Menschenhafen von John Ajvide Lindqvist

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2008unter dem Titel „Människohamn“,deutsche Ausgabe erstmals 2009, 560 Seiten.ISBN 3-7857-6006-X.Übersetzung ins Deutsche von Paul Berf.

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In Kürze:

Papa, was ist das? Da drüben auf dem Eis? Ein strahlend schöner Wintertag. Anders steht mit seiner sechsjährigen Tochter Maja im Leuchtturm der Insel Gåvasten und schaut aufs Meer hinaus. Eis, überall Eis. Und Schnee. Was hat seine Tochter in der Ferne erspäht? Da ist doch nichts. Kurz darauf läuft Maja hinaus, um nachzusehen und der Alptraum beginnt. Obwohl sie auf der freien Eisfläche nicht verschwinden kann, passiert genau das. Plötzlich ist sie weg. Spurlos verschwunden. Anders und seine Frau haben kein Kind mehr …Jahre später erreichen Anders mysteriöse Botschaften. Lebt Maja etwa noch?

Das meint Phantastik-Couch.de: „Namenlose Schrecken aus einem finster gestimmten Meer“90

Horror-Rezension von Michael Drewniok

Die Insel Domarö liegt in der schwedischen Ostsee. Früher lebten hier vor allem Fischer, aber inzwischen bringen die Sommerurlauber vom Festland das meiste Geld. Die Einheimischen lieben sie nicht und bleiben am liebsten unter sich, zumal sie ein düsteres Geheimnis hüten.

Zwischen den Lagern steht Anders Ivarsson. Sein Vater stammt von Domarö, und seine Großmutter lebt noch immer hier. Bis zum Februar 2004 war Anders ein glücklicher Mann – verheiratet mit seiner Jugendliebe Cecilia und Vater der sechsjährigen Maja. Bei einem Winterspaziergang über das Meereseis zum Leuchtturm von Gåvasten verschwand das Kind spurlos vor den Augen der entsetzten Eltern.

Den Verlust von Maja hat vor allem Anders nie verwunden. Er begann zu trinken, und Cecilia trennte sich von ihm. In seiner Not kehrt Anders auf die Insel zurück, um seiner toten Tochter nahe zu sein. Großmutter Anna-Greta und ihr Lebensgefährte, der Zauberkünstler Simon, nehmen ihn herzlich auf.

Doch Anders findet keinen Frieden. Seltsame Träume und Visionen suchen ihn heim. Er beginnt zu glauben, dass Maja noch lebt und um Rettung fleht. Auf Domarö ereignen sich seltsame Vorfälle. Seltsame Akte sinnloser Gewalt verstören die Inselbevölkerung, die durchaus ahnt, was da vorgeht, wie Anders herausfindet. Vor vielen Jahren wurde ein Pakt mit einer mysteriösen Macht im Meer geschlossen. Auch Maja fiel ihr zum Opfer; für Anders ein Grund, der Kreatur den Kampf anzusagen. Die Herausforderung wird angenommen und stürzt die Menschen von Domarö ins Grauen: Die Toten kehren aus dem Meer zurück, und sie sind unbarmherzig in ihrem Zorn …

Schöne Insel mit hässlicher Geschichte

Wer Schubladen liebt, sortiert auch seine Lektüre gern entsprechend. „Phantastik“ klingt vielversprechend und kündigt Überraschungen an, die buchstäblich jenseits unserer Realexistenz beheimatet sind. Leider zeigt genau dieser Aspekt im Horror der Gegenwart gewaltige Defizite. In der Regel werden alte und viel zu gut bekannte Pfade eingeschlagen. Wir kennen die Kreaturen der Nacht und wissen, wie sie sich verhalten werden. Auch das kann spannend sein, ist es aber meist nicht, weil sich gleich ein Heer weder talentierter noch inspirierter Autoren auf die Ausbeutung längst ausgelaugter Ideen-Minen beschränkt.

John Ajvide Lindqvist ist an sich kein Neuerer des Genres. Auch er bedient sich klassischer Gruselfiguren. In „So finster die Nacht“ war es der Vampir, in „So ruhet in Frieden“ der Zombie. In „Menschenhafen“ ist es das namenlose Grauen aus dem Meer. Allerdings bringt Lindqvist frischen Wind in nur scheinbar erstarrte Konventionen. Die Schrecken der Vergangenheit sind durchaus noch gegenwartstauglich. Lindqvist bringt sie ins 21. Jahrhundert. Das gelingt ihm mit „Menschenhafen“ besser denn je.

Schrecken sickert in die Welt ein

Er bedient sich dabei einer Methode, die u. a. Stephen King meisterhaft beherrscht, an der dessen Epigonen jedoch in der Regel scheitern: Das Grauen benötigt Zeit, bekannte Gesichter sowie jenes (trügerische) Gefühl von Sicherheit, das sich aus alltäglicher Routine speist. Zunächst werden Schauplatz und vor allem Figurenpersonal geschildert und entwickelt. Als die Finsternis über Domarö kommt, haben wir die Insel und ihre Bewohner trotz oder gerade wegen ihrer Eigenheiten liebgewonnen. Wenn sie das Verhängnis einholt, nehmen wir Anteil. Solche Emotionen lassen sich keinesfalls einfach wecken. Ein Schriftsteller muss sein Handwerk beherrschen, um diesen Effekt zu erreichen. Lindqvists dimmt in „Menschenhafen“ den Horror auf einen eher diffusen Schauer und legt das Schwergewicht auf Figurenzeichnung, Atmosphäre und Landschaftsbeschreibungen.

In diesen drei Punkten leistet Lindqvist Bemerkenswertes. Selbst dem auf Monster und Blutspritzereien geeichten Horrorfreund dürfte „Menschenhafen“ gefallen. Domarö wird im Guten wie im Bösen ein Ort, der vor dem inneren Auge Gestalt annimmt. Lindqvist gönnt sich den Luxus, die (scheinbare) Zentralgeschichte immer wieder auszusetzen. Stattdessen erzählt er vom Alltag auf einer kleinen Insel und den Erlebnissen ihrer Bewohner. Historische Rückblicke und naturwissenschaftliche Einschübe mischen sich mit Anekdoten, wobei der chronologische Zusammenhang nicht gewahrt bleibt. Mit fortschreitender Handlung wird der Leser zwischen diesen Zeilen unheilvolle Ankündigungen und Hinweise auf zukünftiges Unheil erkennen.

Realität und Verzweiflung

„Menschenhafen“ ist ein seltsamer Buchttitel. Er wurde ausnahmsweise ´korrekt´ übersetzt, d. h. vom Original übernommen. Faktisch kündigt er an, was geschehen wird bzw. die eigentliche Geschichte darstellt. Domarö ist der Hafen. Er wird zum Kristallisationspunkt für das Grauen aus dem Meer, das sich im Kampf mit seinen Gegnern auf dessen menschliche Schwächen verlassen kann.

Dieses Grauen verblasst vor dem ´realen´Entsetzen, den der Zerfall einer ganz normalen Familie ausstrahlt. Die Liebesgeschichte von Anders und Cecilia wird so nachdrücklich eingeführt, dass sie nach den Gesetzen des Trivialromans den Prüfungen der Zukunft standhalten müsste. Auf dieses ausgefahrene Gleis lässt sich Lindqvist glücklicherweise nicht locken. Lange besteht der Schrecken von „Menschenhafen“ darin, dass wir gezwungen werden, Anders´ Schmerz zu teilen.

Als der Verdacht aufkeimt, dass Maja noch lebt, klingt dies höchstens dem Vater hoffnungsfroh in den Ohren. Der Leser weiß bereits, dass Majas Wiederkehr furchtbar werden könnte. Den wahren Grund weiß Lindqvist freilich geschickt zu verschleiern. Seine Enthüllung deckt gleichzeitig eine zentrale Lebenslüge von Anders auf. Dass diese nicht im Klischee versinkt, sondern tatsächlich Betroffenheit hervorruft, spricht abermals für das Talent des Verfassers.

Zu den Hauptfiguren gehören nebens Anders seine Großmutter und ihr Partner Simon. Anna-Greta wird zur ´Kontaktperson´ zwischen Domarös mysteriöser Vergangenheit und gestörter Gegenwart. Simon verkörpert einerseits den ´Auswärtigen´, während er andererseits – auch durch seine Erfahrungen als Bühnenmagier – objektiver im Umgang mit dem Unerklärlichen ist.

Das Meer als namenlose Kraft

Außerdem ist Simon auf seine Weise mit dem Meer als gesichtslose aber reale Wesenheit vertraut. Der „Spiritus“, eine willenlose und mächtige Teil-Verkörperung dieses Meeres, verleiht ihm die Kraft eines echten Zaubermeisters. Das scheinbare Privileg erweist sich mit den Jahren als zwiespältiges und in der Anwendung gefährliches ´Geschenk´, dem Simon manche unerwünschte Erkenntnis verdankt.

Das Meer als Monster bleibt dem Leser von „Menschenhafen“ erspart. Man erahnt es höchstens im übertragenen Sinn aus dem Augenwinkel. Selbst seine Verkörperungen bleiben ohne ´logische´ Erklärungen. Das Seltsame geschieht und wird geschildert. Die Deutung bleibt dem Leser überlassen; der Autor gibt nur Hinweise. Das steigert die Ratlosigkeit und den Schrecken, die der Leser mit den Menschen von Domarö teilt.

Erst im Finale wird Lindqvist deutlicher, aber auch jetzt meidet er allzu offensichtliche und abgedroschene Effekte. Beinahe ertappt sich der Leser bei dem Gedanken, dass „Menschenhafen“ auch ohne Horror funktionieren, unterhalten und fesseln würde. Bedenkt man, wie bravourös der Autor Emotionen wie Liebe, Trauer oder Zorn vermitteln und dabei Spannung mit knochentrockenem Humor zu mischen vermag, überrascht dies nicht. Mit „Menschenhafen“ hat Lindqvist bewiesen, dass der ´europäische´ Horror kein Abziehbild US-amerikanischen Grusel-Mainstreams sein muss. Für den Beweis, dass dies gelingen kann, aber noch mehr für eine außergewöhnliche Geschichte kann man ihm dankbar sein.

Ihre Meinung zu »John Ajvide Lindqvist: Menschenhafen«

evi zu »John Ajvide Lindqvist: Menschenhafen«31.10.2010
Viel "Seemannsgarn" , vermischt mit der Geschichte einer kleinen Insel und ihrer Bevölkerung, die seit Generationen unter keinem guten Stern steht. Aber gepackt hat mich dieses Buch.
Unheimlich ist es, und obwohl es keine greifbaren Monster gibt, spürt man die ständige Bedrohung auf die Menschen dort seit Generationen.
Die tiefe Verzweiflung der Eltern beim Verschwinden ihres Kindes zu Beginn, die Suche, die Resignation - es ist kein Buch für jemand , der die leichtere Kost bevorzugt und sicher auch nichts für den der zerfetzende Killer mag - hier ist alles hintergründig bedrohlich, aber so recht nicht fassbar , aber genau das zwingt einen zum Weiterlesen
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