Cosmogenesis von

Buchvorstellungund Rezension

Cosmogenesis von

Originalausgabe erschienen 2005, 256 Seiten.ISBN 3898409252.

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In Kürze:

Asiatische und europäische Mythen gehen eine unheilvolle Verbindung ein und gebären eine symbolträchtige Zwischenwelt, in der alles möglich aber wenig erklärbar ist. Folgerichtig erzählt „Cosmogenesis“ keine vollständige Geschichte, sondern liefert nur Mosaiksteine, aus denen sich der Leser selbst eine Erklärung des Geschehens zusammenreimen muss. Dieses Konzept geht nur bedingt auf, doch die Vermittlung einer Stimmung bedrohlicher Melancholie ist dem Verfasser gelungen.

Das meint phantastik-couch.de: „Seltsame Stadt am Schnittpunkt der Dimensionen“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Cathay ist eine merkwürdige Stadt. Europäische Händler und Flüchtlinge aus dem Dreißigjährigen Krieg – unter ihnen vieler deutscher Herkunft – gründeten sie Mitte des 17. Jahrhunderts nach einem Schiffbruch an der Ostküste Indiens in Sichtweite des Himalaja-Gebirges. Von Anfang an war der Ort verflucht. Einen dämonenbeseelten Götzen sollen die Siedler mitgebracht haben. Außerdem verärgerten sie einen ortsansässigen Zaubermeister, der die Stadt daraufhin mit einem Fluch belegte.

Auch sonst erwies sich Cathay als unglücklicher Ort. Tiefe Dschungel und schroffe Berge umgeben die Stadt. Ihr Standort ist sumpfig, das Klima feucht, die Kanalisation marode, so dass immer wieder Seuchen die Bürger hinraffen. Schon lange liegt der Handel brach. Cathay verfällt, viele Häuser stehen leer. Dekadenz greift um sich, Melancholie liegt über den vernachlässigten Straßen. Seltsame Kulte treiben ihr Unwesen, mörderische Wesen streifen durch die Nacht.

Seit einiger Zeit mehren sich die Anzeichen für eine große Krise. Irgendetwas geht vor in und vor allem unter Cathay in den gewaltigen Höhlen und zu dumpfen Wohnstätten ausgebauten Kanälen. Die Mehrheit der Bürger verharrt in Lethargie, doch immer wieder gibt es einige allzu neugierige Zeitgenossen, die hinter die Kulissen zu blicken versuchen. Sie finden selten eine Erklärung aber stets ein unglückliches Ende. In vielen Gestalten geht das Böse um in Cathay. Verbrecher aus aller Welt fliehen vor ihren Verfolgern hierher. Risse durchziehen die Realität, durch die Kreaturen aus fremden Sphären schlüpfen. Die Stadt und ihre Bewohner scheinen dem Untergang geweiht, doch brennender noch wird die Suche nach der Antwort auf die Frage, ob es überhaupt ein Cathay gibt.

Spröde aber spannende Phantastik

Mit der deutschen Phantastik der Gegenwart ist es ein Kreuz. Ihre Verfasser und Befürworter werden vermutlich empört protestieren, doch das Genre wird dominiert von nur halb ausgebrütetem, plump abgekupfertem, amateurhaft geschriebenem Schmalspurhorror. Die Ausnahmen sind rar; mit „Cosmogenesis“ halten wir eine in den Händen.

Dabei sind es weniger die Geschichten, die durch Originalität auffallen. Nüchtern betrachtet präsentieren sie die alten Plots von Somnambulen, Wahnsinnigen und Besessenen; abgerundet wird das Ganze durch Gastauftritte von Dämonen, Fabelgestalten und mysteriösen Wesen aus Zeit und Raum. Allerdings werden die bekannten Elemente gut gemischt und variiert, so dass sie – zumal in der gewählten Kulisse – überwiegend frisch und unterhaltsam wirken.

Doch ohne Cathay ginge es nicht. Hier ist Jörg Kleudgen etwas wahrlich Besonderes gelungen. Der Skeptiker mag einwenden, mit Cathay habe man es mit einer Trabantenstadt der lovecraftschen Hafenstadt Innsmouth zu tun. Hier wie dort gehören Verfall, Dekadenz und der gotteslästerliche Umgang mit eher unmenschlichen Zeitgenossen zur Tagesordnung.

Innsmouth ist indes von H. P. Lovecraft als ‚reale‘ Stadt geschaffen worden, auch wenn man sie auf einer Landkarte nicht finden wird. Cathay ist ein weitaus komplexeres Gebilde, weniger ein Ort, sondern ein Zustand, eine Geisteshaltung, eine Stimmung. Obwohl Kleudgen eine detaillierte Gründungschronik entwirft, erweist sich diese im Verlauf der Handlung als trügerisch. Für eine Reise nach Cathay gibt es keine Rückfahrkarte. Wer kommt, der bleibt – freiwillig oder nicht.

Wo, wann und vor allem was ist Cathay?

Der normale Ablauf der Zeit ist in Cathay aufgehoben. Die Außenwelt bleibt ausgesperrt. Nicht nur die Abgelegenheit der Stadt in einer dicht bewaldeten, von Bergen durchzogenen Region ist die Ursache. Es gibt da eine Barriere, die Cathay vom alltäglichen Universum trennt. Die Stadt wirkt wie im frühen 19. Jahrhundert eingefroren, während es andererseits Kraftfahrzeuge, Telefone oder Elektrizität gibt.

Für diese und weitere Widersprüche deutet Kleudgen verschiedene Lösungen an. Im Finale lüftet er schließlich das Rätsel. Cathay ist ein in sich ruhendes Mysterium, das Hirngespinst eines Wahnsinnigen, ein toter Arm auf dem Strom der Zeit. Cathay hat es niemals gegeben, Cathay existiert in einer Parallelwelt, Cathay ist überall, wo wir es sehen wollen.

Natürlich gibt die Bruchstückhaftigkeit des Werks zu möglicher Kritik Anlass. Man könnte argumentieren, der Verfasser drücke sich um eine zentrale Handlung herum, weil er außerstande ist sich eine einfallen zu lassen. Das ist harte Kost für den Liebhaber lieber handfesten Grusels. In der vagen Ziellosigkeit der Cathay-Geschichten liegt freilich ihr besonderer Reiz. Kleudgen erklärt nicht zu Tode, er erzählt und gibt Hinweise, überlässt jedoch letztlich den Lesern die Interpretation. Deshalb ergibt `CosmogenesisA auch keine stringente Handlung, sondern zerfällt in einzelne Storys und Storyfragmente: Cathay entzieht sich einer Erklärung, lässt sich nur bruchstückhaft wahrnehmen.

Eine Welt als eigener Mythos

Folgerichtig ist die „Cosmogenesis“ nicht nur unvollständig. Sie ist darüber hinaus im steten Wandel begriffen, verändert sich. Kleudgen streicht für diese überarbeitete Neuauflage – eine erste Fassung erschien im Selbstverlag des Verfassers – alte Episoden und fügt neue hinzu. Cathay-Geschichten erzählt er auch in den Songtexten seiner Gothic-Rockband „The House of Usher“, von denen er einige wiederum zu Storys umgeschrieben hat, die in die „Cosmogenesis“ des Blitz-Verlags Eingang fanden.

Das Experiment „Cosmogenesis“ gelingt auch deshalb, weil Kleudgen ein Autor ist, der sein Handwerk versteht bzw. mit seinem Handwerkszeug – der deutschen Sprache – umzugehen weiß. Man kann ihn im Wortgebrauch altmodisch nennen. Allerdings ist die Abwesenheit dessen, was weniger talentierte Autoren ‚geschriebene Alltagssprache‘ nennen, eine gern gelesene Abwechslung: Literatur ist auch in ihrer unterhaltenden Sparte eine Symbiose aus Inhalt und Ausdruck. Insofern wird die Geschichte Cathays erst durch Kleudgens Schreibstil zur „Cosmogenesis“.

Eine gesonderte Erwähnung Wert sind die Illustrationen des Textes. Mark Freier bearbeitete und verfremdete Fotos, die Jörg Kleudgen an der Atlantikküste des bretonischen Rothéneuf gemacht hat. Dort meißelte der geistliche Eremit Adolphe Julien Fouéré (1839-1910) in jahrelanger Arbeit etwa 300 Dämonenfratzen in die Felsen. Von der Witterung gezeichnet hat sich ihr abschreckender Charakter noch verschärft. Als Hintergrund zur „Cosmogenesis“ erfüllen die Bilder einen wichtigen Zweck, denn sie visualisieren die lauernde Bedrohung, die so typisch für Cathay ist.

Bürger einer alltäglich absonderlichen Stadt

Die Absonderlichkeit der Bürgerschaft Cathays wurde bereits erwähnt. Sie haben sich in ihrem selbst gewählten Exil eingelebt, ohne dass es sie zufrieden oder gar glücklich gemacht hätte. Die Neuankömmlinge haben in der Regel gute Gründe die „normale“ Welt zu fliehen. Neben ihnen, den Teufelsanbetern, Altnazis, Serienmördern und gefährlichen Irren, bilden die Ich-Erzähler der „Cosmogenesis“ eine eigene Gruppe. Sie gehören in ihrer Mehrzahl zu den Kindern Bethanys, eines nie identifizierten, nur äußerlich menschlichen Mischwesens, dessen bizarres Schicksal Kleudgen in der gleichnamigen Erzählung dokumentiert. (Aus dem Text geht dies nicht klar hervor, wird aber im ausführlichen und informativen Nachwort von Uwe Voehl erläutert.) Als Erbe einer unbestimmbaren biologischen Abstammung bleiben sie gesellschaftliche Außenseiter, die von Visionen und Blackouts heimgesucht werden. Cathay zieht sie an wie das Feuer die Motten – und sie enden auch so, denn die Neugier wird ihr Verderben. Von ihrer unnatürlichen Einfühlsamkeit verleitet, lassen sie sich zu tief in das Geschehen unter der Oberfläche Cathays ziehen.

Eine (wichtige) Nebenrolle spielen die Ureinwohner jenes Landstrichs, auf dem Cathay entstand. Sie bildeten schon vor Ankunft der europäischen Siedler ein isoliertes, mutiertes, mürrisches Volk, das von Zaubermeistern gegängelt wurde. Die Neuankömmlinge betrachteten sie als Menschen zweiter Klasse und zwangen sie unter ihre Knute. Bis in die Gegenwart betrachten beide Gruppen einander mit Abscheu und Misstrauen. Die Ind(ian)er haben sich in der Kanalisation von Cathay einquartiert und diese in unbekannt bleibendem Umfang ausgebaut. Sie können sich praktisch unbemerkt und unkontrollierbar unter der Stadt bewegen und an die Oberfläche kommen, was die Angst der „weißen“ Bürger nur schürt. Außerdem pflegen sie offenbar Umgang mit Kreaturen, die zwar intelligent aber ganz sicher nicht menschlich sind.

Auch in der Charakterisierung seiner Figuren leistet Kleudgen hervorragende Arbeit. Unter seinen Protagonisten findet sich keiner, der Sympathie für sich und sein meist trauriges Schicksal wecken könnte. Die innere Zerrissenheit dieser Personen, die sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und unbeantworteten Fragen quälen, weiß der Verfasser mit der schon angesprochenen Virtuosität in Worte zu fassen und komplettiert damit ein Werk, das Niveau mit Unterhaltsamkeit verbindet, schön gestaltet wurde und bemerkenswert kostengünstig zu erstehen ist. Letzte Anmerkung: Siehe da, es muss gar nicht immer Phantastik aus dem Ausland sein – es gibt auch in diesem unseren Lande Autoren, die ihren Job beherrschen!

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