Im Verborgenen von John Ajvide Lindqvist

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2006unter dem Titel „Pappersväggar“,deutsche Ausgabe erstmals 2010, 580 Seiten.ISBN 3-404-16452-0.Übersetzung ins Deutsche von Paul Berf.

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In Kürze:

Ein Hochhaus beginnt sich in einem Vorort von Stockholm ohne ersichtlichen Grund zu neigen. Eine Frau findet eine Leiche und will sich nicht mehr von ihr trennen. Ein schlangenartiges Monster, das Menschen frisst, und ein Pfarrer, der wie Jesus sterben will. – Zehn meisterhaft komponierten Erzählungen, die erkennen lassen, wie hauchdünn die Grenze zum Unheimlichen, zum Unerklärlichen in unserem Leben ist. Jederzeit kann es in unser Leben treten. Die Geschichten sind aber nicht nur Gruselstoff vom Feinsten, sie sind auch voller kluger Einsichten, handeln von der Liebe und dem Tod. Und von dem, was passiert, wenn das Unheimliche und bedrohliche Monster unerwartet aus dem Verborgenen herauskriechen …

Das meint Phantastik-Couch.de: „Begegnungen zwischen Realität und Jenseits“85

Horror-Rezension von Michael Drewniok

In zehn Geschichten offenbart der Verfasser, wie dünn die Barriere zwischen der Realität und dem Phantastischen ist:

 – Grenze („Gräns“), S. 9-95: Dass sich Tina in ihrem Leben nie wohlgefühlt hat, liegt womöglich daran, dass sie gar nicht von dieser Welt ist …

 – Dorf auf der Anhöhe („By på höjden“), S. 97-132: Ein altes Hochhaus erweist sich als idealer Schlupfwinkel für eine Kreatur, die sich hier ihren Bau einrichtet …

 – Äquinoktium („Equinox“), S. 134-168: Der Leiche kann die unzufriedene Frau endlich ihren Willen aufzwingen, doch als sie dies übertreibt, schlägt die Leiche zurück …

 – Sieht man nicht! Gibt es nicht! („Syns inte! Finns inte!“), S. 169-189: Ist ein Wunsch stark genug, kann er zur Realität werden – und gleichzeitig unerfreuliche Hirngespinste real werden lassen …

 – Die Vertretung („Vikarien“), S. 191-225: Was wäre, wenn die Welt von mehr oder weniger menschenähnlichen aber nur ansatzweise lebensechten Wesen bevölkert wäre ...?

 – Ewig/Liebe („Evig/Kärlek“), S. 227-288: Man kann zwar den Tod überlisten, aber er wird trotzdem das letzte Wort behalten – und sein Sinn für Humor ist bizarr …

 – Dich zu Musik umarmen zu dürfen („Att få hålla om dig till musik“), S. 289-292: Endlich hat der verrückte Priester Helfer gefunden, die ihn Christus wie ersehnt nahebringen – am Kreuz …

 – Majken („Majken“), S. 293-355: Vom System beiseitegeschoben und aussortiert, beschließen zwei alternde Frauen, buchstäblich mit einem Knall abzutreten …

 – Pappwände („Pappersväggar“), S. 357-366: Eine Übernachtung im Wald konfrontiert den abenteuerlustigen Jungen mit dem wahren, grausamen Leben …

 – Die Entsorgung („Sluthanteringen“), S. 367-497: Vor einigen Jahren stiegen 2000 Zombies aus den Gräbern Stockholms. Die Regierung hat ein Lager für sie eingerichtet. Einige misstrauische Bürger fragen sich, was dort vor sich geht. Ihre Nachforschungen enthüllen Geheimnisse und Gräuel, die sie veranlassen, sich dem Tod als Handlanger zur Verfügung zu stellen …

Nachwort, S. 499-508

An einem Finger über dem Abgrund hängend

„Im Verborgenen“ heißt diese Sammlung von kürzeren und längeren Geschichten, denen ein Kurzroman beigegeben wurde. Vermutlich sollte der Titel wenigstens ansatzweise auf den Inhalt hinweisen, denn der deutsche Leser – und ganz besonders der Freund des Phantastischen – ist auf solche subtile Unterstützung angewiesen, da er in seiner Mehrheit zu unempfänglich (vulgo: zu dumm) für andeutungs- und subtextreiche Buchtitel ist.

Lassen wir die Ironie, bleiben wir sachlich: Hinter dem Titel „Pappwände“ mag man zwar nicht sogleich gerade eine Kollektion unheimlicher Geschichten vermuten. Dennoch trifft Verfasser John Ajvide Lindqvist mit diesem einen Wort den Nagel auf den Kopf: Es beschreibt die Konsistenz, die jene Grenze annehmen kann, die den ´normalen´ Menschen in seinem realen Leben flexibel umgibt. Er bemerkt sie in der Regel gar nicht, weshalb ihm ihre eigentliche Funktion erst aufgeht, wenn sie ihren Dienst versagt: Sie schützt ihn vor dem, was in den Sphären der anderen Seite lauert.

Aufruhr im Menschenhirn, verursacht durch persönliche Krisen, macht es empfänglich für Signale von ´drüben´. Die Sinne scheinen sich neu auszurichten; sie durchdringen die Grenze und fangen bisher unbemerkte Signale von der anderen Seite auf. Die Folgen sind fatal, denn jenseits der Grenze liegen die Reiche des Unerklärlichen und Unfassbaren. Auf ´unserer´ Seite manifestieren sich seine Bewohner meist von ihrer unfreundlichen Seite, wobei Lindqvist gern offen lässt, ob sich dahinter echte Bosheit oder fremdartige Gleichgültigkeit (wie in „Die Vertretung“) verbirgt.

Der Schrecken hat viele Gesichter

Das Seltsame kann stofflich und handfest wie in „Dorf auf der Anhöhe“ oder „Pappwände“ daherkommen. Dann dringt es in eine Welt ein, die unvorbereitet ist, verbreitet Schrecken oder bringt den Tod. Manchmal ist es andersherum. „Grenze“ beschreibt das Drama eines Wesens, das über die Grenze ins Menschenreich kam und von dieser vereinnahmt wurde: Der Schrecken geht plötzlich von der diesseitigen Realität aus.

Noch stärker kommt dieser Aspekt in „Die Entsorgung“ zum Tragen. In dieser novellenlangen Fortsetzung des Romans „So ruhet in Frieden“ (2005) erzählt Lindqvist, was mit den Zombies geschah, die zwar aus ihren Gräbern gestiegen waren, aber eher Abscheu oder Mitleid als Angst erregten. Eine unbekannte Macht hatte sie aus ihrer Totenruhe geweckt. Gern wären sie zurückgekehrt, doch sie konnten es nicht. Stattdessen fielen sie den Lebenden in die Hände. In der Mehrheit erschrocken und angewidert aber nie bedroht, sperrten diese die „Wiederlebenden“ in ein Lager ein, das Lindqvist wie ein KZ der Nazi-Zeit beschreibt. Statt zu versuchen, Kontakt mit den Untoten aufzunehmen, werden sie isoliert, damit man mit ihnen experimentieren kann. Sie sind ja schon tot, weshalb man sich keinerlei Zurückhaltung auferlegt.

Lindqvist zeichnet ein überaus genreuntypisches Zombie-Bild. Diese sind eindeutig Opfer. In „Die Entsorgung“ verstärkt er den phantastischen Aspekt des Geschehens. Während er in „So ruhet in Frieden“ die Existenz übernatürlicher Entitäten nur andeutete, lässt er sie dieses Mal offen auftreten. Damit schwächt er allerdings den Eindruck des mystisch Rätselhaften, den er im Roman zu wahren wusste. Wie Stephen King – mit dem man Lindqvist gern vergleicht, wie er in seinem Nachwort amüsiert anmerkt – personifiziert der Autor das Fremde. Immerhin begründet er dies mit Hilfe von ´Technobabbel´, den es auch im Horror-Genre gibt, einleuchtender als befürchtet.

Wer mit dem Teufel am Tisch sitzen will …

Manchmal überschreitet der Mensch im vollen Bewusstsein seiner Tat die Grenze. Im Popcorn-Horror würden prompt Monster und andere Metzel-Mächte ihn dort erwarten. Lindqvist arbeitet subtiler: Der Übergang wirkt bei ihm zunächst verlockend, weil er einen Ausweg aus persönlichen Nöten zu bieten scheint. Allerdings bahnt sich typisch menschlicher Eigennutz sogleich seinen Weg. In „Äquinoktium“ findet die Hauptfigur endlich jemanden, an dem sie ihre Frustration auslassen kann. Aber die Kreaturen der anderen Welt lassen sich zumindest in ihrem eigenen Reich nicht instrumentalisieren. Dies gilt selbstverständlich erst recht, wenn man sich mit dem Tod persönlich anlegt („Ewig/Liebe“ – eine Geschichte, die wie eine Vorlage zu Lindqvists „Menschenhafen“ wirkt).

Die Grenze muss nicht zwangsläufig durch Zeit und Raum verlaufen. Sie existiert ebenso im menschlichen Hirn. Dort hält sie im Zaum, was ins Unterbewusstsein verbannt wurde, wo es nicht nur weiter lauern, sondern sich entwickeln kann. „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens“, lautet ein Sprichwort. Dieser Vater zeigt sich oft wenig fürsorglich. „Sieht man nicht! Gibt es nicht!“ nennt Lindqvist eine gelungene Geschichte, deren Handlung den Titel besonders eindrucksvoll Lügen straft.

Mit „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ und „Majken“ geht der Autor noch einen Schritt weiter: Die inneren Dämonen müssen das Hirn nicht verlassen. Womöglich gibt es gar keine Dämonen, sondern eine zweite Grenze, die Vernunft und Wahnsinn trennt. In den beiden genannten Geschichten gibt es keine phantastischen Elemente. Die Figuren handeln aus eigenem Antrieb, und was sie dazu treibt, sind bekannte, nicht übernatürliche, sondern menschengemachte Schattenseiten. Die Schwachen werden von den Starken beiseite gedrückt. Faktisch befinden sich Majken und ihre Leidensgenossinnen in derselben Situation wie die Zombies aus „Die Entsorgung“. Im Unterschied zu ihnen sind sie jedoch in der Lage zu handeln. Ihr Fazit ist ebenso fatal wie nachvollziehbar: „Man kann Menschen nicht unsichtbar machen. Am Ende fordern sie, sichtbar werden zu dürfen, und dann knallt es ...“ (S. 346/47)

Sanfter Transit in die Düsternis

Lindqvists Horror entsteht trügerisch langsam aber sicher. „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ bildet mit dem direkten Sprung ins Grauen eine Ausnahme. Der Vergleich mit Stephen King basiert sicherlich auf dem Geschick, mit dem beide Autoren den Alltag zu schildern vermögen, den sie anschließend ins Irreale kippen. Selbst wenn man die Hauptfiguren in „Äquinoktium“ oder „Sieht man nicht! Gibt es nicht!“ unsympathisch findet, nimmt man doch Anteil an ihrem Schicksal; sie lassen uns nicht gleichgültig. Das gilt erst recht für die ansprechenden Figuren. Um sie bangt man besonders intensiv, da Lindqvist sie nie schont. Selbst wenn sich das Böse wie in „Pappwände“ nur andeutungsweise zeigt, deutet der Autor an, dass es Folgen hinterlassen wird.

Lindqvist liebt es, Nachwörter zu schreiben, wie er selbst anmerkt. Allerdings lässt er sich kaum über seine Geschichten aus. Deren Interpretation überlässt er den Lesern. Dabei ist er bereit, Risiken einzugehen. So berichtet er, dass „Dich zu Musik umarmen zu dürfen“ seine Testleser durchweg ratlos zurückließ. Auch „Pappwände“ irritiert durch ein Ende, dessen ´Sinn´ offen bleibt.

Die Freunde des eher handfesten Horrors kommen ebenfalls auf ihre Kosten. Lindqvist greift durchaus auf klassische Gruselgestalten zurück, die herz- und lungenhaft zulangen. Die detailreiche Schilderung, wie ein Menschenkörper mit welchen Folgen durch den Abfluss einer Norm-Toilette gezerrt wird („Dorf auf der Anhöhe“), ist idealer Stoff für Splatter-Filme (oder Albträume). Mit „Im Verborgenen“ deckt Lindqvist die gesamte Palette der Phantastik ab. Was die Werbung allzu gern behauptet, löst er nicht nur ein, sondern vermag dem Horror eine (moderne) Stimme zu geben.

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