Drive In - die Trilogie in einem Band von Joe R. Lansdale

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2010unter dem Titel „The Complete Drive-In“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 736 Seiten.ISBN 3-453-67672-6.Übersetzung ins Deutsche von Dietmar Dath und Alexander Wagner.

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In Kürze:

Texas, Blut und Popcorn

Stellt euch ein Autokino vor, das groß genug ist, viertausend Autos zu fassen. Dann habt ihr eine Idee vom Orbit, dem größten Drive-in von Texas. Jeden Freitag gibt es dort die All-Night-Horror-Show. Genau hier sind wir jetzt, alles ist perfekt. Aber plötzlich taucht aus dem Nichts dieser blutrote Komet auf. Schlagartig ist das Orbit von der Außenwelt isoliert, eingeschlossen von einer tödlichen Leere. Es gibt kein Entrinnen. Die Nahrungsmittel werden knapp. Erste Fälle von Totschlag und Kannibalismus treten auf. Doch das Schlimmste steht uns erst bevor …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Schrecken ohne tieferen Sinn & ohne Ende“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Drive-In I – Ein B-Movie mit Blut und Popcorn, made in Texas (S. 13-214)

Das „Orbit“ ist das größte Autokino im US-Staat Texas. 8.000 Menschen können auf vier Leinwänden billig produzierte aber unterhaltsame Gruselfilme anschauen. Vor allem an den Wochenenden ist jeder Platz belegt, wobei die meist jugendlichen Zuschauer die Gelegenheit nutzen, sich jenseits des Filmgenusses näherzukommen.

Mit drei Kumpels macht sich der (namenlose) Ich-Erzähler an diesem Freitagabend auf ins „Orbit“. Ein seltsamer „Komet“ kreuzt den Himmel, woraufhin das „Orbit“ mit allen Besuchern in eine bizarre Parallelwelt versetzt wird. Niemand kann das Kinogelände verlassen. Allmählich werden die Vorräte knapp. In Rekordgeschwindigkeit greifen Gewalt und Degeneration um sich. Jede/r kämpft gegen jede/n, selbst Kannibalismus bricht aus. Die letzten Hemmschwellen fallen, als der „Popcorn King“, ein groteskes Mischwesen aus Mensch und x-dimensionaler Kreatur, die Macht an sich reißt und ein Schreckensregiment errichtet.

Drive-In II – Keins dieser üblichen Sequels (S. 215-428)

Der Komet ist zurückgekehrt und hat das „Orbit“ in eine neue Parallelwelt mitgerissen. Entlang eines schier endlosen Highways, der von dinosaurierverseuchten Wäldern gesäumt wird, versuchen die Überlebenden ihr Dasein fortzusetzen, verfallen aber immer mehr einer selbstmörderischen Anarchie.

Der Ich-Erzähler und seine Gefährten erreichen das Ende des Highways, der sich als gewaltige Schleife erweist und erneut im „Orbit“ endet. Dort stoßen sie auf „Popalong Cassidy“, der einen Fernsehapparat anstelle eines Schädels trägt, sich zum Nachfolger des „Popcorn King“ aufschwingt und einen ebenso sinnlosen wie gewalttätigen Kult installiert, der keine (lebendigen) Gefangenen macht.

Drive-In III – Die Bus-Tour (S. 429-728)

Jim – der bisher namenlose Ich-Erzähler – verlässt mit sechs Gefährten in einem alten Schulbus die Trümmer des Drive-Ins. Eine gewaltige Flutwelle spült die Gruppe in einen Ozean. Dort treiben sie lange auf eine am Horizont sichtbare und offenbar bis in den ‚Himmel’ aufragende Brücke zu, werden aber unterwegs von einem gigantischen Androiden-Fisch verschlungen. In dessen Innereien hat sich eine Kolonie menschenfressender Überlebender aus dem „Orbit“ angesiedelt. Darüber hinaus treiben in den dunklen Regionen des Fischbauchs die mörderischen „Scuts“ ihr Unwesen, sodass unsere Helden sich den Weg ins Freie erkämpfen müssen, um über die Brücke den ‚Himmel’ über ihrer plötzlich immer rascher verfallenden Welt zu erreichen.

Bizarre Sinnlosigkeit ersetzt zielgerichteten Grusel

Geister gibt es nicht. Auch Vampire, Werwölfe oder sonstige Besucher aus dem Jenseits glänzen realiter durch Abwesenheit – und wer würde sie vermissen? In der Welt der Fantasie, die wir nach Feierabend gern aufsuchen, um uns vom schnöden Alltag abzulenken, sind sie dagegen wohlgelitten. Sie jagen ‚uns’ bzw. stellvertretend jenen Pechvögeln, die multimedial von ihnen heimgesucht werden, Angst ein und generieren dadurch Unterhaltung.

Wichtig aber oft unterschätzt wird dabei die Tatsache, dass diese Unholde keineswegs planlos zu Werke gehen. In der Regel haben sie ein Motiv, das sie antreibt. Es mag obskur oder sogar albern sein, aber auch der Schrecken folgt einer Absicht. Dies macht ihn verständlich und letztlich berechenbar, was wiederum Gegenmaßnahmen ermöglicht. Auf diese Weise lässt sich auch der Übernatürlichkeit ein Riegel vorschieben.

Genau an diesem Punkt setzt Autor Joe Lansdale an. Er ist nicht der erste, der die Alltagstauglichkeit des Grauens hinterfragt. Dabei legt er sich keine Zügel an, wenn er daran geht, eine Gruselgeschichte zu erzählen, die einen echten Sinn vermissen lässt und genau daraus ihre Wirkung zieht. Drive-In ist eine (dreifache, 1988 begonnene, 1989 fortgesetzte und 2005 abgeschlossene) Folge lakonisch, beinahe sachlich geschilderter Seltsam- und Schrecklichkeiten, die keinen Plot folgen oder enthüllen, sondern für sich selbst stehen und absichtlich unbegreiflich bleiben.

Trügerisch vertraute/verfremdete Welt

Das Ergebnis ist ein böser Traum, aus dem niemand erwachen kann. Es gibt kein Schlupfloch in Gestalt einer Lösung, die dank intensiver Planung im Rahmen einer entbehrungsreichen aber letztlich zum Ziel führenden Expedition erreicht wird. Jederzeit bleiben die Protagonisten der Welt ausgeliefert, in die es sie verschlagen hat. Rettung wird nicht kommen, man muss sich arrangieren.

In diesem Punkt sieht Lansdale besonders schwarz. In die Fremd-Dimension verschlägt es nicht die Elite der Menschheit, sondern die Besucher eines gewaltigen Autokinos, das alte, billige Horrorfilme zeigt und dazu Fastfood verkauft. Hier und damit an einem Ort, der auf seine Weise die US-amerikanische Populärkultur quasi exemplarisch repräsentiert, will man sich hirnfrei amüsieren, hier versammeln sich auch oder sogar vor allem Bürger, die auch sonst nicht durch Intelligenz, Toleranz oder Führungsqualitäten aufgefallen sind. Als diese zusammengewürfelte ‚Gemeinschaft’ auf sich selbst angewiesen ist, fallen offenbar nur mühsam gewahrte Zivilisationsregeln schnell. Als der „Popcorn King“ in die Rolle des „Herrn der Fliegen“ schlüpft, hat er keine Probleme damit: Man folgt ihm, weil die Mehrheit froh ist, wenn ihr jemand sagt, was sie zu tun hat.

Wenn kein „Popcorn King“ oder später „Popalong Cassidy“ herrscht, zerfleischt sich die Meute, zu der die Überlebenden des „Orbits“ herunterkommen, problemfrei selbst. Lansdale ignoriert den Pioniergeist, der angeblich jeden ‚echten’ US-Amerikaner beseelt und befähigt, die Wildnis kollektiv in ein Paradies zu verwandeln. Stattdessen hausen die Überlebenden schlimmer als Tiere in ihrem eigenen Dreck. Sie jagen und fressen einander, prostituieren und reduzieren sich insgesamt auf grundsätzliche Körperfunktionen: Essen, Trinken, Ausscheiden, Sex. Darum dreht sich das Denken und Handeln gebetsmühlenartig. ‚Höhere’ Ziele gibt es nicht. Die „Orbit“-Welt stellt sich spiegelbildlich als Endlosschleife dar, dessen Start- und Endpunkt das Drive-in darstellt.

Deckel auf dem Topf

Der Leser muss sich an den rüden Ton, die eingeschränkte „Argumentation“, die Verwilderung eben nicht über Jahrzehntausende entwickelter, gefestigter und verfeinerter Regeln und Sitten gewöhnen. Einziger Zusatzreiz, der sich den Gefangenen der „Orbit“-Welt bietet, ist der Tod. Er ist allgegenwärtig und kommt so unberechenbar, dass er seinen Schrecken weitgehend verliert. Stattdessen beschleunigt das Wissen um das stetig drohende Ende die Degeneration noch: Wozu Rücksicht nehmen, wenn niemand sicher ist?

Einige der in Raum und Zeit schiffbrüchig Gewordenen blühen sogar in ihrem Exil auf: ‚Daheim’ waren sie kleine Lichter, die in der Abgeschiedenheit vage Pläne von Rache, Folter und Mord ausbrüteten. Nun können sie sich outen, zu Warlords oder Barbarenkönigen aufschwingen und endlich herrschen – bis ein Stärkerer erscheint, dem Regime gewaltsam ein Ende bereitet und seine willigen Untertanen noch schärfer terrorisiert.

Die Perspektivenlosigkeit überträgt sich nach kurzer Lektürezeit auf den Leser. Niemand entwickelt sich, nichts wächst. Pure Langeweile und Verzweiflung bringen wenige Menschen wie Jack und seine Gefährten dazu, ihre neue Heimatwelt zu erforschen. Auch dies ist zum Scheitern verurteilt, da es keinen roten Faden gibt, der die Einzelteile verbindet. Erst in „Die Bus-Tour“ versucht Lansdale sich an einer Erklärung – scheinbar, denn was die Reisenden hinter den Kulissen des „Orbit“ entdecken, lässt das Rätsel einerseits im Absurden verpuffen, um es andererseits und buchstäblich auf eine gänzlich neue Ebene zu heben. Die Odyssee wieder weitergehen, neue Wunder und Schrecken werden folgen. Nur der Leser bleibt nunmehr außen vor.

Das sich selbst genügende Mikroversum

Lansdales Figuren diskutieren an einer Stelle, ob man womöglich gestorben ist und in die Hölle geworfen wurde. Diese Annahme liegt nahe, wenn man „Hölle“ als endlosen Kreislauf verzweifelter Sinnlosigkeit definiert. Die „Orbit“-Welt ist keine Feuerhöhle, in der rothäutige Teufel mit Mistgabeln ihre Opfer piesacken, sondern ein modernes, von Lansdale unbehaglich geschickt konstruiertes Pendant: eine öde, feindselige Wildnis, in denen sich die Relikte der US-amerikanischen Trivialkultur selbstständig gemacht haben. „Popalong Cassidy“ sitzt auf ausrangierten Fernsehgeräten, die einen Thron bilden. Seine Opfer pfählt er auf Antennen. Durch den Dschungel schleichen würgeschlangenähnliche, „lebendige“ Filmstreifen. „Ed“, der Androiden-Fisch, ist ein (natürlich Lansdale-typisch überspitztes) Gegenstück zu „Monstro“, dem Riesen-Wal aus Walt Disneys „Pinocchio“ (1940).

Aus diesen Relikten lässt sich keine neue Zivilisation schaffen. Lansdale schildert u. a. den Versuch einer „Bibliothek“. Sie wird mit Romanen und Zeitschriften bestückt, die in den Kofferräumen und Handschuhfächern derjenigen Autos zum Vorschein kamen, welche es in das „Orbit“ verschlagen hatte. Die Auswahl ist eklektisch und jämmerlich, denn die ‚Spender’ neigen weder zu Literatur noch zu Fachbüchern. So bringt Lansdale auf seine bodenständige Weise und mit dem Blick aufs zündende Detail auf den Punkt, was Dietmar Dath in einem Nachwort zu diesem Sammelband so zusammenfasst:

„Hohe Kunst erzieht zur abstrakten ästhetischen und moralischen Reife, die Informationsgesellschaft erzieht zur sozialen Wirkungstauglichkeit. Die drei Romane der Drive-In-Trilogie passen dazu nicht. Sie pfeifen auf Reife und Wirklichkeit; sie pfeifen eine bizarre, fiese kleine Melodie.“ (S. 730)

Nach mehr als 700 (allerdings mehr als großzügig bedruckten) Seiten ist der Leser erschöpft. Auch für Lansdale stellte die Drive-In-Trilogie eine enorme Anstrengung dar, wie er in einem Vorwurf beschreibt. Als durchaus plotorientierter Autor musste er versuchen, eine Geschichte zu erzählen, die nur aus losen Enden bestand und trotzdem spannend war. Atmosphäre lässt sich besser visualisieren. Müssen Stimmungsbilder beschrieben werden, wächst das Risiko, sie durch Übertreibung zu zerstören Auch Lansdale schießt mehrfach über sein Ziel hinaus. Manches wiederholt sich, anderes funktioniert nicht. Ungeachtet dessen und trotz (oder gerade wegen) eines betont „einfachen“ Sprachduktus’ hält Lansdale sein Publikum, das eben doch an seinem Haken hängt und wissen will, welchen Irrsinn er sich nun wieder hat einfallen lassen, bei der Stange.

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