Joe und Jane Doe auch ohne derartige 'Nachhilfe’ faszinieren kann, ist eine seltene Gabe. Für Schriftsteller, die darüber verfügen, ist auf dieser Welt Platz genug, selbst wenn sie verwandt sind.

Wenn es in „Black Box“ eine Geschichte gibt, die auch Stephen King hätte schreiben können, so ist es sicherlich die Titelnovelle. Die seltsame Magie, die sich mit Grausamkeit mischt und „Kindheit“ genannt wird, ist sogar noch schwieriger zu beschwören als ein durchschnittliches Erwachsenenleben. Hier konnte Stephen King seit jeher punkten; 'seine’ Kinder waren und sind keine Disney-Nervensägen aus der Klischee-Stanze. Hill hat auch diese Fähigkeit geerbt Deshalb kann er sich ohne Probleme ins Revier seines Vaters wagen, mit dem er doppelt mithalten kann, denn „Black Box“ ist auch vom Plot eine faszinierende Geschichte, die spannend umgesetzt wurde.

Leider hegen Hill und King einen Hang zum Sentimentalen. Das Tragisch-Schreckliche der jeweiligen Handlung wird oft auf den Effekt hin getrimmt. Solche „Oh-jeh!“-Attitüde wird vor allem dem Zyniker aufstoßen. Zumindest in Hills vom Horror befreiten Storys lässt sie sich auch vom gewogenen Leser nicht durchweg ignorieren. „Black Box“ ist eben doch nicht „die Zukunft der phantastischen Literatur“, wie es auf dem Backcover zu lesen ist, sondern ihre prosaische Gegenwart. Damit kann er sich in einer Szene, die zunehmend von trivialem Reißbrett-Horror und Grusel-Erotik für pubertierende Mädchen bestimmt wird, allerdings leicht und prächtig behaupten.

Ihre Meinung zu »Joe Hill: Black Box«

Frank zu »Joe Hill: Black Box«05.09.2010
Wie meistens...Kurzgeschichten sind (fast immer) irgendwo zwischen phänomenal und grauenhaft (im Wortsinn) anzusiedeln.
Das ist bei dem hierzulande noch recht unbekannten Mr. Hill nicht anders.
Großartiges (Pop Art) wechselt sich mit recht belanglosem (Die Maske meines Vates) ab. Dennoch - eben die Sternstunden reißen Die Sammlung aus der Belanglosigkeit. Das ist teilweise wirklich groß - und berührt. Ob das nun die vielzitierte "Zukunft des Horrors" ist...wahrscheinlich nicht.
Ein interessanter Vertreter des Genre ist der Sohn vom Altmeister aber durchaus.
35-95%.
Frank zu »Joe Hill: Black Box«05.09.2010
Wie meistens...Kurzgeschichten sind (fast immer) irgendwo zwischen phänomenal und grauenhaft (im Wortsinn) anzusiedeln.
Das ist bei dem hierzulande noch recht unbekannten Mr. Hill nicht anders.
Großartiges (Pop Art) wechselt sich mit recht belanglosem (Die Maske meines Vates) ab. Dennoch - eben die Sternstunden reißen Die Sammlung aus der Belanglosigkeit. Das ist teilweise wirklich groß - und berührt. Ob das nun die vielzitierte "Zukunft des Horrors" ist...wahrscheinlich nicht.
Ein interessanter Vertreter des Genre ist der Sohn vom Altmeister aber durchaus.
35-95%.
Ralph zu »Joe Hill: Black Box«07.10.2009
Ich habs auf English gelesen, und ich hoffe, es gab einen guten Übersetzer, denn Hill schreibt sehr gut!!! Jedes Mal, wenn man eine der "Black Box" Geschichten liest, ist es wie das erste Mal. Und vor allem "Pop Art" ist einfach nur eines: GENIAL!!! Bei dieser Geschichte kann ich mit dem Mangel an Gefühl, der oben in der Rezension beschrieben wird nicht übereinstimmen, am Ende musste ich beinahe heulen (was ich praktisch nie tue). Aber die abschließenden Worte "Ran out of sky" rühren mich immer noch zu Tränen...
Absolute Spitzenklasse!!!!
Alexi1000 zu »Joe Hill: Black Box«07.07.2009
Ich halte mich kurz, zu den einzelnen Storys ist genug geschrieben worden, der Rezension ist im Prinzip nichts mehr hinzuzufügen...

ich möchte hier aber noch einmal verdeutlichen, daß in diesem Buch eigentlich erst so richtig deutlich wird, was für ein Potential noch in Joe Hill steckt...

die Storys sind teilweise so hervorragend, daß es für mich eine der besten Kurzgeschichtensammlungen am Markt ist...

Fazit: ich vergebe gute 85°.
Tabula zu »Joe Hill: Black Box«22.06.2009
Ein absoluter Pflichtkauf! Hill serviert wunderbare Geschichten, die von einer überbordenden Phantasie des Autors zeugen - und er zieht den Leser sofort in seinen Bann. In den Geschichten bleibt der Erzähler - trotz der teilweise wahnsinnigen Plots und Ideen des Autors - stets glaubhaft in "seiner" Welt. Wunderbar ist auch das Spiel mit verschiedenen Ebenen durch Hill. So wird bei "Der Gesang der Heuschrecken" (im Übrigen nicht nur von Kafka, sondern definitv auch von Kings "Der Nebel" geklaut) nicht nur beiläufig die Verwandlung eines Jungen in eine überdimensionale Kakerlake geschildert, sondern auch sein anschließender Amoklauf. Als ehemaliges Mobbingopfer rächt sich der Junge/Monster nun an seinen Peinigern, bald schon wächst sich das Morden aber zu einem Rausch seiner eigenen Kraft und Macht aus - der Charakter wird also in Frage gestellt. Dieses Kunsstück schafft Hill in (fast) allen seiner Kurzgeschichten. Die Protagonisten sind nie weiß/schwarz, sondern in einem (dunkel)grau. In "Das Cape" etwa ändern Superkräfte nichts an der bösartigen Gesinnung des Hauptprotagonisten. Und "Die Maske meines Vaters" ist trotz des rätselhaften, kryptisch-märchenhaften Plots einfach nur unheimlich, obwohl es ohne offensichtliche Horror-, Monster- oder Gewaltschilderungen auskommt. Die Subtilität und Phantasie ist Hills Stärke - schwach ist er da, wo er explizite Gewaltdarstellung und Action wiedergibt, etwa in "Das schwarze Telefon" - eine (immerhin gut lesbare) 08-15 Revenge-Story. Die selbstverständliche Beiläufigkeit, mit der Hill seine phantasiereichen Plots darlegt, seine Subtilität und die reflektierte, vielschichtige Schilderung seiner Protagonisten sind die größten Stärken des Autors und unheimlich erfrischend. Damit ist "Black Box" definitv einen Kauf wert. Schwach ist Hill eben immer, wenn es um 'konventionelle' Thriller geht, also die Schilderung von Action und Gewalt - auch hier geht er sehr beiläufig vor ("Abrahams Söhne"), was aber eher störend und bestenfalls langweilig wirkt. Nichtsdestotrotz: Wer keine Lust mehr hat auf den allgegenwärtigen Gewalt-Exzess moderner Horror-Literatur, und wer einen würdigen, etwas subtileren King-Nachfolger sucht, der sollte bei "Black Box" unbedingt zugreifen!
Antl zu »Joe Hill: Black Box«27.09.2008
Ich lese ja sonst nicht gerne Kurzgeschichten, weil mir das Ende viel zu schnell kommt, wenn ich mich in der Geschichte endlich zurecht gefunden habe, aber dieses Werk war ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite.

Nicht alle Geschichten sind Horror pur aber eines haben alle gemeinsam, sie regen zum Nachdenken an.

Wer Joe Hills Kurzgeschichtensammlung nicht lest ist selbst schuld dran und verpasst ein Abenteuer der Extravaganz.
K.-G.Beck-Ewe zu »Joe Hill: Black Box«29.12.2007
Wenn man Joe Hills Geschichten mit denen Stephen Kings vergleichen würde – oder auch nur anfangen würde, darüber zu spekulieren, wie stark das väterliche und mütterliche Erbe ihn beeinflusst haben – täte man dem jungen Autoren schweres Unrecht. Denn jede seiner Geschichten hat eine überaus eigene hervorragende Qualität.

Die Geschichten sind dabei zum Teil vertraut, was genrebedingt ist, aber die Umsetzungen wirken solide und frisch, so dass selbst erfahrene Horrorkonsumenten sich auf Überraschungen freuen dürfen. So wäre da zum Beispiel die einleitende Geschichte, „Best New Horror“, die die Gefahren des Lebens eines Horrormagazinherausgebers beschreibt. Hier bekommt man eigentlich drei Geschichten für den Preis von einer. "20th Century Ghosts" ist eine romantischere Umsetzung von dem, was in Clive Barkers „Celluloid Monsters“ schlaflose Nächte bereitete. „Pop Art“ ist überhaupt keine Horrorgeschichte. Der „Gesang der Heuschrecken“ gibt uns eine B-Movie-Fassung ab 21 von Kafkas „Die Verwandlung.“ In „Abrahams Söhne“ begegnen wir Dr. van Helsing und seinen Nachkommen, nachdem sie Europa verlassen haben. „Besser als zu Hause“ ist eher eine Geschichte über Kindheit als eine Gruselgeschichte und auch „Endspurt“ ist eher eine klassische Kurzgeschichte mit leichten Thrillerelementen. „Das Cape“ zeigt uns eine andere Art von Superheld – für jeden der „Heroes“ mag. In „Totholz“ und „Witwenfrühstück“ geht es um geradezu poetisch-nachdenkliche Momente, während „Das schwarze Telefon“ wieder eine gruselige Geschichte ist. Bei dem Dreh eines Horrorfilms in Pittsburgh stellt man fest „Bobby Conroy kommt von den Toten zurück“, was aber auch eher überraschend als erschreckend ist. „Die Maske meines Vaters“ lässt die Motive der Grimmschen Märchenwelt auf moderne Lebensgestaltung in Familien treffen, während man in „Die Geretteten“ die Titel gebenden Charaktere vergeblich sucht. In „Black Box“ schließlich gerät der Ich-Erzähler in die innere Welt seines an Asperger Syndrom leidenden Bruders und stellt fest, dass diese für ihn voller unbegreiflicher Schrecken ist.

Wie man sieht, sind nicht alle Geschichten Horrorgeschichten, aber alle sind verflucht gute Kurzgeschichten und jede Einzelne von ihnen rechtfertigt die Anschaffung dieses Taschenbuchs.
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